Warnung an die Welt

Ein paar Hundert Gramm Materie ohne eigenes Leben, verteilt über die ganze Welt: Mehr ist es nicht, was unter dem Namen Sars-CoV-2 die Menschheit in Atem hält wie kaum ein Stoff zuvor. Ein tückischer Stoff, gerade erweist er aufs Neue seine Unberechenbarkeit und seine Durchschlagskraft. Eine neue Variante des Erregers hat sich durch Mutationen herausgebildet, es ist ein Vorgang, der Wissenschaftler nicht überrascht, aber andere an Gruselgeschichten denken lässt. 

Was am Wochenende aus Großbritannien bekannt wurde, scheint zu dieser schaurigen Assoziation zu passen: Die dort aufgetretene Variante ist wahrscheinlich um einiges ansteckender als die bisherigen Linien von Sars-CoV-2. Wenn das stimmt, könnte das Supervirus alle europäischen Pandemiepläne über den Haufen werfen. Was es mit dieser Erregerlinie genau auf sich hat, müssen nun die Wissenschaftler herausfinden. Im Moment ist nicht einmal ganz sicher, dass der am Montag für die EU freigegebene Impfstoff von Biontech/ Pfizer gegen sie ebenso gut wirkt wie gegen andere Spielarten des Virus. Biontech-Chef Uğur Şahin ist zwar zuversichtlich, da er viele Varianten durchgeprüft hat. Er sagte am Montag aber auch: »Wir müssen das jetzt experimentell testen. Das wird etwa zwei Wochen in Anspruch nehmen.« Die guten Nachrichten werden in diesen Advents- und Weihnachtstagen wieder einmal überschattet. 

Die Gefahr hat die politische Lage in Europa verändert. Viele der Verantwort - lichen handelten schnell, vielleicht überhastet. Aber was blieb ihnen übrig? In mehreren Ländern auf dem Kontinent rasselten die Sperren herunter, um Großbritannien zu isolieren. Flüge und Fährverbindungen wurden gestrichen, der Eurotunnel geschlossen, Häfen vorübergehend stillgelegt, Lieferketten unterbrochen. Engländer fingen an, ihre Supermärkte leerzukaufen. Tausende Lastwagen, die Lebensmittel, Chemikalien oder Autoteile geladen haben, stehen jetzt auf Fernstraßen und Autobahnen herum. Auch die Regierung in Berlin wollte schnell handeln und Reisende stoppen – ohne Regeln zu verletzen. Eine entsprechende Verordnung hätte im Bundes an - zeiger veröffentlicht werden müssen, um in Kraft treten zu können. Das wäre am Sonntag nicht mehr gelungen. Also sprang ein Akteur in die Bresche, der eigentlich für Infektionsschutz nicht unbedingt zuständig ist: das Bundesverkehrsministe rium. 

Den Beamten von Minister Andreas Scheuer (CSU) half dabei, dass Großbritannien noch in der Übergangsphase des Brexits steckt. Bis Jahresende gilt dort EU-Recht. Das Ministerium konnte sich deshalb auf eine EU-Verordnung über »gemeinsame Vorschriften für die Durchführung von Luftverkehrsdiensten in der Gemeinschaft« berufen – die darauf beruhende Allgemeinverfügung konnte schon um Mitternacht in Kraft treten. Ab Montag, 0.00 Uhr, durften keine Flüge aus Großbritannien mehr in Deutschland landen. Die Regierung hatte Zeit gewonnen. Das Innenministerium wies unterdessen die Bundespolizei an, den Gesundheitsämtern an den Flughäfen zur Hand zu gehen. Dort mussten Passagiere von anderen getrennt, kontrolliert und getestet werden. In Hannover verbrachten 63 Menschen die Nacht in einem Terminal. Unter an Flughäfen getesteten Passagieren waren mehrere Infizierte. 

Ob sie die mutierte Variante in sich tragen, ist zwar unklar, aber sehr gut denkbar. Ein Risiko blieb: Die Einschränkungen galten nur für Direktflüge aus Großbritannien. Wer aus London über einen der sogenannten Schengenstaaten kam, konnte weiter einreisen. Dann galt nur die normale Quarantänepflicht für alle, die aus einem Risikogebiet zurückkehren. Am Montag zog das Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) nach und schloss diese Lücke zumindest teilweise. Flüge aus Großbritannien und Südafrika, wo die neue Virusvariante ebenfalls nachgewiesen wurde, sind nun bis vorerst zum 6. Januar verboten. Neu ist: Alle Menschen, die sich in den zehn Tagen vorher in einem dieser Länder mit dem neuen Virustyp aufgehalten haben, müssen zumindest einen aktuellen negativen Test vorweisen können, egal woher sie einreisen. Für Deutsche, die irgendwo festsitzen, sind keine Rückholflüge geplant, anders als im Frühjahr. Das Auswärtige Amt prüft nur, ob es humanitäre Notfälle gibt. 

