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Mainz bleibt meins

Ein Dutzend Fahrradständer stehen vor dem Eingang von Biontech, doch es parkt darin nur ein einsames altes Mountainbike. Es gehört Uğur Şahin, dem Gründer und Chef des Mainzer Unternehmens – Mitentwickler des wohl ersten Corona-Impfstoffs der westlichen Welt und neuerdings Milliardär. Er kommt mit dem Rad ins Büro. Ein Auto besitzt er nicht.

Ob Şahin noch lange einfach so durch die Mainzer Innenstadt radeln kann, ist fraglich: Selten zuvor wurde ein Unternehmen so schnell auf die Weltbühne katapultiert. Ein Marketingexperte hätte sich das Timing nicht besser ausdenken können. Die Euphorie über den Wahlsieg von Joe Biden war kaum abgeebbt, da wartete die kleine deutsche Firma Biontech mit der nächsten weltbewegenden Nachricht auf: Ihr Covid-19-Impfstoff sei in der klinischen Prüfung zu mehr als 90 Prozent wirksam; eine Zulassung nur noch eine Frage der Zeit; ein Ende der schlimmsten Phase der Pandemie in greifbarer Nähe. Das Jahr 2020 klingt auch dank Biontech mit neuer Hoffnung aus.

Die Börsenkurse schossen nach Bekanntgabe der Forschungsergebnisse weltweit in die Höhe. Virologen zeigten sich begeistert. Deutschland, der alte industrielastige Standort, der kaum noch für global relevante Innovationen zu stehen schien, hatte es der Welt gezeigt: Es geht doch noch was in good old Germany. Selbst Trump twitterte über den Durchbruch des Mainzer Unternehmens.

Doch wie war dieser Erfolg möglich? Und bleibt Biontech eine deutsche Siegergeschichte, oder machen am Ende, wieder einmal, andere das ganz große Geld? Die ruhmreichen Namen der deutschen Wirtschaft sind allesamt Unternehmen, die vor Jahrzehnten gegründet wurden. Der einzige jüngere Dax-Konzern von Weltrang ist SAP. Der Softwarekonzern entstand 1972. Deutschland mag noch immer zur Weltspitze in der Forschung gehören, aber daraus ein globales Geschäft zu machen, gelingt viel zu selten.

In kaum einem Bereich wird das deutlicher als in der Biotechnologie. Nirgendwo sonst war der Fortschritt in den vergangenen Jahrzehnten so immens. Und doch wird kaum eine Branche von deutschen Banken und Geldgebern so verschmäht – die Risiken sind ihnen schlicht zu hoch. Ist Biontech nun Beweis und Blau - pause zugleich, um zu zeigen, wie man in Deutschland aus einer großen Idee ein großes Unternehmen formt? Die Antwort hängt nicht allein am Erfolg der Corona-Vakzine. Die Mainzer Forscher sind keine reinen Impfstoffentwickler, nicht einmal klassische Pharmaforscher. Sie arbeiten an einer neuen technologischen Plattform. Funktioniert sie, würde das die Medizin revolutionieren. Die erste Riege der Unternehmen, die daraus Therapien entwickelt, könnte zu globalen Konzernen aufsteigen.

Es wäre für die Medizinbranche das, was Google, Amazon und Facebook für Kommunikation und Handel waren: eine Disruption. Ein völliger Wandel der Geschäftsgrundlage. »Wir sehen uns als Immuningenieure, wir möchten das Immunsystem dazu anleiten, uns vor bestimmten Krankheiten zu schützen «, sagte Şa - hin vor wenigen Wochen bei einem SPIEGEL-Interview, kurz bevor die ersten Ergebnisse zur Wirksamkeit des Impfstoffs bekannt wurden. Er spricht ruhig und unaufgeregt, ein Mann, so scheint es, ohne Allüren. Sein Büro ist groß, aber schlicht. Es gibt kein Vorzimmer, kein Sekretariat, keine teuren Vorstandsmöbel. Şahin sieht sich noch immer vor allem als Wissenschaftler. Die Unternehmerrolle ist eher notwendiges Übel: Weil die akademische Forschung auf Dauer zu langsam ist, zu schlecht finanziert, zu begrenzt.

In Fachkreisen war Biontech schon länger bekannt. Die Mainzer Forscher arbeiten seit rund zehn Jahren an mRNA-Wirkstoffen: Das Molekül ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Biologie. Es dient als Bote, der Bauanleitungen zwischen dem Erbgut der Zellen und deren Proteinfabriken transportiert. Wer mRNA synthetisieren und in die Zellen leiten kann, hat direkten Einfluss auf das, was im Körper passiert. Die Anwendungsmöglichkeiten wären enorm: Wenn man einmal herausgefunden hat, wie diese Zellboten zu programmieren sind, lassen sich damit theoretisch alle möglichen Anweisungen erteilen: sei es, das Immunsystem gegen Viren in Marsch zu setzen oder T-Zellen zu befehlen, einen bestimmten Tumor anzugreifen.

Biontech hat deshalb nicht bloß zwei oder drei Medikamente in der Entwicklung, wie bei biotech - nologischen Startups üblich, sondern rund 20. Die Chance, dass der Corona-Impfstoff nicht der einzige Hit des Unternehmens bleibt, ist deshalb groß. Und funktioniert die Technologie grundsätzlich, wäre die Zahl der Anwendungsgebiete nach oben offen. Bion - tech könnte ein Plattformkonzern werden, ein deutsches Biotech-Google. Einen Namen hat sich das Unternehmen bisher vor allem in der Krebsforschung gemacht. Es ist das eigentliche Spezialfeld von Uğur Şahin und Özlem Türeci, der Chefwissenschaftlerin des Unternehmens. Şahin und Türeci, seit 18 Jahren verheiratet, sind weltweit an - erkannte Onkologen, gemeinsam ent - wickelten sie erfolgreiche experimentelle Therapien. Ihre erste Biotechnologiefirma wurde an einen japanischen Pharmakonzern verkauft, es flossen 422 Millionen Euro mit der Option auf mehr.

Mit Biontech sorgten Şahin und Türeci 2017 erstmals für Aufsehen in der wissenschaftlichen Community. Sie entwickelten einen personalisierten Krebsimpfstoff, der bereits an 13 an einem Melanom erkrankten Hochrisikopatienten getestet wurde. Nach knapp zwei Jahren war die Mehrheit von ihnen noch immer tumorfrei. Der Haken: Neue Biotechnologie ist teuer und aufwendig. Es braucht zweistellige Millionensummen, um einen Forschungsansatz zu erproben. Und mehrere Hundert Millionen Euro, um daraus ein Produkt, ein Medikament zu machen. So viel Geld gibt es nur von privaten Investoren oder Wagniskapitalgebern. Genau jene, die in Deutschland meist einen Bogen um die Biotechnologie machen.

Das Feld gilt als Königsklasse für Investments. Inhaltlich extrem anspruchsvoll, schwer zu durchdringen, kapitalintensiv und mit höchsten Risiken versehen. Die Rate an Totalausfällen ist hoch.

 

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