Schneekrieg in den Alpen

Am Hang feuern sie Kunstschnee aus vollen Rohren, im Ortskern von Maria Alm wird gewerkelt. Im Hotel Eder aber, Kategorie Vier-Sterne-Superior, sitzt Sepp Schwaiger, Österreichs Hotelier des Jahres 2019, und sagt: »Es ist ein Trauerspiel.« Soeben hat der 39-jährige Betreiber zweier Luxusherbergen am Steinernen Meer erfahren, dass Hotels und Restaurants in Österreich auf Geheiß der Regierung über Weihnachten und Neujahr geschlossen bleiben müssen. 

Etwa ein Viertel vom Umsatz der gesamten Wintersaison kann der Sohn einer alteingesessenen Gastronomenfamilie somit abschreiben. Auf Sepp Schwaigers »Exsepptional«- Dinner muss also zum Jahreswechsel verzichtet werden, genauso wie auf »Dreierlei Temaki« vom nepalesischen Sushimeister oder aufs Plätschern im Thermal-Infinity- Pool. Für Schwaiger fühlt sich der verlängerte Lockdown in mehrfacher Hinsicht bitter an: Er ist nicht nur Hotelier, auch Tourismusobmann, Aufsichtsrat der Seilbahngesellschaft und Mitglied der ÖVP – der Partei von Kanzler Sebastian Kurz. Im Kampf ums lukrative Weihnachtsgeschäft sind die Fronten in Europa verhärtet. 

Zwischen Deutschland und Österreich ist die Grenze für Urlauber mittlerweile so gut wie dicht. Unter massivem Druck der europäischen Nachbarn rückte die Regierung in Wien am Mittwoch von ihrem Plan ab, trotz grassierendem Coronavirus die Pisten zu öffnen und das fette Vorweihnachtsgeschäft mitzunehmen – während die Schweiz am Skibetrieb über die Feiertage weiterhin festhält. Österreichs Hotels und Hütten bleiben nun bis Anfang Januar geschlossen. Und auch wenn die Lifte ab Heiligabend wieder in Betrieb gehen sollen, gilt für Reisende aus Risikogebieten eine zehntägige Quarantänepflicht – auch für Urlauber aus Deutschland. Liftbetreibern bleibt da nur die Hoffnung auf Touristen aus dem Inland. Trotzdem beschneien sie nun allein in der Region Hochkönig rund um Maria Alm 285 Hektar Fläche mit Kunstschnee. Kostenpunkt: an die fünf Millionen Euro. Ab Weihnachten winkt dann zumindest für Österreichs Skifahrer ein Erlebnis wie vor Jahrzehnten: Schussfahrt ohne Après- Ski, dafür mit Thermosflasche und Jause im Gepäck. 

Deutschen, die dafür gern über die Grenze kämen, droht Bayerns Staatskanzleichef Florian Herrmann, man könne zurückkehrende »Skifahrer relativ schnell herausfiltern«. Im Alpenraum, wo man sich gewöhnlich eher auf Weltcup-Pisten duelliert, dreht sich der politische Streit um die Frage, ob sich das Seilbahn- und Skipisten- Business mit den Herausforderungen einer Pandemie vereinbaren lässt. Dem Veto des italienischen Premiers Giuseppe Conte schlossen sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron an. Die Lage an der Corona- Front lasse keinen Liftbetrieb zu, andernfalls drohe ein Fiasko wie Mitte März im Tiroler Tiefschnee-Mekka Ischgl. In Österreich sehen sie das anders. »Wir sind jetzt um ein halbes Jahr intelligenter als damals in Ischgl«, heißt es bei der Liftgesellschaft in Maria Alm. Hoteliers und Seilbahnbetreiber haben erheblich in höhere Hygienestandards investiert. Après- Ski-Lokale wie der »Schluckspecht« an der Talstation in Maria Alm satteln auf Restaurantbetrieb um. Einer »internationalen Kampagne gegen den Wintersport«, befeuert vom »Druck aus Rom, Paris und Berlin/München«, dürfe Österreichs Regierung sich nicht beugen, fordert der mächtige Liftunternehmer und Skiverbands - präsident Peter Schröcksnadel. Wo es um Geld und Arbeitsplätze geht, wird der Tonfall schnell mal schneidend, auch auf höchster Ebene. Mit »restriktiven und abschreckenden Maßnahmen« droht Emmanuel Macron jenen Landsleuten, die trotz Infektionsgefahr am Skitourismus in anderen Ländern festhalten wollen. 

