Spaß beiseite

Plötzlich hängt er da mitten in London herum. In fünf Meter Höhe, an einem Drahtseil, zwei Union Jacks aus Plastik in den Händen, ein blauer Helm übers blonde Haupt haar gestülpt. Der Sicherungsgurt drückt schmerzhaft aufs Gemächt. Aber er lächelt. »Wie ihr seht, läuft alles prima«, ruft er den unten Stehenden zu. Es ist August 2012. 

Boris Johnson, der Bürgermeister von London, hat sich gerade im Victoria Park an einer Seilrutsche in die Tiefe gestürzt, aber das gegenüberliegende Podest nicht erreicht. Offenbar hat er bei der Angabe seines (Über-)Gewichts gemogelt. Nun baumelt er da, minutenlang, bis sich einer erbarmt und ihn mit einem Abschleppseil ins Ziel wuchtet. Es ist peinigend, es ist peinlich. Es ist großartig, finden die Menschen, für die der Mann da oben über den Dingen schwebt. David Cameron, sein alter Eton-Rivale, kann es nicht fassen: »Wenn irgendein anderer Politiker der Welt in einer Seil - rutsche stecken bliebe, wäre es ein Desaster. Für Boris ist es ein Triumph. 

Die Gesetze der Schwerkraft gelten für ihn nicht.« Acht Jahre später ist Boris Johnson Premierminister des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland – und hat es schon wieder fast geschafft. Der Brexit, sein Lebenswerk, steht unmittelbar vor der Vollendung. In weniger als vier Wochen wird die einjährige Übergangsphase beendet sein, in der sein Land noch wie ein faktisches EU-Mitglied behandelt wird. Es wird dann frei sein von den Fesseln des »europäischen Superstaats«. Und die Corona-Pandemie, die seine Insel nation so schwer getroffen hat, wird womöglich im Frühjahr ebenfalls Geschichte sein. Schon kommende Woche sollen die ersten Briten gegen Covid-19 geimpft werden – kein anderes westliches Land war schneller. 2021, so sieht Johnson das, wird ein glorreiches, ein britisches Jahr werden. »Global Britain« wird sich neu erfinden, überall auf der Erde Handel treiben und als eigenständige diplomatische Kraft zwischen den großen Blöcken manövrieren. Mit einer grünen »Revolution« wird es sein ausgelaugtes industrielles Herz wieder zum Pumpen bringen. Es wird als Militärmacht noch einflussreicher werden, neue Laserwaffen entwickeln und sogar in den Weltraum vorstoßen. 16,5 Milliarden Pfund hat Johnson gerade erst dafür versprochen. 

Das Problem bei alldem: Die unter ihm glauben Johnson nicht mehr, sie finden das Schauspiel allmählich nicht mehr lustig. Sondern abstoßend. Und wenn nicht alles täuscht, dann ist das Seil, an dem Johnson diesmal seine Sperenzien vollführt, nur noch ein dünner Tweedfaden. Man kann es nämlich auch so sehen: Weniger als vier Wochen vor dem 1.Januar ist das Königreich verzweifelt schlecht auf seine Selbstständigkeit vorbereitet. Für ein Handelsabkommen mit der EU ist Deadline um Deadline verstrichen, und auch mit einem Last-Minute-Deal wird 2021 desolat beginnen: Johnsons Regierung selbst erwartet rund hundert Kilometer lange Staus vor den Fährhäfen und Brüche in den Lieferketten – darunter vermutlich auch solche für lebenswichtige Medikamente und Impfstoffe. Großbritannien wird nicht in die Freiheit schreiten. Sondern humpeln. Das Chaos wird auf ein Land treffen, in dem seit März offiziell mehr als 60000 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben sind, so viele wie nirgends sonst in Europa. Die Arbeitslosigkeit steigt, bis Ende des Jahres wird der nationale Schuldenstand, der schon jetzt mehr als zwei Billionen Pfund beträgt, um weitere 400 Milliarden wachsen. Viele fragen sich, ob neue Laserwaffen wirklich das sind, was Großbritannien derzeit am nötigsten braucht. Und mittendrin in der größten Krise der jüngeren britischen Geschichte leistet sich der Mann, der sie anpacken müsste, seit Monaten haarsträubende Aussetzer. Im Kampf gegen die Pandemie hat Boris Johnson so viel versprochen und so wenig gehalten, dass das Vertrauen vieler Bürger aufgebraucht ist. 

