Mein letzter Traum

Die Familie hatte ihn schon abgeschrieben, sie stand mit geröteten Augen um das Bett herum nach seinem Schlaganfall im vergangenen Jahr. Jetzt sitzt Tony Marshall in einem Hotel in einem kleinen, getäfelten Raum auf einer Eckbank und will seinen Blutzucker messen. 

Draußen im Restaurant essen die Gäste Dreierlei vom Schottischen Lachs, es spielt die Hotel- Band, Tom am Keyboard. Seit 30 Jahren kommt Tony Marshall ins Hotel Dollenberg, das an diesem Abend wie ein leuchtendes Traumschiff im dunklen Schwarzwald liegt. Seit ein paar Wochen tritt er jeden Dienstag hier auf. Der Blutzucker ist in Ordnung, Marshall stemmt sich aus der Eckbank, nimmt seinen Gehstock und geht langsam über den tiefen Teppich bis an den Tisch neben der Band. Er ist dann bald an der Reihe. Er zieht sich den weißen Barhocker vor den Flügel, das Licht ist auf ihn gerichtet. Marshall trägt Joggingschuhe und eine Jogginghose mit leichtem Glanz, eine lange Lederjacke und einen schwarzen Strohhut, den ihm sein Sohn Marc in der Reha geschenkt hat. Tony Marshall ist jetzt 82 Jahre alt, drei Monate lang lag er im Krankenhaus. Seine Nieren sind schwach, sein Herz ist schwach, er leidet an Diabetes und an einer Nervenkrankheit, die dazu führt, dass seine Beine bei jedem Schritt stechen. Dreimal in der Woche geht er zur Dialyse, und trotzdem sitzt er jetzt da vorn und sagt: »Es geht mir gut.« Viele seiner Kollegen aus der Branche leben nicht mehr. Sie hatten große Hits wie er; Bernd Clüver sang »Der Junge mit der Mundharmonika«, Jürgen Marcus »Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben«, Roy Black »Ganz in Weiß«, Rex Gildo »Fiesta Mexicana«. 

Sie lebten in derselben Welt wie Marshall: junge Männer, die sich nach dem Krieg etwas aufbauen wollten. Sie arbeiteten hart dafür, dass die Deutschen es leicht hatten. Als sie ganz oben waren, besuchten sie einander in ihren Garderoben, schlossen die Türen, um mal frei zu reden. Sie waren Kol - legen, manchmal wurden sie zu Freunden. Vor zwei Jahren war Marshall noch bei Karel Gott in Prag. Der sagte: »Tony, du siehst schlecht aus.« Dann war es Karel, der starb. Als Costa Cordalis angefangen hatte, sich im Alter das Gesicht aufzuspritzen, war es Marshall, der vor ihm saß und ihn fragte: »Costa, warum machst du das?« Costas Antwort: »Ach, Brüderchen.« Marshall gehört zu den Überlebenden. So wie Heino oder Roberto Blanco, ihn kennt Marshall am längsten, seit 58 Jahren. Als Marshall vor zwei Jahren 80 wurde und das in einem schönen Restaurant groß feierte, saß auch Schlagerstar Bata Illic dabei. Sie telefonieren regelmäßig, sie reden über alte Zeiten. Die, die nicht mehr leben, starben daran, dass ihnen das Leichte irgendwann zu schwer wurde. Der eine trank, ein anderer stürzte sich aus dem Fenster. 

