Das Luxusproblem

Julian Kögel, 32, saß schon auf dem Schoß von Nelson Mandela, Bill Clinton brachte ihm Kartenspielen bei, er speiste mit dem Dalai Lama, Königin Silvia und George Clooney; alles Gäste seines Vaters. Auf die Frage, welche Persönlichkeit ihm am meisten imponiert habe, sagt er: »Der Papa.« Papa Karlheinz Kögel, 74, ist ein Selfmademan. 

Der gelernte Schreiner und Ex- Radio-DJ gründete 1976 das Marktforschungsunternehmen Media Control und 1987 den Reiseanbieter L’Tur, seine Jackpots. Ein Vierteljahrhundert lang verlieh er den Deutschen Medienpreis an Berühmtheiten von Weltrang. Das »manager magazin« schätzte Kögels Vermögen vori - ges Jahr auf 300 Millionen Euro. Sein Sohn hatte als Unternehmer bislang weniger Fortune. Weder mit der Modemarke Les Éclaires noch mit dem Schmucklabel Crow’s Nest traf er den Zeitgeist. Er habe viel Geld verbrannt, sagt er, »auch Papas Geld«. Woran er scheiterte? »An mir selbst. Ich war jung und blöd. Heute bin ich dankbar, dass ich diese Fehler machen durfte.« Damals aber, 2017, fiel er in ein Loch. 

Auf dem Jakobsweg suchte er den Sinn des Lebens, unter Schmerzen, »mein rechter Fuß schwoll an, ich warf täglich vier Ibuprofen 800 ein«. Am Ende wusste er, wo künftig sein Platz sein würde: im väter - lichen Imperium. Dort entwickelt er nun das Reiseportal Holidays.ch weiter. »Noch bin ich für viele das Söhnchen«, sagt er. »Aber ich will, dass die Leute mich für etwas respektieren, das ich selbst geschaffen habe. Mein Ziel ist es, aus Papas Schatten herauszutreten. Zugleich weiß ich, dass ich ihm nie ebenbürtig sein werde. « Es ist ein besonderes Los. Andererseits: So weit wie Kögel senior bringt es kaum jemand. 75 Jahre Frieden und Jahrzehnte des Aufschwungs haben Deutschland einen nie da gewesenen Wohlstand beschert. Die Bundesbürger haben 6,6 Billionen Euro allein an Geldvermögen angehäuft, hinzu kommen Immobilien- und Betriebsver - mögen. Doch dieser Schatz ist verdammt ungleich verteilt. Das reichste Hundertstel der Gesellschaft besitzt etwa ein Drittel davon. Diese Oberschicht befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Umbruch. Eine neue Generation übernimmt Verantwortung. Sie eint, dass sie jung, erfolgreich und vermögend ist. Sie trennt, dass sie sehr unterschiedlich zu ihrem Geld gekommen ist – und auch deshalb aus völlig verschiedenen Blickwinkeln auf Reichtum schaut, auf die Wirtschaft, aufs Land. Da sind die Gründer, die zur richtigen Zeit eine zündende Geschäftsidee hatten, dazu Courage, Glück und solvente Investoren. Es ist ein seltener, mitunter steiniger Weg nach ganz oben. Wer auf Nummer sicher gehen will, kommt besser schon wohlhabend zur Welt. 

