VW-Chef Herbert Diess vergrault Top-Manager und Betriebsrat

Vor vier Monaten noch war VW-Konzernchef Herbert Diess voll des Lobes für Markenvorstand Thomas Ulbrich. Aus Italien postete er Urlaubsfotos mit seiner Tochter Caro und dem Elektroauto ID.3. Ulbrich habe gute Arbeit geleistet, urteilte er. Sein „enormer Einsatz“ und der seines Teams hätten sich gelohnt, das neue Auto sei rundum gelungen. 

Die Wertschätzung währte nicht lange. Diess wolle Elektromobilitäts-Vorstand Ulbrich, dem wegen seines Einsatzes bei VW der Ruf eines „Arbeitstiers“ vorauseile, auf einen Posten beim chinesischen Joint Venture JAC entsorgen, meldete kürzlich das „Handelsblatt“. Irgendwie verständlich, dass Ulbrich darauf wenig Lust verspürt und nach fast dreißig Dienstjahren bei VW das Weite sucht. Der Abgang des Spitzenmanagers ist die jüngste Folge einer langen Liste von drastischen Personalmaßnahmen, mit denen sich Herbert Diess bei Volkswagen die Furcht, aber nicht unbedingt die Begeisterung seiner Leute erwirbt. Dem ehrgeizigen Manager reicht die Dauerfehde mit dem Betriebsrat offensichtlich nicht. 

Er scheint fast auf der Suche nach neuem Konfliktpotenzial zu sein.Vergeblich verlangte Diess vom Aufsichtsrat Ende November eine vorläufige Vertragsverlängerung über das Jahr 2023 hinaus – was ihm bei seiner Mission, den Konzern auf mehr Rendite zu trimmen, eine bequeme Verhandlungsposition gegenüber Betriebsratschef Bernd Osterloh verschafft hätte. Nachdem der Aufsichtsrat Diess’ Ambitionen bremste, wurde sein Tonfall milder. „Ich spiele nicht gegen Herrn Osterloh“, beteuerte er im Interview mit der „Wirtschaftswoche“. „Natürlich spielen wir auf unterschiedlichen Positionen. Aber wir versuchen, uns überwiegend Bälle zuzuspielen.“ Was Diess nicht sagte: Momentan geht auf dem Wolfsburger Fußballfeld wenig voran. Es wird gerempelt und gefoult, und mancher Pass wird zum Eigentor. Derzeit will Diess zwei Vertraute in den Konzernvorstand hieven, wo Mitte des nächsten Jahres die Posten des Einkaufsund des Finanzchefs vakant werden. Er müsste dafür aber den Betriebsrat überzeugen. 

Der genau das nicht will: einen übermächtigen Konzernboss, der durchdrücken kann, wen und was er für richtig hält. Die Gemengelage ist verfahren, und bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe schien alles möglich: ein Showdown im Aufsichtsrat, ein Kompromiss oder die Vertagung des Konfliktes bis ins nächste Frühjahr. Gefeuert, weil zu erfolgreich Vielfach scheint Diess die Sorge um den eigenen Machterhalt umzutreiben. 

Skoda- Chef Bernhard Maier etwa führte die tschechische Marke sehr erfolgreich – so erfolgreich, dass Diess Maier als Wettbewerber um den Chefposten wahrnehmen konnte. Ist dies der Grund, warum Maier im Sommer gehen musste? Bemerkenswert ist auch das Karriereschicksal des Elektromobilitäts-Experten Christian Senger. Diess hatte ihn persönlich zu Volkswagen geholt. Er übertrug ihm zuerst die Fahrzeug-Architektur MEB, machte ihn dann zum Digitalvorstand der Marke VW. Auf dem Posten erbte Senger die Fehler seiner Vorgänger in der Software-Entwicklung für den Golf 8 und den Elektroflitzer ID.3. Schnell entpuppte sich der Job als Mission Impossible. 