Tony Marshall nahm, am Abend nach seiner Feier, zu Hause das Toupet vom Kopf und packte es mit den 30 anderen Exemplaren in eine Plastiktüte. Die Tüte schob er für immer in den Kleiderschrank. Er sitzt jetzt auf der Hotelbühne mit dünnem grauem Haar und singt einen amerikanischen Folksong, auf Deutsch. Marshall schließt die Augen, er scheint gerade weit weg zu sein. »Bist du sicher?«, heißt das Lied. Schau dich um! Bist du sicher, dass du hier wirklich glücklich bist? In seinem Leben hatte Marshall den größten Erfolg mit dem Lauten, dem Leichten. Er ist Ehrenbürger auf der Südpazifik- Insel Bora Bora, weil er mal ein Lied gesungen hat, das »Bora Bora« heißt. Auch das singt er jetzt auf der Hotelbühne, genauso wie »Rot sind die Rosen« und dann seinen ganz großen Hit »Schöne Maid«. Schöne Maid, hast du heut für mich Zeit? Hojahojaho! Viele der Gäste an den Tischen kennen »Schöne Maid« noch von früher. 1971 sang Marshall das Lied zum ersten Mal vor Publikum, 56 Wochen lang war er damit in der Hitparade. Manche im Raum verdrehen erst die Augen und müssen dann doch lächeln, wenig später klatschen sie mit und schunkeln. Es funktioniert noch immer, und Herbert Nold, Marshalls Freund, der 44 Jahre lang sein Manager war, strahlt und ruft: »Ich kann das immer wieder hören!« Nold, 80, und Marshall sind durch alles gemeinsam gegangen. Gemeinsam brachen sie Rekorde, gemeinsam verkauften sie drei Millionen Mal »Schöne Maid«, veröffentlichten 120 Singles, 50 Alben, absolvierten 8000 Veranstaltungen und 40 eige - ne Fernsehshows. Um eine Show an Land zu ziehen, machte Nold mal für den Produzenten betrunken einen Kopfstand auf dem Kneipentisch. Heute trinkt er kaum noch Alkohol. 

Stattdessen besorgt er die Preise für die Spaßturniere im Golfklub und schreibt Verschwörungstheoretikern böse Briefe. Nold ist Rentner. Marshall singt immer noch. Verkauft am Flügel CDs, es ist kurz vor Mitternacht, er bekommt die Folie kaum ab. »Für meine Mutter«, sagt jemand. »Und bitte noch ein Foto!« Man will sich erinnern.Es ist noch dunkel, es regnet, und Tony Marshall steht morgens um kurz vor sieben in Wetterjacke auf dem Parkplatz vom Klinikum Mittelbaden und singt: »Good mooorning!« Wie geht’s? »Sssehr gut!«, sagt er. Dabei muss er zur Dialyse, nach nur einer Stunde Schlaf; in der Nacht hat er sich auf 3sat einen Bericht über den US-Wahlkampf zwischen Clinton und Trump vor vier Jahren angesehen. Das lange Wachbleiben gehört zu seiner Dialysestrategie: wenig schlafen, damit er dann, während er am Schlauch hängt, einschläft und es schnell hinter sich bringt. Auf der Treppe am Klinikeingang bleibt er zur Verabschiedung kurz stehen, auf der obersten Stufe breitet er die Arme aus, als stünde er auf einer Showbühne. Geht dann mit den anderen Alten den Korridor hinunter, hält sich, bevor er nach rechts abbiegt, kurz am Türrahmen fest und verschwindet. Drei Stunden dauert die Dialyse. 

Am Ende gibt der Arzt ihm noch eine Spritze in den rechten Unterarm, gegen die Schmerzen; jedes Mal lobt er Marshall dafür, dass er den Einstich der Nadel klaglos erträgt. Marshall hat früh gelernt, mit Schmerz umzugehen. Geboren 1938 in Baden-Baden, getauft als Herbert Anton Hilger, aufgewachsen an der Großen Dollenstraße mit zwei Brüdern. Sein Vater war lange an der Front, er kannte ihn zunächst nur von Feldpostkarten. Seine Mutter hatte einen eigenen Tante- Emma-Laden. Marshall half, seit er fünf Jahre alt war, er füllte Essig in Flaschen und Zucker in Spitztüten. Er arbeitet seit 77 Jahren. Als Kind lief er die 27 Kilometer zum Bauernhof von Tante Rosa zu Fuß. Lief an einem anderen Tag die 27 Kilometer wieder zurück, trank Wasser aus Pfützen und sang Lieder gegen den Schmerz an den Fersen. Wenn er mal nichts tun musste, ging er am liebsten in den Wald, hörte den Vögeln zu oder dem Regen. Er lernte Blockflöte, Geige, Klavier, fuhr mit seiner Mutter im Zug nach Karlsruhe, sie sahen den Film »Der große Caruso «, mit Mario Lanza in der Hauptrolle, einem Tenor italienischer Herkunft. Marshall hörte ihn singen, weinte und beschloss, Opernsänger zu werden. 

