Der Feind in meinem Chat


 Ein Mann verfolgt fast zwei Jahre lang eine Frau, am Ende tötet er sie. Der Prozess gegen ihn zeigt, wie Stalker Technik und soziale Medien nutzen, um ihre Opfer auszuspionieren.

Der Angeklagte nimmt im Gerichtssaal Platz, er trägt ein Holzfällerhemd, dunkelblaues Sakko, die Jeans an den Knien aufgeschnitten. Er hat viel Zeit in seine Frisur investiert, als müsste er zur Arbeit in die Dessauer H&M-Filiale. Dort, wo er die Frau traf, die offenbar diese Begegnung mit dem Leben bezahlte. Patrick S. ist 35 Jahre alt, er studierte Wirtschaftsmathematik, dann Wirtschaftsund Politikwissenschaft, Bachelor-Abschluss. 

Er wohnte bei seinen Eltern und arbeitete bis zu seiner Festnahme als Aushilfe in der Kinderabteilung der Modekette H&M. Für anderes hatte er keine Zeit. Sein Leben drehte sich um Sophie N., 23 Jahre alt, eine ehemalige Arbeitskollegin. Fast zwei Jahre lang stellt er ihr nach, be obachtet und verfolgt sie. Am 10. Januar dieses Jahres klettert er nach eigenen Angaben über den Balkon ihrer Wohnung in Hannover. Er legt sich stundenlang unter das Bett ihrer Mitbewohnerin. Irgendwann kriecht er hervor und stürmt ins Bad. Mit einem Klappmesser soll Patrick S. die Halsschlagader der jungen Frau durchtrennt haben. Staatsanwältin Wiebke Gratz wirft ihm Mord vor. Die Eltern der Getöteten sitzen dem mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter gegenüber, sie sind Nebenkläger im Ver - fahren vor dem Landgericht Hannover. 

Die Mutter ist schmal, seit der Tat arbeitsunfähig, sie hat in ihrer Wohnung mit den Möbeln der Tochter deren WG-Zimmer in Hannover nachgestellt. Als würde sie eines Tages wieder nach Hause kommen. Der Vater sitzt stumm vor Schmerz im Gerichtssaal. Zu jedem Verhandlungstermin fahren die Eltern mit ihren Anwälten von Dessau nach Hannover. Seit gut 13 Jahren gibt es in Deutschland im Strafgesetzbuch den Paragrafen 238, er stellt es unter Strafe, einer anderen Person nachzustellen. Der polizeilichen Kriminalitätsstatis - tik zufolge werden pro Jahr fast 19000 Fälle von Stalking angezeigt. 83 Prozent der Opfer sind laut einer Studie des Zentralins tituts für Seelische Gesundheit in Mannheim Frauen, 87 Prozent der Täter sind Männer. Die Dunkelziffer gilt als hoch. Auch etlichen jener rund 120 Frauen, die 2019 von ihrem Partner oder Ex-Partner umgebracht wurden, wurde vorher nachgestellt. 

Aber Sophie N. und Patrick S. waren nie ein Paar. Und sie ahnte nicht, wer ihr nachstellte. Patrick S. kannte trotzdem nicht nur ihre Anschrift und die ihrer Verwandten und Freunde, ihre Arbeitszeiten und ihre Gewohnheiten. Er hatte sich Kontrolle über ihr Smart - phone verschafft, kannte ihre Passwörter, konnte jeden Chat lesen, ihre Telefonate mithören, ihren Standort überwachen, ih - re Pläne nachverfolgen. Er konnte ihre Fotos sehen, ihre Sprachnachrichten abhören. Über ihr Smartphone teilte sie, ohne es zu wissen, fast ihr ganzes Leben mit ihm. Die Technik kann es Menschen, die anderen nachstellen wollen, erleichtern, ihre Opfer fast komplett zu überwachen. 

