Es gibt genug Männer, die nach jeder Wurst schnappen

SPIEGEL: Frau Ministerin, Sie sind seit 22 Jahren für die SPD im Bundestag und führen seit 2019 das Justizministerium. Nun haben Sie angekündigt, nicht mehr für das Parlament kandidieren zu wollen. Was ist passiert, dass Sie auf dem Höhepunkt Ihrer Karriere aufhören? 

Lambrecht: Das ist eine Entscheidung, die ich nach langem Überlegen aus persön - lichen Gründen getroffen habe. 22 Jahre Bundestag bedeuten 22 Jahre zweiter Wohnsitz, 22 Jahre aus dem Koffer leben. Ich habe in dieser Zeit ein Kind bekommen. Mein Sohn ist mittlerweile erwachsen, 20 Jahre alt. Allein das zeigt, was für eine lange Zeit das ist.

SPIEGEL: Trauen Sie Ihrer Partei nicht zu, der nächsten Regierung anzugehören? Lambrecht: Das spielte bei meinen Überlegungen überhaupt keine Rolle. Wie gesagt, meine Entscheidung hat allein persönliche Gründe. Ich bin in einem Alter, wo man noch etwas Neues beginnen kann.

SPIEGEL: Haben Sie schon etwas Neues? 

Lambrecht: Nein. Aber ich kann mir gut vorstellen, wieder in meinem Traumberuf zu arbeiten. Ich bin Anwältin aus Überzeugung. Ich habe es mir hart erkämpft. Ein Jurastudium ist ja nicht einfach, und alles, was mit dem Fach zusammenhängt, macht mir viel Spaß. Ich habe in diesen 22 Jahren im Bundestag fast immer Rechtspolitik gemacht und alle Gesetzgebungsverfahren begleitet. Deshalb sage ich immer scherzhaft, dass es wohl keine An - wältin in Deutschland gibt, die so viele Fortbildungen hinter sich hat wie ich.

SPIEGEL: Haben Sie Ihre Robe noch? 

Lambrecht: Ja, meine Eltern haben sie mir geschenkt, als ich Anwältin wurde. So etwas gibt man nicht weg.

SPIEGEL: Nur wenige Männer in der Politik, hören auf dem Höhe punkt ihrer Karriere auf. Ist es dann ein gutes Zeichen, wenn eine der wenigen Frauen an der Spitze das tut? 

Lambrecht: Meine Sicht ist eine andere. Ich nehme meine Aufgabe als Ministerin mit hundertprozentigem Einsatz bis zum letzten Tag meiner Amtszeit wahr. Vielleicht können Männer manchmal schlicht nicht loslassen?

SPIEGEL: Frauen brauchen weibliche Vorbilder, um den Weg in die Politik einzuschlagen. Ist ein Rückzug aus privaten Gründen da nicht das falsche Signal? Lambrecht: In meinem Wahlkreis bewerben sich viele junge Leute um meine Nachfolge, darunter zwei ganz tolle junge Frauen. Da ist richtig Schwung drin. Mein Abschied aus dem Bundestag heißt auch nicht, dass ich von der Bildfläche verschwinden werde. Ich bin seit meinem 16. Lebensjahr politisch aktiv und kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ich das mal nicht mehr sein werde.

SPIEGEL: Trotzdem herrscht Frauenmangel in der Politik. Der Vorstoß, Paritäts - gesetze für die abwechselnde Besetzung von Listen durchzubringen, ist in Thüringen und Brandenburg gescheitert, nachdem AfD und NPD Klage eingereicht hatten. Lambrecht: In der SPD leben wir die Parität. Es ist für uns selbstverständlich, in allen Landesverbänden Wahllisten mit dem Reißverschlussverfahren aufzustellen. Deswegen haben wir in der SPD-Fraktion im Bundestag auch einen so hohen Frauenanteil. Da würde ich mir in anderen Parteien ein Umdenken wünschen. Aber etwas fehlt mir noch unter Frauen im Bundestag: dass wir uns für gemeinsame In - teressen fraktionsübergreifend einsetzen. Da könnten wir stärker werden.

SPIEGEL: Wie schauen Sie als Juristin auf die Entscheidungen gegen das Paritäts - gesetz? 

Lambrecht: Ich werde hier keine Gerichtsurteile kritisieren, das steht mir nicht zu. Aber ich sehe natürlich als Bundesjustizministerin auch eine Verpflichtung zur Gleichstellung aus Artikel 3, Absatz 2 des Grundgesetzes. Der sagt, dass der Staat die Gleichberechtigung von Frau und Mann durchsetzen und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinwirken muss. Diese Verpflichtung nehme ich ernst.

SPIEGEL: Die Gleichstellung ist immer ein Thema der SPD gewesen, ohne Sozial - demokratinnen wäre vor gut hundert Jahren das Frauenwahlrecht nicht durchgesetzt worden. Aber es ist die CDU, die mit der Kanzlerin und der EU-Kommissions - chefin die einflussreichsten Frauen stellt. Das muss Sie frustrieren. 

