Der Weltvermieter


 Willi Ortmayrs Problem liegt drei Etagen über ihm. Es ist das Apartment Nr. 23 in der Auerspergstraße im vierten Stock eines Fünfzigerjahrebaus mitten in Salzburg, Österreich, zwischen Hauptbahnhof und Altstadt. 

Vier Schlafgelegenheiten auf 85 Quadratmeter Wohnfläche wurden dort jahrelang an Touristen vermietet – via Online-Wohnraum börse Airbnb. Ortmayr, 56, wohnt mit seiner Frau in der ersten Etage des Hauses. Als das Paar 2004 die Wohnung kaufte, gab es Airbnb noch nicht. Doch dann wurde der vierte Stock zum Hotel, und der Ärger begann. 

Ortmayr sagt in schönstem Salzburger Singsang: »Wir wollen nicht, dass unser Haus ein Durchhaus wird, wo jeder kommt und geht.« Anfangs, vor etwa sechs Jahren, war er noch hilfsbereit, zeigte den höflichen asiatischen Reisenden die Schlüsselbox zu ihrer Wohnung, gab Tipps für Restaurants und Ausflüge ins Umland. Mit der Zeit aber, sagt Ortmayr, habe sich die Klientel verändert, sei jünger geworden, lauter, rücksichtsloser. Immer öfter stand die Haustür nachts weit offen. Es gab Partys auf dem Dach. 

Gegröle im Treppenhaus. Die Bewohner riefen das Gewerbeamt an und beschwerten sich. Seither wird der Fall geprüft. Kurzzeitige Zimmervermietungen wie diese sind in Salzburg seit diesem Jahr ohne Anmeldung und Registrierungsnummer nicht mehr gestattet. Ortmayr hofft auf ein Ende des Spuks im vierten Stock. Wegen Corona stiegen zuletzt ohnehin kaum noch Touristen im Haus ab. 

Aber das, glaubt er, »wird ja nicht ewig so bleiben«. Davon geht auch der 39-jährige Airbnb- Chef Brian Chesky aus. Er strebt mit seiner Wohnraumvermittlungsplattform, die dem traditionellen Hotelgewerbe schwer zugesetzt hat, in den nächsten Wochen an die New Yorker Börse, mitten in der größten Krise der Branche seit Jahrzehnten. Der Schritt wirkt so verwegen wie die Geburt der Firma, die an einem WGKüchentisch in San Francisco ersonnen wurde. 2007 war es, als Chesky und sein Mitbewohner Joe Gebbia die Idee hatten, drei Luftmatratzen in ihr Wohnzimmer zu legen – daher das »Air« im Namen – und aus ihrer Wohnung nebenher ein Bed&Breakfast zu machen. Im nächsten Jahr gründeten sie Airbnb. 

Das Start-up traf den Zeitgeist der Sharing- Economy, ähnlich wie Uber, WeWork, DoorDash oder Instacart. Airbnb versprach, den Tourismus zu demokratisieren, die Welt zu Gast bei Freunden. Und das alles ganz einfach und ohne Papierkram, dank der Plattform, die an jeder Buchung ein klein wenig mitverdient. An der Idee hat sich seither wenig geändert, an der Größe der Firma viel: Mehr als sieben Millionen Angebote hat Airbnb heute weltweit auf der Liste, in nahezu allen Ländern ist die Plattform präsent. Das Angebot ist zwar in diesem Jahr durch Corona zurückgegangen, ebenso wie Umsatz und Gewinn – das Unternehmen nahm in den ersten neun Monaten dieses Jahres 1,2 Milliarden Dollar weniger ein als noch im Vorjahr und schrieb 700 Millionen Dollar Verlust. Dennoch strebt Chesky an der Börse eine 35-Milliarden- Dollar-Bewertung an und will dort drei Milliarden Dollar einsammeln, um sein Geschäft aus- und die Welt zu einem besseren Ort umzubauen: »Wir vermieten nicht nur Wohnungen. Wir bringen die Vereinten Nationen an den Küchentisch«, formuliert der Gründer gern vollmundig. Ist der Mann größenwahnsinnig? Oder einfach nur sehr clever? Chesky erzählt seinen potenziellen Investoren derzeit eine Geschichte, die fast zu schön klingt, um wahr zu sein. 

