Robin Hood der Bergbahnen

Seinen Durchbruch als Parlamentarier in Bern schaffte Ständerat Hans Wicki 2018, als er völlig überraschend gegen Favoritin und Parteikollegin Karin Keller-Sutter für die Nachfolge von Bundesrat Johann Schneider-Ammann kandidierte. In der Rolle seines Lebens fand sich der 56-jährige Nidwaldner Freisinnige nun vergangene Woche, als er als Präsident des Verbandes Seilbahnen Schweiz hinter den Kulissen ein effizientes Powerplay gegen die von Alain Berset geplanten schärferen Schutzmassnahmen aufzog. 

Der Gesundheitsminister wollte den Seilbahnunternehmen wegen Corona unter anderem Zugangsbeschränkungen für die Skigebiete vorschreiben, der Bundesrat pfiff ihn aber zurück. Daran hat Wicki einen gewichtigen Anteil. Er rannte von einem Bundesrat zum anderen, bis er sicher war, dass es für die Skigebiete doch noch gut herauskommt. An der politischen Front machten indes bürgerliche Politiker, angeführt von den SVP-Nationalräten Thomas Matter, Albert Rösti und Franz Ruppen, Lärm gegen neue Massnahmen. Überall lauern Medienspione Drei Tage nach dem Bundesratsentscheid, der Rauch hat sich verzogen, Wicki wirktentspannt und freutsich. 

Kurz zuvor hat sein Nidwaldner Landsmann, Skirennfahrer Marco Odermatt, den ersten Schweizer Riesenslalomsieg seit elf Jahren eingefahren. «Super!», jubelt Wicki, der selber in seiner Freizeit gerne die Skipisten hinunterbrettert. Ist die Saison für die Bergbahnunternehmen nun gerettet? «Bis Weihnachten sollten wir Ruhe haben», hofft er. 

Aber ganz zufrieden scheint er mit dem Ergebnis nicht zu sein. Dass den Bergbahnen beides, Maskenpflicht und Abstandsregeln, aufgezwungen wurde, ist für ihn unverständlich. «Bisher hiess es, man solle dort, wo man die Distanzregeln nicht einhalten könne, Masken tragen.» Die Seilbahnunternehmen müsstenjetzt aber Distanzregeln undMaskenschutzpflichteinhalten. «Heissdtas also, dass die Masken keinen effektiven Schutz bieten gegen das Coronavirus?» Wicki spricht auch von ungleicher Behandlung. Wenn man die BAG-Gesundheitswächter zum Beispiel frage, warum es, anders als bei Gondeln und Seilbahnen, für S-Bahnen und Trams keine Kapazitätsbeschränkungen gebe, erhalte man zur Antwort, dabei gehe es eben um den Berufsverkehr. «Gemäss dieser Logik kann man sich also beim Skifahren anstecken, auf dem Weg zur Arbeit aber nicht.» Alles, was Vergnügen bereite, so Wicki, stelle für das BAG offenbar ein erhöhtes Ansteckungsrisiko dar. 

Selten werde dabei aber erörtert, wie viel der Bevölkerung zumutbar sei, um ein Virus zu bekämpfen. Einen weiteren Aufstand will er jedoch nicht anzetteln, auch wenn es derzeit im Parlament heisst, Berset plane die Schliessung von Restaurants bis in den Januar. Vorläufig helfe man vor allem den Seilbahnunternehmen, die Vorgaben der Behörden umzusetzen. Man wolle dem Gesundheitsminister keine zusätzliche Munition liefern, um noch schärfere Massnahmen durchzusetzen. 

Wickis Problem: Überalllauern Medienspione, die das kleinste Fehlverhalten von Skiliftbetreibern brandmarken. Amletzten Wochenende traf es die Skistation von Verbier. Diverse Medien veröffentlichten Bilder, auf denen Skifahrer zu sehen waren, die dichtgedrängt bei den Bergbahnen anstanden. Sogar das Schweizer Fernsehen machte mit. Wicki warnt davor, aus solchen Bildern voreilige Schlüsse zu ziehen. «Wir werden diesen Winter wahrscheinlich häufig Fotos von angeblich überfüllten Gondeln sehen», warnt er. «Einzelne Zeitungen werden dies wieder genüsslich skandalisieren. 

Aber wenn man in einer Seilbahnkabine miteiner Kapazität von achtzig Plätzen fünfzig Leute transportiert,siehtes immer noch aus, als wäre die Kabine voll.» In Keller-Sutter-Andacht geplatzt Wicki - inzwischen eine Art Robin Hood der Bergbahnen - legte sich nicht zum ersten Mal mit Gesundheitsminister Berset an. Als der SPBundesrat im Frühling den Skiliftbetreibern die Schliessung der Skigebiete befahl, widersetzteer sich anfänglich als Präsident der Titlis-Bahnen in Engelberg dem Diktat aus Bern. Jetzt zwang er Berset zum Rückzug. Dabei hatte der Nidwaldner Politiker seinen Startals Ständerat komplett verpasst. Alsernach Bern gewählt wurde, warer noch Lndammann und stark eingespannt. Erstals Wickiin die Keller- Sutter-Andacht platzte, wurde man in Bern auf ihn aufmerksam. Dass ihn damals die Feministinnen nicht öffentlich filetiert und geröstet haben, weil er es wagte, gegen eine Frau anzutreten, liegt wohl daran, dass er seinen Job gut machte - wie jetzt auch wieder.

 

Kommentare