Familiensache

Berat Albayrak war es gewohnt, dass sein Wort Gehör findet. Das türkische Fernsehen sendete, was immer der türkische Finanzminister gerade zu sagen hatte. Ein Anruf von ihm genügte, und Zeitungen räumten ihre Titelseiten frei. Vermutlich schadete es nicht, dass er der Schwiegersohn von Präsident Recep Tayyip Erdoğan ist. Als Albayrak jedoch am 8. November seine bislang wichtigste Botschaft los - werden wollte, fand sich kein Medium, das sie aufgriff. Der Minister, so berichten Vertraute, wendete sich zunächst an die Zeitungen und Sender, die von seinem Bruder Serhat kontrolliert werden, darunter die Zeitung »Sabah«. Vergebens. 

Auch vom Staatssender TRT und der Nachrichtenagentur Anadolu Ajansı kamen Ab - sagen. In seiner Not griff Albayrak auf ein Medium zurück, das seine Regierung wenige Wochen zuvor noch mit einer Millionenstrafe belegt hatte: Instagram. In schlampigem, fehlerhaftem Türkisch erklärte Albayrak seinen Rücktritt vom Amt des Finanzministers. Er wolle sich stärker um seine Familie kümmern, schrieb er, seine Eltern, seine Frau, die vier Kinder; seinen Schwiegervater, Erdoğan, dem er seine politische Karriere zu verdanken hat, erwähnte Albayrak nur am Rande.Der Präsident, das erzählen Personen aus Erdoğans Umfeld, war außer sich, als er von der Entscheidung seines Schwiegersohns erfuhr. 

Er brauchte 27 Stunden, ehe er öffentlich Stellung bezog. In einer knappen Erklärung teilte das Präsidialamt mit, der Staatschef nehme das Rücktrittsgesuch Albayraks an. Erdoğan hat in seinen mittlerweile 17 Jah - ren an der Macht eine Reihe von Krisen überstanden, ein Verbotsverfahren gegen seine Partei AKP durch das türkische Verfassungsgericht 2008, die Proteste im Istanbuler Gezi-Park 2013, einen Putschversuch 2016. Albayraks Rücktritt wirkt im Vergleich dazu beinahe mickrig, doch die Folgen dürften weitreichend sein. Es sei jetzt eingetreten, was Erdoğan stets am meisten gefürchtet habe, sagt ein hochrangiger Regierungspolitiker: Ein Riss gehe durch die Familie. Der SPIEGEL hat für diesen Artikel mit mehr als einem Dutzend Personen aus dem Umfeld des Präsidenten gesprochen, mit Beratern, Beamten, Politikerinnen und Politikern der Regierungspartei AKP. Sie alle bestanden darauf, dass ihre Namen nicht genannt werden. Die Angst vor Erdoğan ist noch immer groß in der Türkei. Doch zugleich denken viele so offen wie nie über die »Zeit nach Erdoğan« nach, wie es ein Gesprächspartner formuliert.Der Sturz Albayraks, da sind sich fast alle einig, war kein Unfall – sondern ist Ausdruck einer tiefgreifenden Systemkrise. Albayrak, 42 Jahre alt, war als Finanzminister der zweitmächtigste Mann in der Türkei und galt vielen als nächster Präsident. 

Erdoğan sei besessen von dem Gedanken, seine Nachfolge selbst zu regeln, erzählt ein Weggefährte. Seine beiden Söhne Burak und Bilal, das sei dem Präsidenten früh klar geworden, kämen aber für das höchste Staatsamt nicht infrage. Burak hat sich nach einem Autounfall in den Neunzigerjahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, Bilal steht wegen politischer Fehleinschätzungen bei seinem Vater in Misskredit. Seine beiden Töchter streben nicht nach politischen Posten. Und so blieb als möglicher politischer Erbe nur der Schwiegersohn. Berat Albayrak entstammt einer islamistischen Dynastie. Sein Vater Sadık war Poli - tiker und als Vertrauter des ehemaligen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan ein früher Förderer Erdoğans. 2004 heiratete Berat Erdoğans Tochter Esra. Das Paar lebt in Istanbul auf dem gleichen Anwesen wie die Erdoğans. Der Präsident förderte seinen Schwiegersohn nach Kräften. 

Er machte ihn 2015 zum Energieminis - ter und knapp drei Jahre später gegen den Widerstand großer Teile seiner Partei zum Finanzminister. »Unsere Verbindung ist keine politische. Sie fußt auf Idealen, auf einer Seelenverwandtschaft«, sagte Albayrak noch zu Jahresbeginn gegenüber TRT über seinen Schwiegervater. Albayrak redete nicht nur bei Finanzfragen mit, sondern ebenso in der Außenund Sicherheitspolitik. Er besetzte staat - liche Institutionen mit Loyalisten. Einige Minister hätten ihm wie Sekretäre gedient, sagt ein Regierungspolitiker. Durch seine Nähe zu Donald Trumps Schwiegersohn Jared Kushner war er das Bindeglied zur US-Regierung. Bei weiten Teilen der AKP war Albayrak hingegen verhasst. Viele hielten ihn für überambitioniert, arrogant – und vor allem für überfordert.

 

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