Noch sind nur zwei Staaten betroffen, aber es könnten mehr werden. »Sollte sich herausstellen, dass es ein besonders hohes Risiko bei Flügen aus einem anderen Land gibt, würden wir auch solche Maßnahmen einleiten«, sagt ein Sprecher des Innen - ministeriums. Im Parlament und in den Ländern stößt das schnelle Handeln auf viel Verständnis. »Verstärkte Grenzkontrollen und Einreisestopps sowie ein striktes Test- und Quarantäneregime für heimkommende deutsche Staatsangehörige erscheinen mir vor diesem Hintergrund nicht nur angezeigt, sondern auch zwingend erforderlich«, sagt Thorsten Frei (CDU), der für Innenpolitik zuständige Fraktionsvize der Union. »Auch wenn es im Einzelfall hart ist, müssen sämtliche Risiken minimiert werden«, findet Nordrhein-Westfalens stellvertretender Ministerpräsident Joachim Stamp (FDP). Die Vorsitzende der Linken, Katja Kipping, fordert sogar, den Frachtverkehr zu stoppen, der bisher ausgenommen ist: »Solange noch eine Chance besteht, das mutierte Virus einzudämmen, sollten wir diese nutzen.« Die Quarantäne, in die das Königreich gerade von seinen einstigen EU-Partnern gezwungen wurde, erscheint wie ein Vorspiel zum harten Brexit. Gleichzeitig verhandelt die Regierung von Premierminister Boris Johnson weiter darüber, ob es vielleicht doch noch zu einem Deal kommt. 

An Neujahr ist die Frist abgelaufen. Wie in einem dramatischen Serien - finale laufen die Fäden der beiden großen, bisher kaum verbundenen Geschichten von Johnsons Amtszeit zusammen: Brexit und Corona. Sollte er jemals wirklich Herr der Lage gewesen sein, momentan ist er es wohl am allerwenigsten. Vermutlich unfreiwillig hat Johnson selbst die Eskalation verursacht, die nun aller Welt die dramatischen Folgen einer Abschnürung Großbritanniens vom Festland vor Augen führt. Als er die britischen Erkenntnisse über die Mutante öffentlich machte, hatte er anscheinend vor allem die Absicht, eine starke Begründung für den Kurswechsel seiner Corona-Politik zu liefern. Das Vereinigte Königreich kämpft mit einer heftigen zweiten Welle. Die Ansteckungsrate liegt im Verhältnis zur Bevölkerung deutlich über dem europäischen Durchschnitt. Johnson sah sich am Samstag gezwungen, entgegen seiner bisherigen Linie harte Einschränkungen anzuordnen. Für 18 Millionen Engländer in London und im Südosten des Landes bedeutet dies, dass sie zur Weihnachtszeit weder verreisen noch mit Verwandten und Freunden aus anderen Haushalten feiern dürfen. Londons Bürgermeister Sadiq Khan spricht vom »schlimmsten Weihnachtsfest « seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nach den massiven Reaktionen aus dem Ausland bemühte sich Johnson, Vertrauen zurückzugewinnen. 

Als seine Regierung über die Variante informiert wurde, habe sie »sofort am nächsten Tag schnell und entschlossen gehandelt, um die Ausbreitung dieser Variante im Vereinigten Königreich einzudämmen«. Wie so häufig gibt es jedoch Anlass, an seiner Darstellung zu zweifeln. Im Oktober, als die Infektionsraten auf der Insel nach oben schossen, müsste die britische Regierung schon von der Mutante gehört haben. Europa gibt nun wieder ein ähnliches Bild ab wie im Frühjahr. Die neue Variante löst aus, was damals das neuartige Virus ausgelöst hat: Unsicherheit und Hektik. Die größte Wucht entfaltete die französische Entscheidung, den Eurotunnel zu schließen und den gesamten Lieferverkehr mit den Nachbarn jenseits des Kanals zu unterbrechen. Johnson telefonierte daraufhin mit dem an Covid-19 erkrankten Präsidenten Emmanuel Macron – »wir hatten ein sehr gutes Gespräch«, so der Brite – und konnte bald darauf einen ersten Erfolg verbuchen: Am Dienstag gaben die französischen Behörden bekannt, dass die Lastwagen wieder rollen dürfen. Doch was, wenn sich die Virusvariante auf dem ganzen Kontinent verbreitet, auch dort, wo die Grenzen offen sind? In einigen Ländern, darunter Italien, die Niederlande und Dänemark, wurde sie bereits nachgewiesen. 

