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Paul Ziemiak galt lange als Fehlbesetzung im Amt des Generalsekretärs

 

Berlin-Tiergarten, ein sehr sonniger Morgen im November. Paul Ziemiak spaziert am Landwehrkanal entlang. Er kommt am Zoo vorbei, bleibt auf Höhe des Flamingohauses stehen und betrachtet über den Zaun die rosafarbenen Vögel.

Die Pause tut ihm gut. Keine Anrufe, kein Meeting. Stattdessen frische Luft und Flamingos. Solche Minuten genießt er. Es ist viel los in diesen Tagen, für die CDU, für ihn. Seine Partei macht einen planlosen Eindruck. Die Suche nach einem neuen Chef hat sich zu einem großen Schlamassel entwickelt. Die drei Bewerber – Friedrich Merz, Armin Laschet und Norbert Röttgen – bekriegen sich. Und keiner weiß, wann und wie genau der neue Chef angesichts der Pandemie gewählt wird. Ein Jahr vor der Bundestagswahl, die erstmals seit 16 Jahren ohne Angela Merkel als Kanzlerkandidatin stattfindet, herrscht in Deutschlands vermeintlich stabilster Volkspartei große Unordnung. Und mittendrin: Ziemiak, 35, Christ - demokrat aus Iserlohn, Generalsekretär. Eigentlich der undankbarste Job von allen. Ziemiak muss die Landesverbände bei Laune halten und die Wahl planen, ohne zu wissen, auf wen er die Kampagne zuschneiden soll. Er muss die Parteizentrale motivieren und den Draht zu den Kandidaten halten, ohne zu wissen, ob er selbst unter dem nächsten Chef eine Zukunft hat. Aber Ziemiak beschwert sich nicht. Und – noch bemerkenswerter – niemand beschwert sich über Ziemiak. Im Gegenteil. Ziemiak kann jetzt fast schalten und walten, wie er will. Annegret Kramp-Karrenbauer, die scheidende Chefin, hat kaum noch Autorität, Merkel hält sich raus. Ziemiaks Büro ganz oben im Konrad-Adenauer- Haus ist so etwas wie der Steuerstand der CDU-Zentrale. Die Kandidaten gehen ein und aus, Parteifreunde, Agenturchefs. Der Mann, über den es anfangs hieß, er sei völlig überfordert, wirkt nach zwei Jahren im Amt auf einmal unverzichtbar. Wie konnte das passieren?

Die ersten Monate im Amt 2019 liefen nicht gut. »Da hatte ich das Gefühl, gar keine richtige Aufgabe zu haben«, sagt er. »Ich hing irgendwie in der Luft.« Bei Auftritten wirkte er unsicher, gehemmt. Ein »Scheißjahr«, soll er intern gesagt haben. Kramp-Karrenbauer wollte sich damals profilieren, schielte auf die Merkel-Nachfolge. Und Ziemiak? Was macht der so? Das fragten sich seinerzeit selbst Freunde. Die Attacke des YouTubers Rezo (»Die Zerstörung der CDU«) und die hilflose Antwort der Partei darauf, die verkorkste Europawahl, nichts lief in dieser Zeit für die CDU – und der Generalsekretär bekam vieles ab. Ein Studienabbrecher, ein Karrierist, so begannen die Leute über den vormaligen Chef der Jungen Union (JU) zu lästern. Ziemiak galt als Fehlbesetzung. »Hat sich die CDU mit Ziemiak verlaufen? «, fragte die »Bild«-Zeitung im Oktober 2019. Der Artikel beschrieb eine Wanderung des CDU-Politikers mit seinen Parteifreunden Carsten Linnemann und Jens Spahn. Ziemiak sei für die Routenplanung zuständig gewesen, hatte zuvor die »FAZ« berichtet – prompt habe man sich verirrt. Nicht mal Karten lesen kann er, so der Subtext.

