Wirkt widersprüchlich, ist aber tatsächlich unumgänglich

Die Deutschen dürfen Weihnachten und Silvester feiern, in etwas größeren Runden, mit der Familie, mit Freunden, das enge Corona-Korsett wird für ein paar Tage aufgeschnürt, ein wenig Laisser- faire im sonst so hart reglementierten Pandemieleben. Die Politik hat zehntägige Corona-Ferien ausgerufen, nur in manchen Hotspots wie Berlin bleiben die Regeln strenger. Medizinisch betrachtet ist die Lockerung ein Fehler und völlig unlogisch. Die Anzahl der Neuinfektionen sinkt nicht so deutlich wie gewünscht, die Zahl der Corona- Toten steigt. Allein am Mittwoch starben 410 Menschen, an einem einzigen Tag, ein nicht hin nehmbarer Rekord. Die Zahl der Covid-19-Patienten auf In ten - sivstationen ist seit Anfang September um das 15-Fache gestiegen. Der Plan der Politik, im November die zwischenmensch - lichen Kontakte um 75 Prozent zu reduzieren, ist gescheitert – es waren bislang nur 40 Prozent. Und so ist das Ziel bedroht, Leben zu retten, das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und Ärzte davor zu bewahren, entscheiden zu müssen, wer überleben darf und wer sterben muss. Rational betrachtet wäre es also richtig gewesen, die Kontaktbeschränkungen zu verschärfen, gerade für die Feiertage, wenn sich viele Menschen treffen und in warmen Zimmern auf engem Raum speisen, lachen, singen – ein Hochamt für Aerosole. Dass die Regeln nun für mehr als eine Woche fast überall sogar gelockert werden, könnte fatale Folgen haben.

Politisch betrachtet aber haben die Kanzlerin, die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten richtig ent - schieden. Erstens weil sie nicht anders konnten. Sie haben sich jede Alternative selbst genommen, als sie den neuen Shutdown im November mit der Aussicht auf ein unbeschwertes Weihnachtsfest verbanden. Es war wie beim Hundetraining: Verhaltet ihr euch brav, gibt es am Schluss ein Leckerli. Nun müssen sie ihr Versprechen auch halten. Zweitens hätte eine weihnachtliche Zwangsisolierung wohl das Vertrauen vieler Menschen in die Corona-Politik gekostet. Es gibt eine Grenze, wie weit der Staat ins Leben seiner Bürger eingreifen darf, auch in tödlichen Krisen. Die Bundesrepublik legt aus historischen Gründen großen Wert auf den von der Verfassung garantierten Schutz des Privaten. Die Grenze wurde in dieser Pandemie oft ausgereizt,die große Mehrheit der Deutschen trug das bislang gelassen mit. Hätte sich die Politik am Symbol des Heiligen Abends vergriffen, die Stimmung wäre wohl gekippt. Weihnachten bleibt heilig, auch für die Politik, zumal wenn Parteien das Wort »christlich« im Namen tragen. Drittens ist die Entscheidung auch ein Eingeständnis der Politik: Wie die Menschen das Jahresende verbringen, kann sie ohnehin kaum beeinflussen. Wie hätte sie es kontrollieren und durchsetzen sollen? Ein Polizist, der am Weihnachtsabend an die Türen klopft, um die Besucher beim Gänsebraten zu zählen? Daher ist die beschlossene Regel, höchstens zehn Erwachsene pro Tannenbaum zu erlauben, nicht mehr als Kosmetik und ein Versuch der Regierenden, ihr Gesicht zu wahren.

Die Entscheidung vom Mittwoch ist eine Zäsur. Die Politiker haben sich davon verabschiedet, den Kampf gegen das Virus vollumfänglich zu führen. Sie geben die Verantwortung zunehmend an ihre Bürger ab. Sie sind sichtlich müde geworden, auch weil sie merken, dass sie dieser Krise nicht so gut Herr werden wie vergangener Herausforderungen, der Euro- und Finanzkrise etwa. Die Politik setzt nun darauf, dass alle irgendwie noch durchhalten, bis es genügend Impfstoff gibt. Es ist ein Poker mit dem Glück. Natürlich existieren noch staatliche Regeln fürs Private, doch sie sind in Wahrheit nicht mehr als Empfehlungen. Ob sie eingehalten werden, bestimmt jeder selbst, nicht die Politik, nicht die Polizei. Das haben sich Kanzlerin und Länderchefs mit dieser Lösung eingestanden, hier simulieren sie keinen Macht - anspruch mehr. Denn sie wissen, dass sie in den meisten Fällen mündige Bürger vor sich haben, die das verstehen. Im öffentlichen Raum hingegen muss die Politik weiter steuern, reglementieren und sanktionieren. Sie kann über Maskenpflicht, Dichte in Einkaufszentren und Belegung von Zügen entscheiden. Und im Notfall auch darüber, Geschäfte zu schließen oder Schüler nach Hause zu schicken. Das bleibt ihr Teil der Verantwortung für das unanfechtbare Ziel, Menschen nicht unnötig sterben zu lassen.

Sie wird diese Methoden womöglich bald verschärfen müssen, das ist der Preis für unsere Weihnachtsfreiheit. Wie hoch er wird, hängt allein davon ab, wie sehr wir Bürger diese Freiheit nutzen – oder eben nicht.

 

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