Und genauso schnell muss Diess klar geworden sein, dass ihm ein Name in seinem Umfeld, der mit den teuren Digitalpannen in Verbindung gebracht wird, gefährlich werden kann. Seinen Vorstandsjob ist Senger los, als Trostpflaster darf er sich jetzt um die Entwicklung des autonomen Fahrens in der Transporter-Sparte kümmern. Die Digitalprobleme löste Volkswagen durch den Chefwechsel nicht. Erst vor Kurzem stellten die Ingenieure die Software für den ID.3 fertig. Ex-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann hatte den undankbaren Job, bis knapp vor dem Beginn der ID.3-Auslieferung verbalen Zucker über die offensichtlichen Mängel des Vorzeigeautos zu streuen. 

Mittlerweile muss er sich diese Qual wenigstens nicht mehr antun: Der intern geschätzte Stackmann wurde gefeuert, angeblich auch deswegen, weil er hinter den Kulissen Herbert Diess widersprochen hätte. Auch die Gesichter, die VW nach außen verkaufen, wechseln schneller, als man sich an sie gewöhnen kann: Erst verabschiedete sich Marc Langendorf, VW-Kommunikationschef, in Richtung Telefónica Deutschland, jetzt entschied sich Peik von Bestenbostel, der Chef der Konzernkommunikation, für die Rente mit 62. Der Betriebsrat meldet Ansprüche an Personalpolitik ist immer Machtpolitik. Nicht nur Diess, auch Betriebsratschef und Aufsichtsrat Bernd Osterloh denkt bei der Besetzung von Vorstandsposten an die Erweiterung der eigenen Einflusszone. Schon lange wirbt die Arbeitnehmerseite für ein eigenes IT-Ressort und hätte den Digitalvorstand gerne im kommenden Frühjahr installiert. Bisher sieht es nicht so aus, als ginge der Plan auf. Ein denkbarer interner Kandidat, der frühere Leiter der VW-Konzern-IT Martin Hofmann, verließ vor einem Dreivierteljahr das Unternehmen. Ein schmerzlicher Verlust, ist bei Volkswagen zu hören. „Hofmann war fachlich spitze und hat es verstanden, seine Leute mitzunehmen.“ VW-Manager machen gerne den Einfluss der Gewerkschaft für langsame Entscheidungen und hohe Kosten verantwortlich. 

Das ist aber nicht die ganze Wahrheit. Zwar verhindern Manager von Osterlohs Gnaden manche Grausamkeit für die Belegschaft. Aber auch sie setzen den Rotstift an, um noch Schlimmeres zu verhindern und um den Burgfrieden mit den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch zu wahren. Das beste Beispiel ist der frühere Osterloh-Adlatus Gunnar Kilian, jetzt Personalvorstand auf Konzernebene und auch er ein denkbarer Kandidat der Arbeitnehmerseite für eine Diess-Nachfolge. Als Beauftragter für die Nutzfahrzeug-Sparte Traton ist er mitverantwortlich für die Einsparungen bei den Truckern. Der Traton-Hersteller MAN macht den VW-Eigentümern schon lange keine rechte Freude mehr. „Andreas Rensch ler machte als Vorstandschef bei Traton einen soliden Job“, sagt Jürgen Pieper, Autoanalyst vom Bankhaus Metzler. „Aber mittlerweile hat man den Eindruck, als gebe es ein Machtvakuum.“ Renschler wurde im Sommer von Diess zusammen mit weiteren Nutzfahrzeug- Vorständen gefeuert. Jetzt plant sein Nachfolger Matthias Gründler rabiate Maßnahmen. Er will, ein Novum bei Volkswagen, 9500 Werker notfalls auch per Kündigung loswerden. Der Sozialplan mit den Beschäftigten bei MAN sei so gut wie unter Dach und Fach, verkündete Diess bereits – was die Beschäftigten in München anders sehen. Derzeit klagt der MAN-Betriebsrat gegen das eigene Management, ein Schritt, der eher in einer krisengeschüttelten Klitsche zu erwarten wäre als im Weltkonzern Volkswagen. Aber die Zeiten sind rau, nicht nur bei Volkswagen – was sich auch beim schmutzigen Abhör-Krimi um den Zulieferer Prevent zeigt, bei dem laut „Business Insider“ jetzt der Abschiedsbrief eines Managers auftauchte, der seine russische Vorgesetzte belastete, bevor er in seinem Auto verbrannte. Kann Diess liefern? Diess braucht für seinen Masterplan bei VW Erfolge, die er den Porsches und Piëchs vorzeigen kann. 