Eine Einigung mit Brüssel hat er durch Ultimaten, abstruse Forderungen und die Ankündigung, Völkerrecht brechen zu wollen, torpediert. Seine Partei hat der Konservative mit einer irritierend unkonservativen Abrissbirnenpolitik verstört. Einen Machtkampf in seiner Regierungszentrale hat er laufen lassen, bis dieser jüngst eskalierte und seinen wichtigsten Berater ins Aus beförderte. Unmittelbar danach verkündeten Vertraute Johnsons, nicht mal ein Jahr nach dessen fulminantem Wahlsieg von 2019, einen »Neustart«. Aber auch der ging fürs Erste gründlich daneben. Der Mann, der seinen Aufstieg dem Brexit- Slogan »Take Back Control« verdankt, hat die Kontrolle verloren. Zum ersten Mal überhaupt scheint nicht mal mehr Johnson selbst davon überzeugt zu sein, dass seine Entfesselungskunst auch diesmal alles zum Guten wenden wird. Denn immer mehr Menschen im Land werfen ihm in diesem freudlosen Herbst seine Sprunghaftigkeit vor, seine Ignoranz, seine Unehrlichkeit – und sogar seine Possen. Das gab es noch nie. 

Bislang konnte sich Boris Johnson stets darauf verlassen, dass die Bürger ihn mochten, nicht obwohl er viele Schwächen und Eigenarten hat. Sondern weil. Nun schadet ihm, was ihn einst groß machte. Tatsächlich wussten die Briten ganz genau, worauf sie sich einließen, als sie Johnson den Weg zur Macht ebneten. Im Juni 2019 gaben in einer YouGov-Umfrage mehr als die Hälfte der Bürger an, sie hielten Johnson für unehrlich und unmoralisch. Nur 13 Prozent erklärten, sie würden ein gebrauchtes Auto von ihm kaufen. Rund fünf Wochen später war Johnson Partei- und Regierungschef. 

Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich gegen vernichtende Kritik mit einer verblüffend simplen Methode immunisiert. Ob als Journalist oder als Politiker, in seiner über 30- jäh rigen Popstarkarriere suchte er sich stets den hellsten Flutlichtmast, um seine Kapriolen darunter zu veranstalten. Seine Lügen gegenüber Chefredakteuren oder Parteichefs – faustdick und unverhohlen. Seine Ehebrüche und libidinösen Eskapaden – zelebriert vor einem Millionenpublikum. Sein Ehrgeiz, mit allen Mitteln nach oben kommen zu wollen – nie verheimlicht. Ehe man ihn entlarven konnte, entlarvte er sich selbst. Ein Scharlatan. Aber ein ehrlicher. Der Rest war Humor. Boris Johnson war immer schon eher Journalistenkari - katur als Journalist, mehr Politikparodist als Politiker. Einer, der nichts, nicht mal sich selbst, übertrieben ernst nimmt. Niemand kann bis heute zweifelsfrei sagen, ob er selbst glaubte, was er da in den Neunziger jahren aus Brüssel über Brüssel verzapfte. Die empörenden Berichte über die EU- Regularitis, die – für Briten – zu kleinen Kondomgrößen, die verbannten Shrimp-Chips: vielleicht einfach zu gute Gags, um darauf verzichten zu können. 

Wenn er von »Negerkindern « mit »Wassermelonenlächeln « schreibt und Burkaträgerinnen mit »Briefkästen « vergleicht: Ist das Rassismus oder Sarkasmus? Lohnt es die Aufregung, wenn er im ehrwürdigen Unterhaus weibliche Abgeordnete verhöhnt? Oder ist das von der Satirefreiheit abgedeckt? Als er einem Freund einst versprach, die Adresse eines lästigen Journalisten zu besorgen, damit jener dem Reporter eine Tracht Prügel verpassen könne: War das Ernst oder Spaß? Weiß er das selbst? Auf jeden Fall wusste er stets, wie er aus solchen Nummern wieder herauskam. In der legendären BBC-Show »Have I Got News For You« auf den Vorfall angesprochen, sagte Johnson seinerzeit: »Ich schäme mich nicht.« »Wofür schämst du dich nicht?«, fragte der Moderator. Darauf Johnson: »Für alles, wofür man sich schämen könnte.« Gelächter im Saal. Vergeben. Vergessen. Mit dieser Show, seit 30 Jahren fester Bestandteil des BBC-Unterhaltungsprogramms, wurde Boris Johnson zum nationalen Kulturgut. Seit 1998 trat er, zunächst als Gast, später sogar als Moderator, etliche Male in der Sendung auf, in der Neuigkeiten der Woche in satirischer Quizform übermittelt werden. 