Daraus wurde dann eine Lehre zum Großhandelskaufmann. Er fegte jeden Tag eine Backhalle aus, trug Doppelzentner- Säcke Mehl auf dem Rücken. Später, als er auf dem Bau arbeitete, schleppte er Schutt und Speis aus den ersten Hochhäusern, die in Baden-Baden gebaut wurden, Treppe hoch, Treppe runter. Das war, wenn man so will, eine gute Vorbereitung auf das Schlagergeschäft. Bei der Dialyse im Klinikum sitzt Tony Marshall mit den anderen Patienten in einem Raum. Er könnte eine Einzelkabine bekommen, aber seit er als Kind mal in einem Rohr feststeckte, hält er Enge nicht mehr aus. Manchmal singt er noch für alle, wenn er am Schlauch hängt. Angeblich hat er einer Chirurgin vorgesungen, die ihm unter örtlicher Betäubung eine Kurzschlussverbindung zwischen Arterie und Vene am rechten Arm legte für die Dialyse. »Wir versuchten, die Menschen fröhlich zu stimmen, ein bisschen den Alltag vergessen lassen, das war unsere Aufgabe«, sagt er von sich und all den anderen seiner Branche. Marshall war etwa 20, als er auf der Bühne im Kurhaus Baden-Baden stand und eine Arie sang. Ein Zeitungskritiker hörte das und besorgte ihm ein Stipen - dium an der Musikhochschule in Freiburg. 

Er studierte Gesang im Hauptfach und Klavier im Nebenfach. Weil er damals schon Frau und Sohn hatte, arbeitete er nachts als Croupier im Casino. Später half er im Installationsgeschäft seiner Schwieger - eltern oder im Laden seiner Eltern, fuhr im Kastenwagen Milch und Eier aus. Das Studium schloss er ab, denn er wollte, immer noch, Sänger werden. Irgendwann trat er bei einem Gesangswettbewerb an und gewann. Die Plattenfirma wollte ihn »General« nennen, man einigte sich auf »Marshall«. Die Platte floppte. Zu der Zeit begann seine Verwandlung. Weil sein Haar jetzt schütter wurde, ließ er sich am Theater ein Toupet fertigen. Er übernahm eine Kneipe in Baden-Baden, zapfte Bier und sang für die Gäste. Es war eine schwere, unsichere Zeit, sagt er im Rückblick. Die Bar hieß Club 68, und hierher kam eines Tages Herbert Nold, damals noch Kripobeamter, der die Sportfeste bei der Polizei organisierte und Marshall enga - gierte. Hier lernte Marshall auch den Produzenten Jack White kennen, mit dem er eine Platte machte, die ebenfalls floppte. 

Doch White gab nicht auf. Er hatte Südseeklänge rausgesucht, die er mit einem deutschen Text versah. »So einen Scheiß singe ich nicht«, sagte Marshall zu ihm. Er müsse. Er habe einen Vertrag unterschrieben, sagte White. Also sang Marshall, 1971, »Schöne Maid«. Es wurde sein größter Hit. Im Rückblick sagt Marshall: »Ich hatte ja keine Ahnung.« So jung kommen wir nicht mehr zusammen. Vielleicht ist es schon morgen viel zu spät. Es folgten immer mehr Hits von White. »Ich fang für euch den Sonnenschein« 1972, »Tätärätätätätä« 1974, White komponierte, Marshall sang. Er ließ in seinem Leben kein einziges Konzert ausfallen, sang angeblich auch mit drei gebrochenen Rippen, manchmal auf drei Terminen am Tag, morgens Mönchengladbach, mittags Köln, abends Fulda, jeweils zwei Stunden. Er saß in Garderoben, die nur aus Tüchern bestanden, die von der Zeltdecke hingen, zum Frischmachen bekam er einen Eimer Wasser hingestellt. Was war das schlechteste Essen? »Dass es nichts gab.« Er wurde viel gebucht, weil er so gern sang, auch live, und weil er selbst unter Anstrengung noch lachte. 

