Im Land des Honigs


 Hunderte starben am frühen Morgen. Kaum ging die Sonne über den Tafelbergen auf, seien die Bienen taumelnd zu Boden gegangen, erinnert sich der alte Mann mit Bitterkeit in der Stimme. 

Jemenitische Regierungstruppen hatten nach einem Qaida- Angriff Straßensperren errichtet. »Wir steck ten fest. Dabei müssen wir doch nachts fahren und ankommen, bevor es hell wird. Damit unsere Völker mit dem ers ten Licht ausschwärmen können! Sonst gibt es Tote, viele Tote! Tagsüber eingesperrt zu sein, das vertragen die Bienen nicht!« Zustimmendes Raunen ringsum. Im Wickelrock, manche mit dem traditionellen Krummdolch vor dem Bauch, stehen und hocken die Männer zwischen zahllosen Kanistern, Flaschen, Blechdosen voller Honig. Wie jedes Jahr im November kommen die Imker noch aus den entlegensten Tälern des Südjemen in der kleinen Provinzhauptstadt Atak zusammen, um ihre kostbare Jahresausbeute zu verkaufen. Von hellem Goldton bis Tiefbraun variieren die Farben. Manche Sorten schmecken mild, andere brennen so scharf in der Kehle, als seien sie aus Chili gewonnen. Überall wird verkostet, gefeilscht, die Konsistenz und Farbe begutachtet. 

Einige der weltweit teuersten Honige werden hier gehandelt. Zwischenhändler für den Export nach Saudi-Arabien, Kuwait, Europa zahlen umgerechnet bis zu 1300 Euro für einen Zehn-Liter-Kanister des besten Sidr- Honigs, gewonnen aus den winzigen Blüten des Syrischen Christusdorns. Eine internationale Honigmesse, mitten im Jemen. Das widerspricht den gängigen Vorstellungen vom Bürgerkriegsland. Seit Jahren ist der Jemen nur noch Chiffre alter und neuer Plagen: Krieg, Cholera, Corona- Pandemie und knochendürre, unterernährte Kinder. Seit im Arabischen Frühling der jahrzehntelang herrschende Diktator Ali Abdullah Saleh 2012 gestürzt wurde, versinkt das Land im Krieg. Erst rebellierten die schiitischen Huthis aus dem Norden, nahmen die Hauptstadt Sanaa und die Hafenmetropole Aden ein. 2015 griffen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) an, um die Huthis zu vertreiben. 

Die Offensive scheiterte auf halbem Weg, stattdessen kämpfen die von den VAE hochgerüsteten Hilfstruppen nun sowohl gegen die Huthis als auch gegen die jemenitische Exilregierung für eine erneute Abspaltung des Südens. Von einer fried lichen Einigung ist das Land weiter entfernt denn je. Zwischen all den Fronten aber versuchen die Menschen, sich Normalität und ein Auskommen zu bewahren. Wenn auch wenige dabei so kühn quer durchs Land fahren wie die Imker mit ihren Pick-ups und den Bienenvölkern auf der Ladefläche, immer den unberechenbaren Regenfällen und den Blütezeiten der dornigen Wüstengewächse hinterher: »An ihren Checkpoints lassen uns die Milizen stets durch«, erzählt Saleh, der alte Imker, »letztlich haben doch alle Angst vor den Bienen.« Wenn 80 Völker nervös werden, sei auch der Mann am Maschinengewehr chancenlos. Saleh stammt aus einer Provinz, die sich freigekämpft hat von allen Angreifern, die, sich weitgehend selbst überlassen, heute einen Aufschwung erlebt wie nie zuvor: Schabwa, von der Fläche mehr als doppelt so groß wie Hessen, mit nur 700000 Einwohnern, war selbst für jemenitische Verhältnisse lange Zeit eine rückständige, vergessene Region. Berge, Wüste, ein Küstenstreifen. In der Provinzstadt Atak, wo jeden November die Imker und Händler zusammenkommen, leben etwa 100000 Menschen. Als Anfang der Neunzigerjahre in Schabwa Ölfelder entdeckt wurden, flossen alle Erlöse in die Hauptstadt Sanaa. 

