Arbeiten am Limit


 Die täglich neu gemeldeten Infektionen, der Anteil positiver Testergebnisse, die schwindende Zahl freier Intensivbetten, all dies verdeutlicht, wie ernst die Lage derzeit für das Gesundheitssystem ist. Das Divi-Intensivregister weist täglich die Zahl jener Patienten aus, die in intensivmedizinischer Behandlung sind. 5216 Patienten waren es am Dienstag, 481 mehr als eine Woche zuvor. Ein neuer Höchstwert, mal wieder. Der verschärfte Shutdown, die harten Kontaktbeschränkungen auch an Weihnachten, das alles hat ein Ziel: zu vermeiden, dass die deutschen Krankenhäuser überlastet werden. Und nicht mehr alle Schwerkranken versorgen können. Doch die Zahl der Infizierten steigt weiter. Kliniken in München und Köln meldeten zuletzt überfüllte Intensivstationen. In mehr als zwanzig Landkreisen gab es zuletzt keine freien Intensivbetten. Mitte Dezember hatten Dresdner Kliniken einen Appell an die Bevölkerung gerichtet; sie befürchteten Zustände wie in Bergamo oder New York im Frühjahr. Damals gab es Berichte von Patienten, die erstickt seien, weil Beatmungsplätze fehlten.

Jede Notfallmedizin kennt die Triage, das Sortieren der Patienten nach der Schwere der Verletzungen. Wer einen Schlaganfall hat, wird schneller behandelt als einer, der mit einer Schnittwunde kommt. Doch dann gibt es jene Triage, bei der Ärzte entscheiden müssten, wer angesichts knapper Ressourcen behandelt wird. Und wer nicht. Wer bekommt einen Platz an der Beatmungsmaschine? Ein älterer schwerkranker Patient? Oder ein 35-jähriger Familienvater mit schwerem Verlauf? Diesen Vergleich zog kürzlich der Virologe Christian Drosten. Er sagte: »Sie müssen einen der älteren Patienten abmachen. Das ist, was Triage bedeutet.« Frank Ulrich Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, warnte vor Triage-Entscheidungen in den kommenden Wochen. Hier kommen jene zu Wort, für die der Ausnahmezustand Arbeitsalltag geworden ist. Ärztinnen und Ärzte sowie ein Notfallsanitäter schildern, wie es zurzeit in den Kliniken aussieht – und was sie befürchten.

»Mittlerweile sind alle 18 Betten auf der Intensivstation durchweg mit schwerstkranken Covid-19-Patienten belegt. Nahezu alle sind an eine Ecmo, eine künstliche Lunge, angeschlossen, das ist eine neue Situation. Wir sind daran gewöhnt, solche Patienten zu behandeln. Aber dass es so viele sind, ist eine Herausforderung. Die hohen Todeszahlen spiegeln sich auf unserer Station nicht unbedingt wider. Das liegt wohl auch daran, dass manche Patienten sterben, bevor sie in einer hoch spezialisierten Klinik ankommen. Sobald die Schwerstkranken an eine künstliche Lunge angeschlossen sind, gibt es immerhin eine Chance, dass sich ihre natürliche Lunge mit viel Zeit und intensiver Therapie erholt. Wir hatten Patienten, die unsere Station nach wochenlanger Therapie selbstständig laufend verlassen haben. Zahlreiche andere erleiden immer wieder Rückschläge wie innere Blutungen. Manchmal treffen die Komplikationen unvorhersehbar sogar Patienten, die bereits wieder selbstständig geatmet hatten. Das ist die Situation, mit der hier alle zurechtkommen müssen. Es gibt Dienste, in denen man wie ein Feuerlöscher im Einsatz ist und uns kaum Zeit bleibt, mit den Kollegen auch mal ein paar persönliche Worte zu wechseln. Zum Glück kommen auch andere Tage vor. Es ist wichtig, dass wir uns hier alle gegenseitig unterstützen.

