Die Frauen haben das Nachsehen

Wenn bei der CDU am Ende dieses Jahres eins klar ist, dann nur, dass fast alles unklar ist. Wer neuer Parteichef wird, entscheidet sich erst im Januar, die Kanzlerkandidatur wird noch später geklärt, die Partei schleppt ihre offe - nen Machtfragen ins Wahljahr 2021. Nur eines steht bereits fest: dass beide Funktionen, Vorsitz wie Kandidatur, von einem Mann übernommen werden.

Seit mehr als 15 Jahren wird die Republik von einer Frau regiert, der ersten im Kanzleramt, doch am Ende dieser Ära droht in der Union die geschlechterpolitische Restauration. Nicht nur Angela Merkel tritt als Regierungschefin ab, sondern auch Annegret-Kramp-Karrenbauer als Parteivorsitzende. Was kommt dann? Seit dem Frühjahr dominieren die Männer das Außenbild der Partei. Armin Laschet, Friedrich Merz und Norbert Röttgen liefern sich einen Kampf um den Vorsitz, CSU-Chef Markus Söder gilt als poten - zieller Kanzlerkandidat. Frauen? Spielen kaum eine Rolle. 

Nur Norbert Röttgen will bislang improvisieren, er hat die 38-jährige CDU-Politikerin Ellen Demuth zu seiner Nummer zwei ernannt, sie soll die Partei umbauen. Ich fördere junge Frauen, das ist Röttgens Signal. Dafür müsste er allerdings erst mal gewinnen. Andere Parteien machen längst vor, wie es weiblicher geht. Bei den Grünen steht Parteichefin Annalena Baerbock als mögliche Spitzenkandidatin bereit, SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz will im Fall eines Wahlsiegs mindestens die Hälfte der Kabi - nettsposten mit Frauen besetzen. Ohne Frauen geht nichts mehr, eigentlich, auch in den USA steht mit Kamala Harris die erste Vizepräsidentin der Geschichte vor der Vereidigung. Das Jahrhundert der Frauen breche an, heißt es oft – und bei der Union? Vergangenes Wochenende, der Deutschlandtag der Jungen Union, pandemie - gerecht in virtueller Form. Hunderte junge Christdemokraten sitzen vor ihren Bildschirmen und diskutieren die Zukunft der CDU. Der Anteil von Frauen im Vorstand, so der Plan, soll auf rund 40 Prozent erhöht werden. Es müsse sich etwas ändern, mahnt auch Annegret Kramp-Karren - bauer, die zugeschaltete Parteivorsitzende: »Denn schließlich heißt es Junge Union und nicht Jungen Union.« Den Satz finden auch alle gut, den Plan mit dem Vorstand auch, noch besser allerdings finden viele einen Antrag aus Hamburg, mit dem die Einführung einer festen Frauenquote abgelehnt wird, die sich die Bundespartei künftig geben will. 74 Prozent der Delegierten votieren gegen die verbindliche Quote. Die Junge Union bleibe »ein Hort der Vernunft«, jubelt hinterher der Chef der Hamburger JU und kündigt an, in der Bundespartei hart zu bleiben. Zu viel Veränderung, das wäre ja noch schöner. 

Dabei war es in Sachen Frauenförderung jahrelang die Union, die voranging, weniger die politische Linke. Unter Merkel dienten die ersten beiden Frauen als Verteidigungsministerin, Ursula von der Leyen setzte die Kanzlerin später als Chefin der EU-Kommission durch. Nur die Nachwuchsförderung ließ Merkel schleifen. Denn nach ihr kommt erst mal nichts mehr. Der Versuch, Kramp-Karrenbauer als Nachfolgerin aufzubauen, schlug fehl. Nun sind Silvia Breher aus Niedersachsen und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner als Vizeparteivorsitzende die ranghöchsten Christdemokratinnen hinter Kramp- Karrenbauer. In Klöckners politischer Bilanz stehen bislang zwei verlorene Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz. Und nun? Montagvormittag im Bundestag, ein Termin bei Norbert Röttgen. Der 55-Jährige ist gut drauf, er glaubt mittlerweile an seine Chance auf den CDU-Vorsitz. In den sozialen Medien setzen ihn seine Leute geschickt als fortschrittlichsten der drei Bewerber in Szene. Als grünsten, als jüngsten. Und als frauenaffinsten sowieso. Röttgen ist für die Quote. Er ist für paritätisch besetzte Führungsgremien. 