Selbst als ein internationales Konsortium unter Führung der französischen Total- Gruppe bis 2009 für 4,3 Milliarden Euro ein gigantisches Flüssiggas-Terminal in der Stadt Balhaf an der Küste errichtete, finanzierten dessen Einnahmen zwar zeitweilig 40 Prozent des jemenitischen Staatshaushalts. Nur in Schabwa kam kaum etwas an. Seit 2015 ruht der Betrieb. Einzig prominenter Spross der Provinz war Anwar al-Awlaki, jener charismatische Islamistenprediger, der die Ermordung von Amerikanern empfahl und selbst in den gescheiterten Anschlagsversuch auf US-Frachtflugzeuge verwickelt gewesen sein soll. 2011 starb er bei einer Drohnenattacke der CIA. Nähert man sich heute nach stundenlanger Fahrt durch die Steppe Atak, mündet die Piste plötzlich in Asphalt. Sämt liche Ausfallstrecken werden seit Monaten zu richtigen Straßen erweitert. Ein mehr als 20 Jahre alter Rohbau am Stadtrand, den 2015 die einmarschierenden Huthis besetzten, den dann mutmaßlich die US-Luftwaffe bombardierte, wird gerade ausgebaut zum modernen Krankenhaus mit 240 Betten, zentral gesteuerter Klimaanlage und Brandschutztüren. Nebenan, verteilt auf mehrere Gebäude, ist eine Corona-Quarantäne - station entstanden mit sieben Beatmungs - geräten, zwei Intensivbetten und Testlabor. 

Das klingt nach wenig, aber vorher gab es nichts. Selbst die Corona-Tests mussten über Stunden nach Aden zur Auswertung gefahren werden. Die Labortechnik sei von Saudi-Arabien finanziert worden, der Rest aus dem Budget der Provinz, sagt der Arzt Dr. Hisham Said. Bezahlt wird jeweils nach Fertigstellung eines Bauabschnitts, Ingenieure der Provinzverwaltung kontrollieren Kostenpläne und Qualität. Ein Kaff ist zum Leben erwacht. Nur, wie konnte das gelingen? Er habe mit der jemenitischen Exilregierung in Saudi-Arabien ausgehandelt, dass ein Fünftel der spärlich fließenden Öleinnahmen aus Schabwa fortan in der Provinz bleibe, erzählt Gouverneur Mohammed Bin Adio, ein freundlicher Mittvierziger mit weichen Zügen, dem man den Sozialpolitiker, als der er einst begann, sofort abnimmt. Vorher allerdings musste er noch seine eigene Provinz zurückerobern. Und zwar von jenen, die doch als Verbündete gekommen waren, den Emiratern. Bin Adios Geschichte erzählt viel vom Größenwahn der konkurrierenden Mächte und deren Scheitern, vom Einfluss der Stammestraditionen und dem Potenzial kluger Personalpolitik. 

Schon dass Bin Adio Ende 2018 von der Exilregierung zum Gouverneur berufen wurde, war ungewöhnlich: kein Günstling des machtverliebten Präsidenten, kein waffenstrotzender Lokalpotentat, sondern ein Experte für Infrastruktur, der jahrelang im Stadtrat von Atak saß und sich um soziale Belange kümmerte. Noch schillernder ist sein Führungsteam: Da ist Salim al-Awlaki, der hagere »Sicherheitskoordinator« aller Truppen, der Polizei und des winzigen Geheimdienstes, der stets lächelt und nie zu schlafen scheint. Der gelernte Geschichtslehrer kam als eine Art freiwillige Geisel zu Bin Adio: ein Faustpfand, um eine Blutfehde zwischen seinem Stamm und dem des Gouverneurs zu befrieden. »Solange ich bei ihm bin, muss das Töten ruhen«, sagt er und schaut dabei, als ob er das für ein hervorragendes Lebensmodell halte. Und da ist Brigadegeneral Abd Rabbo Laakab, der erst Ende dreißig ist, aber jünger aussieht und nie lächelt. Er hat nach zahllosen Gefechten noch ein Bein, anderthalb Hände und kaum genügend Finger, um aufzuzählen, gegen wen er in seiner Heimatprovinz schon alles gekämpft hat: erst gegen die Huthis, die 2015 für vier Monate Atak besetzt hielten, sich zwei weitere Jahre im Nordwesten behaupten konnten. Dann gegen versprengte Qaida- Kämpfer, kriminelle Banden. 