Dort morphte er endgültig in seine Medienpersona. Das wirre Haar, die vernuschelten Zoten, die Inszenierung als fröhlicher Politikverächter – einstudiert vor laufender Kamera. 2004 brachte ihm die Rolle seines Lebens sogar eine Nominierung für den britischen Fernsehpreis Bafta ein, in der Kategorie »Best Entertainment Performance«. Die Johnson-Biografin Sonia Purnell schreibt: »Am Ende war seine Fernseh - karriere womöglich sein wichtigstes Plus bei den Wählern.« Ganz so wie bei einem anderen unorthodoxen Blonden jenseits des Atlantiks. Nur dass Johnsons Narzissmus stets von der urenglischen Kunst der Selbstironie ummäntelt war. Früher, viel früher als andere erkannte er, dass die Vertreter westlicher Demokratien – nicht nur der britischen – in einem von Krisen geprägten 21. Jahrhundert zunehmend in eine Glaubwürdigkeitsfalle tappten. Fingierte Gründe für völkerrechtswidrige Kriege, vermeintlich alternativlose Rettungsprogramme für Banken, als Realpolitik verbrämte Sparorgien und öffentliche Statements, zu Social-Media-Zeiten so lange glatt geschliffen, bis außer einer glänzenden Oberfläche nichts mehr da ist: Das schrie immer stärker nach Anti-Politik-Politikern. Er war bereit dafür. 

Die meisten Menschen hielten Volksvertreter für »einen Haufen Gauner«, sagte Johnson 2013 in einem Interview. Um aus der Masse herauszuragen, müsse man daher gute Witze machen und grandiose Metaphern wählen, die die Fantasie anregen. Dann könne man die Menschen »für eine Sekunde « packen. Selbstironie sei dafür »eine listige Methode«. Michael Portillo, einst Verteidigungsminister unter John Major, hatte Johnson früh gemahnt, irgendwann werde er sich »zwischen Politik und Komödie« entscheiden müssen. Johnson aber macht bis heute aufrichtig unaufrichtig in Politik und Komödie. Das scheinbar nachlässig in die Hose gestopfte Hemd, die verhaspelte Sprache, die wirre Frisur: alles Mittel zum selben Zweck. Dem Durchschnittsbriten signalisiert er damit, dass er auch nicht viel anders sei – den Durchschnittsrivalen verführt er dazu, ihn zu unterschätzen. 

Wie der Fernsehdetektiv Columbo mit seinem abgewetzten Trenchcoat und dem verbeulten 1959er-Cabriolet lässt Johnson alle stets im Glauben, ahnungslos und tollpatschig zu sein. Bis zur dramatischen Wendung. Es passt ins Bild, dass Reporter, als sie im Juni 2019 in Südlondon Johnsons Privatauto entdeckten, einen rollenden Mülleimer vorfanden; vollgestopft mit Plastikflaschen und Dosen, zerknüllten Zeitungen, zerknitterten Klamotten und einer Kopie der Brexit-Bibel »Britannia Unchained« auf dem Boden. Besser hätte man es nicht inszenieren können. Was bei all dem Zinnober, den Boris Johnson um sich veranstaltet, jedoch stets im Vagen blieb, ist die Frage, wofür er eigentlich steht. Hat er eine politische Vision? Einen moralischen Kompass? Oder we - nigstens Überzeugungen, die über den Tag hinaus halten? Es sieht nicht danach aus. Bevor er neuerdings zum grünen Revolutionär mutierte, stimmte er als Tory-Abgeordneter mehrfach gegen Maßnahmen zum Klimaschutz. Er wollte einst eine dritte Startbahn am Flughafen Heathrow verhindern, indem er sich notfalls selbst vor den Bagger legt. Als es dann zur Abstimmung im Parlament kam, wurde er angeblich dringend woanders gebraucht. 

