Generation Corona

Vier Geschwister, drei Jungs und ein Mädchen, alle Teenager. Sie sitzen mit ihrer Mutter zu Hause am Wohnzimmertisch in Weißenhorn, Landkreis Neu-Ulm, Holz brennt im Kamin, zwei Katzen schleichen umher. Zwei der Jungs tragen Kappe, die Tochter hat eine Zahnspange und tippt etwas in ihr Smartphone. Vier Teenager unter einem Dach, das ist schon in normalen Zeiten kompliziert. Während der Pandemie herrscht Ausnahmezustand. »Die Corona-Maßnahmen nehmen meinen Kindern die Luft zum Atmen«, sagt Sylvia, die Mutter, die den Nachnamen ihrer Familie nicht genannt haben möchte. Sie ist geschieden, ihr ältester Sohn studiert in München. Ihre Kinder seien lethargisch geworden, weil die sozialen Kontakte fehlten. Dass sie nur abhängen, mache sie wahnsinnig. Anfangs hätten die Geschwister noch zusammen Karten oder Schach gespielt. Das sei vorbei. »Stattdessen extremer Internetkonsum. Sie flüchten in ihre eigene heile Welt. Ich glaube, das ist eine Schutzreaktion.« Die Kinder würden sich wegen Kleinigkeiten streiten, sagt sie, manchmal werde es sehr laut, sie seien dann aggressiv untereinander, fast handgreiflich.

Leonard ist 19 Jahre alt, eigentlich spielt er dreimal in der Woche Fußball und trainiert die B-Jugend des SV Grafertshofen. Fällt alles aus. Er ist Schlagzeuger in einer Death-Metal-Band, die »Haunted Cemetery « heißt, das letzte Mal haben sie im März geprobt, es waren Konzerte geplant, 200 Mützen und Pullis, die an Fans verkauft werden sollten, liegen herum. In seinem Zimmer stehen ein Computer und ein Gamingstuhl, auf dem Boden liegen leere Fruchtgummitüten. Ferdinand ist 16, im Januar wird er 17. Er geht aufs Gymnasium, zwölfte Klasse. Er ist Turner, auch sein Training fällt aus. Grundsätzlich findet er es richtig, dass es Corona-Regeln gibt, er fragt sich allerdings, ob die alle sinnvoll sind. »Ich führe ein Leben am Limit«, sagt er. Soll heißen: Er reizt aus, was geht. Sich mit ein paar Freunden im Bauwagen treffen, das macht er nicht mehr. Dafür spielen sie oft zu viert Basketball auf dem Pausenhof der Grundschule, was verboten ist: mehr als zwei Haushalte. »Aber wenn die Polizei vorbeifährt ,interessieren die sich zum Glück nicht für uns.« Cosmas ist 15, er spielt Cello und Klavier im Schulorchester. Das Weihnachtskonzert ist gestrichen, die einwöchige Konzertreise nach Südtirol auch. Er vermisse es, auf Partys zu gehen und mit seinen Freunden abzuhängen. Jeden Tag ist er zwei bis drei Stunden online, spielt »Among Us« oder »Clash of Clans«. Er sagt: »Was soll ich sonst machen?« Silvester will er unbedingt mit seinen Kumpels feiern, fünf oder sechs Leute. Wenn die Corona-Maßnahmen das nicht zuließen, »werde ich wohl dagegen verstoßen«.

Lisa ist 16 und geht in die zehnte Klasse der Mittelschule. Ihr Abschlussball fällteine Woche vor dem Start abgesagt. Sie ist traurig deswegen. »Das kommt nie wieder «, sagt sie. Dazu nervt sie der Schulstress: Seit den Herbstferien hat sie schon sechs Arbeiten geschrieben. aus, die Klassenfahrt nach Berlin wurde 

Was macht Corona mit unseren Kindern und Jugendlichen? Diese Frage berührt nicht nur diejenigen, die eigene Kinder haben. Es ist auch ein Gespräch über sich selbst, wenn man über Kinder spricht, denn alle waren einmal Kinder. Forscherinnen und Forscher schlagen Alarm, Studien weisen auf gravierende und langfristige Folgen hin. Die Politik verhakt sich genau bei dieser Frage, die Ministerpräsidentenrunde und die Kanzlerin bekommen zunehmend Druck, bei diesem Thema genauer hinzuschauen.

