Raus aus dem Zwielicht

An seinen ersten Kontakt mit dem seltsamen Computergeld kann sich Ulli Spankowski gut erinnern. Es war das Jahr 2014, er hatte mit ehemaligen Forscherkollegen gerade ein Start-up gegründet. 

Sie analysierten Daten aus sozialen Netzwerken, um die Entwicklung von Aktien vorherzusagen – und professionelle Anleger bei ihren Investitionen zu beraten. Sein slowenischer Mitgründer fragte Span - kowski, ob sie ihre Datenanalysen nicht auf Kryptowährungen ausdehnen sollten, Bitcoin und solche Sachen. »Bit … wie?,« habe er damals gefragt, erinnert sich Spankowski. »Ich hatte noch nie davon gehört.« So ging es vielen 2014, als ein Bitcoin zum Jahresende gerade einmal rund 280 Euro kostete. Viele wissen bis heute immer noch so gut wie nichts über die ominöse Währung, allerdings ist ihr Wert in der Zwischenzeit um mehr als das 70-fache gestiegen. 

Spankowski hat seine Skepsis schnell abgelegt. Heute arbeitet er mit seinen Kollegen daran, Neulingen den Einstieg in die Kryptowelt zu erleichtern und sie massentauglich zu machen. Sie tun das unter dem Dach einer ehrwürdigen Institution: Die Börse Stuttgart, gegründet im Jahr 1861, hat ihr Fintech vor drei Jahren übernommen. Spankowski verpasste dem schwäbischen Regionalhandelsplatz eine Digitalstrategie und darf sich nun »Chief Digital Officer« nennen. Eine der ersten realisierten Ideen ist die »Bison App«, eine Smartphone-Anwendung, die den Kauf und Verkauf von Bitcoin und Co. kinderleicht machen soll. Seit Jahresanfang 2019 kann man sie in den Appstores herunterladen, zuletzt beschleunigte sich das Wachstum auf mehr als 200000 aktive Nutzer. Die setzten im ablaufenden Jahr bereits eine Milliarde Euro an Handelsvolumen um. 

Die Regionalbörse im Süden bedient mit ihrer Einsteiger-App einen Trend, der international an Fahrt gewinnt. Seit November können US-Kunden von Paypal über ihre normalen Nutzerkonten Digitalwährungen kaufen, im kommenden Jahr soll das An - gebot auch in anderen Ländern verfügbar werden. Die Privatbank Hauck&Aufhäuser hat Anfang des Monats den ersten Kryptofonds aufgelegt. Große Vermögensverwalter bauen Positionen auf: Im Dezember investierte die US-Versicherung MassMutual 100 Millionen Dollar in Bitcoin. Der Softwarehersteller Microstrategy hat noch höhere Summen seiner liquiden Firmenmittel in die Digitaldevise gesteckt. 

Und auch das im Frühjahr 2019 von Facebook angekündigte und initiierte Digitalgeld steht unter seinem neuen Namen »Diem« offenbar kurz vor dem Start. Der lateinische Name soll für den »neuen Tag« stehen – und der könnte in der Finanzwelt tatsächlich anbrechen. Jedenfalls scheinen auch Regierungen und Notenbanken die Nebenwährungswelt nicht länger zu ignorieren. Ein regelrechtes Wettrennen ist angebrochen: Zentralbanken weltweit arbeiten an eigenen, offiziellen E-Währungen – die schwedische Riksbank mit ihrem E-Krona- Projekt und der chinesische E-Yuan eilen voran, die Europäische Zentralbank will Mitte kommenden Jahres über einen digitalen Euro entscheiden. 2021 könnte das Jahr werden, in dem Digitalwährungen auch normale Bankkunden erreichen, nicht zuletzt wegen der Pandemie: Erstens befeuert sie den Trend zum bargeldlosen Zahlen; zweitens macht sie für immer mehr Großanleger Kryptoassets auch als Wertanlage interessant. Bitcoins gehörten im Corona-Jahr zu den lukrativsten Anlagen. 

Der Kurs sackte rund um den ersten Shutdown parallel zu den Börsen zwar auf rund 4300 Euro ab; dann erreichte er indes immer neue Allzeithochs von zuletzt über 20000 Euro. Es ist nicht der erste Kryptohöhenflug; bislang folgten immer wieder jähe Abstürze. Doch der Einstieg von Börsen, Banken und institutionellen Anlegern könnte eine Zeitenwende einläuten. Und die bedroht eine Bastion: Das Währungsmonopol der Staaten gehörte lange zu den wenigen Bereichen, die von der digitalen Revolution unangetastet schienen. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) jedenfalls hat eine klare Meinung. »Ich bin kein Unterstützer von Digitalwährungen aus dem Privatsektor«, sagte er Ende November auf dem Europäischen Bankenkongress. 

