Der Preis der Freiheit

 

Der Ort, an dem der Brexit schon zu besichtigen ist, liegt rund hundert Kilometer südöstlich von London – und den besten Ausblick hat man von einem Friedhof. Moosbewachsene Grabsteine stehen schief vor der denkmalgeschützten St. Mary’s Church von Sevington, deren Bruchsteinmauern seit rund 900 Jahren den Winden in der Grafschaft Kent trotzen. Es ist kein idyllischer Ort, ein viel befahrener Kreisverkehr befindet sich hinter der Kirche, die Autobahn M20 ist nicht weit, sie führt ins gut 30 Kilometer entfernte Dover, wo England an einer Steilküste endet. 

Seit dem Sommer ist es mit der Friedhofsruhe in Sevington jedoch endgültig vorbei. Damals rückten, praktisch über Nacht, Bagger und Raupen auf einem knapp 27 Hektar großen Areal direkt neben der Kirche an. Sie walzten eine struppige Wiese mit Mohn, Kreuzkraut und Brombeerbüschen nieder und verwandelten sie in einen monströsen Notfallparkplatz mit Zollhaus. 

Er soll bis zu 2000 Lastwagen aufnehmen können, wenn es vom 1. Januar an zu Chaos an den Grenzen des Königreichs kommen wird. Schon in diesen Tagen hätte man das Asphaltgelände gut gebrauchen können. Am Sonntag untersagten Frankreich und fast alle anderen EU-Staaten jeglichen Personen- und Warenverkehr aus Großbritannien, um sich gegen die dort aufgetauchte Mutation des Coronavirus zu schützen. Auf den Straßen rund um Dover stauten sich daraufhin noch mehr Lastwagen als in den vergangenen Wochen. Fisch und Gemüse drohten zu verrotten, der Ärger kochte hoch. Es war, als würde den Briten der endgültige Brexit schon vor Weihnachten beschert. Aber in Sevington konnte man leider nicht helfen. Weil es im Königreich seit Wochen ausgiebig regnet, erinnerte die »Binnengrenzanlage« zuletzt bisweilen an einen künstlichen See. Sie wird nun erst Ende Februar fertig. Für manche kommt der Brexit auch nach viereinhalb Jahren noch zu früh. Sevington ist nicht der einzige Ort, an dem sich das Land auf das Unvermeidliche vorbereitet. An etlichen Plätzen entlang der Küste werden gerade alte Rollfelder freigeräumt, frühere Militärflughäfen umgewidmet und Brachflächen asphaltiert, um Platz zu schaffen für Lieferwagen. 

Die Menschen in Kent, wo notfalls sogar eine ganze Autobahn gesperrt werden soll, nennen die Bauten »Farage Garages« – nach dem rechten Polit-Lautsprecher Nigel Farage, neben Boris Johnson einer der Hauptverantwortlichen für den Brexit. Mobile Toiletten für Tausende Lkw-Fahrer will die Regierung bis Ende Dezember allein hier im Südosten an den Straßenrändern abstellen, damit Kent – der »Garten Englands« – nicht zum Abort Britanniens wird. Mehrmals ließ die Regierung zuletzt an den Fracht- und Fährhäfen des Landes den Ernstfall durchspielen. 

Aber was sie auch im günstigsten Fall nicht wird verhindern können, ist dies: Für Millionen Briten wird der Gang in die Freiheit an Staus, Abgaswolken und Plastikklos vorbeiführen. Das hatte man in der Hektik des Jahres 2016 vergessen zu erwähnen. Damals klang Brexit in den Worten der heute Regierenden noch ganz anders. Im April 2016, gut zwei Monate vor dem britischen EU-Referendum, orakelte Michael Gove, heute Brexit-Chefplaner Ihrer Majestät: »Am Tag, nachdem wir für den Austritt gestimmt haben, werden wir alle Karten in der Hand halten und können frei wählen, welchen Weg wir gehen.« Boris Johnson, heute Premierminister, schwor: Es werde »keine plötzlichen Veränderungen « für heimische Unternehmen geben, der volle Zugang zum EU-Binnenmarkt sei garantiert, das neue Wirtschaftswunderland werde Großbritannien heißen. 