Und schließlich gegen jene Macht, die 2015 gekommen war, den Staat zu retten: das Expeditionscorps der VAE und ihre hochgerüstete Söldnermiliz, die »Schabwa-Elitetruppe«. Dabei »wollte ich eigentlich mal Buchhalter werden«, sagt er mit leiser Stimme. Anfangs war die Streitmacht der Emirater willkommen in Schabwa, bestätigen die Männer des Gouverneurs, aber auch Geschäftsleute und der Lokaljournalist Awad Saleh: »Wir dachten, die helfen uns gegen die Huthis und al-Qaida, und das taten sie ja auch«, zogen mit »Apache«- Kampfhubschraubern, Drohnen und tonnenschweren »Caiman«-Fahrzeugen aus amerikanischer Fertigung ins Feld. Doch je weniger von den ursprünglichen Feinden übrig blieb, desto mehr Personal rekrutierten die Emirater, bauten sich eine mehr als 7000 Mann starke Streitmacht auf, die bald gefürchtet war bei den Bewohnern der Provinz: »Die zogen los, nachts ganze Dörfer zu überfallen, willkürlich Männer zu verschleppen«, erinnert sich Journalist Saleh, »ein Kommandeur drohte, alle zu vergewaltigen, die seine Befehlsgewalt anzweifeln.« Als Juniorpartner Saudi-Arabiens waren die VAE 2015 mit in den Krieg gezogen, den Jemen wieder nach ihren Vorstellungen zu konsolidieren. Doch die vollmundigen Versprechen des damaligen Verteidigungsministers und heutigen Kronprinzen Saudi-Arabiens, Mohammed bin Salman, der Krieg werde in wenigen Wochen siegreich beendet sein, erfüllten sich nicht. Riads strategische Annahme, die Rebellen würden schon nach einigen verheerenden Luftangriffen kapitulieren, war falsch. 

Die Huthis erwiesen sich als extrem zähe Gegner: beseelt von ihrer missionarischen Vorstellung, Gottes Willen mit Waffengewalt zu vollstrecken. Je deutlicher das Scheitern wurde, desto weiter rückten die Emirater davon ab, den Jemen als Ganzes zurückzuerobern. Stattdessen gingen sie daran, sich ihre eigene Hälfte vom Land zu sichern: den bis 1990 für 23 Jahre unabhängigen Südjemen, der als »Demokratische Volks - republik« ein Dasein von Moskaus Gnaden geführt hatte. Die Nostalgiker des unabhängigen Südens erwiesen sich als motivierte Kämpfer. So wurden die VAE zum militärischen Paten des »Südlichen Übergangsrates«, wie die Sezessionisten sich heute nennen. Aus den Befreiern wurden Besatzer, die Schabwa und seine Ölfelder dem neuen Südreich zuschlagen wollten. Doch die Bewohner der Provinz wollen Teil des vereinten Jemen bleiben und nicht von einer Diktatur in die nächste geschubst werden. Im August 2019 erließen die Emirater ein Ultimatum: Alle regulären Truppen der Provinz hätten ihre schweren Waffen abzugeben und sich aus Atak zurückzuziehen. 

Schwer gerüstete Einheiten mit mehr als 7000 Kämpfern rollten aus mehreren Richtungen auf die Stadt zu. Es sah nicht gut aus für die Verteidiger. »Wir hatten 300 Mann und noch zwei, drei Straßenzüge unter unserer Kontrolle «, erzählt Brigadegeneral Laakab bei einem Treffen im Gouverneurssitz. »Immer wieder hatten wir die Regierung um Militärhilfe gebeten«, sekundiert Salim al-Awlaki, der Sicherheitskoordinator: »Aber da kam nichts. Also haben wir uns Waffen geliehen.« Gouverneur Bin Adio wirft ein: »Wir haben den Emiratern gesagt, wenn ihr auf Terroristen schießen wollt, bitte schön! Aber warum auf uns?« Am Abend des 21. August begann der Showdown. »Wir waren bereit zum Kampf auf Leben und Tod«, murmelt Laakab. 

