Kandidat für den DAX


 Der Onlinebroker flatex erlebt eine Dynamisierung des Wachstums. Die Übernahme von DEGIRO ebnet den Weg zur paneuropäischen Marktführerschaft – und womöglich für einen Aufstieg in höhere Sphären.

der aktionär: Corona-Crash, Lockdown, US-Wahl – wie haben Sie das Jahr 2020 erlebt? frank niehage: Der Ausbruch der Corona-Pandemie war sicher das prägendste Ereignis dieses Jahres. Man sollte das alles nicht verharmlosen, die Folgen sind enorm. Und wir können das täglich in den Nachrichten sehen. Neben all den negativen Effekten gibt es auch einige positive. So hat sich etwa das Reiseverhalten verändert. Das ist gut für die Umwelt. Und für viele Arbeitnehmer.

Sie gelten als Vielflieger. Nicht mehr. Ich bin sonst annähernd 100 Mal im Jahr geflogen. Seit März saß ich vielleicht fünfmal im Flieger. Das wird sich auch nach der Krise nicht großartig ändern. Ich stelle fest: Wenn ich nicht reisen muss, bin ich glücklich, kann meine Zeit besser nutzen. Arbeit und Privatleben profitieren davon gleichermaßen. Die Pandemie lehrt, dass es auch anders geht.

Sie arbeiten heute von zu Hause aus. (Das Interview hat anders als ursprünglich geplant nicht persönlich, sondern per Video-Call stattgefunden.) So wie 80 bis 90 Prozent meiner Kolleginnen und Kollegen derzeit. Bei uns funktioniert das ganz herausragend. Und ich gehe davon aus, dass auch viele andere Unternehmen selbst nach Lockerung der Maßnahmen ihren Mitarbeitern zwei oder drei Tage in der Woche das Arbeiten von zu Hause aus ermöglichen werden.

Zumindest diejenigen, die das können. Das produzierende Gewerbe wird damit anders umgehen müssen. Die Industrie ist nicht nur jetzt anders betroffen, sie wird auch im Nachgang andere Konzepte finden müssen. Auf die Bereiche Entertainment und Gastronomie lässt sich das auch nicht übertragen. Die Immobilienwirtschaft wird sich ebenfalls umstellen müssen. Wir gehen davon aus, dass wir keinen zusätzlichen Büroraum benötigen, obwohl wir mehr Mitarbeiter einstellen. Digitalunternehmen können gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Sehen Sie sich als Profiteur? Ein schwieriges Wort in diesem Kontext. Es ist jedoch so, dass sich viele Menschen seit dem Lockdown im Frühjahr mehr mit dem Internet befassen, Onlineshopping entdecken. Und von da an ist es nicht mehr weit zum Onlinebanking und schließlich -brokerage. Und damit zu uns. Hinzu kommt ein erfreulicher Trend: Es interessieren sich immer mehr Menschen für Aktien. Und durch die Volatilität der Märkte ergeben sich Handelsanreize für unsere Kunden, das spüren wir ebenfalls sehr positiv in unseren Umsätzen.

Lassen Sie uns über die Auswirkungen auf Ihr Business sprechen. Gern. Mit der Übernahme von DEGIRO haben wir für dieses Jahr zunächst 50 Millionen Transaktionen prognostiziert. Dann 60. Inzwischen erwarten wir 70 Millionen Trades. Oder nehmen Sie die Zahl der Kunden. Wir haben mit einer Million gerechnet. Dann mit 1,1 Millionen. Jetzt gehen wir davon aus, dass wir zum Jahresende 1,2 Millionen Kunden haben werden. Zudem schaffen wir Kundenvorteile über unsere Marken hinweg: Bis zum Jahreswechsel dürften über 500.000 DEGIRO-Kunden zusätzlich zum Depot bei DEGIRO ein Cash-Konto bei der flatex Bank erhalten haben.

Aus welchem Grund ist das wichtig beziehungsweise welchen Vorteil haben diese Kunden? Die Vorteile sind gewaltig. Zum einen erfahren sie auf diesem Wege eine maßgebliche Qualitätsverbesserung. Zum anderen profitieren sie von der deutschen Einlagensicherung und damit höheren Garantiebeträgen.

Und für Sie? Wir profitieren von Synergien. Unter anderem werden wir das Kreditbuch der DEGIRO zu flatex umziehen. Wir haben innerhalb der ersten sechs Monate bereits erhebliche Synergieeffekte realisiert. Weitere werden folgen. Das alles ist in den Erwartungen der Analysten noch nicht vollständig eingepreist. Die Kursziele für unsere Aktie liegen zwischen 51 und 70 Euro. Mir ist das aber immer noch zu wenig. Ich sehe da vielmehr die Aussicht auf eine nochmals deutliche Steigerung des Shareholder Value.

Wie weit blicken Sie da in die Zukunft? Es ist unsere Vision, dass flatexDEGIRO 2025 mindestens drei Millionen Kunden zählt und über 100 Millionen Transaktionen im Jahr abwickelt. Selbst in Jahren mit nur durchschnittlicher Volatilität der Märkte. Wir operieren jetzt paneuropäisch in 18 Ländern. Wenn Sie sich anschauen, wo wir wie aktiv sind, dann erkennen Sie das Potenzial. Wir sind unter den Top 3 in Deutschland, die Nummer 1 in den Niederlanden, in Österreich und Frankreich. Dort, aber mindestens genauso sehr auch in den übrigen Ländern können und wollen wir noch erheblich wachsen.

Drei Millionen Kunden – das klingt nahezu unglaublich, wenn man die Zahl der Aktionäre in Deutschland gegenüberstellt. flatex entwickelt sich weiter. Als Bernd Förtsch flatex gegründet hat, stand das Motto „einfach günstig handeln“ im Vordergrund. Das einfache Preismodell, die Flat-Fee, war damals revolutionär. Und der Slogan und das Geschäftsmodell dahinter waren wesentlich für diese einmalige Erfolgsgeschichte, die wir geschrieben haben. Wir haben heute über 400.000 flatex-Kunden in Deutschland und Österreich. Das ist viel, wenn Sie bedenken, dass wir bislang ausschließlich besonders Handelsaktive angesprochen haben. Von 83 Millionen Deutschen sind das allenfalls ein bis zwei Millionen. Über dieses angestammte Geschäft mit hochaktiven Kunden, was wir als flatex classic bezeichnen, wollen wir hinauswachsen.

Auf classic folgt? Wir wollen jetzt die nächste Kundenschicht erschließen. Menschen, die sich mit dem Thema Geldanlage auseinandersetzen, aber nicht gleich wissen, was OTC, Limit-Order oder Stop-Loss ist und es womöglich zunächst auch gar nicht wissen wollen. Wir können nicht von uns auf andere schließen. Sie und ich, wir befassen uns am Tag zehn bis zwölf Stunden mit der Börse. Es gibt viele Kunden, die investieren fünf Minuten – die Woche. Wir sehen hier zehn Millionen potenzielle Kunden in Deutschland, die so agieren. Diese Kunden werden wir mit flatex next erreichen. Mit flatex next kann man innerhalb von fünf Minuten Kunde werden und ein Depot eröffnen. Durch übersichtliche Kategorien finden sich Kunden intuitiv in unserem einzigartigen Produktangebot zurecht. So finden sich unter dem Label „flatex green“ besonders nachhaltige Aktien und ETF-Sparpläne. Wenn man dann die ersten Schritte gemacht hat und sich wohlfühlt, kann man mit nur einem Klick zu flatex classic wechseln. flatex next macht alles viel einfacher.

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