Wie jene Söhne und Töchter der High Society, die im elter - lichen Betrieb aufrücken. Manche wurden von klein auf darauf gedrillt, die Dynastie fortzuführen. Manche aber entfliehen ihrem Clan; den guten Namen und das Kapi - tal nehmen sie mit und machen ihr eigenes Ding. Die einen sind in dem Bewusstsein aufgewachsen, etwas Besonderes zu sein, haben Privatschulen besucht, wo sie unter ihresgleichen lernten, und Eliteuniversitäten. Die anderen haben sich diesen Status erst erarbeitet, sie kennen noch das andere, eher normale Leben. Sie alle werden Deutschland mitprägen in den kommenden Jahrzehnten. Wie sie leben, woran sie glauben, ist nicht nur Stoff für »Bunte« und RTL, sondern von gesellschaftlicher Relevanz. Was haben sie mit ihrem Geld vor? Die Welt verbessern oder nur den eigenen Kontostand? Bewahren oder Neues wagen? Die Antworten darauf sind essenziell für Deutschlands Zukunft. Jede funktionierende Volkswirtschaft braucht einen gesunden Rhythmus aus Tradition und Innovation, braucht Standbein und Spielbein. In den letzten Jahrzehnten war Deutschland eher aus dem Takt geraten, es überwog Sicherheitsdenken, die großen Erfindungen und das Risiko spielten woanders. Ändert sich das mit dieser Generation? Vermögensforscher Thomas Druyen ist davon überzeugt. Die neuen Reichen hätten nicht nur andere Fähigkeiten als die Generationen vor ihnen, sie dächten ganz anders über ihr Geld nach (siehe Interview Seite 18). Sie fragten sich »viel häufiger, wie sie mit ihrem Vermögen die Welt verbessern können. Greta, nicht Geissens, heißt die Losung«. Der SPIEGEL hat seit Jahresbeginn sowohl millionenschwere Erben als auch Gründer begleitet. Es war nicht einfach, junge Reiche zu finden, die öffentlich über ihr Leben sprechen wollen. Das liegt an der Scheu, über Geld zu reden, die in Deutschland ausgeprägt ist. Aber auch an individuellen Befindlichkeiten: Wenn Person X in derselben Geschichte auftauche, wolle man darin keinesfalls vorkommen. 

Vor allem Frauen zeigen sich zurückhaltend, weshalb sie in diesem Text leider unterrepräsentiert sind. Sie sei »keine Person des öffentlichen Lebens« und habe kein Interesse, diesen Status zu ändern, lässt eine Milliardärin, Ende zwanzig, übermitteln. Eine Gründerin schreibt, sie konzentriere sich aufgrund der aktuellen Lage nur auf ihr Unternehmen »und meine kleine Tochter«. Und dann gibt es noch jenen jungen Herrn, der fröhlich berichtet, wie er sein Erbe verjubelt, danach aber von seinem Anwalt zurückgepfiffen wird, weil das Finanzamt sonst womöglich spitzkriegt, dass die Millionen in Panama deponiert sind. Was am meisten erstaunt: Selbst jenen, denen es an nichts fehlt, ist Neid nicht fremd. Da ist der Gründer, der sich abschätzig über Erben äußert, »weil die nichts leisten müssen«; da ist die reiche Familie A, die über die reiche Familie B lästert, sie verprasse nur das Geld des verblichenen Patriarchen. 

Alles nicht zitierfähig, versteht sich. Andere wiederum sind furchtlos, sie erzählen von Ambitionen, Niederlagen, Druck, Hybris, schlechtem Gewissen und hinterfragen, ob ihr Reichtum sie eigentlich glücklich macht. Wie Julian Kögel, der ohnehin recht offen ist, was sein Leben angeht. Seine 6000 Instagram-Follower kennen das Anwesen der Familie, die Löwen - skulpturen, die den Weg in den Park säumen, und den Blick über den Schwarzwald. Sie wissen, dass Kögel morgens um sieben Hanteln stemmt und abends Party macht, auf Ibiza, in Saint-Tropez oder Berlins Promischuppen Borchardt. Auf einem Foto trägt er Smoking samt Fliege, hat seinen Verführerblick aufgesetzt und hält ein Cocktailglas in die Kamera, wie Leonardo DiCaprio in »Der große Gatsby«. Dass das alles augenzwinkernd gemeint ist, wird klar, wenn man Kögel kennenlernt. Er hat nichts Angeberisches und vermag es, andere für sich einzunehmen. Die Welt als Spielplatz. Das Leben, ein Fest. Es mag schlimmere Schicksale geben, als in eine wohlhabende Familie hineingeboren zu werden. Trotzdem muss man damit klarkommen, wenn der Vater so viel Geld hat, dass man selbst nie arbeiten müsste. Und einen Grund finden, es trotzdem zu tun. Als Jugendlicher sei er »ein kleines Arschloch mit Skateboard« gewesen, sagt Kögel bei einem Treffen im März in Baden- Baden. Er habe stets das Gegenteil dessen gemacht, was sein Vater wollte. Anstatt für die Schule zu lernen, saß er mit Kumpels und einem Tetrapak Sangria auf der Parkbank. 

