An der Front

Am 23. März hatte Nina Böhmer endgültig genug. Wieder war eine Kollegin ausgefallen. Wieder war die Krankenpflegerin eingesprungen. Und wieder einmal mangelte es in der Klinik an Masken für die Schicht. An diesem Nachmittag postete Böhmer einen wütenden Text auf Facebook. 

Er richtete sich an all jene, die sich während der ersten Corona-Wochen abends an die Fenster und auf ihre Balkone stellten, um für die Pflegekräfte zu applaudieren. Böhmer schrieb: »Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wohin stecken.« Bis heute wurde ihr Beitrag mehr als 70000-mal geteilt, in Pflegekreisen hat die 28-Jährige inzwischen einige Berühmtheit erlangt. Mit ihrer Empörung gab sie ihrem ganzen Berufsstand eine Stimme. Sieben Monate nach dem Aufschrei und viele politische Versprechen später hat die Enttäuschung nicht nachgelassen. Nina Böhmer sieht blass aus an diesem Morgen. Sie sitzt vor einem Computerbildschirm und erzählt, was seit ihrem Facebook- Post passiert ist. Sie erhielt Hunderte Nachrichten von Pflegekräften, sie diskutierte in Talkshows wie »Hart aber fair« und schrieb ein Buch über den Pflegenotstand, das längst ein Bestseller ist. Sie fordert darin, dass Pflegekräfte mehr brauchten als Merci-Schokolade, um in einem Beruf gehalten zu werden, der häufig Überforderung bedeutet, wenig Lohn einbringt und noch weniger Anerkennung. 

Gebracht habe ihr Einsatz nichts, sagt Böhmer resigniert. An den Bedingungen für Pflegekräfte habe sich in den vergangenen Monaten nichts geändert. Am Ende sei auch der Applaus verstummt. Dass trotz großer politischer Versprechen wenig geschieht, gehört seit Jahrzehnten zur traurigen Routine in der Pflegebranche. Die Coronakrise hatte das Zeug, das zu ändern. Fernsehbilder verzweifelter Schwestern auf den Intensivstationen gaben dem Notstand ein Gesicht, auch in Seniorenheimen wurden die Pflegekräfte zu Alltagshelden der Krise. Gesundheitsminister Jens Spahn überbot sich in Versprechen. Der Pflegebonus sollte der Wertschätzung endlich auch Geld folgen lassen. Die Politik, so schien es, hatte verstanden. Tatsächlich hat selten eine Bundesregierung zuvor so viele Gesetze verabschiedet, um den Notstand zu beheben. Erst am vorvergangenen Freitag bauten sich drei Ka - binettsmitglieder vor der blauen Wand der Bundespressekonferenz auf, um zu bilanzieren, was die Große Koalition in Sachen Pflege auf den Weg gebracht hat. Gesundheitsminister Spahn (CDU) erklärte, er sorge für mehr Stellen. Arbeitsminister Hu - bertus Heil (SPD) versprach höhere Löhne. Familienministerin Franziska Giffey, ebenfalls Sozialdemokratin, setzt auf eine neue Ausbildung. Doch die Realität sieht erst mal anders aus: Die zweite Welle der Pandemie trifft auf erschöpfte Pfleger, die am Rande ihrer Kräfte sind.

Für ihren Job zahlen sie einen hohen Preis. Fast zehn Prozent aller bis September positiv auf Sars-CoV-2 Getesteten arbeiten in Krankenhäusern, Seniorenstiften, Praxen oder Gemeinschaftsunterkünften. Nach einer Studie der Universität Bremen ist das Risiko, sich zu infizieren, bei Altenpflegern in Heimen sechsmal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. 

