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Immunität, Effektivität, Nebenwirkungen – Der Spiegel beantwortet die wichtigsten Fragen um die Impfungen gegen das Coronavirus

Können die neu entwickelten Impfstoffe das Erbgut verändern? So gut wie alle etablierten Experten verneinen den Verdacht, die Impfstoffe von Biontech/ Pfizer, Moderna und Curevac seien in der Lage, das persönliche GenProfil zu manipulieren. Die Behauptung zählt zu den derzeit meistzitierten auf den Internetseiten der Impfgegner. Im Gegenteil scheinen die neuen Impfstoffe auf Basis der Boten-RNA in dieser Hinsicht besonders sicher zu sein. Im renommierten „New England Journal of Medicine“ schreiben die USMikrobiologen Deborah Fuller und Peter Berglund, Impfstoffe dieser Art müssten gerade nicht in den Zellkern eindringen, um ihre Wirkung zu entfalten. Damit seien mRNAVakzine Impfstoffen auf DNABasis überlegen.

Welche Nebenwirkungen sind bei den mRNA-Impfstoffen bekannt? Nach Durchsicht aller vorliegenden Daten zum Biontech/PfizerImpfstoff stellt die USamerikanische Zulassungsbehörde FDA dem Produkt ein gutes Zeugnis auch hinsichtlich der Nebenwirkungen aus. 84 Prozent der geimpften Probanden berichteten von Schmerzen an der Injektionsstelle, 63 Prozent von einer gewissen Müdigkeit, 55 Prozent von Kopfschmerzen, 38 Prozent von Muskelschmerzen, 32 Prozent erlebten ein ungewöhnliches Kältegefühl, 24 Prozent klagten über schmerzende Gelenke, und 14 Prozent bekamen Fieber. Bei bis zu 4,6 Prozent der Teilnehmer (bei Jüngeren eher als bei Älteren) kam es zu Ereignissen, die als „ernstzunehmend“ eingestuft wurden – nicht alle müssen kausal mit der Impfung zusammenhängen. Signifikant häufiger (im Vergleich zu jenen, die nur ein Scheinmedikament erhalten hatten) kam es bei den Geimpften zu einer Lymphknotenschwellung. Für die FDA ist es „plausibel“, dass diese Reaktion mit der Impfung in Zusammenhang steht, wie auch viele andere Reaktionen – etwa Fieber – ein Zeichen dafür sein können, dass das Immunsystem „anspringt“. Mit den vielen Zigtausend Probanden, die Biontech/Pfizer und bald wohl auch Moderna getestet haben, ist das Spektrum möglicher Ereignisse aber wohl eher nicht ausgereizt. Nach den ersten Routineimpfungen berichteten britische Behörden von zwei Fällen, in denen die Impfung deutliche, aber vorübergehende allergische Reaktionen hervorgerufen zu haben scheint. Manche Nebenwirkung kann sich auch erst nach mehreren Hunderttausend oder gar Millionen Empfängern zeigen. Ein Beispiel sind die Fälle von krankhafter Schläfrigkeit (Narkolepsie) nach SchweinegrippeImpfungen 2009.

Wie sieht es bei anderen „westlichen“ Impfstoffen aus, etwa dem von Astra Zeneca? Der britischschwedische Pharmakonzern hat soeben eine große Studie zu seinem auch als „OxfordImpfstoff“ bezeichneten Produkt vorgelegt. Sie besagt, dass der Impfstoff, der auf eine andere Art konstruiert ist als jene von Biontech/Pfizer und Moderna, zu 70 Prozent wirksam sein soll. Die große Frage, die die Daten aufwerfen, löst aber auch diese Publikation nicht: Warum fiel die Wirksamkeitsquote in einer Gruppe von Probanden, die bei der ersten der zwei Teilimpfungen irrtümlich nur die halbe Dosis bekommen hatte, höher aus als bei den mit zwei vollen Einheiten Geimpften? Unbestätigten Meldungen zufolge plant Astra Zeneca, das widersprüchliche Ergebnis in einer eigenen Studie zu überprüfen, beantragt aber gleichzeitig bei Behörden die Zulassung. Immerhin kam es bei keinem der rund 12 000 Studienteilnehmern zu schweren Erkrankungen und Ereignissen, die in einer Klinik behandelt werden mussten. Aus Europa und Nordamerika befinden sich darüber hinaus Impfstoffkandidaten von Janssen, Novavax (USA) und dem kanadischen BiotechnologieUnternehmen Medicago in der dritten Testphase. Zulassungsansuchen liegen von diesen Unternehmen noch nicht vor.