Er trat für die Homoehe ein, aber verspottete Schwule in einer Kolumne als »bum boys«. Er sei, so behauptet er, stolz auf seine türkischen Wurzeln. Das wiederum hinderte ihn nicht daran, im Brexit- Wahlkampf 2016 Stimmung gegen Zu - wanderer aus dem imaginierten künftigen EU-Mitglied Türkei zu machen. Überhaupt die EU: Zu den schon heute legendären Brexit-Episoden zählt, dass Boris Johnson 2016, kurz vor der Volksabstimmung, zwei Zeitungskolumnen verfasste – eine für und eine gegen den Verbleib im Staatenbund. Als seine Vorgängerin Theresa May ihren Brexit-Vertrag mit der EU mehrfach im Unterhaus zur Abstimmung stellte, stimmte Boris Johnson zweimal dagegen und einmal dafür. Erstaunlich vage ist, viereinhalb Jahre nach dem Referendum, auch sein Plan für eine Post-Brexit-Zukunft. Seiner »Brexit-Vision« von 2017, veröffentlicht im »Daily Telegraph«, hat Johnson bis heute wenig Substanzielles hinzugefügt.Bereinigt um den Sprachbombast, schrieb er damals im Wesentlichen, er wolle nach dem Austritt Regulierungen »vereinfachen « und »wo immer möglich Steuern kürzen« – darunter die Mehrwertsteuer auf Tampons. Wie schwer es ist, Johnson auf irgend - etwas festzulegen, hat sein früherer Parteifreund Rory Stewart, der 2017 als Staatssekretär im Außenministerium arbeitete, kürzlich eindrucksvoll beschrieben. 

Einmal habe der damalige Außenminister Johnson verlangt, Großbritannien müsse mehr für die »charismatische Megafauna« tun, also große Landsäugetiere oder Wale. Kurz darauf habe er, Stewart, Deutschland für ein Kooperationsprojekt zum Schutz sambischer Elefanten gewonnen. Aber Johnson habe, als er davon hörte, nur »Germans? « gesagt und dann, auf Deutsch, »nein, nein«. Ein andermal sei Johnson wild entschlossen gewesen, »das Libyenproblem zu lösen«. Von Stewarts alsbald vorgetragener Idee, gemeinsam mit Italien und der Uno dort zu helfen, habe der Minister dann nichts mehr wissen wollen. Im Rennen um Theresa Mays Nachfolge trat Rory Stewart im Sommer 2019 gegen Boris Johnson an. Er verlor und legte anschließend alle Ämter nieder, weil er nie wieder mit oder unter Johnson arbeiten wollte. Dieser sei »eine amoralische Figur« und vermutlich »der beste Lügner«, der es je bis ins Amt des Premierministers geschafft habe. 

Den Briten, die Johnson vergangenes Jahr ganz nach oben katapultierten, war das egal. Nur er, da waren sich die Kon - servativen sicher, könne den Tories eine vierte aufeinanderfolgende Amtszeit in Downing Street sichern. Nur er könne den Sozialisten Jeremy Corbyn schlagen, nur er den Nervenkrieg um den Brexit gewinnen. Denn nur er würde dafür skrupellos alle erdenklichen Mittel einsetzen. Und es lief ja auch gut mit und für Johnson. Zwar walzte er alles platt, was sich ihm in den Weg stellte. Zwar malträtierte er mit dem Presslufthammer die Säulen der Verfassung. Zwar baute er die Tories in eine nationalistische englische Partei um. Zwar vergiftete er das Klima im Land, bis selbst die besonnenen, distinguierten Briten in erschreckender Zahl zu ideolo - gischen Eiferern wurden. Aber: Er gewann die Wahl im Dezember spielend, mit einer komfortablen Mehrheit von 80 Parlamentssitzen. 

Kurz darauf war der Brexit – zumindest formal – vollzogen. Es sollte kein Endpunkt sein, sondern ein Wendepunkt. Johnson und sein zentraler Einflüsterer und Chefzertrümmerer Dominic Cummings waren wild entschlossen, Post-Brexit-Britannien nach ihrem Bild zu formen. Die Justiz und der Beamtenapparat sollten wieder stärker an die Kandare genommen, lästige Medien, allen voran die BBC, ausgebremst werden. Den unter Tony Blair vergrößerten Einfluss der Regionalregierungen von Schottland, Wales und Nordirland woll - ten beide wieder zurückdrängen, das Parlament – das sich im Brexit-Zank so lästig demokratisch aufgeführt hatte – einhegen. Downing Street sollte wieder zu dem zentralen Machtort werden und möglichst noch über Jahre in den Händen der Tories bleiben, damit diese den kulturellen un wirtschaftlichen Umbau des in die Jahre gekommenen Ex-Empires vorantreiben können. Eine »goldene Ära« der Erneuerung, prophezeite Johnson. Dann kam das Coronavirus. 

