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Wut und Euphorie

Demonstranten mit Baseballschlägern, ein Präsident, der die Wahl stoppen will und eine hoch ner - vöse, zerrissene Nation: Seit Jahrzehnten hat Amerika nicht mehr solch eine chaotische Präsidentschaftswahl erlebt wie diese. Ein Team von SPIEGEL-Reportern ist durch das Land gereist und hat mit Wählern und Wahlkämpfern gesprochen, mit Politikern und einfachen Bürgern – von Atlanta im US-Bundesstaat Georgia über die Hauptstadt Washington, San Francisco, Miami, die Vorstädte von Michigan bis ins Umland von Philadelphia. Sie er - zählen, wie die Amerikaner auf diese Wahl blicken und wie das ganze Land in einer Mischung aus Hoffnung, Wut und Angst verharrt.

Montag, Bloomfield Hills, US-Bundesstaat Michigan, 12.30 Uhr Ortszeit Die Bäume sind alt, die Gärten groß, die Häuser gigantisch. Das ist das Viertel von Gina Keller und Julie Wekenmann, zwei Frauen mit jeweils zwei Kindern, mitten im amerikanischen Traum. Beide haben einen deutschen Mann geheiratet. Keller und Wekenmann kämpfen für die Demokraten. Sie haben an Türen geklopft, Bürgern geholfen, sich registrieren zu lassen, sie betreuen Facebook-Gruppen und versuchen, Nachbarn und Freunde zu überzeugen, für Joe Biden zu stimmen.

Gina Keller sagt: »Wenn es eine Sache gibt, für die wir Trump danken können, dann dass er uns mobilisiert hat.« Julie Wekenmann sagt: »Trump hat einen Aktivismus in mir entzündet, den ich nie vermutet hätte.« Beide haben sich auf das Schlimmste vorbereitet. Wekenmann spricht Deutsch, ihre Kinder haben einen deutschen Pass. Wenn Trump gewinnt, überlegt sie, mit ihrer Familie nach Deutschland zu ziehen. Keller will bleiben. Wenn Trump triumphiere, werde sie hier dringend gebraucht, sagt sie.

Grand Rapids, Michigan, 20.45 Uhr Die »Air Force One« landet auf dem Flughafen der Stadt, an Bord sind der Präsident, enge Berater, seine Tochter Ivanka. Es wird Trumps letzte Großveranstaltung in diesem Wahlkampf. Auch 2016 hielt er hier seine letzte Rede vor der Wahl. »Wir können ein wenig abergläubig sein, oder?«, ruft er in die Menge. Die Wahl werde »einer der größten Triumphe in der Geschichte der Politik«.

Atlanta, Georgia, 21.55 Uhr Kelly Loeffler verschickt eine Mail mit einem Video von Donald Trump. In dem Clip erwähnt er Loefflers Namen lobend, sie will ihren Anhängern damit zeigen, dass sie Kontakte bis ins Weiße Haus hat. Loeffler ist 49 und kämpft um ihre Wiederwahl als Senatorin. An ihrer Geschichte kann man sehen, was Trump aus der Republikanischen Partei gemacht hat. Vor einem Jahr galt sie noch als moderate Geschäftsfrau, die auch für Demokraten spendete und sich auf Veranstaltungen mit der Demokratin Stacey Abrams zeigte.

Inzwischen muss man sie am rechten Rand verorten. 21 Kandidaten haben sich um den Senatsposten beworben, Loeffler musste sich auch gegen Konkurrenz aus der eigenen Partei wehren. In Zeiten von Trump heißt das: Sie muss zeigen, dass sie die Konservativste von allen ist. Sie tritt deshalb mit einer Parteifreundin auf, die der gefährlichen Verschwörungstheorie QAnon nahesteht und behauptet, die Chinesen hätten Trump mit dem Coronavirus infiziert. Loeffler hat entschieden, dass sie bereit ist, diesen Preis zu bezahlen.

Dienstag, West Hialeah, Florida, 5.30 Uhr Annette Collazo hat kaum geschlafen. Bis ein Uhr nachts rief sie Hunderte poten - zielle Wähler an und bat um deren Stimme. Als der Wecker klingelt, so erzählt sie, drückt sie erst auf die Schlummertaste. Dann müht sie sich aus dem Bett. »Der Tag der Entscheidung«, sagt sie. Collazo ist 36, hochgewachsen, fröhlich. Sie arbeitete als Grundschullehrerin und kandidiert nun für die Demokraten für einen Sitz im Repräsentantenhaus des Staates Florida. Seit Monaten trifft sie sich mit Freunden zu Drinks in ihrem Garten in West Hialeah, einer Latinoenklave nördlich von Miami, und redet über Politik. »¿Que pasa, Hialeah?« heißt die Gruppe, die 30 Mitglieder hat. Als sie nach einem Kandidaten suchten, um Wahlkreis Nummer 110 den Republikanern abzujagen, der seit 1982 durchgehend in deren Hand ist, sagte sie sich: »Warum nicht ich?«

Lehigh Township, Pennsylvania, 6 Uhr Jerry Pritchard hat sich schick gemacht für den Wahltag. Statt T-Shirt trägt er Hemd und Krawatte, darüber einen Wollmantel. Nur die rote Trump-Schirmmütze will nicht zum Gesamteindruck passen. Aber ohne sie geht Pritchard nicht aus dem Haus. Die halbe Nacht ist er durch den Landkreis gefahren und hat Trump-Schilder aufgestellt, an sämtlichen Straßen, die zu Wahllokalen führen. »Ich tue alles, damit Trump wiedergewählt wird«, sagt er. Pritchard ist 54 Jahre alt und lebt im Landkreis Northampton, etwa eine Stunde nördlich von Philadelphia, wo sich Äcker mit Holzhäusern abwechseln. Wenn er über seine Heimat spricht, steigen ihm Tränen in die Augen. »Ich möchte, dass sich hier nichts verändert«, sagt er. »Dass alles bleibt, wie es ist.«

San Francisco, Kalifornien, 7.30 Uhr Charlie Harb, 55, Besitzer und Namensgeber von Charlie’s Café im beliebten Bernal- Heights-Viertel, öffnet sein kleines Ecklokal. Gemeinsam mit seiner Frau Krissy führt er den Laden seit bald 20 Jahren. Seit der Pandemie muss er morgens früher anfangen, um den Gehsteig zu kehren, auf dem er jetzt seine Gäste bewirtet, und das Mobiliar rauszuschaffen. Bald schon kommen die Leute, um sich ihren Kaffee und ihren Frühstücksbagel zu holen, »viele kommen auch einfach, um zu reden«, sagt Charlie.

 

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