Glück auf

In der Nische einer Hallenwand, im Halbdunkel, steht die heilige Bar - bara, und vor ihr steht Fred Behr, der Werksleiter des Königsbronner Hüttenwerks, und erzählt vom letzten, vom allerletzten Tag, so dachten sie damals jedenfalls. Als Kollegen sagten: Nimm sie mit, es ist vorbei, nach 654 Jahren. Nimm du die Barbara mit nach Hause. Was er tat. Und jetzt ist sie wieder hier, an ihrem Platz. Vom »Wunder von Königsbronn« ist manchmal die Rede, andere nennen es »Wiederauferstehung«, und die Geschichte, die erzählt wird, geht so: Es war einmal eine kleine Gießerei auf der Schwäbischen Alb, das älteste Industrieunternehmen Deutschlands. Von Mönchen gegründet, weltmarkttauglich, Weltmarktführer sogar, aber seit 2013 dreimal in der Insolvenz.

Beim dritten Mal dann kam ein Kneipenwirt, er hatte einen Plan, der Investoren überzeugte, und so gießt die Firma noch heute. Schöne Geschichten enden so. Diese hier geht weiter. Wer von Heidenheim (bekannt wegen des FC Heidenheim) Richtung Oberkochen (bekannt wegen Zeiss) auf der B 19 durch Königsbronn fährt, sieht links, gleich beim Bahnhof, eine Kneipe, von der noch die Rede sein wird, sie heißt »Gleis III«. Rechts am Hang ein paar Reste historischen Backsteins, davor eine riesige, graue rechteckige Halle, die mal zum Hüttenwerk gehört hat. Ein paar Meter weiter Werkshallen. Funken. Männer in silberfarbiger Schutzkleidung, die mit einem langstieligen Werkzeug Schlacke abstreifen von zwei Gießpfannen, in denen geschmolzenes Eisen glüht. Die Funken sprühen wie Wunderkerzen, nur viel größer, gleißender, etwa 1330 Grad heiß muss der Rohstoff beim Gießen sein.

Kräne heben die Gefäße mit dem flüssigen Eisen zur Hallendecke hin, von einem Leitstand oben kommen Kom - mandos. Unten laufen zwei Männer mit umgeschnallter Fernsteuerung, es sieht lässig aus, wie sie die Kräne bewegen. Dann der Ruf: »Glück auf!« Zweimal knapp 20 Tonnen Roheisen fließen in die Gussform, die »Kokille«, und darüber hinaus. Die Walze, die entsteht, wird fünfeinhalb Meter lang sein und gut 33 Tonnen wiegen; das ist nicht viel. Die größten Walzen, die hier gegossen worden sind, waren gut 14 Meter lang und mehr als 125 Tonnen schwer. Man steht im Halbdunkel vor den Funken und überlegt, wie diese Halle, diese Art der Wertschöpfung, wohl gewirkt haben mag auf die Menschen in Anzügen, die nach den Insolvenzen hierherkamen. Wahrscheinlich war da der Gedanke: So was will auf dem Weltmarkt bestehen? Glück auf. Der Ruf, der beschwört, dass es gut gehen möge, weil man weiß, dass es schiefgehen kann.

Die heilige Barbara, zuständig für Bergleute, Schmiede, Artillerie und Gießereien, wacht wieder in ihrer Nische, aber die Frage ist, ob das Wunder hält. Eine Halle weiter steht ein Arbeiter an seiner Drehmaschine, die nebenan gegossene Walze spiegelt metallisch, der Rundlauf muss stimmen, die Zylindrizität. Sie muss am Ende gleichmäßig sein, »bis zum μ-Bereich«, sagt er. Ein μ ist ein Tausendstel Millimeter. Nicht die kleinste Unebenheit, nicht die kleinste Unwucht darüber hinaus ist verzeihlich. Das Zauberwort heißt: Präzision. Das Werk in Königsbronn produziert vor allem Walzen für Papiermaschinen. Man gießt sie, putzt sie, schrubbt sie, bohrt sie, dreht sie, montiert sie, schleift sie, wuchtet sie aus, verpackt und verlädt sie, schickt sie zu den Papiermaschinenpro - duzenten. Und später berät man vor Ort, falls es Probleme gibt, egal ob die Papier - maschine in China, Thailand oder in Aus - tralien steht.

