Corona-Zampano Berset

Der frühere Chefredaktor der NZZ am Sonntag, Felix E. Müller, hat in vier mehrstündigen Gesprächen mit Bundesrat Alain Berset über die Corona-Krise diskutiert. Entstanden ist daraus ein Buch in Interviewform, das am 9. Dezember unter dem Titel «Wie ich die Krise erlebe» erscheint. Während das Coronavirus noch immer Menschen tötet, Unternehmen in den Ruin treibt und viele Menschen arbeitslos macht, inszeniertsich der Gesundheitsminister dieses Landes als Zampano der Krisenbewältigung. Das ist typisch für Berset. Er liebt die Macht und mit ihr die Aura des Amtes.

Das kommt im Bundeshaus schlecht an. Bersets Buch ist hier am Rand der Wintersession ein kontrovers diskutiertes Thema. Die Krise sei ja alles andere als bewältigt, betont der Oberwalliser CVP-Nationalrat Philipp Matthias Bregy. Ein Buch über das bisherige Krisenmanagement sei darum etwas gar verfrüht. Der Gesundheitsminister lasse es hier am nötigen Feingefühl fehlen. Ein anderer fragt, was dieses Buch denn konkret zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie beitrage. Der Luzerner FDP-Ständerat Damian Müller sagt, die Schweizer Bevölkerung erwarte, dass ein Bundesrat prioritär die Corona-Krise bekämpfe und nicht Journalisten helfe, Bücher zu verfassen. Der frühere SVP-Präsident Albert Rösti wundert sich, dass der Gesundheitsminister die Zeit findet, um an einem solchen Buchprojekt überhaupt mitzuarbeiten. Nicht einmal bei seinen Parteileuten bekommt Berset gross Applaus. Der Berner SPNationalrat Matthias Aebischer wirft wohl aus Verlegenheit die Frage auf: «Über welchen Bundesrat gibt es eigentlich noch kein Buch?» Der Bündner SP-Nationalrat Jon Pult hebt die Schultern und sagt: «Eigentlich braucht es für ein Interview nicht viel Zeit.»

Wenn es um Gesundheit und Krankheit geht, steht der Gesundheitsminister im Zentrum der Aufmerksamkeit. Davon hat der bis dahin in zentralen Dossiers wie dem der AHV eher glücklos agierende Bundesrat Berset stark profitiert. Die Frage ist, warum es noch ein Buch braucht. Die Zeitungen und Zeitschriften sind voll mit wohlwollenden Artikeln. Die Tamedia-Redaktion kürte Berset vor einigen Monaten zum besten Bundesrat. Die NZZ schrieb euphorisch von dessen Aufblühen während der Corona-Krise. Das war, als die Corona-Zahlen zurückgingen und Berset sich am Samstagabend per Video am Schweizer Fernsehen zur besten Sendezeit präsentieren durfte. «Wissen Sie, ich bin zurzeit fast ständig im Büro», erzählt er bei einer Live-Schaltung ins SRF-Studio.

Die Glückspost präsentierte Berset in einer herzzerreissendenTitelgeschichte als perfekten Ehemann und Familienvater, der während des Shutdowns im Frühjahr unter der Trennung von Frau und Kindern litt. Heute stellen sich allerdings andere Fragen als im Frühjahr. Hat Berset gehandelt, woman handeln musste? Warum überflutete im Herbst die zweite Welle das Land? Welche Fehler hat Berset gemacht? Ist er als Krisenmanager überhaupt tauglich? Was man derzeit mit Gewissheit sagen kann: Berset hat nicht unauffällig und pflichtbewusst den Job erledigt, wie die Glückspost in ihrem Artikel dichtete. Sonst müsste erjetztnichtan einem zweifelhaften Heldenmythos feilen.

 

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