Weil er für Umsatz sorgte in den Hallen und Zelten, und weil er selbst mittrank, »Resi, bring Bier!«, das war das Gegenteil von dem, was er eigentlich wollte. Resi, bring Bier, die Gläser sind leer. Heute wolln wir nicht nach Hause, denn wir haben Durst. Resi, bring Bier, wir bleiben noch hier. Alle rufen Resi, Resi, bring Bier. Marshall wurde zum »Fröhlichmacher der Nation«. Viele kennen die Bilder noch von früher, »Hitparade«, »Musikanten - stadl«, »ZDF-Fernsehgarten«. Tony Marshall strahlte, bei jedem Auftritt. Er machte seine Arbeit so gut, dass die Leute vergaßen, dass es Arbeit war. Endlich verdiente er richtig Geld. Er kaufte eine Villa in Baden-Baden, ein Haus in Florida und im Laufe der Jahre 37 Oldtimer. »Schmerzfrei«, sagt sein Arzt zu ihm nach jeder Spritze. Marshall ist von der Dialyse zurück, es hat länger gedauert. Dort, wo der Schlauch bei ihm in die Haut führt, blutete es nach, er nimmt Blutverdünner. Gabi, seine Frau, hat schon angerufen und sich erkundigt. »Das war eine lange Prozedur«, sagt Marshall. Er ist erschöpft, aber er versucht zu lächeln. Er lässt sich auf die Bank fallen, wie ein Angeschossener im Western, wirkt jetzt fast flehend, will nach Hause, ein Brot essen mit Marmelade und ein Glas Milch trinken. »Servus, Tony«, sagt die Schwester.Sein neues Zuhause liegt am Stadtrand, ein kleines Fachwerkhaus, in dem früher Arbeiter lebten. Vorn zur Straße hin blühen die Rosen noch pink, hinten stehen Palmen im Topf, ein Steinlöwe wacht oberhalb der Teakholz-Sitzgarnitur, am Hang picken Hühner. 

Tony Marshall isst im Haus sein Brot. Er lebt zusammen mit seiner Frau, nebenan wohnt seine Enkelin mit ihrem Freund, noch ein Haus weiter wohnt Stella, das jüngste seiner drei Kinder. Oberhalb des Hangs lebt sein Sohn Marc, der das Häuser - ensemble vor Kurzem gekauft hat. Marshall wohnte bis zuletzt noch zur Miete in einer Wohnung in der Stadt. Die Villa, das Haus in Florida, die 37 Autos, hat er alles wieder verloren. Seit sein Bruder mit 18 Jahren auf der Straße verunglückte, Marshall ihn sah und selbst durch den Schock ohnmächtig wurde, hat er aufgehört, an Gott zu glauben. Er unterscheidet im Leben nur noch zwischen Glück und Pech; dass er nach der Wende sein Geld mit Ostimmobilien verlor: Pech. Er nimmt die Dinge, wie sie kommen. Er mag das Dörfliche am neuen Zuhause, er mag, dass seine Familie da ist. Er mag Rettichbrote und Vanillepudding. Er löst Kreuzworträtsel und geht bewusst nicht Golfen wie sein Freund Herbert. Nach dem Frühstück übt er singen, beginnt mit den leisen Tönen und endet im forte fortissimo. »Taddaa!«, ruft es aus der Haustür, Marshall steht in dunkelblauem Anzug im Türrahmen. 