Das hier ist Mittelstand, klein und regional. Aber die Fragen, die Fred Behr, der Werksleiter, und seine Leute sich stellen, stellen sich anderswo auch, gerade in diesem Jahr. Ob Insolvenz bedeuten muss: nicht mehr zu retten, muss abgewickelt werden. Oder ob man es fertigbringt, dass die Kundschaft, ebenso wie die Belegschaft, wieder an das Unternehmen glaubt. Und wie man erkennt, ob ein Investor als Retter kommt, der das Unternehmen nicht ausschlachten, sondern tatsächlich weiterführen will. Behr hat Zerspanungsmechaniker gelernt, früher sagte man Dreher zu seinem Beruf. Er war jahrelang Betriebsratsvor - sitzender und sitzt nun im Werksleiter - büro, es ist nur durch drei Türen von den Werks hallen getrennt, ebenerdig, mit Blick auf die B 19. Behr, 59, ist ein Mann mit kariertem Hemd und freundlichem Schwäbisch, er versucht zu erklären, wie das alles zusammenpasst.

Roheisen und der μ-Bereich. Werksleiter gewordener Betriebsrat. Rettung aus der Kneipe. Weltmarktführer und Insolvenz. Behr sagt, er sei in vierter Generation im Hüttenwerk. Er stammt aus einer der vielen Arbeiterdynastien im Ort. Als er anfing, 1977, hieß das Unternehmen noch Schwäbische Hüttenwerke; ein Name, auf den man stolz war. Ein Name mit langer Geschichte. An der Wand in einer Werkshalle hängt diese Zahl, die Behr viel bedeutet: 1365. Sie steht für das Gründungsjahr. Sie zeigt an, dass hier, in Ostwürttemberg, einer der ersten Standorte der industriellen Eisenerzeugung in Europa war. Es gab Bohnerz im Boden, Wasser für Wasserkraft, und Wald, also Holzkohle, gab es auch. Und Zisterziensermönche, die das alles nutzten. 1665: der erste Kokillenguss. Im 18. Jahrhundert: ein geschäftstüchtiger Pächter der nun herzoglichen Hüttenwerke, der Arbeit für 2000 Menschen schuf, ein kleines schwäbisches Ruhrgebiet. 1832: die erste Kalanderwalze. Behr weiß von einer Goldmedaille auf der Pariser Weltausstellung zu berichten und von mehrfachen Rekorden.

Kalanderwalzen sind die letzten, be - sonders großen und besonders schweren Walzen in Papiermaschinen, sie walzen das Papier bei großem Druck und Hitze. Toilettenpapier wird zwischen solchen Walzen kalandriert, Abschminktüchlein, Geschenkpapier, Buchseiten natürlich, Zeitungen, Hochglanzblätter, bedruckte Kartons. Auch das Papier der Insolvenzakten des Amtsgerichts lief wahrscheinlich über eine Walze aus Königsbronn. Behr, seit 1988 im Betriebsrat, seit 1992 Betriebsratsvorsitzender, war es gewohnt, seine Firma als Weltmarktchampion zu betrachten und nicht als Unternehmen, das ums Überleben kämpft. Aber dann, sagt er, »hat es uns erwischt«. Es: Das war zunächst einmal der Zeitgeist, Anfang dieses Jahrhunderts, der Staatsbeteiligungen missbilligte und wo immer möglich Privatisierung empfahl. Das Unternehmen gehörte damals zur Hälfte dem Land Baden-Württemberg, zur anderen Hälfte dem Misch - konzern MAN, und die schwarz-gelbe Landesregierung folgte dem Trend, sich von Staatsbeteiligungen zu verabschieden – auch wenn sie profitabel waren. Königsbronn war Teil eines Firmengeflechts, das neben Autoteilen, Werkzeugmaschinen, Motorblöcken eben auch Walzen produzierte. Und die wollte man loswerden.

Es kam eine Abfolge von Investoren nach Königsbronn, und das Wort »Investor « erhielt von Mal zu Mal einen bedrohlicheren Klang. Die Königsbronner gossen, schliffen, wuchteten weiter ihre Walzen aus. Ein »ungeliebtes Kind, aber profitabel«, sagt Behr, während im Management, so er - lebte er es, »der Größenwahn begann«. Der erste Investor war ein Mann mit hochfliegenden Plänen: Windkraft! Großmotoren! Er kaufte Gießereien dazu, baute eine riesige, 20 Millionen Euro teure schachtelartige Halle für Aufträge, die nicht kamen. Und hinterließ ein Loch in der Bilanz und, 2013, Insolvenz Nummer eins.

 

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