Die neunte Klasse wiederholte er. Der Wechsel aufs Eliteinternat Salem setzte ihn in die Spur. Er studierte in London Wirtschaft, lebte in Zürich und Berlin. Und jetzt wieder in Baden-Baden. Seine Herkunft sei eine Verpflichtung, sagt er. »Ich will alles aus meinem Leben herausholen. Ich versuche, die beste Version von mir selbst zu werden.« Im März erlebte Kögel, wie das Familienunternehmen ins Trudeln geriet. Wegen Corona kam das Reisegeschäft zum Erliegen. Hunderte Mitarbeiter sind bis heute in Kurzarbeit. Es gab Krisensitzungen, »die tägliche Shitshow«. Mitte des Jahres habe man beschlossen, nach vorn zu denken, sagt Kögel Ende Oktober. Er sitzt im Taxi nach Berlin-Tegel, von dort fliegt er nach London, vor dem zweiten Shutdown schnell seinen Bruder besuchen, der dort als Investmentbanker arbeitet. Eine neue Geschäftsidee hat Kögel auch: Er will versuchen, junge Leute für Pauschalreisen zu begeistern, mit Influencern und Social-Media-Inhalten, die Urlauber selbst generieren. Es ist eine Welt, in der er firmer ist als sein Papa. Es sind meist Väter, die das, was sie erschaffen haben, an ihre Söhne weiter - geben, wie bei Fielmann, Viessmann oder Rossmann; da funktioniert die deutsche Gesellschaft noch sehr traditionell. Oft spielt sich in den Familien dabei eine ähnliche Geschichte ab: Es ist schwer, sich mit dem reichen Vater auseinanderzusetzen, sich von ihm zu emanzipieren, selbst dann, wenn der Patriarch im Leben des Sohnes so gut wie gar nicht aufgetaucht ist. Toni Piëch hat nie mit seinem Vater zusammengearbeitet. 

Trotzdem steht der auf seinem Sideboard in Zürich. Schwarz-weiß und gerahmt schaut er dem Sohn in dessen Büro über die Schultern. Sie sind einander näher als zu Lebzeiten des Alten. Piëch, 42, ist eines der 13 Kinder des verstorbenen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch. Die Eltern trennten sich, als er fünf war. Der Vater war da schon mit Tonis Kindermädchen Ursula zusammen, die später zu seiner Ehefrau wurde. Der Junge wuchs bei der Mutter auf, der Vater und er hatten kaum Kontakt, man rief einander zum Geburtstag an, sah sich alle paar Jahre. Das Schwarz-Weiß-Foto schickte ihm Ursula nach Ferdinands Tod 2019. Manchmal, sagt Piëch, lasse er seinen Vater durch die Firma geistern. Er stellt ihn Mitarbeitern auf den Tisch, »um sie zu erschrecken«, oder nimmt ihn mit in die Buchhaltung, »damit er sich die Zahlen anschaut«. Den Plan, ihn während des Lockdowns zu Hause an die Wand zu hängen, um bei Videokonferenzen Geschäftspartner zu irritieren, verwarf er wieder. Es ist ein skurriler Umgang mit seiner Herkunft. Aber womöglich der gesün - deste. »Wo Geld und Erfolg zusammenkommen, ist die Gefahr von Verbissenheit groß«, sagt Piëch. »Verbissenheit ist der erste Schritt zum Arschlochtum. Meine Ironie schützt mich davor.« Die Kälte und Härte des Vaters hat der junge Piëch nicht geerbt, dessen schrägen Humor schon. Überhaupt wirkt alles fast wie ein Witz. Dass Toni Piëch, der mit Autos nie etwas am Hut hatte, sondern Journalismus lernte, von Peking aus für das chinesische »Wetten, dass..?« arbeitete und sich dann als TV-Produzent selbstständig machte, nun selbst welche bauen will. Mit seiner Firma Piëch Automotive, die er, zurück in Europa, 2015 in Zürich gründete. Im März vorigen Jahres stellte er auf dem Genfer Automobilsalon sein erstes Modell vor, einen elektrisch angetriebenen Sportwagen, den er 2022 auf den Markt bringen will. Sein Kalkül ging auf, die Medien stürzten sich auf ihn, den Mann mit dem berühmten Namen, der durch die Hintertür ins Metier des Vaters einsteigt. 