Aber noch klafft bei zwei wichtigen Projekten, der Elektromobilität und der Digitalisierung, eine Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit. „Im nächsten Jahr werden wir zeigen, dass unsere Strategie aufgeht“, versprach der Konzernchef nach der diesjährigen Planungsrunde. Mobilitätswende. Tesla-Angriff. Transformation einer Schlüsselindustrie. Diess ist überzeugt, dass sich VW unter seiner Führung besser aufstelle als andere konventionelle Autobauer. Allerdings verzeichnete das Kraftfahrt-Bundesamt von Januar bis Oktober nur knapp 19 000 Zulassungen des e-Golf und des im Herbst gestarteten Elektro-Flaggschiffs ID.3. Das ist weniger, als der Renault Zoe schaffte. 

Gelingt es VW 2021 mit dem neuen SUV ID.4 und weiteren Elektromodellen nicht, seinen Marktanteil bei den Stromern deutlich auszubauen, muss sich Diess auf unangenehme Fragen im Aufsichtsrat gefasst machen.Ehrgeizig ist auch die Rolle, die Diess Audi übertragen hat. Dort arbeitet ein exklusives Team im Projekt „Artemis“ an einem elektrischen Luxusschlitten für Audi, Porsche und Bentley, der schon 2024 fertig sein soll. Für den Tesla-Jäger ist Audi-Chef Markus Duesmann verantwortlich, den Herbert Diess von BMW nach Ingolstadt holte. Duesmann muss jetzt aber auch für Erfolg und Misserfolg der neuen Einheit Car.Software.Org geradestehen, die 2020 auf rund 6000 und mittelfristig auf über 10 000 Beschäftigte anwachsen soll. Diess erwartet von den IT-Spezialisten nicht weniger als die komplette Neuauflage der Pkw-Software samt interaktiver Schnittstellen, die es wie beim Smartphone ermöglichen, dem Fahrzeug drahtlos neue Funktionen zuzuweisen. 

Operativer Chef des Himmelsstürmerprojektes ist Ex-BMW-Manager Dirk Hilgenberg, ein Experte für Pkw-Fertigungstechnik. Ein Werksplaner für eines der ehrgeizigsten Software-Vorhaben der Autoindustrie? Selbst bei Volkswagen regen sich Zweifel, ob das Unternehmen für diese Disziplin die richtigen Leute an Bord hat. „Wir bräuchten mindestens 1000 Führungskräfte, die agile Arbeitsmethoden aus dem Effeff beherrschen“, sagt ein VW-Ingenieur. „Wo sind die denn alle?“ Über Björn Goerke, der von SAP kam und die technische Leitung der Car.Software. Org bekam, wird intern gelästert: Einen „Dampfplauderer“ habe sich Volkswagen da geholt, der „null integriert in die Mannschaft“ sei. Ein Mangel an Fachleuten, die die Arbeitsweisen der Software-Industrie verinnerlicht haben, kann VW angreifbar machen. Der Porsche-Chef als Nachfolger? Erneute millionenteure Verzögerungen sind das Letzte, was die Aufsichtsräte wollen. Mit der Bündelung des Software-Projektes bei Audi hat Diess eine Entscheidungsebene zwischen sich und mögliche künftige Probleme gebracht. Geht etwas schief, kann er die Schuld auf die Audi-Manager schieben. Umgekehrt dürfte Ex-BMW-Manager Duesmann, selbst wenn er reüssiert, Diess nicht unmittelbar bedrohen. Mit nur einem Dreivierteljahr Konzernzugehörigkeit ist er als Diess-Nachfolger (noch) schwer vorstellbar. Eher schon käme Porsche-Boss Oliver Blume infrage. Der Sportwagenbauer beschert den Volkswagen-Eigentümern zuverlässig zweistellige Renditen. Auch bei den Arbeitnehmern gilt Blume wegen seines konzilianten Auftretens als fähiger Mann. Aber noch hat ja Herbert Diess seinen Vorstandsvertrag. Der läuft bis 2023 – sofern nichts Unvorhergesehenes dazwischenkommt.

 

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