Österreich treffe seine Entscheidungen, ohne sich an Ratschlägen aus dem Ausland zu orientieren, stichelt im Gegenzug Tourismusministerin Elisabeth Köstinger: Sie fordere ja auch nicht, »dass man in Deutschland beispielsweise die Schulen schließen soll oder Friseurbetriebe«. Vom vereinten Europa, von grenzen - loser Reisefreiheit im Schengengebiet, ist derzeit nicht mehr viel zu spüren. Dass Bayern eine zehntägige Quarantäne über jeden verhängt, der auch nur für eine Stunde zum Skilaufen in Österreich war, findet der Südtiroler Bergsteiger und frühere Euro paabgeordnete Reinhold Messner beschämend: »In solchen Ideen zeigt sich der Neid gegenüber dem anderen; eine solche Geisteshaltung ist schädlich.« Doch so wie der Kosmopolit Messner denken nicht alle in Italien. Giovanni Toti, Präsident der Region Ligurien, erklärte am Montag, er habe mit Amtskollegen über eine Schließung der Landesgrenzen beraten, »um zu vermeiden, dass unsere Leute zum Skifahren in die Schweiz, nach Slowenien oder Österreich fahren«. Vom Aostatal im Westen bis zum Veneto im Osten laufen die durch den Seilbahnstopp maßgeblich betroffenen Regionen Norditaliens Sturm gegen die Pläne, die Ministerpräsident Conte in Abstimmung mit Berlin, Paris und Brüssel vorangetrieben hat. 70 Prozent weniger Umsatz veranschlage sie für den Fall, dass die Lifte erst Mitte Januar in Betrieb gingen, sagt Valeria Ghezzi vom Verband der Seilbahnbetreiber. 

Und Gianpietro Ghedina, Bürgermeister der traditionsreichen Wintersportgemeinde Cortina d’Ampezzo, warnt: »Sollten wir über die Weihnachtsfeiertage schließen müssen, wäre dies verheerend.« Nichts verdeutlicht den absurd anmutenden Kleinkrieg im Alpenraum besser als die aktuelle Lage zu beiden Seiten des Matterhorns: Im italienischen Cervinia stehen die Lifte und mit ihnen das Gros der Tourismusbetriebe seit dem 24. Oktober still. Wer vom Matterhorngebiet aus versehentlich die Abfahrt nach Cervinia wählt, für den gibt es mit der Seilbahn keinen Weg mehr zurück. Auf Schweizer Seite hingegen brummt der Betrieb. Vom Klein Matterhorn auf 3883 Metern über Seehöhe abwärts darf schon jetzt gewedelt werden. 

Schweizer Wintersportorte und Seilbahnbetreiber versprechen eine reguläre Saison, für Sicherheit sei gesorgt: durch Maskenpflicht beim Transport hinauf auf den Berg, durch virentötende Kaltnebelgeräte in den Gondeln und Reservierungspflicht an Wochenenden wie auf der Pendelbahn Andermatt- Gemsstock. Ist also die Schweiz, geografisch mitten unter den streitenden EU-Staaten, ohne an deren Absprachen gebunden zu sein, am Ende der lachende Dritte? Ausgerechnet die Schweiz, wo im Vergleich zu Deutschland etwa doppelt so viele Neu infektionen mit dem Coronavirus vermeldet werden? Im europäischen Streit um das Skifahren wird ein unterschiedliches Staatsverständnis verhandelt: Deutsche und Franzosen erwarten von ihren Regierungen Maßnahmen, die Schweizer vom Staat mehrheitlich Zurückhaltung. Hohe Todeszahlen durch das Coronavirus und volle Intensivstationen sind der Preis dafür. Aufgeschreckt hat viele Schweizer erst, dass nun sogar eine Verlegung des Davoser Weltwirtschaftsforums nach Singapur erwogen wird – aus Sicherheitsgründen. 