Dessen Reaktion ließ nicht auf sich warten. »Patriarch Piëch bricht mit seinem Sohn«, titelte »Bild am Sonntag« wenige Wochen später. Zu den Plänen seines Sprosses ließ er sich wie folgt zitieren: »Ich war nie dabei, ich bin nicht dabei und werde nicht bei dem Projekt beteiligt sein.« Kein Lob, kein Vaterstolz. »Ein bissel enttäuscht « sei er schon gewesen, sagt der Sohn. »Aber es war auch ein Ritterschlag, dass mein sehr schweigsamer Vater sich zu meiner Firma geäußert hat.« Es waren die ersten öffentlichen Worte des alten Herrn seit Jahren. Und seine letzten. Sein Sohn holt sich derweil Ex-VW-Leute ins Haus. Zuletzt den früheren Konzernchef Matthias Müller, der seinem Aufsichtsrat vorsitzt. Als Investor hat er PayPal-Mitgründer Peter Thiel gewonnen. Möglich macht ihm das alles sein Name. »Mir ist bewusst, dass viele, die nett zu mir sind, nicht die Person Toni meinen, sondern den Patriarchensohn. Damit spiele ich.« Im September starb seine Mutter nach schwerer Krankheit. Piëch sagt, wenn er ein Vorbild habe, dann sie. »Meine Mama hat mir von klein auf eingebläut, dass ich dankbar sein muss. Wenn ich jemanden von oben herab behandelt habe, hat sie mich in die Schranken gewiesen.« Trotzdem melde sich bisweilen sein schlechtes Gewissen. »Ich lebe ein Leben jenseits von Gut und Böse. Ich kann das nur rechtfertigen, indem ich versuche, die Welt in eine bessere Ecke zu rücken.« Alle Gewinne der Produktionsfirma, die er in China betrieb, seien in wohltätige Zwecke geflossen. Als Nächstes will er eine Stiftung aufbauen. Am Geld sollte es nicht scheitern. Seit Monaten wird die Fehde um den Nachlass des Vaters ausgetragen. Die eine Hälfte könnte Witwe Ursula bekommen, die andere die Kinder. Gestritten wird auch darum, wie viel eigentlich noch da ist. Gemunkelt wird von rund 1,5 Milliarden Euro. Es geht also darum, ob jeder sehr viel bekommt. 