Von seinem Vater Stanley, so heißt es, habe Boris Johnson das Motto übernommen: »Nichts ist wirklich wichtig, das meiste sogar völlig unwichtig.« Er ist damit bestens über die Runden gekommen. Aber ein guter Leitfaden im Kampf gegen eine Pandemie ist es nicht. Anfangs versuchte Johnson, auch diese Krise wegzulächeln. Im Königreich könne das Virus »einpacken«, frotzelte der Regierungschef, die Infektionskurve drücken, hieß bei ihm: »den Sombrero eindellen«. Johnson stellte sich der Herausforderung, wie er sich bislang noch jedem Kampf gestellt hat –mit dem unbedingten Willen, gewinnen zu wollen. Als verträte er das Vereinigte Königreich in einer Art Seuchen-Olympiade, versprach er seinen Landsleuten das »weltbeste« Test-und-Trace-System, eine herausragende Corona-App, ein Massentestprogramm, so ehrgeizig und erfolgreich wie einst die Mondlandung. Und während Zigtausende starben, lobte Johnson den »offensichtlichen Erfolg« seiner Regierung. Er begriff offenbar nicht, dass ein Virus kein Gegner ist, den man foppen kann. Niemand wirkte in dieser Pandemie deplatzierter als ein Premierminister, der britischen Männern einst versprochen hatte, ihren Frauen würden größere Brüste wachsen, solange sie nur Tories wählen. Und so wandten sich große Teile des Publikums peinlich berührt ab wie von einem Komödianten, der nicht wahrhaben will, dass die alten Zoten nicht mehr ziehen. Alles, was Johnson einst hat aufsteigen lassen, wurde in den vergangenen Monaten zum Ballast: seine Neigung, sich nicht mit zu viel Detailwissen zu beladen und Programmatik durch schmissige Parolen zu ersetzen, die Fähigkeit, unangenehme Wahrheiten einfach auszublenden – vor allem aber sein Unvermögen, Entscheidungen zu treffen und zu ihnen zu stehen. Johnsons Umfragewerte zum Ende dieses Annus horribilis sind jämmerlich. Eine deutliche Mehrheit der Briten hielte Labourchef Keir Starmer für den besseren Premierminister, obwohl dessen Partei noch vor wenigen Monaten komatös darniederlag. 

Als der Tory-Lord Michael Ashcroft in einer Umfrage Briten bat, Eigenschaftswörter für Boris Johnson aufzulisten, nannten die meisten: »inkompetent « und »überfordert« – gefolgt von »unehrlich«, »abgehoben« und »unentschlossen «. Starmer dagegen gilt den Bürgern als »kompetent« und »prinzi - pienfest«. Inzwischen wenden sich auch immer mehr der allertreuesten Borisianer von dem Mann in 10 Downing Street ab. Der konservative »Spectator«, ein Wochenblatt, dem Johnson einst als Herausgeber vorstand, zeigte ihn auf dem Titelbild allein in einer Nussschale auf rauer See, darüber die Schlagzeile: »Where’s Boris?« Johnsons Regierungszeit sei geprägt von »Durcheinander, Debakel, Rebellion, Kehrtwende und Verwirrung«, schrieb der aktuelle Herausgeber Fraser Nelson. »Das Problem ist, dass der Premierminister ein Autor, Campaigner und Entertainer ist, nicht wirklich ein Kämpfer.« Johnson »liebt es, gemocht zu werden«, und wolle es deshalb allen recht machen. Weil Johnsons Schlingerkurs längst auch das gefährdet, was der konservativen Partei am allerliebsten ist – die Macht –, schmieden offenbar immer mehr Parteifreunde Pläne, um den Brexit-Beschwörer loszuwerden. 

