Es geht nur mit Vernunft

Als der Mathematiker Pierre-Simon de Laplace eines seiner Werke zu den Planetenbewegungen ver - öffentlichte, zitierte Napoleon ihn zu sich und fragte, wie es denn sein könne, dass Laplace die Gesetze der Schöpfung beschreibe, ohne ein einziges Mal Gott zu erwähnen. »Sire«, antwortete Laplace, »ich bedurfte dieser Hypothese nicht.« Gott als unnütze Annahme – es war ein Wendepunkt in der Geschichte des Abendlands; Laplace schubste den Schöpfer mal eben vom Himmelsthron. 

In der durch die Französische Revolution aufkeimenden bürgerlichen Gesellschaft übernahm die Ratio das Zepter. Und die Ratio war es auch, die Grundlage einer ziemlich erfolg - reichen Staatsordnung werden sollte: der Demokratie. Aber nun, nach Monaten der Pandemie, stellt sich die Frage, ob die Wissenschaft inzwischen die Demokratie gefährdet. Ob Epidemiologen, Mediziner und Mathematiker im Namen des Krieges gegen Sars-CoV-2 eine Art Virokratie etabliert haben. Eine Herrschaft, die in Hinterzimmern ausgeübt wird, wenn Wissenschaftler die Politik beraten. Die dazu führt, dass die Regierung Menschen peu à peu ihrer Freiheitsrechte beraubt, indem sie ihre Bürger in einen Shutdown nach Gutdünken zwingt, der Wirtschaft und Gemeinwohl zerstört. Tatsächlich hat die Coronakrise der Wissenschaft eine noch nie da gewesene Macht verliehen. 

Es waren Viro - logen und Epidemiologinnen, Mathematikerinnen und Gesundheitsexperten, die unsere Geschicke in diesem Jahr maßgeblich mitbestimmt haben. Aber ist das zwangsläufig demokratiefeindlich? Das Ende dieses extremen Jahres ist kein schlechter Zeitpunkt, eine Zwischenbilanz zu ziehen: Wo stehen Wissenschaft und Politik? Wie gut machen sie ihren Job in der Pan - demie? Oder wie schlecht? Forscherinnen und Forscher müssen vor allem ihre Aufgaben im Labor und in der Klinik erfüllen. Was sie mit Bravour tun. Mehrere wirksame Impfstoffe in derartiger Geschwindigkeit zu entwickeln ist beispiellos in der Me dizingeschichte. Viele Virologen, die in den vergangenen Monaten eine steile Lernkurve hinbekommen haben, reflektieren bereits ihre mächtige und sehr öffentliche Rolle. Sie lernen, dass sie auch Politik machen, wenn sie sich über die Infektio - sität von Kindern oder ähnlich sensible Themen auslassen. 

Sie müssen, um das Vertrauen in ihre Arbeit zu erhalten, immer wieder deutlich machen, wie Wissenschaft funktioniert, erklären, dass es nicht um den Besitz der Wahrheit geht, sondern um die Suche danach. Dass sie irren können. Dass sich Erkenntnisse wandeln, weil Resultate dazukommen, das Bild sich neu zusammenpuzzelt. Aufgabe der Politikerinnen und Politiker ist es unter - dessen, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu versteh - en – und ernst zu nehmen, auch wenn dies mit unpopu - lären, schmerzhaften Maßnahmen verbunden sein mag. Aber lange hörte niemand so recht auf die Forscherinnen. Trotz Warnungen tat die Politik im Sommer zu wenig, um das Land auf die zweite Welle vorzubereiten. 

Als im Oktober die Infektionszahlen rasant anstiegen, verhängte sie einen leichten Shutdown, obwohl es dringend eines harten bedurft hätte. Von Virokratie keine Spur. Es ist der Job der Politik, den Kampf gegen das Virus zu erklären, die Menschen zu überzeugen, Zustimmung zu erwirken, auch wenn das schwierig ist. Politiker müssen zudem die Verantwortung übernehmen. Wer aus den Analysen der Epi - demiologen folgert, dass die Schulen geschlossen werden sollten, muss dafür einstehen. 

Und es ist die Aufgabe sämtlicher Corona-Erklärer, immer wieder klarzumachen: Es ist Sars-CoV-2, das den Menschen schadet, das Virus selbst – und nicht die Maßnahmen zu seiner Ein - dämmung. In diesem Sinne sollten sich Europas Staatenlenker zusammensetzen und überlegen, wie sie den neuen Vorschlag von mehr als 300 Forschern um die deutsche Physikerin Viola Priesemann umsetzen: Es geht darum, die Zahl der täglichen Neuansteckungen auf zehn pro eine Million Einwohner zu begrenzen. Um die Infektionsherde europaweit auszutreten, brauchte es einen harten, kurzen Shutdown, überall. Das langfristige Ziel heißt »null Covid«. Wir haben nur die Wissenschaft, Kind der Aufklärung, um dem Virus Einhalt zu gebieten. Und die fußt auf Vernunft. Wie ihre Schwester, die Demokratie.

 

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