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Geschäftsmodell im Koma

Die deutsche Fußballnationalmannschaft war einmal die Auswahl der besten Spieler des Landes, nicht mehr und nicht weniger. Unter Oliver Bierhoff, dem Manager der Nationalelf, ist daraus eine Marke geworden, ein Umsatzartikel. Er gab ihr den Namen »Die Mannschaft«. So wie Volkswagen seine Produkte als »Das Auto« vermarktete. Klassiker, zurechtgemacht von Stylisten der Werbeindustrie. Das Unterhaltungsprodukt Nationalelf erzielte direkt nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft vor sechs Jahren fantastische Umsatzzahlen. Mit Joachim Löw saß ein Geistesbruder Bierhoffs auf der Trainerbank. Mehr Nivea Man als einer für alle.

Karl-Heinz Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern München, nannte das kürzlich einen »Wertewandel«. Kameradschaft oder Fair Play sind beim DFB unbedeutender geworden, es zählt der Kommerz. Und die Nationalelf ist die Cashcow des Verbandes, sie sorgt für hohe Gehälter, für üppige Prämien, für die Ausbildung von Talenten, für Zuschüsse zu sozialen Projekten. Dagegen ist überhaupt nichts zu sagen. Solange die Qualität des Produkts stimmt. Aber sie stimmt nicht mehr, schon seit Jahren nicht, seitdem Deutschland Weltmeister wurde und damit die Werbung heiß lief. Die Nationalelf funktioniert nicht mehr. Sie verliert gegen Spanien 0:6. Das ist, als wäre der VW-Käfer, der immer lief und lief und lief, plötzlich stehen geblieben. Überraschen sollte das beim DFB niemanden. Die Nationalelf hat schon vor zwei Jahren, bei der Weltmeisterschaft in Russland, gegen Süd - korea kein Tor geschossen und ist folgerichtig ausgeschieden. Mit anderen Worten: Bierhoffs Geschäftsmodell liegt im Koma. Das Hauptprodukt, das der DFB anbietet, ist fad, erfolglos, schlecht.

Der Profifußball genießt Privilegien. Man kann sich darüber aufregen, dass der Ball weiterrollt, wenn ansonsten so vieles stillliegt. Dass Bayern München weiter Geld verdient, während das Wirtshaus schließen muss. Andererseits kann man auch sagen: Gut, dass es wenigstens etwas gibt, worauf man sich freuen kann in diesen elenden Zeiten – zum Beispiel Bayerns Artisten bei der Arbeit zuzusehen. Ein Klub wie Bayern München handelt schon seit Jahrzehnten nach den Gesetzmäßigkeiten der Wirtschaft, vielleicht nicht mit so viel Schleiflack überzogen wie »Die Mann schaft«, aber konsequent. Und wenn die Ergebnisse nicht stimmen, wird der Trainer entlassen. Das mag schlicht gedacht sein. Doch so ist das nun einmal auf dem unge - mütlichen Feld der Wirtschaft, auf dem der DFB so gern spielen möchte.

In der Wirtschaft werden schnelle, harte Entscheidungen erwartet. Zahlen zählen. Den Deutschen wird nachgesagt, dass sie sich schwertun mit schmerzhaften Einschnitten, mit Umbrüchen. Die Automobilindustrie mochte Benzin und Diesel und hat die Elektromobi lität verschlafen, nun muss sie mit Milliarden nachrüsten, ihr bleibt einfach keine Wahl. Auch in Personal - fragen herrschte ein zähes Patriarchentum. Hartmut Mehdorn lächelte als Chef der Deutschen Bahn noch Anfang des Jahrtausends fast zehn Jahre lang die Skandale und die Schläfrigkeit seines Unternehmens weg, bis er gehen musste. Inzwischen fliegen Konzernchefs deutlich schneller, wenn sie nicht liefern. Der Umgang ist rabiater geworden.

Wäre der DFB ein börsen - notiertes Unternehmen, müsste er seine Kernsparte dringend sa nieren: 2014 verdiente der DFB 34,5 Millionen Euro mit dem Merchandising der Nationalmannschaft. 2018 waren es nur noch 22,8 Millionen. Der Anteil der Eliteauswahl an den Ge - samteinnahmen des Verbandes sank innerhalb von fünf Jahren um 26 Prozentpunkte, die TV-Quoten sind so schlecht wie seit der Jahrtausendwende nicht mehr. CEO Oliver Bierhoff stünde vor der Ablösung. Das Publikum, das ergeben Umfragen, mag auch Löw nicht mehr sehen. Dabei ist unerheblich, ob er als Trainer große Fehler gemacht hat. Löw ist das Symbol des Zerfalls, ist der Verantwortliche für einen langweiligen, verzichtbar gewordenen Zeitvertreib. Seine bloße Anwesenheit am Spielfeldrand lässt inzwischen viele Fans abdrehen. Wer den Verantwortlichen nach dem Reinfall in Spanien zuhörte, hatte nicht den Eindruck, dass jetzt die kalten Mechanismen des Marktes durchschlagen. Die Antworten folgten eher den Regeln einer Monarchie: ausweichen und beharren. Also dann: Der Kaiser hat keine Kleider mehr, er ist nackt. Löw und Bierhoff müssen gehen.

 

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