Oder sehr, sehr viel. Piëch sagt, von einem Vater, zu dem man so wenig Bezug hatte, ein so enormes Erbe zu erhalten, »das ist skurril«. Er sei schon privilegiert aufgewachsen, »und jetzt bekomme ich es noch hinterhergetragen«. Ist das zu verstehen als Plädoyer für eine höhere Erbschaftsteuer? Piëch lacht. »Ich bin doch kein Kommunist!« Wer ist eigentlich reich? Wer drei Fer - raris in der Garage hat? Eine Rolex am Handgelenk? Ein Ferienhaus an der Côte d’Azur? Sicherlich die 22 900 deutschen Einkommensmillionäre, aber nicht nur sie. Das IW Köln rechnet so: Als reich gilt, wer das Doppelte des mittleren Monatseinkommens zur Verfügung hat. Singles zählen demnach ab einem monatlichen Nettoeinkommen von 3892 Euro zu den reichsten sieben Prozent. Paare ohne Kinder ab 5294 Euro. Reich werden will jeder, aber kaum einer findet Reiche sympathisch: 62 Prozent der Deutschen halten sie für egoistisch, 49 Prozent für gierig. Und manche lassen sie das auch spüren. Wie jene Teilnehmerin einer Strategiekonferenz der Linken, die im März darüber schwadronierte, wie es sein werde, nachdem »wir das eine Prozent der Reichen erschossen haben«. Oder jene Fußball-Ultras, die den Milliardär Dietmar Hopp im Stadion mit »Huren - sohn«-Transparenten empfingen, weil er sich mit der TSG 1899 Hoffenheim seinen eigenen Verein leistet und so in ihren Augen den sportlichen Wettbewerb verzerrt. Die Studentin Zaza Lüpertz, 24, be - richtet, sie sei als Schülerin »ausgegrenzt worden, weil mein Vater in der Öffentlichkeit steht«. Für Instagram inszeniert die Tochter von »Malerfürst« Markus Lüpertz ihr Leben heute wie einen Dolce&Gabbana- Werbespot; ebenso ihre Schwester Lilli, 26. Auf der Waldorfschule in ihrer Heimatstadt Karlsruhe hingegen hätten sie nie teuren Schmuck oder Designer - klamotten getragen, sagt Lilli Lüpertz. Sobald Freunde bei ihnen zu Hause gewesen seien, in einer ehemaligen Fabrikhalle mit einer sechs Meter hohen Eingangshalle, »hatten sie natürlich ihre Vorurteile«. Zaza Lüpertz war die Erste in der Klasse, die ein eigenes Auto besaß. 

Morgens habe sie drei Stopps eingelegt, um Freundinnen einzusammeln, die sonst die Straßenbahn hätten nehmen müssen: »Wir wollten nie, dass unsere Klassenkameraden denken, uns gehe es wahnsinnig viel besser als ihnen.« Es gibt verschiedene Arten, mit Reichtum umzugehen. Man kann zu ihm stehen. Man kann ihn leugnen, wie es der Wirtschaftsanwalt und CDU-Politiker Friedrich Merz tut, der sich als Millionär zur »gehobenen Mittelschicht« zählt. Oder man versucht, das ramponierte Image seines Standes zu reparieren, wie Sarna Röser, Bundesvorsitzende des Verbandes der Jungen Unternehmer. Röser, 33, übernimmt bald in vierter Generation die familieneigenen Zementrohr- und Betonwerke. Das Bild von Unternehmern hält sie für »völlig verzerrt«: »Wir sind keine cocktailschlürfenden Faulpelze, die in der Hängematte rumliegen und ihren vermeintlichen Reichtum genießen.« Gewinne würden in Familienunternehmen in neue Technologien reinvestiert oder für Krisenzeiten gespart. »Es ist kein Geld zum Verprassen da.« Unternehmer sollten öfter ihre Stimme erheben und erklären, was sie tun. Nur bitte nicht wie Verena Bahlsen, deren Einlassungen »nicht hilfreich « gewesen seien. Kekserbin Bahlsen, 27, wollte es anders machen, im Mai 2019 auf der Hamburger Digitalkonferenz OMR. »Ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen, und da freue ich mich auch drüber«, rief sie. »Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen von meiner Dividende und so was.« Zugleich fügte sie hinzu: »Ich scheiß auf Wirtschaft, wenn Wirtschaft nicht ein Vehikel ist, um uns als Gesellschaft nach vorn zu bringen.« Wer an jenem Tag dabei war, erlebte eine inspirierende Rede. Für einen Moment sah es aus, als könnte die rothaarige Frau mit der Latzhose zu einer Stimme ihrer Generation werden, neben Luisa Neubauer von Fridays For Future oder YouTuber Rezo. Stattdessen ging so ziemlich alles schief. 