Sie handelt von einem Unternehmen, das als eines von wenigen in der Reisebranche von der Corona-Pandemie profitieren könnte, unter anderem weil ihm weder Hotels noch Schiffe noch Flugzeuge gehören, nichts also, was derzeit große Verluste schreiben könnte. Dafür aber besitzt es die Daten von Millionen Menschen, die irgendwann wieder reisen wollen werden. Der Haken an dieser Erzählung: Was, wenn der Firma die Daten gar nichts bringen, weil sie in vielen Metropolen verboten wird? Der Widerstand, insbesondere in Europa, hat sich jedenfalls intensiviert: Nicht wenige Stadtmanager hoffen im Kampf gegen angespannte Wohnungsmärkte darauf, dass Corona dem Geschäft von Airbnb den Garaus macht. Sie vermuten, dass ein Großteil der dort angebotenen Wohnungen nicht nur zwischendurch an Feriengäste vermietet wird, sondern dauerhaft – und so den Einheimischen Wohnraum wegnimmt. Airbnb bestreitet das, diverse Studien belegen indes längst das Gegenteil. 

Mit dem SPIEGEL mag der Konzern vor dem Börsengang über diese und andere Fragen nicht sprechen, Interviewanfragen wurden abgelehnt. In Paris geht Vizebürgermeister Ian Brossat davon aus, dass Airbnb seinen Einwohnern rund 30000 Wohnungen vorenthält, ein Viertel davon in den ersten vier Arrondissements. Für Salzburg kam eine Studie der örtlichen Universität zu dem Schluss, dass Cheskys Plattform dem angespannten Mietmarkt vor allem in der Innenstadt bis zu vier Prozent der Wohnungen entzieht. Überwiegend handelt es sich bei den Angeboten demnach um ganze Apartments, nicht um einzelne Zimmer. »Die Vermieter sind hochprofessionell und -kommerziell unterwegs«, sagt Christian Smigiel, der die Studie leitet. 

Selbst Salzburger Hoteliers sind in die örtliche Airbnb-Vermietung eingestiegen, bieten dort Ferienwohnungen und Apartments an in der Hoffnung, vom Boom zu profitieren. Besonders gut funktioniert Airbnb in jungen, prosperierenden Städten wie etwa Leipzig. Seit zehn Jahren erlebt die Stadt enormen Zuzug, ist um über 100000 Einwohner gewachsen – was nicht ohne Folgen für die Mietpreise bleibt, gerade in beliebten Szenevierteln wie dem Kiez rund um die Eisenbahnstraße. »Das ist heute einer der Orte mit den höchsten Airbnb- Konzentrationen der Stadt«, sagt Marcus Hübscher, der die Entwicklung an der Universität Leipzig untersucht hat. Mit einem solchen Angebot lasse sich ein Vielfaches der Monatsmiete verdienen, bis zu 300 Prozent seien drin. Der Plattform den Kampf angesagt hat auch Berlins neuer Stadtentwicklungs - senator Sebastian Scheel (Die Linke), der in seinem weißen Hemd und dem blauen Pullunder allerdings ziemlich friedfertig wirkt. 