Schon damals gab es andere Stimmen. Zum Beispiel die von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die warnte: »Es muss und es wird einen spürbaren Unterschied machen, ob ein Land Mitglied der Familie der Euro - päischen Union sein möchte oder nicht.« Auch für die Briten werde es keine »Rosinenpickerei « geben. Aber für die Brexit- Beseelten in London und anderswo war das nur Gewäsch, Teil des konzertierten »Projekts Angst«, mit dem Ewiggestrige das ehemalige Empire in fortgesetzte EU-Knechtschaft zwingen wollten. Und Johnson & Co. schienen ja auch recht zu behalten. Am Tag, nachdem 17,4 Millionen Briten für den EU-Austritt gestimmt hatten, ging das Vereinigte Königreich nicht unter. Das Bankenherz des Kontinents, die City of London, hörte nicht auf zu schlagen. Unternehmen flohen nicht massenhaft von der Insel. 

Sie erlebte sogar ein kleines Jobwunder. Nur: Mit dem Votum vom 23. Juni 2016 war der Austritt noch lange nicht vollzogen. Und weil die Abstimmung knapp verlaufen war, glaubten viele, die logische Konsequenz werde ein butterweicher Brexit werden, einer, den die Menschen diesund jenseits des Ärmelkanals kaum spüren würden. Großbritannien werde aufs Engste mit der EU verbunden bleiben. Ein zweites Norwegen, nur mit mehr Menschen. So kann man sich täuschen. Zum 1. Januar wird Großbritannien die EU-Zollunion verlassen, der das Land 47 Jahre lang angehörte. Es wird dann auch nicht mehr Teil des EU-Binnenmarktes sein, der 1992 auf den Weg gebracht wurde – maßgeblich angestoßen von der ehemaligen britischen Regierungschefin Margaret Thatcher. Nach nervenzehrenden Verhandlungen, die von Lügen, Gesetzesbrüchen, Verfassungskrisen überschattet wurden, steht der beinahe härtestmögliche Brexit bevor. 

Zur Wahl standen bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe am Dienstagabend nur noch eine vertragslose Scheidung, ein provisorisches skelettöses Abkommen oder ein minimaler Aufschub über das Jahresende hinaus, der nicht mehr als eine Gnadenfrist wäre. Chaos ist in jedem Fall garantiert, die einzige Frage ist, wann es beginnt und wie lange es anhält. Der Brexit hat schon jetzt Milliarden verschlungen und wird noch weitere verschlingen. Er wird Unternehmen an den Rand ihrer Belastungsgrenze führen und den über Jahrzehnte eingeübten Alltag vieler Menschen durcheinanderwirbeln. Nicht nur auf britischer Seite. Und das ist das Best-Case-Szenario. 

Niemand kann jetzt noch behaupten, das alles sei Angstmacherei. Denn anders als 2016 lässt sich in diesen Tagen ganz konkret beobachten, was der Brexit wirklich bedeutet. Und das nicht nur, weil er gerade auf gespenstische Weise mit der zweiten Großkrise – einer aus dem Ruder laufenden Pandemie – verschmilzt. Am Ende eines langen Gesprächs, in dem sie sich bemüht hat, so sachlich wie möglich zu berichten, zögert Julia Stryj kurz und sagt dann: »Ich fühle mich komplett im Stich gelassen – als Person, als Geschäftsfrau und als Neuschottin.« Stryj, eine freundliche 50-Jährige, zog vor 20 Jahren nach Schottland, wo sie ein kleines mittelständisches Unternehmen leitet. Die Just Food Services Ltd. importiert tiefgefrorene Über- und Restbestände der Fisch verarbeitenden Industrie, bereitet sie im nordenglischen Maryport auf und exportiert sie wieder. 80 Prozent ihrer Ware beziehe sie aus der EU, sagt Stryj, rund 95 Prozent gingen dorthin zurück. Seit die Deutsche ihre Firma 2006 mit einem Franzosen gründete, lief das Geschäftsmodell reibungslos – aber so wird es nicht bleiben.

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