Zitiert wurde meist nur der erste Teil, der mit den Jachten. Ihr wurde vorgeworfen, dass ihr Unternehmen in der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt hatte. Gegenüber »Bild« ließ sie sich daraufhin zu der Aussage hinreißen, ihre Familie habe die Zwangsarbeiter »gut behandelt«. Ein dämlicher Satz, der sie als NS-Verharmloserin dastehen ließ. Das Satireblatt »Titanic« zeigte sie neben Hitler und Goebbels mit der Zeile »100 Jahre NSDAP«. Verena Bahlsen ist seither nicht mehr öffentlich aufgetreten. Man kann deshalb verstehen, dass Bonita, 31, und Wolfgang Grupp junior, 29, zurückhaltend sind, wenn sie über ihr Vermögen reden. Die beiden zählen zu den bekanntesten Vertretern des familieneigenen Textilherstellers Trigema, nach ihrem Vater und dem Affen aus den TV-Spots. Aus der Frage, wer von beiden das Unternehmen erben wird, hat ihr Vater einen öffentlichen Wettlauf gemacht. Es ist Mitte Oktober, als die Geschwister zum Videointerview zugeschaltet sind, aus dem Firmensitz in Burladingen, Baden- Württemberg. Beide wählen ihre Worte mit Bedacht, anders als sonst ihr Vater. Wolfgang Grupp senior zieht als Lautsprecher durch die Talkshows, mit Anzug, Einstecktuch, stets topgebräunt. Er zeigt gern, was er hat. Seinen Helikopter. Seine Villa. Seinen Pool. Bonita Grupp ist bemüht, jeden Eindruck vom Pomp zu vermeiden. Sie sagt, aus teuren Marken habe sie sich nie etwas gemacht. Handtaschen etwa seien ihr als Teenager nie wichtig gewesen. Ihre erste habe sie zum 18. Geburtstag von ihrer Patentante bekommen, sie trage sie noch heute. Auf Nachfrage sagt sie, dass die von Versace sei, es ist ihr sichtlich unangenehm. »Wir geben nicht an. So sind wir nicht.« Die Geschwister mögen leiser sein als ihr Vater, doch seine Werte teilen sie. Grupp senior fordert die persönliche Haftung von Unternehmern. Und preist sich selbst dafür, dass er komplett in Deutschland produzieren lässt. »Wir stehen voll hinter dem, was unser Vater sagt«, beteuert Wolfgang der Jüngere. Sie haben sogar ähnliche Sinnsprüche parat wie er. »Geld ist nicht einfach da, man arbeitet dafür«, sagt Bonita. Und ihr Bruder: »Wir sind uns für keine Arbeit zu schade.« Als Beispiel nennt er die Karwoche, als die Produktion von Corona-Schutzmasken bei Trigema auf Hochtouren lief. Er, seine Schwester und die Eltern hätten in einer Nachtschicht selbst Pakete gepackt, um noch vor Ostern die Kunden zu beliefern. 

Die jungen Grupps leben für ihr Unternehmen, eine Vision für das Land ist nicht erkennbar. Trotzdem gestalten sie es mit. Burladingen ist Deutschland im Kleinen. Ihr Unternehmen stellte in den vergan - genen Jahren Flüchtlinge ein, die kein Deutsch konnten, und organisierte Sprachkurse. Und obwohl viele qualifizierte junge Leute aus Burladingen wegziehen, weil sie lieber studieren, als bei Trigema zu arbeiten, bieten die Grupps nach wie vor jedem Kind eines Mitarbeiters einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz an.Vor Wahlen berate sich die Familie, sagt Bonita Grupp. Man sei sich meist einig. Grupp senior, der als CDU-nah gilt, sprach sich unlängst öffentlich für Friedrich Merz als Parteichef aus. Seine Kinder geben sich da verhaltener. Im vergangenen Jahr wurden sie von der örtlichen CDU gefragt, ob sie sich für den Gemeinderat aufstellen lassen wollten. »Als Unternehmer müssen wir mit jeder Partei gut auskommen«, sagt Bonita Grupp. »Deshalb haben wir verständlicherweise abgelehnt.« Manchmal scheint es, dass die Erben - generation zaghafter ist als die vorige, aus Angst, zu verspielen, was Eltern und Großeltern aufgebaut haben. 