Ziemiak kämpfte sich durch. Bei den Landtagswahlen im Osten musste die CDU befürchten, hinter der AfD zu landen, schon dachte mancher Christdemokrat öffentlich über Bündnisse mit der Rechtsaußenpartei nach. Zum ersten Mal traute sich Ziemiak etwas, nannte Rufe nach Gesprächen mit der AfD »irre«. Die Haltung der CDU sei unverrückbar, so Ziemiak: kein Pakt mit den Rechten. »Punkt aus. Ende der Durchsage!« Die Klarheit hat womöglich auch persönliche Gründe. Paul Ziemiak wurde 1985 im polnischen Stettin als Paweł Ziemiak geboren, drei Jahre später flüchteten seine Eltern, beide Ärzte, mit ihm und dem älteren Bruder nach Deutschland. Flüchtlingsunterkunft, eine Einzimmerwohnung mit Dusche im Keller. Das prägt. Herbst 2019. Er ist spätabends mit seinem Fahrer unterwegs, A 24 Richtung Berlin, die beiden haben Hunger, halten in einem menschenleeren Schnellrestaurant in Brandenburg. Ziemiak sitzt mit dem Rücken zum Eingang, als plötzlich die Tür aufgeht. Ein bulliger Mann, Ende zwanzig, nähert sich, bedroht ihn: »Sie vertreten nicht das deutsche Volk, Herr Ziemiak.« Mitarbeiter des Restaurants ziehen den Kerl weg. Eine üble Szene, Ziemiak erzählt sie beim Spaziergang im Tiergarten. Aber ihm wird damals auch bewusst: Man nimmt ihn jetzt wahr. Was er sagt, wofür er steht. Die Unsicherheit verfliegt. Ziemiak beginnt, frei im Bundestag zu sprechen, er vernetzt sich, kümmert sich um Themen. Seine Auftritte sind noch immer keine Weltsensation, aber sie sind besser geworden, selbstbewusster. Mittlerweile landet er auch mal einen Treffer. »Berlin wird zum Gesundheitsrisiko für die ganze Republik «, schimpfte er kürzlich über das Corona-Management des Senats. Oder er macht auf Außenpolitik: Im August traf er sich mit der belarussischen Oppositionellen Swetlana Tichanowskaja – bei einem Geheimbesuch in Litauen.

Dass die drei Bewerber für den Vorsitz noch miteinander reden, liegt auch an Ziemiak. Er ist einer der wenigen, denen alle drei halbwegs vertrauen. Bei Merz ist das überraschend, weil sich dieser nach seiner Niederlage gegen Kramp-Karrenbauer auf dem Parteitag 2018 vom damaligen JUChef Ziemiak verraten fühlte. Ziemiak, so raunten manche, habe der neuen Chefin in der Stichwahl die nötigen Stimmen verschafft und sei dafür belohnt worden. Merz glaubte das auch. Als die Kandidaten kürzlich wegen der Parteitagsverschiebung aneinandergerieten, war es der Generalsekretär, der einen Kompromiss aushandelte und diesen dann öffentlich machte. Im Januar soll nun wohl gewählt werden, wie auch immer. Ziemiak, das Scharnier, der Mann in der Mitte. Nun muss er in den kommenden Wochen so gute Arbeit machen, dass der neue Vorsitzende nicht an ihm vorbeikommt. Das Problem: Mindestens zwei der drei Bewerber, Merz und Röttgen, wollen ihn eigentlich durch eine Frau ersetzen. Aber die Terminfragen haben die Planungen gehörig gestört. Noch haben sie keine Kandidatinnen präsentiert, beiden scheint zu dämmern, dass sie auf Ziemiak angewiesen sein könnten. Ein Tausch dieser Schlüsselposition zu Beginn eines Jahres, in dem mehrere Landtags- und Kommunalwahlen sowie die Bundestagswahl anstehen, wäre ein gewaltiges Risiko. Mal angenommen, der nächste Parteichef würde auch Kanzlerkandidat – wer außer Ziemiak wäre in der Lage, in der Kürze der Zeit eine Kampagne auf die Beine zu stellen?

Der mache seine Arbeit sehr gut, heißt es aus dem Lager von Merz. Ziemiak sei ein Brückenbauer, heißt es bei Röttgens und Laschets Leuten. Redet man so über einen, den man loswerden will? Ob und wie das mit dem Parteitag im Januar klappt, ist weiter offen. Die Idee, digital zu tagen und die Wahlen am Ende durch eine Schlussabstimmung schriftlich abzusichern, steht. Aber das Modell ist kompliziert, rechtliche Fragen sind offen. Parallel konzentriert sich Ziemiak auf die Bundestagswahl. Je mehr er organisiert, desto schwieriger wird es, ihn abzuräumen. Ein Netzwerk von Agenturen hat er bereits an der Hand, die Hauptagentur soll der künftige Chef auswählen. Auch eine neue Unterstützerkampagne mit der JU ist für den Wahlkampf in Vorbereitung, »Connect« soll sie wie das Vorgänger - modell 2017 heißen. Er wisse, dass »ohne die Junge Union kein guter Wahlkampf zu machen ist«, sagt Ziemiak.

Trotzdem kann er sich nicht sicher sein, dass es weitergeht. Er kommt aus Nordrhein- Westfalen – ein Problem in der Proporzpartei CDU. Zu viele sind aus NRW. Merz, Laschet, Röttgen. Dazu Ralph Brinkhaus, der Fraktionschef. Und Jens Spahn, der Gesundheitsminister. Aber über Probleme hat Ziemiak lange genug nachgedacht. Im Moment, das weiß er immerhin, geht ohne ihn fast nichts.

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