Ich habe zunehmend Spaß daran, Parteivorsitzende zu sein


 SPIEGEL-Gespräch Die SPD-Chefs Saskia Esken, 59, und Norbert Walter-Borjans, 68, über ihr ungewöhnliches Zusammenspiel, ihren Kanzlerkandidaten Olaf Scholz und die Quälerei in Großen Koalitionen .

SPIEGEL: Frau Esken, Herr Walter-Borjans, wir würden gern die meisten Fragen an Sie beide stellen und sind gespannt, wer als Erster antwortet. Wenn Sie gemeinsam tanzen würden, welcher Tanz wäre das? Esken: Ich bin keine Paartänzerin. Aber auch in frei verteilten Rollen muss man einen gemeinsamen Rhythmus finden. Ich bin zum Beispiel süddeutsch, Norbert Walter- Borjans ist Kölner. Da gibt es Unterschiede, auch im Naturell. Aber wir ergänzen uns gut. Walter-Borjans: Wir bewegen uns als abgestimmte Solotänzer im gleichen Rhythmus und nutzen auf diese Weise die Tanzfläche deutlich besser aus. 

SPIEGEL: Wenn Sie sich mal nicht einig sind, wer gibt nach? Esken: Das kommt auf das Thema an. Das ist wie … Walter-Borjans: Ich finde … Esken: … in guten Ehen auch. Walter-Borjans: … das passiert selten. Sowohl zwischen uns beiden als auch im Zusammenspiel mit der Partei- und Frak - tionsführung. Das Schöne ist, dass wir das dann klar ansprechen können. Wir greifen einfach zum Telefon. Dass das früher nicht so geklappt hat, liegt schlicht und ergreifend daran, dass man zu wenig direkt miteinander gesprochen oder telefoniert hat. 

SPIEGEL: Sie sind jetzt seit einem Jahr im Amt. Sind Sie stolz auf dieses Jahr? Walter-Borjans: Mit Stolz gehe ich vorsichtig um. Aber ich glaube, wir können sagen: Es hat sich etwas getan. Wir haben die Kultur der Zusammenarbeit verändert. Es ist nicht mehr so, dass einer die Ansagen macht und die anderen folgen müssen. Wir diskutieren offen. Und wir haben über das Jahr hinweg deutlich gemacht, was wir unter einer konsequenten sozialdemokratischen Politik verstehen. 

SPIEGEL: Den Bürgern scheint es herzlich egal zu sein, dass Sie jetzt öfter telefonieren. Die SPD steht bei gut 15 Prozent in den Umfragen.Esken: Auch die Bürger und die Bürgerinnen können feststellen, dass die SPD sich an der Spitze nicht mehr andauernd zofft, und das wird als wohltuend empfunden. Dennoch fragen auch wir uns natürlich, warum sich die Veränderungen, die wir erreichen konnten, noch nicht in Zustimmungswerten niederschlagen – ebenso wenig wie die sehr guten Leistungen der SPD in der Regierung. Glaubwürdigkeit und Zutrauen gehen leichter verloren, als dass man sie zurückgewinnt. Da brauchen wir einen längeren Atem. 

SPIEGEL: Dachten Sie, es sei leichter, die SPD wieder attraktiv zu machen? Walter-Borjans: Ich hätte mir gewünscht, dass sich unsere Wahl und die Vorstellung des Kanzlerkandidaten direkter in den Umfragewerten niederschlagen. Wir kriegen zwar oft die Rückmeldung, dass die Politik der jüngsten Zeit eine starke sozial - demokratische Handschrift trägt. Daraus aber einen Vertrauensvorschuss für die Zukunft zu machen ist ein dickes Brett. 