Am Morgen war er unterzuckert, das hat sich offenbar geändert. »Das hier steht alles unter Denkmalschutz! «, sagt er und breitet die Arme aus. Tritt auf den Rasen, zieht das Tor hinter sich zu. Er sucht sich überall seine Bühne. Manches an dem kleinen Haus ist noch provisorisch. Bei den Nachbarn nebenan stehen ein Dreirad und ein Skateboard auf der Terrasse und ein Grill. Tony Marshall ist wieder angekommen bei den normalen Menschen, bei seinem Publikum. Er will in die Stadt fahren, nach Baden- Baden, ins Zentrum. Will ein paar Stationen aus seinem Leben zeigen, sitzt noch mal als Croupier im Casino am Französischen Roulettetisch und wirft Jetons über den grünen Filz, »das war eine wichtige Zeit«, sagt er, »ich habe viel gelernt«. Will noch mal auf die Bühne im Kurhaus, er hat Mühe, die kleine Stiege hochzukommen, von oben blickt er über die leeren Stühle und sagt: »Es war mir nichts zu viel.« Von 2005 an sang Marshall fünf Jahre lang Musical, den Milchmann Tevje in »Anatevka« am Volkstheater Frankfurt am Main, drei Stunden am Abend, es war die Hauptrolle, »die Rolle meines Lebens«. Als Schluss war, wartete er und hoffte, dass wieder so etwas hereinkäme, etwas mit Inhalt, Stil, Hingabe. Rief Herbert an, den Freund, Manager. Es kam nichts mehr.Herbert Nold ist an diesem Tag im Kurhaus auch wieder dabei, er kommt in seinem weißen Mercedes angerauscht, innen ist alles Leder, beigefarben. Nold lädt zum Mittagessen beim Griechen ein. 

Die alten Freunde zeigen Schwarz-Weiß-Fotos, es ist eine Reise in eine Zeit, die ziemlich lange her ist. »Toronto, 11000 Menschen«, sagt Nold. »Zur WM im Olympiastadion, mit Dieter Kürten. Bundesverdienstkreuz. Und hier bekommt er zum 65. den ›Tony-Marshall- Weg‹ der Stadt Baden-Baden.« Marshall sitzt dabei, schneidet Zitronen in Schiffchen und lutscht sie aus. Er isst jeden Tag vier davon. Den Leuten habe er zur »Schönen Maid« immer gesagt: »Wenn ihr glaubt, dass das ein billiger, dummer deutscher Schlager ist, sage ich: Das Lied kommt im Original aus Neuseeland und ist 200 Jahre alt.« Es hat damals viel Spott für ihn gegeben, sie nannten ihn den »Trallala-Sänger«, sagten »Hopsasa, ne?«. Oft wechselte Marshall wortlos die Straßenseite. Er hielt auch aus, dass der große Er - folg irgendwann nachließ und er wieder auf dem Wurstmarkt in Bad Dürkheim sang. Im Hotel Dollenberg im Schwarzwald nimmt Marshall keine Gage, ab und zu tritt er mit seinem Sohn Marc im Autokino in Rastatt auf – dann aber bezahlt. »Die Beatles haben ja auch nur immer ›Ob-La-Di, Ob-La-Da‹ gesungen«, sagt er, über den Teller mit den Zitronen gebeugt. Es klingt, als tue es noch immer ein bisschen weh. 

Rex Gildo hatte seinen letzten öffent - lichen Auftritt 1999 in einem Möbelhaus. Am selben Abend stürzte er aus dem Fenster seiner Münchner Wohnung. Gildo hatte in seinem Leben viele große Erfolge, ersang sich vier Goldene Stimmgabeln. »Und als er immer öfter in Möbelhäusern auftrat, nannten viele ihn nur noch den ›Möbelhaus-Sänger‹«, sagt Marshall. »Grausam.« Er kann nicht sagen, wie oft er in seinem Leben »Schöne Maid« gesungen hat. Er hat den Song seit fast 50 Jahren im Programm. In seinem Garten, ungefähr da, wo die Hühner am Hang picken, stecken die ersten vier Noten des Liedes in Übergröße aus Metall im Rasen, ein Geschenk. Wir singen tralala und tanzen hop sasa! Und drinnen im Haus sitzt, wenn es am Abend dunkel wird, der Künstler und hört Chopin, Wagner, Rachmaninow: Klavierkonzert Nummer 2 in c-Moll. Und immer wieder Enrico Caruso. Una furtiva lagrima. 