Experten wie der Hamburger Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg warnen deshalb vor gefährlichen Engpässen: »In der zweiten Welle wird es nicht um das Be - atmungsgerät neben dem Bett gehen. Es wird um das Personal gehen«, sagt er. »Die Personaldecke ist dünn. Wenn sich dann noch Intensivpflegekräfte infizieren, kann es sehr schwierig werden.« Je mehr Kollegen in Quarantäne müssen oder ausfallen, weil sie ausgebrannt sind, desto mehr Überstunden müssen die Übriggebliebenen machen. Es ist ein Teufelskreis. Seit Jahren klagen die Mitarbeiter über Tage, die kein Ende nehmen, und über das Gefühl, nie zu wissen, ob man nach der Frühschicht auch im Spätdienst einspringen muss. Ulrike Mewing arbeitet seit 30 Jahren als Krankenpflegefachkraft in Norddeutschland. Sie hat drei Krankenhäuser von innen kennengelernt, von der Notaufnahme bis zur Intensivstation. In drei Jahrzehnten hat die Intensivpflegerin zweimal geglaubt, dass sich für ihren Berufsstand wirklich etwas verbessern könnte. Das erste Mal war, als in Niedersachsen vor drei Jahren eine Pflegekammer gegründet wurde, Mewing sitzt dort im Vorstand. Sie hoffte, den Pflegekräften eine gemeinsame Stimme geben zu können. 

Das zweite Mal war, als die Pandemie im Frühjahr Deutschland erreichte und Nachbarn Mewing auf der Straße für ihre Arbeit dankten. Beide Male wurde sie enttäuscht. Vor zwei Monaten, mitten in der Pandemie, beschloss die Landesregierung, die Kammer aufzulösen. Der Rückhalt sei zu gering. Und die Anerkennung? »Inzwischen «, sagt Mewing, »ist davon nichts mehr übrig.« Erst vor zwei Wochen hatte Angela Merkel Mewing und ihren Kolleginnen »von Herzen« für die Arbeit während der Pandemie gedankt. Pflege sei »Ausdruck gelebter Menschlichkeit«, sagte sie. Unbedacht deutete die Bundeskanzlerin damit auf den Kern des Problems: Pflege gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nicht als hoch qualifizierte Profession, sondern als Beziehungsarbeit. 

Als sorgende Tätigkeit, die seit Jahrhunderten traditionell von Frauen geleistet wird, schlecht bezahlt oder ganz unentgeltlich. Unter diesem Bild leidet der Beruf bis heute.Nirgendwo offenbarte sich das deutlicher als beim Gezerre um die Corona-Prämie. Als es darum ging, Wertschätzung für eine Branche zu zeigen, deren Löhne auch bei examinierten Kräften weit unter denen der Industrie liegen, verkündete die Bundesregierung eine steuerfreie Prämie von bis zu 1500 Euro für Pflegekräfte. Pro Jahr, nicht etwa pro Monat. Bei der Auszahlung verstrickten sich Länder und Arbeitgeber in Nickeligkeiten. Zunächst sollte der Bonus nur in der Altenpflege gezahlt werden, kommt selbst dort aber nur mit Verzögerung an. Vorgesehen ist, dass die Pflegeversicherung bis zu 1000 Euro übernimmt. Die Länder können den Bonus auf bis zu 1500 Euro steuerfrei aufstocken. Die Bundesregierung hatte erwartet, dass sich die Arbeitgeber an der Aufstockung beteiligen würden, ganz freiwillig. 

Die Heimbetreiber und Seniorenstifte folgten dem Vorschlag indes nur zögerlich. So berichten Pflegekräfte, die wegen einer Covid-19-Infektion für längere Zeit ausfielen, dass ihre Chefs ihnen einen Teil der Prämie vorenthalten wollten. »Ich finde es beschämend, dass einige Arbeitgeber sich vor einer Beteiligung an der Aufstockung des Pflegebonus gedrückt haben«, kritisiert Andreas Westerfellhaus, der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Ähnlich vermurksten Politik und Unternehmen auch die Ausweitung der Prämie auf die Krankenpflege. Profitieren sollten vor allem jene Kräfte, die durch die Behandlung von Covid-19-Patienten »besonders belastet« waren. Nach Schätzungen reichten die Mittel für 100000 der insgesamt 440000 Pfleger in den Kliniken. 