SPIEGEL: Als Sie sich um den Vorsitz bewarben, versprachen Sie, Frau Esken: »Die SPD befindet sich in einer Abwärtsspirale. Da können wir nicht einfach sagen: Weiter so.« Das sei keine Frage der Kommunikation. »Wir müssen eine andere Poli - tik machen.« Und jetzt sind Sie stolzer Teil der Großen Koalition. War Ihre Kandidatur rückblickend eine Mogelpackung? Esken:Wir haben diese Kandidatur angelegt mit dem klaren Versprechen, entweder die Politik der GroKo zu verändern oder sie zu verlassen. Wir sind der Auffassung, wir haben sie deutlich verändert. Anne gret Kramp-Karrenbauer und Paul Ziemiak haben damals zu unseren Vorstellungen, neue Projekte zu verhandeln, gesagt: Das komme gar nicht infrage. Der Koalitionsvertrag sei abschließend geregelt. Schon in der folgenden Sitzung des Koalitionsausschusses war klar, dass wir auch über Inhalte sprechen. Walter-Borjans: Manchem Kommentar nach könnte man annehmen, als wäre die SPD erst mit Esken und Walter-Borjans auf 15 bis 17 Prozent geschrumpft. Als wir angefangen haben, waren wir eher bei 12 Prozent. Das ist noch kein großer Sprung, aber die Abwärtsspirale haben wir definitiv gestoppt. 

SPIEGEL: Kann man sagen: Die Bundesminister der SPD machen nach wie vor, was sie wollen, die Bundestagsfraktion macht nach wie vor, was sie will – und alle denken, es ist uns ziemlich egal, wer unter uns die Parteivorsitzenden sind? Esken: Nein, kann man nicht. Die Bundesminister und -ministerinnen der SPD machen einen großartigen Job, und den machen sie in guter Abstimmung mit uns. Wir sind in allen Gremien und Runden immer eingebunden und sprechen uns vor allem eng mit Olaf Scholz und Rolf Mützenich ab. Dass jemand an der einen oder anderen Stelle auch mal nach vorne prescht, das gab es schon immer. Auch bei uns. Die Überzeugung, dass man gemeinsam mehr erreichen kann, ist gewachsen. Walter-Borjans: Neben Fraktion und Regierungsteam der SPD ist ein anderes Schwergewicht getreten: der Koalitionsausschuss, mit Ergebnissen wie dem Konjunkturpaket, dem Bekenntnis zu deutlich mehr Investitionen, dem Familienbonus, der Förderung von umweltfreundlichen Autos. 

SPIEGEL: Sie fühlen sich von den Bundestagsabgeordneten und Ministern ausreichend ernst genommen? Walter-Borjans: Absolut. Anfangs war das aber in der Tat nicht leicht. Wir kamen als Außenseiter in die Berliner Szene. Das hat zu Skepsis und Vorbehalten geführt: An welchen Positionen werden die rütteln? Wir haben dann mehr und mehr gemeinsame sozialdemokratische Fundamente freigelegt und gefestigt. Allerdings müssen alle ihren Beitrag dazu leisten. 

SPIEGEL: Ärgert es Sie manchmal, dass sich Interviewanfragen viel öfter an Frau Esken richten? Walter-Borjans: (nach längerem Nachdenken) So mancher erhofft sich von Saskia einen provokativeren Ton, schon aufgrund der unterschiedlichen Naturelle. Und es ist gut, dass wir nicht in diesen alten, eingefahrenen Mustern unterwegs sind, wo der Anruf an die Pressestelle immer mit dem Wunsch kommt, den Mann zu sprechen. Ich finde diese Zusammenarbeit gut. 

SPIEGEL: Und schaffen Sie es auch mal, Frau Esken zu bremsen, bevor sie Partei und Land mit ihren Tweets und Interviews in Aufruhr versetzt? Walter-Borjans: Ich könnte sagen: Ja, klar. (Lacht.) Nein, es ist so … Esken: … da müssten wir nachher mal tele - fonieren. Walter-Borjans: Nein, natürlich gibt es das bei uns beiden. Das wäre auch dann so, wenn man allein an der Spitze wäre: dass man den Kragen gern mal platzen lassen würde, dann aber mit Menschen im Umfeld überlegt, ob das jetzt so passt. Esken: Das sehe ich genauso. 

SPIEGEL: Frau Esken, fragen Sie Herrn Walter-Borjans vor einem Tweet um seine Meinung? Esken: Das kommt schon vor. Und ich überlege mir selbst sehr gut, was ich twittere.

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