Wie steht es um die Mittel von Russen und Chinesen? Keiner der fünf Hersteller aus China, des russischen (Gamaleja) und eines indischen (Bharat Biotech), die mit ihren Produkten Impfstofftests der Phase III durchführen, hat um Zulassung bei der europäischen Behörde EMA angesucht. Vor allem von dem chinesischen Pharmariesen Sinopharm liegen Meldungen über eine Phase-III-Studie mit Daten von 31 000 Probanden vor, die dem Produkt eine Wirksamkeit von 86 Prozent bescheinigen. Allerdings handelt es sich im Grunde nur um eine Pressemitteilung, die sich etwa zum Thema Nebenwirkungen ausschweigt. Für diesen, eher auf klassische Art konstruierten Totimpfstoff hat das Unternehmen in China die Zulassung beantragt. Ein anderer Impfstoff aus China, jener der Firma Sinovac, soll bereits nach Indonesien und in die Türkei geliefert werden. Die wissenschaftlich- medizinischen Hintergründe bleiben auch beim russischen Sputnik-V-Impfstoff im Unklaren. Obwohl eine Phase-III-Studie mit mehr als 40 000 Teilnehmern offenbar noch nicht abgeschlossen ist, wird er bereits routinemäßig verabreicht. Ein Zwischenergebnis zeigte eine Wirksamkeit von 95 Prozent.

Sollten sich Kinder impfen lassen? Um eine möglichst bevölkerungsweite Immunität zu erreichen, wäre es notwendig, auch Kinder zu impfen. Die bisherigen Impfstofftests fanden weitgehend ohne sie statt. Daten liegen erst ab ungefähr 16 Jahren vor. Der Grund dafür ist das Tempo, das die Firmen an den Tag legen. Die irische Pharmazeutin Emer Cooke, die neue Chefin der europäischen Zulassungsbehörde EMA, versichert, die Firmen würden bereits an den entsprechenden Studien arbeiten, um eine Sars-CoV-2-Impfung für Kinder vorzubereiten.

Was gilt bei Schwangeren? Die britische Zulassungsbehörde MHRA empfiehlt Schwangeren, sich mit dem Biontech/Pfizer-Impfstoff zunächst nicht impfen zu lassen. Das gilt auch für Frauen, die in den kommenden drei Monaten schwanger werden wollen oder nicht wissen, ob sie es sind, sowie für junge Mütter, die stillen. Es gibt keine Daten, die eine spezielle Gefahr belegen, aber auch keine, die eine Unbedenklichkeit zeigen. Nach der Geburt beziehungsweise nach dem Abstillen könnten sich Frauen aber sehr wohl impfen lassen, so die MHRA.

Wie sinnvoll ist es, zunächst nur ältere Menschen und Risikopatienten zu impfen? Wichtigstes Ziel ist es, schnell Leben zu retten. Laut Robert Koch-Institut (RKI) steigt das Risiko eines schweren Verlaufs einer Covid- 19-Erkrankung „ab 50 bis 60 Jahren stetig mit dem Alter an“. Jede weitere Grunderkrankung wie Herz-Kreislauf-Leiden, Diabetes, Atemwegs-, Nieren- und Lebererkrankungen, Krebs sowie die Faktoren starkes Übergewicht (Adipositas) und Rauchen steigern die Gefahr weiter, eine Intensivbehandlung zu benötigen. Von den am vergangenen Dienstag 19 314 im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen hatten 4066 ein Alter von 90 Jahren oder mehr, und 12 785 waren zwischen 70 und 89 Jahren alt. Bei Älteren und Risikopatienten ist die Lage also besonders prekär. Es gibt Stimmen, die spekulieren, dass eine Impfung der Jüngeren schneller eine Herdenimmunität gewährleisten könne. Die vielen Lücken aber, die sich in diesem Fall bilden würden, sprechen gegen diese Strategie.

Wie gut ist die 95-prozentige Wirksamkeit belegt? In der Phase-III-Studie von Biontech und Pfizer, an der 43 000 Probanden teilnehmen, traten nach den jüngsten veröffentlichten Daten 170 Covid-19 -Fälle auf. Von diesen Menschen hatten acht den Impfstoff erhalten und 162 das Scheinmedikament (Placebo) – daraus berechnet sich der signifikante, hohe Wirksamkeitsgrad. Er kann sich also noch verändern, sobald weitere Daten ausgewertet sind. Positiv zu vermerken ist, dass die Quote bei den über 65-Jährigen unter den Probanden mit 94 Prozent kaum geringer war.