Hans-Jörg Walther sieht die Sache mit dem Schneekrieg in Europa pragmatisch. Er, der sich bescheiden »Hüttenwart« nennt auf der 2222 Meter über dem Meer gelegenen »Riffelalp« unter dem Matterhorn, hat Doppelzimmer zu Weihnachten ab umgerechnet 650 Euro pro Nacht im Angebot. Seit Montag stehen Walther 125 Beschäftigte zur Seite und freuen sich mit ihm auf das, was da kommt. »Die Leute sind geil aufs Skifahren, wie jedes Jahr, das Geschäft über Weihnachten und Neujahr steht für ein Fünftel des gesamten Umsatzes in der Wintersaison«, sagt der Walliser Hotelier. 

Ein distanzierteres Miteinander sei in Corona-Zeiten selbstverständlich, aber: »Für mich wirkt die Politik von Merkel und Macron wie übervorsichtige Prophylaxe.« Es bestehe mittlerweile aus volkswirtschaftlicher Sicht die Gefahr, »dass da mit Löschwasser mehr Schaden angerichtet wird als durch das eigentliche Feuer«. Noch müssen sich die Schweizer Kantone zu einer geplanten Verordnung des Bundesrats äußern, mit der ihnen die Verantwortung dafür übertragen werden soll, dass Skitouristen sicher auf den Berg gebracht und im Erkrankungsfall angemessen medizinisch versorgt werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass in der Eidgenossenschaft zu Weihnachten und zum Jahreswechsel Pistengaudi plus Fondue geboten wird, ist trotzdem groß. Der Streit darüber, ob die Ansteckungsgefahr in einer Zehnpersonengondel am Berg größer ist als in einem voll besetzten Wiener oder Berliner U-Bahn-Waggon, offenbart ein tiefer liegendes Problem: Der gesamteuropäische Konsens endet, wo nationale Gewinnerwartung bedroht ist. 

Nicht nur Österreich und die Schweiz, auch andere mit respektablen Steilhängen gesegnete Länder wie Slowenien und Spanien, Schweden und die Slowakei zeigen bisher wenig Neigung, dem von Rom, Paris und Berlin angestoßenen Skibann Folge zu leisten. Vor allem in Frankreich scheinen, nach zuletzt allerlei gewaltsamen Protesten, die Nerven der Regierenden blank zu liegen. »Es geht darum, Franzosen davon zu abzuhalten, sich in Schweizer Skiorten zu infizieren «, warnt in ungewöhnlich drastischer Form Premier Jean Castex. Rückkehrer aus dem Urlaub in der Schweiz oder in Spanien hätten mit verschärften Kontrollen, Tests an der Grenze und mit siebentägiger Quarantäne zu rechnen. »Der Schluss, den man daraus ziehen sollte«, sagte Castex im Radiosender RMC: »Nicht in die Schweiz fahren.« Denn die Kehrseite des kompromisslosen französischen Kurses sieht so aus: Im grenzüberschreitenden Skigebiet Portes du Soleil könnten ab sofort Alpinisten aus den französischen Hochsavoyen die Seiten wechseln – um drüben im Schweizer Wallis zu wedeln; auch in den Pyrenäen, wo die Grenze zu Andorra und zu Spanien verläuft, könnte Frankreich einträgliches Geschäft an die Nachbarstaaten verlieren. 

Spaniens Skilifte gingen auf jeden Fall in Betrieb, versichert die Tourismusministerin María Reyes Maroto in Madrid. Hinzu kommt: Bei Gewerbetreibenden in Frankreich wächst der Unmut gegen die Regierungslinie. »Wir sind bereit, schwierige und für uns schmerzhafte Entscheidungen mitzutragen, aber dazu müssten wir sie verstehen und nachvollziehen können «, sagt Patrick Ricou, Präsident der Agentur des Départements Hautes-Alpes. Warum, so fragt er, habe man die Skiorte wochenlang ein Sicherheitsprotokoll ausarbeiten lassen – um dann am Ende doch alles dichtzumachen? »Wir fühlen uns nicht ernst genommen«, klagt Ricou: »Die Leute hier haben keine Rücklagen mehr, und das Weihnachtsgeschäft macht bei uns 20 bis 25 Prozent des Jahresumsatzes aus.« Rund neun Milliarden Euro werden in 250 französischen Skiorten jedes Jahr umgesetzt. 120000 Angestellte sind von der Wintersaison abhängig. In vielen Gebirgstälern gibt es kaum Alternativen zu den Einkünften aus dem Geschäft mit den Skifahrern. 

