Assads Jäger

Salim Namour galt unter seinen Kollegen in der unterirdischen Klinik in Ost-Ghuta als Fels in der Brandung. Und so nannte sich der erfahrene Arzt auch: Sakhr, der Fels. Am 21. August 2013 aber kam auch Namour an seine Grenzen. »Es war wie der Tag des Jüngsten Gerichts «, erinnert sich der Mediziner. In der Nacht prasselten Raketen vom Typ »Volcano« und »M14« auf von Rebellen beherrschte Vororte bei Damaskus. Sie landeten in Wohnhäusern, auch in der Nähe von Moscheen und an einer Grundschule wurden Einschläge gemeldet. Über Funk, so erinnert sich Namour, hörte er die Meldung, dass alle Ärzte sofort ins Krankenhaus kommen sollten. Als er ankam, habe er überall Verletzte gesehen, viele äußerlich ohne Wunden: Menschen, die um Luft rangen, die Krampfanfälle erlitten. Speichel lief aus ihrem Mund. »Sterbende, Tote, es war furchtbar«, sagt Namour. Alles sprach für einen Giftgasangriff. In der Höhle, wie die Mediziner ihr Untergrundspital nannten, rissen sie den Verletzten die Kleider vom Körper und spülten sie mit Wasser ab. Sie spritzten ihnen Atropin als Gegengift. Beatmeten sie. Bis zum nächsten Mittag hätten er und seine Kollegen um jedes Leben gekämpft. In vielen Fällen vergebens.

Mehr als 1000 Menschen starben durch den Chemiewaffenangriff vor sieben Jahren, Männer, Frauen und Kinder. Wie Uno- Experten feststellten, war das eingesetzte Gift Sarin, ein international geächteter Kampfstoff. Salim Namour hatte den Inspekteuren Proben von Blut, Kleidung und Haaren seiner Patienten übergeben. Heute lebt der Arzt im Exil in Europa, der genaue Ort soll geheim bleiben. Der Sarinangriff von Ghuta war der tödlichste Chemiewaffeneinsatz im syrischen Bürgerkrieg. Der Westen hatte den Dik - tator Baschar al-Assad eindringlich vor einem Einsatz von Kampfstoffen gewarnt, der damalige US-Präsident Barack Obama sprach 2012 von einer »roten Linie«. Doch nach der Attacke folgte: nichts. Bis heute musste sich für das Verbrechen niemand verantworten. Auch nicht für die Dutzende weiterer Fälle, in denen das Assad-Regime offenkundig Giftgas gegen seine Bevölkerung einsetzte.

Eine Gruppe von syrischen Menschenrechtsaktivisten und europäischen Völkerstrafrechtlern will sich damit nicht abfinden ,In einer mehrjährigen Recherche haben sie weit über tausend Seiten Beweise zum Sarinangriff im August 2013 in Ghuta sowie zu einer weiteren Attacke mit demselben Nervengift im April 2017 in Chan Scheichun zusammengetragen. Im Oktober haben sie beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe Strafanzeige erstattet. »Wir fordern Ermittlungen gegen die Verantwortlichen für diese furchtbaren Verbrechen«, sagt der in London ansäs - sige Völkerstrafrechtsexperte Steve Kostas von der Open Society Justice Initiative. Von ihr stammt die Anzeige. Beteiligt waren außerdem die Menschenrechtsorganisationen Syrian Archive in Berlin und das Syrian Center for Media and Freedom of Expression in Paris.

Dass sie ihre Anzeige in Deutschland erstatten, ist kein Zufall. Die Bundesrepublik hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass sie willens ist, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Anklage zu bringen – egal an welchem Ort der Erde sie begangen wurden. Täter aus Ruanda, Sklavenhalter der Terrormiliz »Islamischer Staat« (IS) und mutmaßliche Folterknechte aus Syrien hat die Bundesanwaltschaft bereits vor Gericht gebracht. Selbst vor hochrangigen Offizieren in Assads Apparat machen die Ermittler nicht halt. Gegen den inzwischen abgesetzten Chef des Luftwaffengeheimdienstes, Jamil Hassan, erwirkte Generalbundesanwalt Peter Frank 2018 einen Haftbefehl. Ob der syrische General heute überhaupt noch lebt, ist allerdings unklar.

Der SPIEGEL konnte in einer gemeinsamen Recherche mit der Deutschen Welle umfangreiche Unterlagen auswerten, Videos sichten und mit Zeugen und Überlebenden des Giftgasangriffs von Ghuta sprechen. Die Indizien gegen das Assad- Regime sind erdrückend.

Die Nichtregierungsorganisationen machen zehn Männer aus dem syrischen Machtapparat für den Sarinangriff von 2013 verantwortlich. Es sind Militärs wie der 60 Jahre alte Brigadegeneral Ghassan Abbas, der damals die Abteilung 450 im Zentrum für wissenschaftliche Studien und Forschung leitete. Hinter dem harmlosen Institutsnamen verbirgt sich Geheimdiensterkenntnissen zufolge auch das syrische Chemiewaffenprogramm. Abbas soll vor dem Angriff auf Ghuta das Beladen der Raketen mit chemischen Kampfstoffen beaufsichtigt haben, auch die Europäische Union hält ihn für einen der Organisatoren der Attacke. Die Verantwortung für das Verbrechen, da sind sich die Menschenrechtler sicher, reicht bis hoch zum Präsidenten und seinem unmittelbaren Umfeld. Sie machten einen syrischen Offizier ausfindig, der dem Regime den Rücken gekehrt haben soll. Dieser behauptet, dass Baschar al-Assads jüngerer Bruder Maher den Befehl für den Chemiewaffenangriff gegeben habe. Unabhängig überprüfen lässt sich seine Aussage bislang nicht, der Name des Überläufers wird geheim gehalten. Allerdings hatte der SPIEGEL bereits vor sieben Jahren von einem Uno-Mitarbeiter Hinweise auf eine mögliche Verwicklung Maher al-Assads in das Massaker bekommen (SPIEGEL 36/2013). Das Regime weist bis heute jegliche Schuld von sich.

In den kommenden Tagen wollen die Nichtregierungsorganisationen zusätzliches umfangreiches Beweismaterial zu den Sarinangriffen von 2013 und 2017 in Karlsruhe einreichen. Hadi al-Khatib stellt es gerade zusammen. Der IT-Spezialist sitzt im Erdgeschoss eines grauen Hauses nahe der Berliner Stadtautobahn. Dort hat das von ihm gegründete Syrian Archive seine Büros, an den Wänden hängen Bilder von Streumunition, die Assads Armee einsetzt. Khatib, der seit 2011 in Deutschland lebt, hat in den vergangenen Jahren eine Art digitales Gedächtnis der Kriegsgräuel geschaffen. Mehr als 3,5 Millionen Videos aus Syrien hat er aus dem Netz gefischt und auf seinen Servern gespeichert, bevor sie gelöscht werden konnten. Sie stammen von YouTube, Twitter und Facebook oder wurden dem Archiv von Aktivisten in Syrien zugeschickt.

Khatib und seine Leute versuchen, die Aufnahmen zu verifizieren. Sie analysieren die in den Dateien versteckten Geoangaben, gleichen sie mit Satellitenaufnahmen ab. Sind auf Bildern Geschossteile zu sehen, prüfen sie, ob das Regime solche Munition einsetzt – und damit vermutlich für den Angriff verantwortlich ist. So soll es auch im Fall von Ghuta gewesen sein.

 

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