Die deutsche Hauptstadt, sagt Scheel, sei »im Zentrum einer Auseinandersetzung «. Die Bereitschaft von Airbnb, den Wegfall von Wohnraum zu verhindern, sei »nach wie vor nicht ausgeprägt, um es mal vorsichtig zu formulieren«. Wie ein »Flächenbrand« habe sich Airbnb seit 2010 in der Stadt ausgebreitet, sagt Scheel, von Mitte bis in die Randbezirke. Corona habe diesen Brand allenfalls kurzfristig abgeschwächt. 2014 nahm der Senat den Kampf gegen die Wohnungsbörsen auf, reaktivierte das sogenannte Zweckentfremdungsverbot, das die Vermietung einer Wohnung für Ferienzwecke genehmigungspflichtig macht. 14000 Wohnungen, sagt der Senator, habe man seither dem Mietmarkt »zurückgeführt «. Noch immer aber seien etwa 20000 Berliner Wohnungen auf der Plattform zu finden, obschon die Bezirke seither nur 585 Genehmigungen dafür ausgestellt haben. »Das ist schon eine gewisse Diskrepanz«, so Scheel. 60 »Zweckentfremder « hat der Senator im Einsatz: So heißen Mitarbeiter der Ordnungsämter, die durch die Stadt streifen und online prüfen sollen, wo eine Wohnung illegal gelistet ist. Ein mühseliges Geschäft, das der klammen Hauptstadt bislang gerade einmal 5,6 Millionen Euro Bußgelder eingebracht hat. Doch Scheel will mehr, plant ein Wohnungskataster für die Hauptstadt, das Klarheit über den Bestand schaffen und Eigentümerstrukturen transparent machen soll. Auch muss künftig jede Anzeige bei Airbnb verpflichtend die Registrierungsnummer des Besitzers enthalten. »Ein so sensibles Gut wie den Wohnungsmarkt muss man sehr genau kennen«, sagt Scheel. 

»Plattformkapitalisten wie Airbnb scheuen Transparenz wie der Teufel das Weihwasser.« Auch an anderer Stelle formiert sich der Widerstand. Ein europäisches Netzwerk aus Anti-Airbnb-Städten, zu dem neben Berlin auch Paris, Amsterdam, Barcelona oder Lissabon gehören, hat kürzlich bei EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager für eine einheitliche europäische Lösung im Umgang mit den Plattformen geworben. Sie hoffe, dass ein Drittel der angebotenen Ferienwohnungen wieder zu normalen Apartments werde, sagte Barcelonas Vizebürgermeisterin. Er wolle »die Kontrolle zurückgewinnen«, so Paris’ zweiter Rathauschef Brossat. 

Der Europäische Gerichtshof hat unlängst in ihrem Sinne entschieden: Kommunen dürfen die Kurzzeitvermietung via Airbnb verbieten. Auch die Finanzministerien der deutschen Bundesländer hatten gerade mit einer Klage gegen Cheskys Firma vor einem irischen Gericht Erfolg: Airbnb muss künftig die Daten seiner Vermieter mit den Finanzämtern teilen, damit diese eine eventuelle Steuerhinterziehung prüfen können, falls Eigentümer ihre Einnahmen durch die Plattform nicht angeben. Zudem ist eine Klage der Berliner Bezirke anhängig. Auch sie wollen Airbnb vor Gericht zur Herausgabe der Vermieterdaten zwingen. »Wie weit sich das Geschäftsmodell von Airbnb noch lohnt, wenn die Restriktionen schärfer werden, muss man sehen«, gibt sich Senator Scheel siegessicher. So einfach, wie der linke Politiker sich das vorstellt, dürfte es allerdings nicht werden. Schließlich hat nicht nur Airbnb ein Interesse daran, sein Business zu retten, auch Millionen von Vermietern und Gästen weltweit profitieren von der Plattform. Und so stößt Airbnbs Börsengang trotz politischen Gegenwinds bei amerikanischen Analysten auf erstaunlich viel Optimismus. 

Chesky hatte im Mai noch einmal kräftig die Kosten gesenkt und 1900 Angestellte entlassen, ein Viertel seiner Belegschaft. Da im dritten Quartal Buchungen und Umsatz anzogen, konnte er bereits wieder einen Gewinn vermelden. »Airbnb ist besser gegen die Verheerungen der Pandemie gewappnet als die traditionelle Hotelindustrie«, sagt Jay Ritter, Börsenexperte an der University of Florida. Die Firma sei zum einen längst nicht so abhängig von Geschäftsreisen und Konferenzen. Zum anderen habe Airbnb kaum Konkurrenz und gute Aussichten, der global dominierende Player in seinem Marktsegment zu bleiben. Womöglich deutet die Pandemie sogar darauf hin, wie das Geschäft der Zukunft aussehen könnte. Viele Kunden, die dem beengenden Lockdown der Städte entkommen wollten, buchten ihre Airbnb- Wohnungen nicht, um ein paar Tage Urlaub zu machen, sondern weil sie die neue Flexibilität am Arbeitsplatz für sich nutzen wollten. 