Tourismusverbände, Bürgermeister und Lokalpolitiker protestieren deshalb gegen die Entscheidung, Liftbetrieb bis in den Januar hinein zu untersagen. Im Hochgebirgsort Tignes nahe der italienischen Grenze begann die Saison schon im Oktober. Oben, auf 3000 Metern, liegt dann schon ausreichend Schnee – diesmal sogar mehr als sonst, sagt Tourismusdirektor Frédéric Porte, »so etwas gab es seit Jahren nicht mehr«. Bereits Ende Oktober aber mussten die Liftanlagen wieder wegen des erneut verhängten Lockdowns schließen; der Tourismusdirektor tröstete sich mit der Aussicht auf die Weihnachtswochen und wies seine Leute an, das Skigebiet zumindest für inländische Touristen Corona-sicher zu machen. 

Auch das aber scheint nun vergebens gewesen zu sein. Er würde sogar eine Schließung der Station über Weihnachten in Kauf nehmen, wenn es dafür im Januar endlich richtig losgehe, sagt Porte: »Aber das alles macht ja nur Sinn, wenn es eine Gleichbehandlung auf europäischer Ebene gibt. So wie es jetzt aussieht, werden Skifahrer aus Frankreich dorthin reisen, wo die Stationen geöffnet bleiben. Dann haben wir mehr an Bewegung, als uns lieb sein kann.« Ob es so kommen wird? Es wirkt, als gingen innereuropäisch nach und nach die Grenzbalken nieder. 

Für Österreich, wo der Wintertourismus mit rund 15 Milliarden Euro Umsatz pro Saison zu Buche schlägt, ist das eine betrübliche Nachricht. Wenn im benachbarten Bayern das »Södern « so weitergehe, könne man in Österreich bald »jeden einzelnen Skifahrer persönlich desinfizieren«, spottet Franz Schenner vom Netzwerk Winter, einem Zusammenschluss tourismusnaher Gewerbetreibender im Salzburger Land. »Södern« steht für den Kurs des bayerischen Ministerpräsidenten, den bisweilen etwas vorlauten Kanzler Kurz in Wien frontal zu rempeln. Söder droht potenziellen Österreichreisenden mit Quarantäne und wirbt für Urlaub in Bayern. 

Ein Ende der Eiszeit zwischen den christsozialen Parteifreunden in München und Wien ist in den vergangenen Wochen noch weiter in die Ferne gerückt. Was aber wird nun aus den 1600 Schleppliften und 1120 Seilbahnen auf österreichischem Boden – ohne deutsche Urlauber? 225 Euro pro Kopf und Tag speisen Skifahrer laut einer Wertschöpfungsstudie in die österreichischen Bilanzen ein: Geld, das bis auf Weiteres, bis mindestens Mitte Januar, fehlen wird. 

Während in Maria Alm am Steinernen Meer blank polierte Zehnpersonengondeln im Hangar Trauer tragen, ist die Stimmung gut 20 Kilometer Luftlinie nördlich, im bayerischen Bergsteigerdorf Ramsau bei Berchtesgaden, recht aufgeräumt. Hannes Lichtmannegger, der hier auf den Grundfesten eines Hofs aus dem Jahr 1454 seine Gäste im Berghotel Rehlegg begrüßt, räumt ein, auch ihm habe es »das Weihnachts- und Silvestergeschäft komplett zersägt «. Aber: »Ich bin tiefenentspannt, denn wir setzen auf nachhaltigen Tourismus.« Neun geschlachtete Bio-Sauen und einen Alm-Ochsen, Lebendgewicht tausend Kilo, hat Lichtmannegger noch kurz vor dem Lockdown in seine Kühlfächer schichten lassen. Er sagt, Hotels seien leider keine Tiefgaragen, die sich beliebig auf- und zusperren ließen. Aber verglichen mit Kollegen auf österreichischer Seite, die vor allem vom Liftgeschäft lebten, habe er mittelfristig die besseren Karten: »Gut möglich, dass das Coronavirus für uns alle so etwas ist wie eine heilsame Plage.«

 

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