In unserem Team arbeiten nun zwei weitere Intensivmediziner. Sie sind von anderen Stationen zu uns gekommen. Wir fahren ja als Charité seit einigen Tagen nur noch ein Notfallprogramm. Ohne diese zusätzlichen Kollegen würden wir es nicht schaffen. Die Pflegekräfte betreuen derzeit mehr Patienten als üblicherweise, teilweise sind sie ebenfalls von anderen Stationen an uns ausgeliehen. Daher ist es im Moment noch wichtiger als sonst, dass wir uns gut untereinander abstimmen und uns rückversichern, dass der andere es genauso verstanden hat. Sollten nach Weihnachten die Infek - tionszahlen weiter steigen, erleben wir möglicherweise doch einen Notstand, wie wir ihn aus anderen Ländern kennen. Denn die Patienten, die jetzt schwer krank in den Intensivbetten liegen, sind ja bis dahin nicht gesund. Sie bleiben oft wochenlang. «

»Die zweite Welle hat uns wesentlich stärker getroffen als die erste. Wir arbeiten schon seit Wochen mit ausgelasteten Intensivstationen. Das Personal ist am Anschlag, und zwar Pflege, Ärzte, die Leute aus der Reinigung und Versorgung. Wenn einer der zehn, elf Assistenzärzte auf meiner Station ausfällt, müssen die anderen seine Schichten übernehmen. Es ist nicht so, dass uns jetzt die Leute reihenweise zusammenbrechen. Aber die Stimmung ist derzeit eher schlecht. Das hat auch mit der Dauer der Krise zu tun. Eigentlich stünde jetzt die ruhige Jahreszeit bevor. Aber wir werden nicht durchschnaufen können. Wenn wir unseren Arbeitstag beginnen, sind bis zu vierzig beatmungspflichtige Menschen zu betreuen. Das, worauf sich andere freuen, Weihnachten mit der Familie, wird nicht möglich sein. Die Intensivstationen bleiben voll. Vor einer Triage-Situation hätte ich Angst. Ich bin nicht der liebe Gott, ich möchte solche Entscheidungen nicht treffen. Eine Triage hätte mit der Medizin, wie wir sie bisher betreiben, nichts mehr zu tun. Natürlich sterben auf den Intensivstationen jeden Tag Menschen. Aber sie sterben an Lungenversagen oder an ihren Vorerkrankungen, nicht weil es an Betten fehlen würde. Wir konnten bisher patientenbezogen entscheiden. Aber einen vorerkrankten 85-Jährigen von der Notaufnahme direkt auf die Palliativstation zu verlegen, weil ein 60-Jähriger das Beatmungsgerät belegt, das wäre schlimm.«

»Anfang Dezember erlebte ich zum ersten Mal, wie das Gesundheitssystem an seine Grenzen gelangte. Damals ging nachts der Notruf einer Frau ein. Sie litt unter Atemnot, hatte Fieber. Zusammen mit einem Kollegen rückte ich aus. Die Patientin war in Quarantäne; eine Verwandte im selben Haushalt war positiv getestet worden. Sie musste schnell in ein Krankenhaus. Normalerweise melden wir Notfallsanitäter die Patienten bei dem passenden Krankenhaus an. Bei Covid-19-Patienten wird das zentral geregelt. In jener Nacht hörten wir, dass bei uns im Landkreis Bautzen keine Klinik mehr Covid-19-Patienten aufnehmen könne. Wir wurden in den benachbarten Landkreis geschickt. Die Fahrt dauerte länger als eine Stunde.

Kollegen hatten mir schon erzählt, dass sie immer weitere Strecken fahren mussten, um einen Platz für einen Covid-Patienten zu finden. Auch wir Notfallsanitäter arbeiten am Limit. Wir sind unverzichtbar für das Gesundheitssystem. Doch während der Pandemie habe ich den Eindruck, wir werden vergessen. Gesundheitsminister Spahn sagte noch im Sommer, er beabsichtige nicht, sich für eine Sonderzahlung für Mitarbeiter im Rettungsdienst einzusetzen, da die Einsätze während der Pandemie teils zurückgegangen seien. Aber unsere Arbeit wurde nicht weniger, im Gegenteil. In der Regel dauert ein Einsatz nicht länger als eineinhalb Stunden. Dann können wir erneut gerufen werden. Transportieren wir Covid-Patienten, brauchen wir bis zu vier Stunden. Wir müssen länger fahren, um eine Klinik zu erreichen. Anschließend müssen wir den Wagen umfassender desinfizieren. Geschieht währenddessen ein Unfall, können wir nicht ausrücken. Seit Oktober nehmen die Fälle zu. Manche Kollegen fahren vier bis fünf Corona-Infizierte in ihrer Tagesschicht.«

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