Lambrecht: Viele sozialdemokratische Frau - en haben sich lange Zeit auf die inhaltliche Arbeit für mehr Gleichstellung konzen triert, und das fand ich auch sinnvoll. Denn allein die Tatsache, dass die CDU eine Kanzlerin stellt, heißt noch lange nicht, dass dort die Frauenpolitik nach vorn gebracht wird. Ich höre Angela Merkel im Plenum sagen, wie wichtig es sei, Frauen in Führungspositionen zu haben. Ja, wenn das so ist, kann sie ihren Worten auch Taten folgen lassen.

SPIEGEL: Die Kanzlerin tut zu wenig für die Förderung von Frauen? 

Lambrecht: Aktuell heißt es aus der CDU, es sei jetzt nicht die richtige Zeit für eine Ausweitung der Frauenquote für Unternehmen, denn die Wirtschaft sei momentan schon genug belastet. Frauen als Belastung, das muss man sich einmal vor - stellen. Da fehlen mir wirklich die Worte. Ich habe den Eindruck, dass Frau Merkel da in den eigenen Reihen deutlich mehr Überzeugungsarbeit leisten müsste, wenn sie es ernst meint.

SPIEGEL: Nun hat sich sogar Markus Söder für die Frauenquote in Dax-Vor ständen ausgesprochen. Überrascht Sie das? 

Lambrecht: Vor allem freue ich mich, dass jetzt auch Herr Söder zu dieser Einsicht gekommen ist. Es darf hier aber nicht bei Lippenbekenntnissen bleiben. Handeln ist gefragt. Franziska Giffey und ich haben ein Gesetz vorgelegt, das genau diesen Punkt aufgreift und eine Mindestbeteiligung von Frauen in den Vorständen großer Unternehmen vorsieht. Wenn Söder und Merkel es ernst meinen, darf die Union hier nicht länger auf der Bremse stehen und unser Gesetz blockieren.

SPIEGEL: Mit Andrea Nahles hatte die SPD das erste Mal in ihrer Geschichte eine Frau als Vorsitzende. Dann gab Nahles auf, weil sie aus den eigenen Reihen ständig angegriffen wurde. Die heutige Co-Vorsitzende Saskia Esken beklagt Ähnliches. Was ist da los? 

Lambrecht: Ich glaube, es ist der Berufpoli - tik immanent, dass mit harten Bandagen ge kämpft wird und man mit Angriffen umgehen können muss. Das gilt für Frauen und Männer. Gegenüber Frauen ist die Kritik allerdings oftmals persönlicher.

SPIEGEL: Wie haben Sie gelernt, sich zu schützen? 

Lambrecht: Es muss einem klar sein, dass man in der Politik immer hart kritisiert wird, egal was man tut und wie man es tut. Aber gleichzeitig muss man offen bleiben für Kritik und sich mit einem Team umgeben, das einem ehrlich sagt, wenn man etwas besser machen könnte. Sonst verliert man das Gespür für das eigene Handeln.

SPIEGEL: Die Professorin Jelena von Achenbach stritt für das Paritätsgesetz in Brandenburg. Sie sagt, der Politikstil sei von der männlichen Überzahl geprägt. Sehen Sie das auch so? 

Lambrecht: Ich glaube, da hat sich bereits sehr viel verändert. Früher hieß es: Eine Sitzung ist erst dann gut, wenn sie bis in die Nachtstunden dauert. Das ist vorbei. Und auch das alte Prinzip »Es ist zwar schon alles gesagt, aber noch nicht von jedem« ist heutzutage zum Glück nicht mehr mehrheitsfähig.

SPIEGEL: Die Zahlen sprechen nicht dafür, dass sich so viel zum Besseren verändert hat. Frauen sind heute so schlecht im Bundestag vertreten wie zuletzt 1998. Lambrecht: Das liegt auch daran, dass wir aktuell Parteien im Bundestag haben, die sehr wenige Frauen aufstellen. Die FDP ist die eine, die AfD die andere.

SPIEGEL: Die Union hat in ihren Reihen prozentual noch weniger Frauen als die FDP. Wenn Frauen in den herrschenden Machtstrukturen ihren Platz nicht finden, muss man dann die Strukturen ändern? 

Lambrecht: Ja, Politik muss mit der eigenen Lebenssituation vereinbar sein, das gilt für Frauen wie für Männer. Die Frage »Wie schaffst du das mit der Familie?« darf bitte schön auch Männern gestellt werden. Es sind manchmal nur kleine Verände - rungen, die viel bewirken. Wir haben in der SPD-Fraktion zum Beispiel keine Rednerliste mehr, sondern eine Redeliste. Sie ist quotiert, damit nicht erst sieben Männer sprechen, bis eine Frau zu Wort kommt.

SPIEGEL: Studien sagen, dass Frauen sich durchaus in der Politik engagierten, sie klebten Plakate, stellten sich beim Wahlkampf an die Stände, aber sie kandidierten ungern bei Wahlen. Warum? 

Lambrecht: Eine Funktion, in die man gewählt wird, bedeutet eine kontinuierliche Belastung. Frauen sind eher reflektiert in Bezug auf die Entscheidung, was sie sich zumuten und zutrauen. Das finde ich posi - tiv. Es gibt genug Männer, die nach jeder Wurst schnappen und die Dinge dann nicht zu Ende bringen.

 

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