Keiner will es der dritten Generation der Buddenbrooks gleichtun, die das Familienunternehmen in den Abgrund riss. Das führt dazu, dass sie meist sehr korrekt auftreten, bisweilen spießig und mutloser wirken. Sie sind ein wenig wie das ganze Land: Gewöhnt an ein enormes Wohlstands - niveau, prägt sie mehr die Furcht vor dem Niedergang als die Lust darauf, es der Welt noch mal zu zeigen. Die reichen Erben sind da nicht anders als die meisten Deutschen. Die glauben mehrheitlich auch nicht mehr daran, dass es ihren Kindern einmal besser gehen wird als ihnen. Die Verlänge - rung der Gegenwart wäre vielen als Zukunftsversprechen schon genug. Dass einer von ihnen nach vorn prescht, kommt eher vor, wenn er außerhalb des Familienimperiums aufgewachsen ist, wie der junge Piëch. Manche bremsen ihren Vater sogar, weil er ihnen zu forsch ist in diesen unsicheren Zeiten. Man kann das ganz gut beobachten in einem Büroloft in Berlin-Mitte, an den Gerhards. 

An Stephan Gerhard, 66, Gründer und Nochchef der Solutions Holding, und seiner Tochter Ronja, 28, die am 1. Januar die Leitung der Firma übernimmt. Auf ihrer Visitenkarte steht bereits: »CEO«. Solutions investiert in Hotels und Klubs, managt Sportler, berät Gastronomen und Hoteliers, richtet ein, stattet aus, etwa bei Lufthansa und Steigenberger. 3000 Menschen arbeiten in den Unternehmen, an denen die Gerhards beteiligt sind, 36 Gesellschaften auf der ganzen Welt gehören ihnen, mit Unterfirmen kommt man leicht auf das Doppelte. Wert des Konglomerats: 50 Millionen Euro. Vor Corona waren es 60 Millionen. Alles fing vor 46 Jahren an, als Stephan Gerhard in Stuttgart Hotelkaufmann lernte. Seither arbeitet er sechs Tage die Woche, 50 Wochen im Jahr, überall auf der Welt. Nie länger als drei Tage an einem Ort, immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten, Geld zu verdienen. 

Fliegen ist seine Leidenschaft, natürlich ist er HON bei der Lufthansa, Mitglied im elitären Klub der Viel-Viel-Vielflieger. Fragt man nach seinem Hobby, sagt er: »Die Arbeit ist das, was mir unheimliche Freude bereitet, ich tue kaum etwas, das nicht auch der Firma nützt.« Fragt man Ronja Gerhard, sagt sie ebenfalls, dass sie gern arbeite. Allerdings auch mal nebenbei, im Liegestuhl, mit dem Laptop auf den Knien, am liebsten dort, wo es sich gut surfen lässt, in Kapstadt etwa. Der Vater sagt über die Tochter, leicht vorwurfsvoll, sie mache viele Trends nicht mit. Die Tochter kontert, sie sage eben nicht zu jedem Deal Ja. »Du bist schon ein Getriebener!«, wirft sie ihm an den Kopf. Er stellt Wachstum über alles. Sie nimmt das Wort nicht einmal in den Mund. 

Ronja Gerhard ist damit womöglich typisch für die eine Gruppe der jungen Reichen, die Erben. Sie sind Bewahrer. Verteidiger. Es ist ein dauerhaftes Spiel gegen den Abstieg aus der Champions League. Sie stehen damit für den Teil Deutschlands, der immer noch die Wirtschaft dominiert. Traditionsfirmen, große Namen, altes Geld. All das bildet auch die Liste mit den reichsten Deutschen ab, jährlich erstellt vom »manager magazin«. Auf den Spitzenplätzen die immer gleichen Namen. Vornweg die Reimanns, sie stecken hinter Jacobs Kaffee oder Calvin Klein, geschätzte 32 Milliarden Euro schwer. Auf Platz zwei, mit 30 Milliarden, das Lidl-Phantom Dieter Schwarz. Gefolgt von den BMWErben Susanne Klatten und Stefan Quandt mit 25 Milliarden Euro. Und so weiter. Sie bilden das Fundament dieses Landes. Aber voranbringen, mit neuen Gedanken füttern müssen es andere.

 

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