Dankbarkeit galt unter Tories noch nie als ein Wert an sich. Zwar hat Johnson den Konservativen eine kaum für möglich gehaltene Mehrheit im Unterhaus beschert. Aber ein ähnliches Kunststück war im Mai 1955 auch Anthony Eden gelungen. 19 Monate und eine Suezkrise später war er weg. Noch begehren nur wenige offen gegen Johnson auf. Doch seit Wochen dringt immer häufiger Tratsch über den angeblich amtsmüden Regierungschef nach außen. Er habe keine Lust mehr, Pandemie-und- Pannen-Premier zu sein, sein notorischer Optimismus sei verflogen, zudem klage er auffällig oft über Geldnöte. Johnson, der allein für seine wöchentliche Kolumne im »Daily Telegraph« einst 275 000 Pfund im Jahr einstrich, komme mit den 150 000, die er als Premier erhalte, nicht aus. Zumal er noch vier seiner mindestens sechs Kinder – über die genaue Zahl schweigt er sich aus – finanziell unterstützen müsse. 

Zu denen, die oft und offen über Johnson lästern, gehört der erzkonservative Abgeordnete Steve Baker. Der Fallschirmspringer und politische Heckenschütze hatte maßgeblichen Anteil am Sturz von Theresa May. Nun triezt er lustvoll deren Nachfolger. Mit seinen Spitzkehren und seiner übervorsichtigen Corona-Politik verspiele Johnson die Chance, Großbritannien auf eine ruhmvolle Post-BrexitÄra vorzubereiten, glaubt Baker: »Er wollte Geld ausgeben, um das Land vom Kopf auf die Füße zu stellen. 

Das Geld hat er jetzt zum Fenster rausgeschmissen«, sagte der Abgeordnete dem SPIEGEL. Baker hat unlängst mit 70 anderen Tories die »Covid Recovery Group« im Unterhaus gegründet, um Johnson zu einem unverzagten Pandemiekampf ohne Lockdowns und ständige staatliche Bevormundung zu zwingen. Die Seuche habe den Premier schwach gemacht, unterstellt Baker: »Das ist nicht der Johnson, den wir kennen.« Der richtige sei ein »Spaß macher« und »charismatischer Visionär«. Jüngst verstieg sich Baker gar dazu, den Regierungschef mit dem fiktiven König Théoden aus Tolkiens »Herr der Ringe« zu vergleichen. Wenn es Johnson wie Théoden gelänge, sich aus dem Bann seiner Berater zu befreien, »wird alles wieder gut«, so Baker. Was er nicht sagte: In Tolkiens Saga stürzt sich der wiedererwachte Théoden in die Schlacht gegen einen übermächtigen Gegner – und wird darin zermalmt. Spricht man Baker darauf an, lächelt er verschmitzt und beteuert, so habe er das natürlich nicht gemeint. Dass Johnsons Abhängigkeit von seinen Beratern im Mittelpunkt der gegenwärtigen Misere steht, ist weitgehend unstrittig. Zumal diese Berater offenbar mehr mit internen Scharmützeln als mit dem Ausüben von Regierungsgeschäften befasst sind. 

Mitten in der zweiten Corona- Welle und mitten im Brexit-Endspiel gegen Brüssel war 10 Downing Street zuletzt Schauplatz eines bizarren Machtkampfs. Und einmal mehr wirkte Johnson dabei nicht wie der Hausherr – sondern eher wie ein Hausmeister, der den Dreck, den andere hinterlassen, irgendwie zusammenkehren muss. Auf der einen Seite des Gefechts: Domi - nic Cummings, Mastermind der Brexit- Kampagne von 2016 und de facto Johnsons Stabschef. Auf der anderen Seite Carrie Symonds, ehemalige Kommunikationsstrategin der Konservativen, Verlobte des Premierministers und Aktivistin für Tier- und Klimaschutz – Themen, die sich nun auch Johnson zu eigen gemacht hat. Cummings betrieb 10 Downing Street von Anfang an wie ein Kampagnenhauptquartier und zog nach dem Motto »viel Feind’, viel Ehr’« gegen Regierungsbeamte, Tory-Abgeordnete, Minister, Journalisten und jeden zu Felde, der sich seiner Politik der »kreativen Zerstörung« entgegenstellte. Eine Gruppe von Frauen um Symonds dagegen sorgte sich offenbar, dass Cummings in seinem Furor auch Johnson in die Luft jagen könnte. 

