Die Politik spielt Monopoly


 Beaktionär- Herausgeber Bernd Förtsch blickt im Gespräch mit Chefredakteur Leon Müller auf ein bewegtes Jahr zurück – und auf ein spannendes 2021 voraus.

der aktionär: Herr Förtsch, haben die Folgen der Corona-Pandemie Sie überrascht? bernd förtsch: Ja und nein. Dass wir eine scharfe Korrektur bekommen, in eine schwierige Marktphase geraten, war von der Bewegung her überfällig. Der Auslöser – klar, der war nicht absehbar. Am Ende ist es aber auch egal, was der Auslöser ist.

Sie haben vor einem Jahr gesagt, dass es auf dem Weg nach oben „eine kleine oder selbst größere Korrektur“ geben würde, die „dann scharf ausfallen wird“. … allerdings auch, dass ich keine Baisse sehe, zumindest bezogen auf den Gesamtmarkt. Das sehr wohl aber bei den Einzelwerten – und genau das ist ja auch eingetreten. Nehmen Sie Lufthansa oder TUI. Letztere kommen aus der Malaise gar nicht mehr raus. Das Geld, das der Staat da reinsteckt, ist weg.

Beide sind infolge der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie eingebrochen. Im jetzt besonders betroffenen Luftfahrtsektor haben Sie damals sogar „lukrative Möglichkeiten“ gesehen, unter anderem bei Lufthansa und Ryanair. Dazu stehe ich auch. Ryanair notiert heute im Übrigen höher als vor einem Jahr – Lufthansa nicht. Beide würde ich zum heutigen Stand auch nicht mehr kaufen, auch wenn ich noch Lufthansa-Aktien besitze und zwischendurch sogar verbilligt habe.

Lufthansa war bedingt durch die Staatshilfen einer der Aufreger im zurückliegenden Jahr. Wie erklären Sie sich und uns, dass Ryanair so viel besser abgeschnitten hat? Die Aktie notiert zweistellig im Plus.

Ryanair hat mit Michael O’Leary den größeren Fighter als Chef. Ryanair musste schon immer hart kämpfen, Kosten sparen. Anders gesagt: Ryanair musste zeitlebens marktwirtschaftlicher operieren als die Konkurrenz.

Etwas, das Sie der Lufthansa absprechen? Die Lufthansa ist auf dem besten Weg zum Staatskonzern. Ich persönlich plädiere energisch dafür, dass der Staat sich raushält. Schauen Sie sich an, was mit der Commerzbank passiert ist, nachdem der Staat eingestiegen ist. Oder wie es mit der Bahn läuft. Aber zurück zu den Airlines. Wir haben letztes Jahr darüber gesprochen, dass der Luftfahrtmarkt immer kleiner wird. Jetzt wird er nochmals kleiner, weil Wettbewerber wie Norwegian Air pleitegehen, weil der Staat dort eben nicht eingreift.

Sie kritisieren das Engagement des Staates. Man könnte an dieser Stelle auch unterstellen, der Markt habe versagt. Schließlich hätten sich die Airlines Geld über den Kapitalmarkt beschaffen können. TUI, Lufthansa? Die hätten doch nie Geld bekommen. Und wenn, dann zu Zinsen von 20 oder 30 Prozent. Oder würden Sie denen in dieser Situation Geld leihen?

Heißt das in letzter Konsequenz, dass man solche Firmen eher pleitegehen lassen sollte als sie zu „retten“? Ich fürchte, Politiker können das nicht beurteilen. Sie können nicht managen und sollten daher Unternehmen den Unternehmern und Managern – also besser dem freien Markt – überlassen.

Dagegen spricht doch aber, dass der Staat diesen Unternehmen, auch der Gastronomie, den Beaktionär trieb quasi untersagt hat. Der staatliche Eingriff hat also die Krise erst ausgelöst. Der Markt war vorher schon fragil. Corona und die Maßnahmen haben diese Entwicklung nur beschleunigt. Auch bei diesem Statement bleibe ich: Betroffene Unternehmen hätten den Klageweg beschreiten und Schadenersatz fordern können. Für mich ist die Politik nicht dafür da, Wirtschaft zu machen – sondern einzig und allein die Leitplanken hierfür zu setzen. Oder soll nun der Staat, sprich der Steuerzahler, alle Firmen vor der Pleite retten?

Man merkt, Sie hadern mit der Politik in Deutschland. 2021 wird ein neuer Bundestag gewählt. Mithin heißt es: „Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient“. Heißt es. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Ich glaube, dass Veränderungen immer dann geschehen, wenn man am wenigsten mit ihnen rechnet. Das sehen wir doch regelmäßig an der Börse. Etwa beim März-Crash: Damals hatte jeder Angst, auch ich. Jeder dachte:

Morgen hast du wieder 20 Prozent weniger. Dann die Fragen, wie es mit den Arbeitnehmern weitergeht und wie mit Deutschland. Und dann hat plötzlich der Markt gedreht. Wir wissen zwar nicht, was bei der Bundestagswahl passieren wird. Ich könnte mir jedoch vorstellen, dass es einen größeren Umbruch geben wird.

Bei der Wahl werden Nachhaltigkeit und Umwelt eine große Rolle spielen. Nachhaltigkeit entwickelt sich mehr und mehr zum Trendthema, auch an der Börse. Ein wichtiges Thema, ein entscheidendes sogar, das aber nicht einmal im Ansatz durchdacht wurde. Wenn wir heute beispielsweise die Atomkraftwerke abschalten, um dann Atomstrom aus dem Ausland zu importieren, macht das doch überhaupt keinen Sinn. Wir sind nun einmal eine Industrienation. Braunkohle macht schon seit Jahrzehnten keinen Sinn. Warum also muss sie subventioniert werden?

Sehen Sie den Klimawandel als eines der Kernprobleme? Der Klimawandel ist ein großes Problem, das auch nur global gelöst werden kann. Irgendwo muss man anfangen, auch das steht außer Frage. Aber man sollte doch bitte darauf achten, nicht gleich eine ganze Nation zu schreddern. Mit den höchsten Lohnkosten in Europa, Dieselgate und der Elektrifizierung des Autos entsteht im Ergebnis eine Situation, die das Leben von über einer Million Familien, welche durch die Automobilindustrie ernährt werden, gefährdet. Das ist ein Witz, über den ich nicht lachen kann. Die Politik agiert effekthascherisch und konzeptlos. Die Autobosse haben versagt. Zugleich gab es einen Abriss in der Verbindung Autoindustrie und Politik. Gerhard Schröder war der letzte Kanzler, der um die Bedeutung dieser Branche für die Menschen und das ganze Land wusste. Die alte Deutschland AG, die wunderbar funktioniert hat, gibt es unter Kanzlerin Angela Merkel nicht mehr.

Ein hartes Urteil. Wie macht man es besser? Wie man es besser macht? Indem man keine nationale Lösung sucht, sondern eine gesamteuropäische. Hier ist die EU gefordert – und hier macht sie auch Sinn. Denn noch einmal: Deutschland wird auch dann, wenn wir alle Kraftwerke abschalten und keine Autos mehr produzieren, den Klimawandel nicht stoppen. Wir haben nur dann eine Chance, wenn wir es gemeinsam angehen. Das im Übrigen würde den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken – und mehr Raum für entsprechende Investitionen öffnen. Die Energiepreise etwa würden auf ein weitaus niedrigeres, europäisches Niveau sinken. Wenn wir so weitermachen, dann werden wir am Ende gar nicht mehr so viel Energie brauchen. Nicht, weil wir effizienter werden, sondern weil uns die Konjunktur wegbricht.

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