Eine verstohlene Träne. Und immer wieder Mario Lanza. Nessun dorma. Keiner schlafe.Am nächsten Morgen macht sich Tony Marshall auf den Weg zu seinem Freund Frank Füchtenschnieder in Gaggenau- Moosbronn. Frank betreibt ein Restaurant mit Reiterhof, den Mönchhof, ruhig gelegen in einem Naturschutzgebiet. Marshall kommt seit Jahrzehnten gern hierher. Frank ist ein alter Freund. Marshall trifft nicht mehr viele Menschen, in Baden-Baden sind die meisten seiner Freunde tot. 

In letzter Zeit war Marshall häufiger bei Frank im Mönchhof, er brachte Fotos in Tüten und Kartons, Goldene Schallplatten, Medaillen, Pokale, Flyer, Zeitungsartikel, Urkunden, Reste, und Frank ist für Tony dann zu Toom gefahren, hat 200, 300 Bilderrahmen gekauft, gemeinsam haben sie hinten in der Blockhütte ein kleines Museum gezimmert, die Tony-Marshall- Galerie. Die Blockhütte ist komplett mit Holz getäfelt, es gibt einen Tresen, Stühle mit Hussen, karierte Tischdecken, bunte Lampions und an allen Wänden, wie tapeziert, Tony Marshall. In einer Ecke steht ein alter Platten - spieler im Holzrahmen, Frank kniet sich davor und startet ihn, lächelt, spielt den Titel »Iaora Tahiti«, Musik von Tahiti. Erst knistert es nur, dann legen sich die zarten Klänge der Gitarren und die Ge - sänge von fernher in all ihrer Zerbrechlichkeit über das, was Tony Marshalls Leben war. Dazu gehörte auch sein erster großer Fernsehauftritt bei Rudi Carrell im Jahr 1971. »Die Kameras haben mir immer Bestätigung gegeben, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. 

Da habe ich mich schnell dran gewöhnt«, sagt er. Hatte er Zweifel? »Ich kam mit der Musik, die ich machte, eigentlich nie zurecht. Ich war oft enttäuscht vom Geschmack des Publikums. Ich frage mich noch heute, was ist in den Köpfen los? Ich gebe mir Mühe, singe Chansons, und der Applaus ist verhalten«, sagt er. War »Schöne Maid« Glück oder Pech? »Sie hat mir ein wunderbares Leben beschert. Für mich als Künstler war sie Pech.« Er könnte sie einfach aus seinem Programm streichen. »Wenn ich die Leute konfrontiere, laufen sie weg, und das ist für einen Künstler die härteste Strafe.« War es das wert? »Als Opernsänger hätte ich diesen Erfolg niemals gehabt.« Am Dienstag wird Tony Marshall wieder hoch zum Hotel Dollenberg fahren, er wird mit seinem Stock über den tiefen Teppich laufen, Tom treffen, der am Keyboard steht, seinen Freund. Wird sich ein oder zwei Chansons ins Programm legen, vielleicht Jacques Brel, das ist dann sein Moment und das kleine Stück Freiheit eines Eingesperrten. 

Marshall will weitermachen, er hat Pläne, will noch ein Lied herausbringen, »Mein letzter Traum«. Wie schwer fällt das Leichte? »Es ist manchmal unerträglich.« Er schiebt die Tür vom Museum auf, steht auf dem Hof im Naturschutzgebiet, ringsum nur Grün, ein kleines Pony schaut aus der Luke. Marshall steht mit sei - nem Stock im Matsch, atmet die Luft tief ein. Er geht, wenn es warm ist, noch immer gern in den Wald wie als Kind schon, legt sich ins Laub, sieht hinauf in den Himmel oder schließt die Augen und hört dem Regen zu. Küsst ein frisches Buchenblatt. Stille? Tony Marshall sagt: »Es gibt nichts Schöneres.«

 

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