Die Unternehmen sollten mit den Betriebs - räten vor Ort entscheiden, wer die Prämie erhält. In einem wütenden Brief an Spahn schrieben 45 Vorsitzende von Konzern - betriebsräten und anderen Personalvertretungen, sie wollten »bei der Verteilung dieser unzureichenden Prämie nicht mitwirken «. In der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion musste die Regierung jetzt einräumen, dass die Beschäftigten in mehr als 70 Prozent der Kliniken leer ausgingen, vor allem im Osten. Die Corona- Prämie wurde lediglich in 433 von 1585 Allgemeinen Krankenhäusern gezahlt. »Es geht keiner Pflegekraft allein ums Geld«, sagt Intensivpflegerin Mewing. »Aber das war ein Schlag ins Gesicht.«

Dass die Wertschätzung verschwand wie der Applaus auf den Balkonen, hat vielleicht auch damit zu tun, dass es in Deutschland bislang nicht so schlimm kam wie anderswo. Es gab keine Fotos von Särgen, die sich auf Militär-Lkw stapelten. Um solchen Bildern vorzubeugen, hatte Spahn im März einen Brief an die fast 2000 Klinikgeschäftsführer im Lande geschrieben und sie gebeten, alle planbaren Eingriffe abzusagen. »Jetzt«, hatte er gefleht. 

Und die Kliniken reagierten. Auch deshalb schaffte es die Bundes - republik bislang gut durch die Krise. Es ist fraglich, ob das noch einmal gelingt. »Deutschland hat einen deutlich schlechteren Personalschlüssel auf Intensivstationen als Italien oder Frankreich«, sagt Gesundheitsökonom Schreyögg. Der Personalmangel in den Krankenhäusern ist selbst verschuldet. Seit 2003 werden Leistungen über Fallpauschalen vergütet. Für jede Knie- oder Hüft-OP erhalten die Krankenhäuser eine festgesetzte Summe. Klinikmanager konnten mit planbaren Eingriffen gut verdienen, wenn sie möglichst wenig für Pflege ausgaben. So zeigen Statistiken, dass die Kliniken mehr Ärzte einstellten, aber Pflegestellen abbauten. Spahn hat das erkannt. Seit diesem Jahr werden die Ausgaben für Pflege wieder extra bezahlt. Verglichen mit der Absage geplanter Operationen entfaltete sich die Wirkung dieser Maßnahme aber nur langsam. Im Frühjahr hätte auf ihrer Station zum ersten Mal seit Jahren »normal« gearbeitet werden können, so wie sie es in der Ausbildung gelernt hatten, erinnert sich Intensivpflegerin Mewing. Die Zufriedenheit sei hoch gewesen. 

Die große Welle an Infizierten blieb aus. Einige Pflegekräfte wurden sogar in Kurzarbeit geschickt. Ohne die OPs waren sie überflüssig. Nina Böhmer schrieb in dieser Zeit ihr Buch. Sie sagt: »Man fühlte sich irgendwie nutzlos.« Das Gefühl sollte nicht lange anhalten. Als die erste Corona-Welle im Sommer abebbte und der Klinikbetrieb wieder hochgefahren wurde, arbeiteten Mewing und ihre Kolleginnen mehr denn je. Wegen der Pandemie hatte Spahn die Untergrenzen für den Personaleinsatz aufgehoben, die er kurz zuvor eingeführt hatte. In diesen Wochen versorgten zwei Pflegekräfte zeitweise acht Patienten – doppelt so viele wie üblich. »Viele Kolleginnen und Kollegen können jetzt nicht mehr«, sagt Mewing. Dass sich die Lage bald ändert, glaubt sie nicht. Im Gegenteil. Gerade erst hat Niedersachsen beschlossen, die Höchstarbeitszeit in Kliniken bis Mai auf 60 Stunden pro Woche heraufzusetzen. 

Wie viele Fachkräfte genau fehlen, sollte die Pandemie die Corona-Intensivstationen noch schneller füllen als bisher, weiß in Deutschland niemand genau. »Es gibt zwar ein Register, in dem erfasst ist, wie viele Betten und Maschinen vorhanden sind. Wir haben aber keine verlässlichen Zahlen, wie viel Personal wir dafür haben«, sagt der Pflegebeauftragte der Bundesregierung Westerfellhaus. Die letzten verfügbaren Zahlen stammen von 2018. Damals zählte das Statistische Bundesamt rund 37000 weitergebildete Fachpflegekräfte für Intensivpflege und Anästhesie. Knapp die Hälfte von ihnen arbeitet in Teilzeit, typisch für die Pflege. Westerfellhaus fordert deshalb ein verlässliches Register über Anzahl und Qualifikation der Pflegefachkräfte. Das sei gerade in einer Pandemie enorm wichtig. Ein solches Register zu erstellen sei eine der zentralen Aufgaben für eine Pflegekammer.

 

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