Betroffenheit reicht nicht

Nie wieder Moria. So lautete das Versprechen der EU nach dem Großbrand im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos im September. 

Tausende Menschen wurden damals über Nacht obdachlos. Die Betroffenheit war groß quer durch alle politischen Lager. SPD-Chefin Saskia Esken sprach von einer »Schande für Europa«. »Die Bilder aus Moria lassen niemanden kalt«, sagte Österreichs Kanzler Sebastian Kurz. Für einen Moment sah es so aus, als würde sich durch die Katastrophe von Moria etwas ändern, als würde die europäische Migrationspolitik libera - ler werden, menschlicher. Knapp vier Monate später muss man feststellen: Nichts hat sich verbessert im Umgang Europas mit Geflüchteten, nicht auf Lesbos und nirgends sonst. Die griechischen Behörden haben auf Lesbos ein neues Zelt - lager hochgezogen, Kara Tepe. 

Es liegt auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz. Was Flüchtlinge und Helferinnen von dort berichten, klingt dystopisch: Es gibt kein warmes Wasser. Krankheiten breiten sich aus. Helfer fanden ein dreijähriges Mädchen blutend in einem der Waschräume. Es soll vergewaltigt worden sein. Doch anders als im Herbst interessiert sich in Europa heute kaum jemand mehr für das Schicksal der Geflüchteten auf Lesbos. Deutsche, Franzosen, Österreicher sind zu sehr mit sich selbst und mit Corona beschäftigt, als dass sie sich für die Menschenrechtsverletzungen an den europäischen Grenzen interessieren würden. 

Der Ausnahmezustand wird in der EU-Migrationspolitik zum Normalzustand, nicht nur auf Lesbos, sondern auch an der kroatisch-bosnischen Grenze, wo Flüchtlinge in Wäldern hausen, oder auf den Kanaren, wo gerade jede Woche Mi granten aus afrikanischen Ländern stranden. Auf Dauer wird die Europäische Union das Elend an ihren Rändern nicht ignorieren können, ohne selbst Schaden zu nehmen.

 

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