Imame für Deutschland

Die Wut, sagt der Imam, sei »ein heimtückisches Virus«, das manchmal vor nichts haltmache. Doch wer die ethischen Lehren des Korans verinnerlicht habe, schaffe es, seinen Zorn zu kontrollieren. Mehr als hundert Männer hören ihm an einem Freitag im November in der Moschee des türkischen Ditib-Verbands im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg zu. 

Selbst im Flur vor der Damentoilette sitzen die Gläubigen mit Corona-Masken auf ihren Gebetsteppichen. Musliminnen sind an jenem Tag nicht anwesend. Der islamischen Überlieferung zufolge ist das Freitagsgebet in der Moschee, anders als für die Männer, nicht verpflichtend. Im Frauen-Separee in Wilhelmsburg ist der Geistliche ohnehin nur dumpf durch die Tür zu verstehen. Nachdem er auf Türkisch gesprochen hat, liest er den Text auf Deutsch vor und ermahnt die Gläubigen, »Wut mit dem Wasser der Geduld« zu löschen. 

Dann verheiße der Koran das Paradies. Still und konzentriert hören ihm die Männer zu. Imame wie der Theologe in Wilhelmsburg können, zumindest wenn sie charismatisch sind, erheblichen Einfluss auf die Entwicklung junger Muslime haben. Das weiß auch Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Die Ausbildung muslimischer Prediger in Deutschland trage deshalb dazu bei, Islamismus vorzubeugen, sagte er Mitte November auf der deutschen Islamkonferenz, einem Gesprächsforum der Regierung zum Austausch mit Vertretern der Muslime. Das Gremium und seine Arbeit seien die »Antwort auf den dumpfen und bestialischen islamistischen Terrorismus«. Die Konferenz wurde von den jüngsten Terroranschlägen überschattet. Ein Islamist erstach in Dresden einen schwulen Touristen, ein anderer köpfte nahe Paris einen Lehrer aus Zorn darüber, dass dieser Karikaturen Mohammeds in seiner Klasse gezeigt hatte. Auch in Nizza und in Wien starben in den vergangenen Wochen Menschen durch islamistischen Terror. Seehofer versuchte auf der Islamkonferenz Optimismus auszustrahlen. Doch manche Islamexpertinnen und -experten halten seinen Plan bereits für gescheitert, dass eines Tages in deutschen Moscheen mehrheitlich vom Ausland unabhängige Theologen arbeiten werden. 

Denn wenn es um die Ausbildung der Imame geht, reden auch islamische Dachverbände wie die Ditib oder der Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) mit, die ihre eigenen Vorstellungen davon haben, was gute Prediger sind. Manche Kritiker halten es schon für skandalös, dass Seehofer überhaupt zu einem Dialog mit Organisationen bereit ist, die enge Verbindungen zu den autokratischen Regierungen in der Türkei oder Iran haben. Auf Facebook kündigte der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad Mitte November an, er wolle künftig nicht mehr an der Veranstaltung teilnehmen. Lange war der Sohn eines Imams, der ständig unter Polizeischutz steht, dort eine der provokativsten säkularen Stimmen. Die Islamkonferenz sei mitverantwortlich für »die Stärkung des politischen Islam« in Deutschland. Liberale und Islamkritiker würden nicht genügend Gehör finden, schreibt er. Mit diesem Vorwurf steht er nicht allein. »Durch das Forum wertet die deutsche Regierung Anhänger ausländischer Autokraten und menschenrechtsverachtender Regime auf und tut so, als seien sie das Sprachrohr für alle Muslime in Deutschland, was sie definitiv nicht sind«, sagt Susanne Schröter, Leiterin des Forschungsinstituts Globaler Islam an der Universität Frankfurt am Main. Rund fünf Millionen Musliminnen und Muslime leben in Deutschland, eine heterogene Gruppe. 

Allein unter den Türkeistämmigen gibt es zahlreiche Strömungen. Nicht jeder Türke ist ein Anhänger Recep Tayyip Erdoğans, nicht jeder geht in eine Ditib-Moschee, und wer hingeht, ist nicht zwangsläufig ein Freund von Erdoğans Türkeikurs. Die große Mehrheit der Muslime ist überhaupt nicht in Verbänden organisiert. Viele leben ihren Glauben privat; wissenschaftliche Studien dazu, wer sich wem verbunden fühlt, gibt es nicht. Auch das macht es deutschen Politikern schwer, die richtigen Partner zu finden. Vertreter des Zentralrats und der Ditib haben sich nach den islamistischen Anschlägen der vergangenen Wochen gegen Gewalt ausgesprochen. Beispiele für Terroristen, die in Ditib-Moscheen radikalisiert worden wären, sind nicht bekannt. Wo also liegt das Problem, wenn Seehofer mit ihnen kooperiert? In Wilhelmsburg predigt der Imam: Seelenfrieden könne nur dann hergestellt werden, »wenn die Gebote und Empfehlungen unserer Religion eingehalten werden«. Der Begriff Islam meine auch Wohlergehen, Frieden, Geborgenheit. Die Predigt wäre eine Chance, auf die islamistischen Attentate einzugehen. Der Imam könnte thematisieren, dass es in einer freiheitlichen Gesellschaft erlaubt ist, Mohammed- Karikaturen zu drucken – oder sich als schwules Paar händchenhaltend zu zeigen. 

Doch wie schon in den Vorwochen behandelt die Predigt, die die Ditib an ihre Imame verschickt, diese Dinge nicht. Kurz nach der Ermordung des französischen Lehrers Samuel Paty erwähnt ein Predigttext das Spannungsfeld zwischen Glaubens- und Meinungsfreiheit, er ist auf der Ditib-Homepage nachzulesen. Mohammed sei »der größte Friedensgesandte «, heißt es darin, »unser Weg wird der Weg des Guten sein«. Die Ditib missbilligt in dem Text allerdings ausführlich die »Angriffe auf die Person des Propheten« unter dem »Deckmantel der Meinungsfreiheit«. Es gebe eine Verweigerungshaltung der Verbände, sich mit »den dunklen Seiten der Religion« auseinanderzusetzen, sagt Schröter. Antisemitismus, Homophobie, die Stellung der Frau, Radikalisierung – nichts davon werde ausreichend behandelt. »In Verbindung mit einer rückständigen Auslegung des Islam ist das ein guter Nährboden für Extremismus«, sagt sie. Auch der ehemalige Ditib-Funktionär Murat Kayman kritisiert, wie die Verbände mit den Attentaten umgehen: Extremisten beriefen sich viel zu häufig auf den Islam, wenn sie ihre Mordtaten verübten, schreibt er in seinem Blog. Wenn man des Problems Herr werden wolle, dürfe man dies nicht einfach ausblenden.

 

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