Doch dann konnten sich die lokalen Kämpfer der emiratischen Söldnertruppe nicht einigen: Sollen sie auf ihre eigenen Cousins schießen? Auf Befehl von Ausländern? Die ganze Nacht und die kommenden zwei Tage über telefonierten Scheichs der lokalen Stämme mit beiden Seiten, beknieten ihre Angehörigen in der Söldnertruppe, das Feuer einzustellen. Immer mehr Elitekräfte gaben auf, verließen ihre Positionen und Fahrzeuge. Am dritten Tag war alles vorbei. Die Verteidiger haben neun der gepanzerten »Caiman«-Fahrzeuge erbeutet. Bin Adio möchte sie irgendwann im lokalen Museum ausstellen, während die VAE bis heute Emissäre schicken und Geld für eine diskrete Rückgabe bieten. »Wer wirklich kämpft, muss wissen, wofür«, sagt Laakab: »Geld reicht nicht. Was soll ein Toter mit Geld?« Nun ist Schabwa frei, zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Bin Adio ist im ganzen Jemen berühmt geworden für seine Kühnheit, selbst den Emiraten zu trotzen. Wie souverän er jetzt ist, zeigt sich schon daran, dass er gegen alle Widerstände der Interventionsmächte und selbst der eigenen Regierung durchgesetzt hat, gemeinsam mit dem »Sanaa Center for Strategic Studies« eine Gruppe ausländischer Reporter nach Schabwa zu holen. »Dabei wollen wir gar nicht völlige Unabhängigkeit «, beteuert er, »sondern nur fair regiert werden.« Ein vorsichtiger Optimismus ist spürbar in der Stadt. 

Die sagenhafte Summe von 31 Millionen Dollar sei seit Herbst 2019 aus den anteiligen Öleinnahmen ins Budget der Provinz geflossen. Es gibt neue Jobs auf dem Bau, die Gehälter der Lehrer sind erhöht worden und werden tatsächlich ausgezahlt. Die Imker trauen sich mit ihrer kostbaren Ernte in die Stadt. Am Sandstrand der Küste hat ein lokales Konsortium mit dem Bau eines Urlaubsresorts begonnen.Doch es ist ein Schwebezustand, dessen Dauer niemand voraussagen kann. Noch immer besetzen die Emirater das Militärcamp Alam im Norden zwischen den Ölfeldern und vor allem das Flüssiggasterminal von Balhaf. Auf dem riesigen Areal unterhalten sie nicht nur eine Militärbasis, sondern auch ein Geheimgefängnis, jenseits aller Rechtsprechung, dessen Existenz die Uno, Amnesty International und die Ärzte des Stadtkrankenhauses in Atak bestätigen. Gelegentlich würden Freigelassene aus Balhaf bei ihnen abgeliefert mit »Knochenbrüchen, Hämatomen, Brandwunden«, erzählt einer der Ärzte lakonisch. Man würde die Offiziere der VAE und ihre jemenitischen Milizführer gern fragen, warum sie Menschen verschleppen, die mitnichten Terroristen sind, sondern oft nur die Rolle der VAE kritisiert haben. Ebenso danach, auf welcher Grundlage sie Jemens wertvollste Industrieanlage besetzt halten. Doch sie wollen nicht mit ausländischen Medien reden. An einem völligen Abzug der Emirater allerdings kann auch die Provinzregierung von Schabwa kaum Interesse haben, selbst wenn sie ihn öffentlich fordert. Denn im Westen der Provinz lauern immer noch die Huthis, in entlegenen Tälern die Anhänger von al-Qaida. 