Kann ich trotz Impfung jemanden anstecken? Es ist noch nicht sicher, inwieweit die neuen Impfstoffe eine „sterile Immunität“ garantieren, ob sie also nicht nur die Symptome einer Erkrankung verhindern, sondern auch die Weitergabe des Virus. Deshalb werden auch Geimpfte weiter eine Maske tragen und die Abstandsregeln beachten.

Kann es eine (begrenzte) Impfpflicht geben? In Deutschland gibt es bislang keine Impfpflicht, rechtlich möglich wäre sie aber. Diese müsste das Bundesgesundheitsministerium per Rechtsverordnung anordnen, dazu ist es nach dem Infektionsschutzgesetz legitimiert. Bislang haben alle wichtigen Vertreter der Bundesregierung, allen voran der zuständige Gesundheitsminister, darauf hingewiesen, dass Corona-Impfungen freiwillig geschehen sollen. Solange es keine gesetzliche Impfpflicht gibt, darf der Arbeitgeber keine Impfung von seinem Arbeitnehmer verlangen. Die Freiwilligkeit darf auch die öffentliche Hand nicht umgehen. Daher ist es ausgeschlossen, dass Betriebe der Daseinsvorsorge (Bus und Bahn etwa) eine Impfung zur Beförderungsvoraussetzung machen. Anders verhält es sich bei Fluglinien. Sie haben nach deutschem Recht keine Beförderungspflicht. Theoretisch könnten deutsche Airlines einen Impfnachweis verlangen. Ähnlich könnten auch Restaurants, Hotels oder Fußballvereine vorgehen.

Wie viele Menschen müssten sich impfen lassen? Nach aktueller Studienlage müssten 60 bis 70 Prozent der Menschen geimpft sein, damit sich das Virus nicht mehr gut verbreiten kann. Allerdings ist die Zahl der Geimpften laut WHO und RKI nicht einzig ausschlaggebend für die Herdenimmunität, sondern etwa auch die Wirksamkeit der Impfstoffe und die Frage, wie lange der Schutz anhält.

Wer verdient an den Impfungen? Die Entwicklung von Impfstoffen ist sehr aufwendig und teuer. Normalerweise dauert sie Jahre, in denen das betreffende Pharmaunternehmen und seine Investoren nicht wissen, ob sich der Einsatz lohnt. Um die Impfstoffentwicklung gegen Sars-CoV-2 zu beschleunigen, unterstützte das Bundesforschungsministerium die deutschen Biopharmaunternehmen Biontech, IDT Biologika und Curevac mit insgesamt 741 Millionen Euro. Im Sommer hat der Bund über die staatliche Förderbank KfW für 300 Millionen Euro rund 23 Prozent an Curevac erworben. Beim Börsengang im August verdiente der Bund auf einen Schlag 1,6 Milliarden Euro, zumindest auf dem Papier, denn er hält die Anteile weiter. Der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, der über seine Biotech-Holding Dievini an Curevac beteiligt ist, verdiente beim Börsengang ebenso mit wie die Bill & Melinda Gates Foundation. Die Aktien von Biontech haben sich ebenfalls rasant entwickelt. Seit dem Börsenstart vor gut einem Jahr hat sich ihr Wert mehr als versiebenfacht. Der Gesamtumsatz von Biontech betrug in den ersten neun Monaten dieses Jahres 137 Millionen Euro, die Kosten für Forschung und Entwicklung lagen bei 388 Millionen Euro. Da ein großer Teil der Erdbevölkerung geimpft werden dürfte, geht es um einen Milliardenmarkt.

