Medizinhistorischer Sterbehelfer

Wer in deutschen Medien Schweizer Nazis jagt, findetimmer einen dankbaren Resonanzboden. Das weiss auch Flurin Condrau, Professor für Medizingeschichte am Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich. Und so liess er sich von der Wochenzeitung Die Zeit zitieren, unser Land nehme angesichts der Covid-Pandemie «einfach hin», dass ein «Teil derälteren Bevölkerung stirbt». 

Damit gebe unsere Gesellschaft diesen Menschen zu verstehen, «dass sie als nichtproduktiver Teil der Gesellschaft überflüssig seien und ihr Tod hinnehmbar sei». Und Condrau setzte angesichts des Alterssterbens noch einen drauf: «Als Historiker finde ich das zwar recht abenteuerlich, aber es ist doch offensichtlich, dass sich darin Züge jener Eugenik finden, die in den 1930er Jahren auch in der Schweiz weit verbreitet war.» Nicht wenige Journalisten freuten sich über die Provokation. Sogar der Deutschlandfunk zitierte den Schweizer Corona-Kritiker. Flurin Condrau selber dürfte sich bewusst gewesen sein: Je grösser der Stein ist, den man ins Wasser wirft, desto höher schlagen die Wellen der Aufmerksamkeit. Denn was steht hinter dem Wort «Eugenik»? Wir wollen dem Historiker einmal zugutehalten, dass er nicht zum plumpsten aller Argumente - nämlich zur Nazi-Keule - greifen wollte. 

Doch in den dreissiger Jahren verstand man darunter «Erbgesundheitslehre » oder «Rassenhygiene», eine Art «Zuchtwahl» zur Förderung des «gesunden » Erbgutes unter Vermeidung, schliesslich Vernichtung des «lebensunwerten» Erbgutes.Condrau stellt den hierzulande praktizierten Umgang mit betagten Corona-Kranken bewusst in einen direkten Bezug zu dieser «Eugenik ». Er meint damitein vom Staat gelenktes und befohlenes Programm, das verhindern soll, dass ein als belastend, als minderwertig beurteilter Bevölkerungsteil leben darf. Wer eine gerade Linie vom einstigen eugenischen Denken zum Sterben von älteren Covid-Infizierten in der Schweiz zieht, verabschiedet sich vom vernünftigen Denken. Unser Land unternimmt das Menschenmögliche zugunsten der Minderheit der speziell gefährdeten Senioren. 

Die Bundespräsidentin betont unentwegt, dass alle vom Coronavirus betroffen seien, um keinesfalls jemanden zu diskriminieren. Man merkt, dass Flurin Condrau zu keinem Zeitpunkt ernsthaft über die Geschichte der Eugenik geforscht hat. Es liegen von ihm dazu weder namhafte Publikationen vor, noch hat der Geisteswissenschaftler anerkannte Studien über Covid veröffentlicht. Andere Sozialhistoriker haben den Kontakten von Schweizer Humangenetikern zu Nazideutschland nachgespürt, unter anderem auch im Rahmen eines zwölf Millionen Franken teuren Nationalfondsprojekts. Manchen hiesigen Pionieren der Genetik, der Prävention und der Embryologie wird von klinikfernen Historikern zu Unrecht unterstellt, sie hätten ihre paternalistische Macht über die ihnen ausgelieferten Patienten schamlos ausgenützt; sie seien einem falschen Fortschritts- und Machbarkeitswahn erlegen, statt den eugenischen Gefahren ihrer biotechnologischen Möglichkeiten ins Auge zu blicken. Neuerdings benutztauch Flurin Condrau die Konjunktur, um sich und seinen Lehrstuhl am heissen Corona-Eisen zu wärmen. 