Die gewonnene Freiheit zu bewahren wird weniger durch Kampf als durch Ausbalancieren aller Interessengruppen gelingen. Doch selbst im Falle des Scheiterns hat sich etwas in den politischen Vorstellungen der Menschen verändert, was eine Rückkehr zur Diktatur schwierig machen dürfte: der Wunsch nach einem funktionierenden Staat und der Respekt vor ihm. Selbst dort, wo man es nicht vermuten würde. An einem Abend treffen sich die Oberhäupter der wichtigen Stämme von Schabwa in der Wüste anderthalb Stunden außerhalb von Atak, um die üblichen Angelegenheiten zu besprechen: Fehden, Weidegründe, Hochzeiten. Eine Galerie halb offener Zelte ist in den Wüstensand gepflockt worden, am Feuer garen Ziegen. Die großen Scheichs der Hamami, Awlaki, Lakamusch sind in vollem Ornat angetreten. Scheich Saleh Jarbou al-Nassi, ein legendärer Poet und Fehdenschlichter, hat sogar seine uralte Flinte dabei. Doch die traditionelle Kulisse kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich etwas geändert hat im Denken der Alten. Nach endlosen Höflichkeitsfloskeln sagt Nassi: Das mit den Gesetzen sei doch gar nicht so schlecht, »wenn die funktionieren, bräuchte es das Stammesrecht nicht mehr«. Auch dass der einbeinige Brigadegeneral Laakab es mittlerweile wage, Mordverdächtige aus der Mitte ihres Stammes heraus zu verhaften, habe etwas für sich, werfen andere ein. Das alte Modell, dass der Stamm für alle Taten seiner Angehörigen hafte, sie beschütze, richte, das funktioniere heutzutage einfach nicht mehr. 

Der Praxistest für die neu gewonnene Eigenständigkeit findet derzeit in Sichtweite des VAE-Militärlagers von Alam statt: Seit Wochen campieren dort Dutzende Bewohner des Ortes Hadschr und verlangen nach einem Überfall auf ihr Dorf Gerechtigkeit. »Die Elitekräfte kamen nachts und begannen sofort zu schießen«, erzählt Scheich Ahmed al-Mehdar: »Ich rannte zur Moschee, rief denen über Lautsprecher zu, sie sollten aufhören zu schießen. Dann bombardierten uns die Emirater aus der Luft.« Neun Bewohner starben. Das mutmaßliche Vergehen der Dörfler: Sie hatten einem Rekruteur der Elitekräfte eine Abfuhr erteilt. Offiziell haben sich die VAE nicht zum Angriff bekannt, informell angeboten, zur Entschädigung könnten die Männer den Elitekräften beitreten. »Erst bringen sie uns um, dann bieten sie uns einen Job an bei der Killertruppe«, redet sich Mehdar in Rage: »Das ist doch Irrsinn! Wir verlangen, dass alle Verantwortlichen vor ein Gericht gestellt werden! Wir bleiben friedlich, aber bleiben hier, bis wir Gerechtigkeit bekommen!« Der Winter naht. Überall in den kargen Hügeln von Schabwa machen sich die Imker fertig für den Umzug ins wärmere Flachland der Küste. Nahe Atak zieht Said al-Awlaki vorsichtig die letzten vollen Waben aus den Holzkästen. »Es funktioniert nur, wenn wir kooperieren«, sagt er über das Honiggewerbe: »Wenn ich Zucker zufüttere oder Medikamente, muss ich das den anderen mitteilen, denn deren Bienen fliegen auch meine Stöcke an. Wenn Bauern Pestizide einsetzen, sagen sie uns das vorher. 

Sie brauchen unsere Bienen ja zum Bestäuben.« Auch über Straßensperren und jähe Regenfälle würden sie sich untereinander austauschen in mehreren Whats - App-Gruppen. Er redet über Honig, aber unversehens klingt es wie ein Manifest fürs Land: »Wenn wir uns nur bekriegen, jeder sich durchsetzen will, verlieren alle.« Damit kennt er sich aus, er saß vor Jahren mal als Qaida-Unterstützer fünf Monate lang im Gefängnis. Heute würden er und die anderen Imker zwar auch leidenschaftlich über Politik diskutieren, »Trump, Biden und so«. Aber wenn es keine Einigkeit gebe, würden sie nicht die Waffen ziehen, sondern das Thema wechseln: »Dann reden wir wieder über Bäume und Bienen.«

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