Die designierte US-Finanzministerin Janet Yellen hatte schon in ihrem alten Job als Zentralbankchefin betont, sie sei »kein Fan« und halte Bitcoin& Co. nicht für eine sichere Wertan - lage. Auch sie gilt als Befürworterin einer härteren Regulierung. Womöglich hat die Politik den Zeitpunkt für einschneidende Maßnahmen oder gar Verbote jedoch bereits verpasst – der Sektor ist längst zu groß, zu erfolgreich und zu lobbymächtig, um auf die Schnelle abgeräumt zu werden. Dass die großen Spieler gerade jetzt einsteigen, hat simple Gründe. In Zeiten von Negativzinsen hat sich die Anlageform schlicht als zu attraktiv erwiesen, um sie zu ignorieren, zumal immer mehr Bankkunden direkt nach Kryptoanlagen fragen. Die beispiellosen Corona-Hilfen, für die sich die Staaten immens verschulden, tun ihr Übriges – sie wecken Inflationsängste und befeuern die Suche nach vermeintlich sicheren Häfen, um Kapital vor Wertverlust zu schützen. 

So wird der Bitcoin für manche zur Reservewährung, trotz seiner immensen Wertschwankungen. In der Türkei versuchen Anleger, wegen der Entwertung ihrer Lira schon länger in Kryptowerte zu fliehen; durch die Dollarschwäche greift dieser Trend offenbar um sich. »Wird der Bitcoin die Herrschaft des Dollars beenden?«, fragte Anfang des Monats nicht irgendeine obskure Krypto- Fan-Gazette – sondern die »Financial Times«. Wie krass der Sinneswandel ausfällt, illustriert das US-Geldhaus JPMorgan Chase. Dessen Chef Jamie Dimon hatte Bitcoin vor drei Jahren noch als »Betrug« abgetan. Nun beschreiben seine Analysten in ihren jüngsten Berichten, dass institutionelle Anleger enormes Kapital in den Bitcoin fließen lassen, und attestieren ihm langfristig vielversprechende Aussichten, insbesondere im Wettbewerb mit Gold. Das neue Interesse an der Kryptowelt wird in der libertär bis anarchisch geprägten Welt der Kryptopioniere zwiespältig aufgenommen. Manche sehen die etablierten Magnaten als Dinosaurier. 

Und die dringen nun in ihren Markt? Der oder die Entwickler des Bitcoin hatten ihr »electronic cash system« schließlich einst als Kampfansage ans bestehende System und dessen Akteure entwickelt. Wem genau die Ehre gebührt, die neuartige Computerwährung erschaffen zu haben, ist bis heute unklar – der oder die Erfinder verbargen sich unter dem Pseudonym »Satoshi Nakamoto« und meldeten sich vor zehn Jahren letztmals zu Wort. Ein Geldsystem ohne den Einfluss von Zentralbanken und Regierungen, das war die visionäre Idee. Dank der Blockchain – einer Art digitalem Kassenbuch, das auf vielen Tausenden Rechnern weltweit ständig aktualisiert wird – ist das System weitgehend fälschungssicher. Es gibt keinen Betreiber, keinen Geschäftsführer, keinen Hauptsitz, nichts Greifbares. Dennoch läuft die Bitcoin-Blockchain seit fast zwölf Jahren stabil und einwandfrei. 

Aus einer Digitalwährung ist mittlerweile ein ganzer Kosmos von mehr als 5000 sogenannten Alternativwährungen (»Altcoins«) geworden. Der gesamte Markt ist inzwischen über 500 Milliarden Euro schwer, mehr als die Hälfte davon stecken in Bitcoin. Allerdings haben auch nach mehr als einer Dekade bislang nur rund 60 Millionen Menschen weltweit eine digitale Bitcoin- Geldbörse (»Wallet«). In einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom haben gerade einmal zwei Prozent der befragten über 16-Jährigen angegeben, in Krypto investiert zu haben, ein Fünftel kann es sich vorstellen. Als Hauptgrund für ihre Zurückhaltung sagten 66 Prozent, sie hielten es für zu kompliziert. Lange brauchte es für den Einstieg tatsächlich zumindest ein paar Grundkenntnisse. 

Die Geschichten von Bitcoin-Besitzern, die nicht mehr an ihr Vermögen kamen, weil sie ihre Wallet-Passwörter vergaßen oder deren Festplatten den Geist aufgaben, sind legendär. Experten schätzen, dass mindestens vier Millionen Bitcoin für immer verloren sind, weil die Eigentümer keinen Zugriff mehr darauf haben. Das wäre knapp ein Fünftel aller Bitcoins, die je entstehen werden – denn der oder die Schöpfer haben die Gesamtmenge technisch auf 21 Millionen begrenzt. Hinzu kamen spektakuläre Hacks und Betrügereien, bei denen Anleger viel Geld verloren. 

Meist waren dabei die privatwirtschaftlich organisierten Bitcoin-Börsen betroffen. Eine Chronologie der schlimmsten Zwischenfälle listet mindestens 47 Hacks auf – mit einem Gesamtverlust von mehr als zwei Milliarden Dollar zu jeweiligen Kursen. Der Ruf des Bitcoin litt darunter er heblich – und seine Beliebtheit bei Online - kriminellen, Drogenverkäufern und Geldwäschern machte es nicht besser. Klimaschützer kritisieren den enormen Energieverbrauch beim Errechnen neuer Coins, dem sogenannten Mining. Laut Analysen von Forschern aus Cambridge entspricht er der Leistung von sieben Kernkraft - werken.

 

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