Erbezeichnet sich diesbezüglich selber als «Experten» und lässt sich von Journalisten auch als solchen zitieren. Medienschaffende protokollieren pflichtschuldig, wie Condrau unseren Gesundheitsbehörden, den Ärztinnen und Ärzten sowie dem Pflegepersonal vorwirft, sie würden eine Art Nazi-Rassenhygiene betreiben und die Patienten bewusst und planmässig verenden lassen, wie der Begriff der Eugenik unterstellen soll. Diese Anschuldigung ist nicht nur unwissenschaftlich, sie istauch ungeheuerlich angesichts der enormen Anstrengungen so vieler Menschen, das Leben von Todkranken in Altersheimen, Spitälern und auf Intensivstationen zu retten. Hinzu kommt die Bereitschaft unserer Gesellschaft, zum Schutz der besonders gefährdeten älteren Generation wirtschaftliche Einschränkungen in Kauf zu nehmen, die schlussendlich einen dreistelligen Milliardenbetrag erreichen dürften. Richtig ist, dass es Zeiten gab, in denen auch in der Schweiz versucht wurde, die Eugenik als Leitwissenschaft zu etablieren. Einflussreiche Forscher wollten die Fortpflanzung «erbkranker » Personen auch hierzulande durch Aufklärung, Heiratsverbote und Zwangssterilisationen unterbinden. 

Das Waadtländer Gesetz über die Sterilisierung von Behinderten und Geisteskranken von 1928 atmete den Geist des sozialistischen Wissenschaftlers Auguste Forel. Er war erklärter Pazifist, weil er verhindern wollte, dass sich die «höherwertigen» Gesunden in den Schützengräben gegenseitig niedermetzelten, während sich die dienstuntauglichen «Minderwertigen» munter vermehrten. Der St. Galler Psychiater Ernst Rüdin gehörte 1933 zu den Urhebern des nationalsozialistischen «Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses». Mitte der dreissiger Jahre überlegte sich die Universität Zürich, ihr Hygienisches Institut nach nördlichem Vorbild auf das Modefach «Rassenhygiene» auszurichten. An manchen psychiatrischen Kliniken der Schweiz waren Unfruchtbarmachungen an der Tagesordnung. Die vom Industriellen Julius Klaus gegründete Angesprochen auf seine Gleichsetzung der gegenwärtigen Betreuung betagter Covid- Patienten mit der Eugenik der dreissiger Jahre, erklärte sich Flurin Condrau gegenüber dem Medienportal Kath.ch so: «Wenn eine Gesundheitskrise zu einer Art von biologischer Zweiklassengesellschaft führt, welchen Begriff will man dafür nehmen? Dakommt mir Eugenikin den Sinn, weil auch die Eugenik das Volk unterteilt hat in diejenigen, die dazugehörten, und diejenigen, die nicht dazugehörten. 

Ist der Begriff perfekt dafür? Nein, sicher nicht, also warte ich auf ein besseres Wort für das Problem. » Nur hat der Professor keinen Moment gewartet, bevor er sein verheerendes Votum abgab. Jetzt macht er auf Schadensbegrenzung, krebst zurück und räumt ein, «dass jeder Vergleich zum Nationalsozialismus unpassend die Impfplanung, welche die Risikogruppen zuerst berücksichtige, könne nicht eugenisch genannt werden. Condraus «Zero-Covid-Strategie» In ihren Auswirkungen monströs wäre hingegen die «Zero-Covid-Strategie», die Flurin Condrau gebieterisch aus seinem gut geheizten Home-Office verlangt. Das Virus müsse «besiegt », Neuinfektionen dürften nicht zugelassen werden. In der Lebenswirklichkeit hiesse dies Rückzug beziehungsweise Einbunkerung aller Menschen in ihre vier Wände und Lahmlegung der gesamten Wirtschaft. So etwas kann nur einem lebenslang beamteten Professor einfallen, der genau weiss, dass trotz vorlesungsfreien Covid-Semestern das hohe Staatsgehalt ungekürzt Monat für Monat auf sein Konto fliesst. Im «Club» des Schweizer Fernsehens erklärte Flurin Condrau, dass ihm die Frage, ob man die Skigebiete offenlasse oder schliesse, jetzt nicht «so heiss um den Kragen» mache. Die Walliser Zeitung reagierte über diese Aussage Stiftung für Vererbungsforschung, Sozialanthropologie und Rassenhygiene sollte «praktische Reformen zur Verbesserung der weissen Rasse» umsetzen. Mediziner, Anthropologen, Zoologen und Botaniker bemühten sich eifrig um deren Forschungsgelder. Der Rassenaberglaube war ein Geistesgebäude von Akademikern und Professoren, die von der Gesellschaft schon damals viel zu ernst genommen wurden. Mitder Niederlage der Nazis war nach 1945 der wissenschaftliche Wert der Eugenik gründlich disqualifiziert. 

