Die Verluste kann niemand aus der Welt schaffen


 Ist der große Crash unvermeidlich? Wann kommen die Notenbanken an ihre Grenzen? Und welche Perspektiven hat Deutschland überhaupt noch? Antworten von Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Herr Professor Fuest, 2020 war vom Coronavirus geprägt. Wie lange wird uns das Thema noch beschäftigen? clemens fuest: Das kommende Jahr wird sicherlich noch von der Corona-Pandemie geprägt sein. Auch optimistische Einschätzungen gehen davon aus, dass es noch viele Monate dauern wird, bevor ein so großer Teil der Bevölkerung geimpft ist, dass die wirtschaftlichen Belastungen durch Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufgehoben werden können.

In Ihrem Buch schreiben Sie: „Neben den Einschränkungen während der Zeit der Pandemie gibt es langfristige Wirkungen, die noch Jahrzehnte später spürbar sein können.“ Was könnte da auf uns zukommen? Dabei geht es vor allem darum, dass junge Menschen derzeit durch Schulschließungen und Beeinträchtigungen ihrer Ausbildung und ihres Berufseinstiegs belastet sind. Bisherige Erfahrungen sprechen dafür, dass dieser Verlust an Ausbildung sich langfristig auf die Erwerbsbiografien der Betroffenen auswirken kann. Hinzu kommt die Last der stark angewachsenen öffentlichen und privaten Verschuldung, die uns viele Jahre begleiten wird.

Sie sagen, Insolvenzen werden nicht zu verhindern sein. Wir müssten aufpassen, dass es nicht zu einer Welle kommt. Was bedeutet „aufpassen“ konkret? Ein plötzlicher starker Anstieg an Insolvenzen könnte die Krise verschärfen und Gerichte und andere, die für die Abwicklung gebraucht werden, überlasten. Durch gesetzliche Maßnahmen, wie das Aussetzen der Pflicht, durch die aktuelle Situation bedingte Insolvenzen anzumelden, kann das gestreckt werden.

Paradoxerweise ist die Zahl der Insolvenzen in Deutschland gegenüber 2019 zuletzt sogar rückläufig gewesen, weil die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt wurde. Was bedeutet das in Hinblick auf eine Zombifizierung der Unternehmenslandschaft? Zombifizierung bedeutet, dass Unternehmen am Leben erhalten werden, die nicht lebensfähig sind. Das trifft sicherlich auf einige Unternehmen zu, deren Schließung vermieden wurde, aber nicht auf alle. Probleme bei der Bedienung von Schulden können allerdings auch bei Firmen auftreten, deren Geschäftsmodelle unter normalen Bedingungen funktionieren.

Kritiker sagen, praktisch insolvente Unternehmen, die sich nur dank Nullzins durchschleppen, sowie die Erosion bei den Gewinnen der Banken seien schon vor der Krise äußerst heikel gewesen. Diese Probleme seien durch die Corona-Maßnahmen nur noch größer geworden. Der Knall werde entsprechend heftiger ausfallen. Wie groß ist die Gefahr tatsächlich? Man muss unterscheiden zwischen den aktuellen Krisenbedingungen mit ihren Problemen der Unterstützung von Firmen auf der einen Seite und den Auswirkungen der niedrigen Zinsen unabhängig von der Coronakrise, die wir seit längerer Zeit beobachten. Es ist sicher richtig, dass ein plötzlicher Zinsanstieg für viele hoch verschuldete Firmen, allerdings auch für Banken, große Schwierigkeiten verursachen würde. Durch die Krise sind steigende Zinsen allerdings eher in noch weitere Ferne gerückt.

Gibt es einen Ausweg aus der Krise oder geht es nur darum, einen Crash möglichst lange hinauszuzögern? Die Vorstellung, dass eine aktive Stabilisierung der Wirtschaft einen Kollaps der Wirtschaft nicht verhindert, sondern nur hinauszögert und dabei noch verschlimmert, teile ich nicht. Ein schrittweiser Ausstieg aus den Hilfen bei Erholung der Wirtschaft kann das verhindern. Jedenfalls sollten wir versuchen, das so zu managen, statt die Flinte ins Korn zu werfen.

Veranstaltungen fallen aus. Gastronomie, Tourismus und Luftfahrtindustrie leiden ebenfalls besonders. Kann das alles durch staatliche Programme aufgefangen werden? Oder ist es nicht etwas spät, wenn die Bundesregierung jetzt auf Wasserstoff setzen und Funklöcher stopfen lassen will?Die Verluste durch den Wegfall der Wertschöpfung in den betroffenen Sektoren kann niemand aus der Welt schaffen. Staatliche Hilfen können die Lasten nur umverteilen. Klar ist auch, dass sich manches nach der Krise ändern wird. Insofern sollte man sich auf einen gewissen Strukturwandel vorbereiten. Dennoch werden wir nach der Pandemie zur Normalität zurückkehren und wir werden wieder mehr reisen, sodass die betroffenen Sektoren sich zumindest teilweise erholen werden. In neue Energiequellen und digitale Infrastrukturen zu investieren, ist dabei sicherlich richtig.

Könnten Staat und Notenbanken mit frischem Geld notfalls noch jahrelang Unternehmen unterstützen? Wann wäre die Grenze erreicht? Das hängt davon ab, um wie viel öffentliches Geld es wirklich geht. Bis zu einem gewissen Grad besteht das Ziel der Bereitstellung von Hilfen darin, zu erreichen, dass sie nicht gebraucht werden. Wenn Banken sehen, dass Unternehmen notfalls staatliche Hilfen erhalten können, werden sie eher bereit sein, ihnen Kredite zu geben. Bislang ist in Deutschland beispielsweise nur ein kleiner Teil der bereitgestellten Kreditgarantien tatsächlich beansprucht worden.

Halten Sie es für möglich, dass es zu einem Vertrauensverlust bezüglich der Währung(en) kommen könnte? Ist Hyperinflation eine reale Gefahr? Das hängt davon ab, wie die Geld- und Fiskalpolitik sich verhält. Wichtig ist, dass die Politik signalisiert, nach der Krise zu niedrigerer Neuverschuldung zurückzukehren. Man sollte auch darauf verzichten, zu verlangen, dass die Notenbanken die Schulden der Staaten bei den Notenbanken einfach streichen. Da die Staaten meistens Eigentümer der Notenbanken sind und die Notenbankgewinne ihnen zufließen, bringt eine solche Maßnahme keine Entlastung, schädigt aber das Vertrauen in die Solidität des Geldes. Wenn die Politik hier solide bleibt, halte ich es für sehr unwahrscheinlich, dass es zu einem Kollaps des Vertrauens kommt, der eine Hyperinflation auslösen könnte.

Sie warnen, die „Ausdehnung der Umverteilung und der gemeinsamen Haftung in der Coronakrise“ könnte „zum Sprengsatz für die EU werden“. Um das Thema Corona-Bonds ist es zuletzt ruhig geworden. Ist es trotzdem nur eine Frage der Zeit, bis der Konflikt zwischen Nord- und Südeuropa richtig aufbricht? Wir müssen vor allem vermeiden, dass Entscheidungen über Verschuldungspolitik und Haftung auseinanderfallen. Wenn wir gemeinsam für Schulden haften, aber jedes Land eigenständig über seine Verschuldung entscheidet, werden massive Anreize für eine übermäßige Verschuldung gesetzt. Das sollten wir vermeiden.

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