Ohne das Risiko einer sofortigen Entdeckung. Cyberstalking nimmt zu. Patrick S. verwendete den Ermittlungen zufolge dafür Apps, sogenannte Stalkerware. Diese lässt sich auch ohne großes technisches Wissen installieren. Solche Apps kosten keine hundert Euro. Dann schicken sie alle Daten direkt an den Auf - traggeber. Patrick S. lernt Sophie N. im Sommer 2017 in einer H&M-Filiale in Dessau kennen. Er jobbt dort parallel zum Studium. Sophie N. will die Zeit zwischen ihrer Ausbildung und dem Beginn ihrer Tätigkeit als Stewardess überbrücken. Ihre Großtante, die seit 25 Jahren bei der Modekette arbeitet, hat ein gutes Wort für sie eingelegt. Dem Gericht erzählt sie, die Belegschaft habe sich darüber mokiert, wie Patrick S. um Sophie N. herumgockelte. »Er war immer in ihrer Nähe, auch auf Betriebsfeiern«, sagt die Großtante, obwohl er sonst einsilbig und introvertiert gewesen sei. Sophie N. mag Patrick S., für sie ist er ein netter Kollege, mit dem man nach der Arbeit noch was essen geht, mehr nicht. Ihrer Mutter und ihren Freundinnen sagt sie: »Der ist mir viel zu alt!« Ihrer besten Freundin vertraut sie an: »Als Kumpel macht es Spaß, mit ihm Zeit zu verbringen. « Mehr will sie nicht. Freunde und Familie zeichnen im Gericht das Bild einer Frau mit Träumen und Zielen. Sophie N. will als Flugbegleiterin die Welt kennen lernen. Nach dem Abitur macht sie eine Ausbildung zur Tourismus- Eventmanagerin. Als die Firma Thomas Cook pleitegeht, bei der sie zuletzt gearbeitet hat, bewirbt sie sich bei anderen Fluglinien, bekommt mehrere Angebote und entscheidet sich für Austrian Airlines. 

Mitte Februar 2020 will sie nach Wien ziehen. »Sie ist mit sehr viel Leichtigkeit durchs Leben gegangen«, sagt ihre beste Freundin. Im April 2018 macht sie während ihrer Ausbildung ein Praktikum in Barcelona. Sie willigt ein, dass Patrick S. sie dort besucht. Sie sieht ihn, so schildern es ihre Freunde, als Bekannten, der Barcelona kennenlernen und den Trip mit einem unverbindlichen Treffen verbinden will. Patrick S. aber will bei ihr wohnen und jeden Tag mit ihr verbringen. Sie empfiehlt ihm ein Hostel. »Es war schwierig, einen netten Weg zu finden, ihm abzusagen«, erinnert sich Sophies beste Freundin, die zu der Zeit ebenfalls in Barcelona war. »Frauen wollen nicht verletzen, nicht kränken, sie reden sich heraus, machen keine klare Ansage. Aber Männer brauchen klare Ansagen und deutliche Worte«, sagt Wolf Ortiz-Müller, Leiter der Beratungsstelle Stop-Stalking in Berlin. Und so steht Patrick S. mit einer Flasche Wein wieder vor der Tür von Sophie N. und fragt nach weiteren Verabredungen. »Wir überlegten, wie man ihn loswird«, erinnert sich die Freundin. 

Zu seinen H&MKollegen sagt Patrick S. später, die Reise sei »nicht so gewesen wie erhofft«. Im Juli reist er trotzdem noch einmal nach Barcelona. Sophie N. weicht ihm erst aus und weist ihn schließlich deutlich ab. In einer Sprachnachricht berichtet sie ihrer Freundin: »Er war megapissed.« Er habe ihr Vorwürfe gemacht, warum sie ihm nicht eher gesagt habe, dass sie kein Interesse habe. Dann wäre er nicht noch einmal nach Barcelona geflogen. Danach, denkt Sophie N., ist Patrick S. aus ihrem Leben verschwunden. Sie weiß nicht, dass Patrick S. ab jetzt offenbar jeden ihrer Schritte überwacht, ihr folgt, vor ihrem Haus im Auto wartet, bis sie die Rollläden herunterlässt. Stalker empfänden eine Ablehnung oft als »erlittenes Unrecht«, sagt Wolf Ortiz- Müller, der Stalking-Experte. Menschen,wie S. offenbar einer ist, seien »narzisstisch gekränkt«, ihre Gedanken kreisten den ganzen Tag um die Person, die sie abgewiesen habe. Ihre Verzweiflung wollten sie schließlich in Macht verwandeln – indem sie die Person, von der sie sich zum Opfer gemacht fühlten, selbst zum Opfer machten.

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