Drohen also wieder geschlossene Grenzen? Manche Länder schaffen bereits Fakten: Schweden, das selbst eine harte zweite Welle durchmacht, lässt seit Kurzem aus Dänemark nur noch eigene Staatsbürger einreisen. Die Bundesregierung, die derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat, will ein erneutes Chaos durch Alleingänge bei Grenzschließungen aber unbedingt verhindern. Noch am Montag berief sie deshalb ein Treffen des Krisenreaktionsmechanismus der EU (IPCR) ein. An der Entscheidung Frankreichs, die Grenze zu Großbritannien abzuriegeln, habe es grundsätzlich keine Kritik gegeben, berichteten Teilnehmer. Allerdings hätten sowohl die Kommission als auch die Vertreter mehrerer Mitgliedsländer betont, dass die Grenzen für den Frachtverkehr offen bleiben müssten – das zeigten die Erfahrungen aus dem Frühjahr. Die EU-Kommission sollte nun schnell Leitlinien für den Umgang mit der neuen Lage veröffentlichen. Einen Tag später erklärte die Kommission: »Die Aufhebung von Flug- und Bahnverbindungen sollte beendet werden, um notwendige Reisen zu ermöglichen und Unterbrechungen der Lieferketten zu vermeiden.« Bindend ist dies nicht, die Verantwortung für den Grenzschutz und die öffent - liche Gesundheit liegt weiterhin bei jedem einzelnen Staat. Doch die EU sei diesmal auf einem guten Weg, eine abgestimmte Reaktion hinzubekommen, sagen Diplomaten in Brüssel. Die winzige Ursache der ganzen Aufregung hat von Wissenschaftlern den Namen B.1.1.7 oder »VOC-202012/01« bekommen. Diese neue »Variant of Concern« weist eine ungewöhnlich hohe Zahl an Mutationen im Oberflächenprotein auf, das die Spikes bildet, mit denen das Virus an menschliche Zellen andockt. 

Bereits im September wurde diese Variante in Großbritannien entdeckt. Insbesondere die Mutation »N501Y«, die das Virus stärker an menschliche Zellen binden lässt, weckte bei Experten die Befürchtung, dass die Variante sich besonders leicht ausbreiten könnte. Vieles spricht dafür, dass das tatsächlich der Fall ist. Am Freitag vergangener Woche traf sich die britische Regierungsberater- Gruppe »New and Emerging Respiratory Virus Threats« zu einer zweistündigen Videokonferenz und schlug anschließend Alarm. Der R-Wert, der angibt, wie viele Menschen im Durchschnitt von einem Infizierten angesteckt werden und der in Deutschland seit Wochen mühsam bei ungefähr 1,0 gehalten wird, würde um 0,39 bis 0,93 steigen. 

Tatsächlich haben in den vergangenen vier Wochen die Infektionen mit VOC- 202012/01 vor allem im Süden Englands rapide zugenommen, mehr als 60 Prozent der Corona-Fälle gehen in London inzwischen darauf zurück. Andrew Hayward, Professor für die Epidemiologie von Infektionskrankheiten am University College London und Mitglied der Regierungsberatergruppe, sagt: »Ich mache mir große Sorgen über die Geschwindigkeit, mit der diese neue Variante der dominierende Stamm in weiten Teilen des Landes geworden ist.« Selbst in Regionen, wo die Corona-Maßnahmen ausgereicht hätten, um andere Sars-CoV-2-Stämme einzudämmen, sei der R-Wert für die Variante deutlich gestiegen. »Das heißt, man wird striktere Maßnahmen brauchen, wenn man einen großen Anstieg der Sterblichkeit verhindern möchte.« Es gebe auch Hinweise darauf, dass die Variante für Kinder ansteckender sein könnte als die bisherigen Viren, sagte Neil Ferguson, Epidemiologe am Imperial College London und ebenfalls Mitglied der Beratergruppe, in britischen Medien. In Experimenten wird es nun darum gehen, die biologischen Grundlagen der Ansteckung zu ergründen. 

Noch ist nicht ausgeschlossen, dass die starke Verbreitung von B.1.1.7 damit zusammenhängt, dass eine besonders kontaktfreudige Bevölkerungsgruppe gerade diese Variante verbreitete. Dringend geklärt werden muss auch die Frage: Wie gefährlich ist B.1.1.7? Bislang sind etwa 4 von 1000 Menschen, die sich mit VOC-202012/01 angesteckt haben, gestorben. Ob das mehr oder weniger sind als bisher, wird sich erst beantworten lassen, wenn die Altersstruktur der Infizierten bekannt ist.

 

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