Sie verlegten ihr Homeoffice für mehrere Wochen in ein Haus in den Bergen, im Grünen oder an der Küste – »Stay - cation« nennt sich das im Jargon der Touristiker. »Wir glauben, dass die Grenzen zwischen Reisen und Leben verschwimmen und dass die globale Pandemie die Möglichkeit beschleunigt hat, überall zu leben«, lautet ein Satz aus Airbnbs Börsenprospekt. Chesky hatte lange wenig Lust auf einen Börsengang. Er wollte sein Unternehmen lieber weiter ausbauen, zu einer umfassenden Reiseagentur, die auch sogenannte Airbnb-Experiences anbietet, etwa geführte Stadtrundgänge. Das Airbnb-Geschäfts modell wurde breiter, komplizierter, teurer. Als die Pandemie diese Konzepte erschwerte, war Chesky bereit, dem Drängen von Investoren und Mit - arbeitern nachzugeben und Airbnb an die Börse zu bringen. Chesky gehöre nicht zu den Gründern, für die der Gang an die Börse die Erfüllung eines lang gehegten Traums sei, sagt der Silicon-Valley-Risikokapitalgeber Ron Conway, ein früher Airbnb-Investor. 

Dass die Listung nun doch noch in diesem Jahr erfolgt, dürfte auch eine Konzession an die Mitarbeiter sein: Schon 2021 wären für viele von ihnen die Aktienoptionen ausgelaufen, die sie in frühen Jahren als Gehaltskompensation erhalten haben, wie es bei Start-ups oft üblich ist. Viel Hoffnung also bei Investoren, viel Skepsis bei Gesetzgebern. Nicht ausgeschlossen, dass am Ende beides zusammengeht, weil Airbnb weltweit noch viel Potenzial hat und künftig auf die dicht besiedelten Zentren Europas gar nicht mehr so angewiesen ist. Das jedenfalls glaubt Bas - tian Barami, der einen Weg gefunden hat, von der Wohnungsplattform zu leben. 2015 beschloss der Düsseldorfer Hotelfachmann, seine Heimat zu verlassen und in Asien zu arbeiten – als digitaler Nomade, der anderen seine Dienstleistung über das Internet anbietet. Die ersten drei Jahre wohnte Barami selbst in Airbnb-Unterkünften. Dann hatte er sein Geschäftsmodell fertig: Barami mietet langfristig an diversen Orten der Welt Wohnungen an, richtet sie chic ein, lässt sie professionell fotografieren – und vermarktet sie dann via Plattform weiter. 

Momentan hat er sieben Apartments im Angebot, vor allem in Thailand und auf Bali. Europa hat er aufgegeben – die Vorschriften sind ihm zu kompliziert. Sein Business führt er von seinem Laptop aus. Statt eines Schlüssels gibt es einen individualisierten Zugangscode. Die Anweisungen für das Reinigungspersonal kommen per virtuellem Rundgang durch das Apartment. Die zwei Stunden, die er wöchentlich in die Verwaltung jeder Wohnung investieren müsste, erledigt ein digitaler Assistent für ihn. Er lässt sich nur noch einmal pro Woche den Umsatzreport zukommen. Barami hat das Modell Airbnb auf die Spitze getrieben: Risiken auslagern, Profite maximieren. Ihm gehört keine einzige Wohnung, dennoch kann er davon leben. 

Und zwar gut: Nach vier bis sechs Monaten, sagt er, habe er die Einrichtungskosten seiner Wohnungen wieder drin, ab dann komme – in Nicht-Corona-Zeiten – oft das Dreifache der Monatsmiete auf sein Konto. Zwei bis drei Wochen brauche er, um ein Objekt aufzubereiten – von der langfristigen Anmietung bis zur Listung auf der Plattform. Barami gibt inzwischen sogar Onlinekurse, in denen er sein Geschäftsmodell für rund tausend Euro pro Webinar erklärt. 2500 Menschen haben seine Tutorials schon besucht. »Jetzt ist die beste Zeit, um ein Airbnb-Business zu starten«, sagt Barami. »Corona hat den Markt von haufenweise schlechten Angeboten gesäubert. Die Karten werden völlig neu gemischt.«

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