Wenn man Röttgen so zuhört, fragt man sich, warum er eigentlich selbst antritt und nicht lieber einer Frau den Vortritt lässt. Immerhin: Beim Besuch in seinem Büro will Röttgen mal nicht selbst im Mittelpunkt stehen, jedenfalls nicht allein. Er hat eine Frau mitgebracht: Ellen Demuth, Landtagsabgeordnete aus Rheinland-Pfalz. Demuth ist, wenn man so will, ab sofort Röttgens Nummer zwei im Wahlkampf. Der Außenpolitiker ist damit der bislang einzige Bewerber, der überhaupt eine Mitstreiterin präsentiert. »Ich halte Ellen Demuth politisch für ein großes Talent«, schwärmt Röttgen: »Sie ist weiblich, jung und digital und verkörpert damit alles, was die Modernisierung der CDU ausmacht.« Die 38-Jährige ist in der CDU noch keine Riesennummer, in Mainz kümmert sie sich um Gleichstellungs- und Digitalpolitik. 

Aber Röttgen plant Großes mit ihr, sie soll das weibliche Gesicht der CDU werden, wenn er Vorsitzender wird. »Die CDU muss sich modernisieren, um die Mitte zu bleiben«, sagt Demuth. »Eine Partei, in der 80 Prozent der Kreisvorsitzenden und Abgeordneten im Bundestag Männer sind, repräsentiert unsere Gesellschaft nicht mehr in ihrer Breite.« Für Demuth kommt nur Röttgen als Vorsitzender infrage, mit Merz und Laschet kann sie wenig anfangen. »Wir wissen, dass wir oft viel zu wenige Frauen am Tisch haben und dass sich das dringend ändern muss«, sagt Demuth. Nur würde sich kaum jemand trauen, das offen auszusprechen. Was sie will, ist eine Operation fifty-fifty. Die paritätische Beteiligung von Frauen und Männern sei »die wichtigste Modernisierungsaufgabe in der CDU«, meint sie: »Wir lassen so viel Potenzial liegen, wenn Frauen bei uns nicht in der Breite sichtbarer und hörbarer werden.« Es sind Sätze, die auch von Annalena Baerbock stammen könnten. 

Unter Röttgen würde Demuth zur Chefstrategin aufsteigen, zur Vorsitzenden einer Lenkungsgruppe, die sich um die künftige Aufstellung der CDU kümmern soll. Kleiner Schönheitsfehler: Eigentlich hatte Röttgen vor, Demuth als Generalsekretärin vorzuschlagen, als Ersatz für Paul Ziemiak. Doch dann durchkreuzte die abermalige Verschiebung des Parteitags diesen Plan. Nun will Röttgen an Ziemiak festhalten. Ihn wenige Monate vor der Bundestagswahl durch jemanden zu ersetzen, der die Parteizentrale nur begrenzt kennt, wäre zu riskant. »Ich schätze seine Fairness sehr«, sagt Röttgen über Ziemiak. Nicht so einfach mit der Frauenförderung. Was Röttgen nicht offen sagt: Natürlich soll die Personalie Demuth zuerst dabei helfen, ihn unter den CDU-Frauen populärer zu machen, damit er am Ende Parteichef wird, nicht Merz oder Laschet. Die Frauen könnten auf dem Parteitag zum entscheidenden Faktor werden, sie stellen rund ein Drittel der Delegierten, beim letzten Mal schlugen sie sich überwiegend auf Kramp-Karrenbauers Seite. Und diesmal? Für Merz und Laschet, so scheint es, brennen die Frauen jedenfalls nicht. Merz sehen viele von ihnen kritisch, weil er an der Quote zweifelt. 

Von Laschet sind viele enttäuscht, weil er sich im Sommer lange gar nicht zu den Quotenplänen der CDUSpitze äußerte. So lange, dass Kramp-Karrenbauer kurzzeitig überlegt haben soll, ihn öffentlich dafür zu rüffeln. Merz hat noch keine Mitstreiterin präsentiert. Armin Laschet nur Jens Spahn. In dieser Woche bekamen die Kandidaten ihre Chance, die Frauen von sich zu überzeugen – in Videokonferenzen sprachen sie einzeln beim Bundesvorstand der Frauen Union vor. Nun sollen sie einen Frage bogen beantworten und sich in Videoclips mit den Fragen der CDU-Frauen auseinandersetzen. Vor allem das Thema Quote dürfte noch einmal eine Rolle spielen. »Entscheidend ist, dass der neue CDUChef einen mehrheitsfähigen Kurs fährt und die Themen voranbringt, die uns bei Wählerinnen attraktiv machen«, sagt Annette Widmann-Mauz, Chefin der Frauen Union. Sie erwarte von jedem, der den Parteivorsitz übernimmt, »dass er Frauen und Männer gleichermaßen einbindet«. Norbert Röttgen ist da schon mal in Vorlage gegangen. Viel Zeit ist nicht mehr.

 

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