Könnte es Langzeitfolgen einer Impfung geben? Diabetes, Multiple Sklerose und Autismus zählen zu den schweren Krankheiten, die von Impfgegnern in Zusammenhang mit Impfungen gebracht werden. „Die Ergebnisse zahlreicher Studien sprechen gegen einen Zusammenhang zwischen Impfungen und den genannten Krankheiten“, schreiben das Robert Koch-Institut und das für Impfstoffe zuständige Paul-Ehrlich-Institut in einer Stellungnahme, die vor der Corona-Pandemie erschien. Ein Fiasko erlitt ein britischer Arzt, der in einer kleinen Studie einen Zusammenhang zwischen Impfen und Autismus bei Kindern festgestellt haben wollte. Die Ergebnisse ließen sich durch andere Wissenschaftler nicht bestätigen. Weil sich der Verdacht erhärtete, dass er die Daten manipuliert hatte, verlor der Arzt seine Zulassung. Aber jede Impfung greift in das Immunsystem ein. Reaktionen wie Rötungen, Schwellungen und Schmerzen an der Injektionsstelle sind meist Ausdruck einer erwünschten Auseinandersetzung der Abwehr mit dem Impfstoff. In der Regel klingen sie nach wenigen Tagen komplett ab. Der Verdacht auf eine schwerere Nebenwirkung (beziehungsweise „unerwünschte Arzneimittelwirkung“, UAW) ist meldepflichtig. In der UAW-Datenbank des Paul-Ehrlich-Instituts finden sich zwischen Anfang 2000 und Ende August dieses Jahres 52 000 Verdachtsmeldungen, 21 600 davon bei Kindern. Frauen scheinen deutlich häufiger betroffen zu sein als Männer. Insgesamt wurden 437 Todesfälle und 894 Fälle bleibender Schäden als Verdachtsfall registriert. (Die Kassen bezahlen in Deutschland pro Jahr rund 50 Millionen Impfungen.)

Sollte ich mich allein schon aus ethischen Gründen impfen lassen, um andere zu schützen? Claudia Wiesemann, Medizinethikerin an der Universität Göttingen und bis April 2020 stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, sieht eine solidarische Pflicht, sich impfen zu lassen: „Diese Pflicht ist umso stärker, je gefährdeter die Menschen in der eigenen Umgebung sind. Denn hier kann ein vergleichsweise kleiner und harmloser Eingriff mit großer Wahrscheinlichkeit dazu beitragen, das Leben von Menschen zu retten.“ Auch die Deutsche Bischofskonferenz plädiert für ein solidarisches Miteinander. „Die Bereitschaft zur eigenen Impfung ist konkreter Ausdruck dieser Solidarität“, sagt Bischof Gebhard Fürst, Vorsitzender der Unterkommission Bioethik der Deutschen Bischofskonferenz. Monika Bobbert, Professorin für Moraltheologie der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, sieht hingegen keine christliche Verpflichtung zur Impfung, „weil es mir zusteht, darüber zu entscheiden, was mit meinem Körper und meiner Gesundheit passiert.“ Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) formuliert es vage: Die gemeinsame gesellschaftliche Aufgabe bestehe darin, um Vertrauen für die Impfung zu werben. Zudem müsse alles darangesetzt werden, dass der Impfstoff nicht nur bei uns, sondern auch weltweit gerecht verteilt werde.

Wie lange hält der Impfschutz an? Dazu sind derzeit nur Analogschlüsse möglich – und sie geben Anlass zu leichtem Optimismus. Zuletzt fand der Neuroimmunologe Florian Deisenhammer von der Medizinischen Universität Innsbruck heraus, dass im Blut von Menschen, die von einer Covid-19-Erkrankung genesen, auch sechs Monate danach noch neutralisierende Antikörper nachweisbar sind. Diese Immunproteine sind für die Abwehr besonders wichtig. „Alle Elemente einer protektiven Immunität waren vorhanden“, sagt Deisenhammer, dem 29 Probanden zur Verfügung standen. Das Ergebnis deckt sich mit den Resultaten anderer Studien aus jüngerer Zeit.

Haben wir überhaupt genug Impfstoff? Insgesamt hat sich die EU bei sechs Herstellern bis zu knapp zwei Milliarden Impfdosen gesichert. Deutschland stehen dem Bevölkerungsanteil von 18,6 Prozent entsprechend 365 Millionen Dosen zu. Allerdings musste Biontech kürzlich seine für dieses Jahr avisierte Zahl von 100 Millionen Impfstoffdosen auf 50 Millionen reduzieren. Für Deutschland rechnet Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bis Januar mit drei Millionen Impfdosen, vorausgesetzt, es gibt eine Zulassung dafür. Damit könnten bis Ende Januar 1,5 Millionen Menschen geimpft sein. Bis Ende März seien für Deutschland elf Millionen Dosen allein von Biontech realistisch, sagt Spahn. Dazu könnten weitere Impfstoffeinheiten anderer Hersteller wie Moderna kommen.

 

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