Eltern müssen heute nicht mehr die Autoritäten sein, wie es noch vor 40 Jahren der Anspruch war. Dennoch dürfen Kinder nicht das Gefühl bekommen, sie müssten selbst hinbekommen, womit die Älteren überfordert sind. Die Kinder und Jugendlichen von Fridays for Future machten den Erwachsenen im vergangenen Jahr genau diesen Vorwurf. So legt die Pandemie ein Thema offen, das sich untergründig schon seit Jahren nähert: Die Art, wie wir uns Erziehung für eine moderne Welt dachten, funktioniert nicht mehr.

Im bürgerlichen Milieu hatten sich vor allem zwei Arten herausgebildet, auf die unübersichtliche Welt zu reagieren: Überbehütung, das sogenannte Helikoptern, ist die eine – den Kindern möglichst wenig Sorgen und Verantwortung zuzumuten. Ein hoher Leistungsanspruch ist die andere. Kinder sollen viel können, Sprachen und Instrumente und Sportarten, um fit zu sein für ein Leben, in dem sie sich mit Chinesen oder Amerikanern messen müssen. Doch Leistungswille läuft in der Pandemie vielfach ins Leere: Hobbys, Auslandsaufenthalte, alles außerhalb von Schule und Uni ist nur eingeschränkt bis gar nicht möglich. Die Schulen, die Ausnahmeleistungen hervorlocken sollen, kämpfen mit dem digitalen Lernen. Die Strategie, Sorgen nicht an Kinder heranzulassen, kann man ebenfalls vergessen, denn die aktuellen Sorgen erreichen erstens jeden, zweitens ist als Wunschdenken entlarvt, was die Überbehütung suggerieren sollte, nämlich dass die Erwachsenen es schon richten werden. Was also, wenn die eingelernten Methoden nicht mehr weiterführen?

Die ersten Studien über das Befinden der Heranwachsenden liegen vor. Es gibt durchaus Widersprüche; die einen sehen gravierende Folgen, andere wiegeln ab. Dass die Pandemie Kindern und Jugendlichen zusetzt, zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), für die ein Forscherteam um die Psychologin Ulrike Ravens-Sieberer im Mai und Juni rund tausend Kinder und Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren und mehr als 1500 Eltern online befragt hat. 71 Prozent der Kinder fühlten sich der »Copsy-Studie« zufolge psychisch belastet: Sie seien ängstlicher, schneller gereizt oder niedergeschlagen und machten sich mehr Sorgen. 39 Prozent gaben an, dass sich durch den mangelnden Kontakt das Verhältnis zu ihren Freunden verschlechtere. 65 Prozent erlebten Schule und Lernen anstrengender als zuvor. Ein Viertel der Kinder und Jugendlichen und ein Drittel der Eltern berichteten, sich öfter zu streiten als vor der Krise.

»Wir haben damit gerechnet, dass sich das psychische Wohlbefinden der Kinder in der Krise verschlechtert«, sagt Ravens- Sieberer. »Dass das allerdings so deutlich ausfällt, hat auch uns überrascht.« Der seelische Stress wirke sich zudem körperlich aus: Kinder und Jugendliche leiden der Umfrage zufolge häufiger unter Einschlafproblemen, Nervosität, Kopf- und Bauchschmerzen. Die Hamburger Forscher verglichen ihre Ergebnisse mit einer bundesweiten und repräsentativen Studie vor der Krise. Danach ist der Anteil von Kindern und Jugendlichen mit einer niedrigen Lebensqualität bei den 11- bis 13-Jährigen von knapp 8 Prozent auf rund 41 Prozent gestiegen, bei den 14- bis 17-Jährigen von 17 Prozent auf 39 Prozent.

 

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