Wenn Flurin Condrau heute wegen Covid-ı19 schiefe Vergleiche mit der Eugenik anstellt, wäre der Vorwurf entsprechender Parallelen bei der modernen Reproduktionsmedizin weit näherliegender. Diese birgt nämlich angesichts von Embryonen- und Stammzellenforschung die grössere Gefahr eugenischen Denkens in sich. Und wie spätere Generationen über die heute unbedenklich betriebenen Abtreibungen denken und urteilen werden, bleibt eine offene Frage. Wer wie Condrau den Schutz der «nichtproduktiven» Älteren zu Recht hoch einschätzt, dürfte die ethischen Antennen bei den ebenfalls noch unproduktiven Ungeborenen nicht einfahren. Nur läge man dann näher beim verstockten Bistum Chur als beim trendigen Zeitgeist.ist und vom zentralen Problem der aktuellen Pandemie ablenkt». Er sei gerne bereit, für die Bewertung der Übersterblichkeit der älteren Menschen an Covid-19 einen «besseren, weniger belasteten Begriff» zu finden. «Nur welchen? », seufzt der Professor ziemlich ratlos. Wenigstens scheint er das Deplatzierte seiner Anspielungen inzwischen einzuschen. Einige Brüder und Schwestern im Geiste eilten dem Eugenik-Beschwörer freilich umgehend zu Hilfe. Für den Sozialhistoriker Jakob Tanner ist Condraus Aussage ein «legitimer Warnruf eines gut informierten Medizinhistorikers ». Der laut Selbstbeschreibung «marxistische» Wissenschaftler Tanner spricht von einer «wirtschaftsliberalen Eugenik» und kumuliert so gleich zwei seiner Lieblingsschimpfwörter. 

Die ebenfalls emeritierte Historikerin Beatrice Ziegler behauptet, das «gedankliche Raster» in der heutigen Politik sei «nach wie vor eugenisch». Nur der Basler Geschlechterforscherin Regina Wecker scheintes bei solchen Fanfarentönen nicht mehr wohl. Sie lässt ausrichten, sie erkenne «in der aktuellen Kommunikation des Bundesrates keine eugenischen Tendenzen, die mit denen der 3oer Jahre vergleichbar wären». Schliesslich werde in der Pandemie immer wieder die «Rücksicht auf die Schwachen» betont. Auch eines mehr als ordentlich besoldeten ordentlichen Professors aus Zürich ziemlich gereizt: «So analysiert man eine Pandemie tatsächlich leichter als der Skilift-Anbügler auf der Belalp oder die Küchenhilfe in Saas-Fee.»> Der Sozialhistoriker erhebt schliesslich schwere Vorwürfe gegen die Kantonsregierung, also seine vorgesetzte Behörde: «Ein Beispiel ist, dass der Kanton Zürich das Contact-Tracing viel zu klein geplant hatte und dann schnell überfordert war.» Wiesouverän Flurin Condrau die Covid-Pandemie meistern würde, wenn er in der Verantwortung stünde, muss zum Glück offenbleiben. 

Eine Nachfrage bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich, ob er seine besseren Ideen über das Contact-Tracing bei den Behörden jemals eingereicht habe, wurde negativ beantwortet. Vom Medizinhistoriker habe man - abgesehen von seinen Äusserungen in der Presse - nie etwas gehört. Obwohl Condrau offensichtlich von Eugenik wenig versteht, kann man ihm in der Sterbehilfe eine gewisse Erfahrung nicht absprechen: Schon kurz nach seinem Amtsantritt ist an der Universität Zürich das ihm anvertraute Medizinhistorische Institut mitsamt Museum und Bibliothek für immer geschlossen, also sterbebegleitend ins Jenseits befördert worden.

 

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