Es sei höchste Zeit, dass der Premier wieder zu seinem unideolo - gischen, jovialen Selbst zurückfinde. Je nachdem, wen man in Westminister fragt, war Johnson über Monate entweder »Kidnapping-Opfer« von Cummings oder hing am Gängelband der »Mad Queen« Symonds. Beides nicht sehr schmeichelhaft. Mitte November sprach Johnson schließ - lich – und endlich – ein Machtwort. Cummings ist nun Geschichte, und in Johnsons verbliebenem Umfeld ist die Rede von einem Neustart. Eine Reorientierung, die zeitlich wohl nicht ganz zufällig mit der Abwahl des großen Johnson-Fans Donald Trump zusammenhängt. Der britische Premierminister will fortan wieder ein Kumpeltyp sein. Boris, der Bürgermeister, einer, der wie zu seligen Londonzeiten mit dem Radl da ist – und nicht mit dem Bulldozer. Einer, der auf Menschen zugeht, auf seine eigenen Abgeordneten, womöglich gar auf die EU. 

Der im kommenden Jahr, als Gastgeber des Uno-Klimagipfels, seinem Land ein neues, grünes Image verpasst. Und der als Ausrichter des G-7-Gipfels demonstriert, dass das Vereinigte Königreich auch außer - halb der EU ein Hauptdarsteller auf der Weltbühne sein kann. Der Start in den Neustart ist Johnson allerdings schon mal gründlich misslungen. Weil nach einem Treffen mit Parlamentariern ein Parteifreund positiv auf Covid- 19 getestet wurde, musste der Premier anschließend sofort für 14 Tage in Quarantäne. Der Versuch, wieder auf Tuchfühlung mit den eigenen Leuten zu gehen, endete einstweilen in der Isolation. Viele glauben, dass es für Johnson auch sonst schwer werden dürfte, das ramponierte Image seiner Regierung aufzupolieren. 

Seine eigene Partei zu befrieden dürfte mehr erfordern als gutes Zureden. Am Dienstag dieser Woche verweigerten rund 70 konservative Abgeordnete ihre Zustimmung zu harten Corona-Maßnahmen über das Jahresende hinaus. Heikel für den Premier: Dabei übte der harte rechte Rand den Schulterschluss mit moderaten Tories. Einen Schwenk Johnsons zu einer Art liberalem Ökokonservatismus wird vor allem in den alten Industriezentren Nordenglands nicht jeder klaglos mitmachen. Dabei hat er vor allem den dortigen Bürgern seinen Wahlsieg zu verdanken. 

Die von Johnson vielfach provozierten Schotten hoffen inzwischen mehrheitlich auf ein zweites Unabhängigkeitsreferendum, das sie diesmal gewinnen könnten. Das Königreich wäre dann in der Mitte zerbrochen. Der Brexit wird, mindestens in den ersten Monaten des kommenden Jahres, alles andere als glorreich verlaufen. Die Coronakrise hat die Zahl der Arbeitslosen und Insolvenzen in die Höhe getrieben, und irgendwann wird die Regierung die vielen Milliarden, die sie in die Wirtschaft gepumpt hat, wieder einsparen müssen. Vor allem aber werde ein Neustart mit Boris Johnson an der Person Boris Johnson scheitern, glaubt Dominic Grieve, ehemaliger Generalstaatsanwalt, Tory-Abgeordneter und eines von vielen Johnson-Opfern. Es sei nun einmal so, schrieb Grieve jüngst im »Guardian«: Hinter der Fassade des großen Kommunikators Johnson »liegt ein Vakuum an Detailgenauigkeit, Fleiß und Integrität. 

Es ist dieses Vakuum, das von Chaos gefüllt wird«. Andererseits wäre es ein Fehler, Johnson zu unterschätzen. Der Serien-Lazarus der britischen Politik hat praktisch sein ganzes 56-jähriges Leben auf den letzten Drücker geführt, stets mit hohem Einsatz und oft erfolgreich. Wann immer er erledigt schien, war er kurz darauf wieder da. Die Kunst des Comebacks hat er quasi von der Pieke auf gelernt. Im April 1982 etwa sandte sein Lehrer in Eton einen Brief an Johnsons Vater. Die Selbstherrlichkeit und Faulheit des damals 17-jährigen Boris mache ihn traurig, schrieb der Pädagoge. »Aber noch ist nicht alles verloren: Er kann unsere Gunst vollständig zurückerlangen, wenn er künftig wieder volles Engagement zeigen sollte.« Heute hat er im Museum von Eton einen Ehrenplatz.

 

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