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Ein Land im Ausnahmezustand

Kalifornien ist die wichtigste Hochburg der Demokraten, San Francisco ein Zentrum liberaler Politik und Charlie’s Café ein Treffpunkt im Herzen einer Multikulti nachbarschaft – die Antithese des Trump-Amerika. Kennt Charlie einen Republikaner? Er überlegt. »Es gab mal zwei, aber die sind vor Jahren wegge - zogen.«

Trump klingt heiser, als er bei »Fox & Friends« anruft, seiner Lieblingssendung. Er werde die Wahl gewinnen, sagt er. Auf eine Prognose lässt er sich nicht festlegen. Nur so viel: Er werde mehr Wahlleute bekommen als 2016. Damals gewann er mit 306 Stimmen im Wahlleutegremium gegen Hillary Clinton.

Annette Collazo, die Kandidatin, steht vor einem Wahllokal. Als ein Auto auf den Parkplatz steuert, spurtet sie los, um dem Fahrer ein Flugblatt in die Hand zu drücken. Aus den Fenstern dröhnt Salsamusik, Collazo ruft dem Fahrer etwas auf Spanisch zu, der hebt den Daumen. Hialeah nennt sich auch »Big Havana« – im Gegensatz zu »Little Havana«, dem bekannten Exilkubanerviertel von Miami eine halbe Autostunde südlich. Drei Viertel der knapp 234000 Einwohner von Hialeah stammen aus dem Ausland, die meisten aus Kuba. Keine Stadt Amerikas hat einen höheren Anteil kubanischstämmiger Einwanderer. Collazos Eltern flohen 1982 von Kuba nach Florida.

Ein weiteres Auto kommt, Collazo eilt darauf zu: »Stimmen Sie bitte für mich!« Scranton, Pennsylvania, 9.20 Uhr Joe Biden hat seinen letzten Auftritt in dem Ort, in dem er aufwuchs. Er steht auf einer Straßenkreuzung und fingert an seiner Maske herum, sie rutscht ihm immer wieder unter die Nase und hängt halb am Kinn. Durch ein Megafon ruft er Unterstützern zu: »Die Wall Street hat dieses Land nicht aufgebaut!« Die Mittelschicht habe Amerika errichtet. Später fährt er zu dem Haus, in dem er als Junge wohnte, und schreibt mit Filzstift an die Wand des Esszimmers: »Von diesem Haus ins Weiße Haus, mit der Gnade Gottes.«

Jerry Pritchard, der Trump-Fan, will nun selbst seine Stimme abgeben. Vor seinem Wahllokal kommt er an einem Tisch vorbei, an dem sich Menschen melden können, die eigentlich per Brief abstimmen wollten, sich aber in letzter Minute entschlossen haben, ihre Stimme persönlich abzugeben. Mitarbeiter der Wahlkom - mission sollen die Briefwahlbögen ein - sammeln und sie für ungültig erklären – eigentlich. »Ich packe die Bögen in einen Umschlag«, erklärt die Wahlhelferin, als Pritchard sie darauf anspricht. Dass auf dem Briefumschlag in riesiger Schrift »UNWIRKSAM « prangt, überzeugt Pritchard nicht. Er wittert Wahlbetrug.

Nur vereinzelt erscheinen Autos am Wahllokal vor der zweiten Rushhour am Nachmittag. Annette Collazo, die Parlamentskandidatin, lehnt sich an eine Mauer mit Hibiskus unter Palmen. »Die Republikaner haben mich total unterschätzt «, sagt sie. In einer Umfrage vor einem Monat lag sie einen Prozentpunkt vor ihrem Kontrahenten. »Ich bettelte jeden um Wahlspenden an, den ich kannte, dann jeden, den ich nicht kannte«, sagt sie.

Im Auto bekommt Jerry Pritchard einen Anruf. Es ist ein Bekannter, der ein Waffengeschäft in der Gegend besitzt. »Ich hoffe, du hast deinen Laden für morgen aufgestockt«, sagt Pritchard. »Wieso, was hast du vor?«, schallt es durch den Lautsprecher. »Was immer getan werden muss«, antwortet Pritchard.

Beth Yirga schleppt einen schweren schwarzen Rucksack zur Nordseite des Weißen Hauses, vollgestopft mit Kabeln, Steckerleisten und Festplatten. Hier in der 16th Street haben Aktivisten in riesigen gelben Lettern »Black Lives Matter« auf die Straße gemalt. »Wir bleiben heute so lange hier, bis Trump abgewählt ist«, sagt Yirga. So lange, bis spät in die Nacht, wollen sie laute Musik spielen, tanzen und dabei hoffen, dass es nicht doch noch schiefgeht und Trump gewinnt. Noch vor einigen Monaten unterrichtete Yirga Mathematik in Delaware, dem Staat, den Joe Biden über Jahrzehnte im Senat vertrat. Dann kam der 25. Mai 2020, als George Floyd bei einer brutalen Festnahme in Minneapolis ums Leben kam. »Die Nacht hat alles verändert«, sagt Yirga. Sie kündigte ihren Job, fuhr nach Washington und schloss sich dem Palm Collective an, einer Untergruppe von »Black Lives Matter«. Aus der Lehrerin wurde eine Vollzeitaktivistin – für mehr Gleichberechtigung, für mehr Gerechtigkeit, gegen Donald Trump.

 

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