Wein, Partys und Särge


 Die Wucht der Coronakrise in Sachsen lässt sich in Zahlen fassen: Zuletzt 427 Neuinfektionen binnen einer Woche je 100000 Einwohner, mehr als doppelt so viele wie im Bundesdurchschnitt. Oder in Bildern: Bundeswehrsoldaten in Uniform helfen in Altenheimen, Krankenwagen stauen sich vor einer Klinik. 

Aber wohl nirgendwo wird das Ausmaß der Katastrophe so deutlich wie in einem Chemnitzer Keller. In den weiß gekachelten Gängen stapeln sich Holzsärge, dicht an dicht, immer zwei aufeinander. Allein vor den vier Einäscherungsöfen stehen 24 davon. Kleine Zettel daran warnen: »Achtung! Corona-Virus- Infektion«. Die Leiterin des städtischen Friedhofs trägt Daunenjacke, Jeans, Brille, sie will ihren Namen nicht gedruckt sehen. Blass sieht sie aus, gehetzt und ausgelaugt. »Wir arbeiten seit Wochen im Dauer - betrieb«, sagt sie. Seit mehr als 20 Jahren ist sie in der Beerdigungsbranche. »So eine Situation gab es niemals zuvor.« Bevor die zweite Welle Sachsen traf, wurden hier durchschnittlich 21 Leichname pro Tag eingeäschert, jetzt sind es mindestens 40. Und die Bestatter bringen immer neue Särge, mehr als 200 stehen inzwischen im Gebäude. Die hundert Kühleinheiten im Untergeschoss hat die Krematoriumsleitung mehrfach belegen lassen. Sie reichen trotzdem nicht mehr aus. 

Eben hat die Chefin eine Halle aufgetrieben, in der die Särge zwischengelagert werden. Die Angestellten arbeiten im Zweischichtbetrieb, bis zu zehn Stunden am Tag. Derzeit sterben in Sachsen etwa 46 Prozent mehr Menschen als normalerweise, das Land verzeichnet mit großem Abstand die meisten Neuinfizierten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. 3300 Patienten lagen Anfang der Woche wegen einer Covid- 19-Erkrankung im Krankenhaus, im ganzen Bundesland waren nur noch 63 Intensivbetten frei. Schwerkranke werden nach Sachsen-Anhalt und Mecklenburg- Vorpommern transportiert, manche im Hubschrauber. Die Regierung von Ministerpräsident Michael Kretschmer versucht, die Seuche mit strengeren Regeln und einer nächtlichen Ausgangssperre einzudämmen. 

Mit welchem Erfolg, ist offen. Überlegungen, besonders schwer betroffene Gebiete wie im Erzgebirge abzuriegeln, ließ der CDUPolitiker schnell wieder fallen. »Wir sind hoffnungsvoll, dass uns eine Stabilisie - rung der Situation mit dem jetzigen Instrumentenkasten gelingen kann«, sagte der Regierungschef. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Der Ministerpräsident warnt jetzt vor der dritten Welle, nach der Jahreswende. Kretschmer und seine Leute finden kein Mittel gegen die Pandemie. Sie sind selbst ratlos, warum ihr Land zum schlimmsten Hotspot Deutschlands wurde. Es gibt viele mögliche Gründe: Die Nähe zu Tschechien, wo im Herbst die Zahl der Infizierten ebenfalls explodierte. Vorbehalte der Bürger gegen staatliche Eingriffe, die zahlreiche AfD-Wähler und Anhänger von Freikirchen gleichermaßen haben. Und, vielleicht das stärkste Argument: Während der ersten Corona-Welle in Deutschland gab es in Sachsen kaum Infektionen. Das bestärkte offenbar viele Bürger im Irrglauben, das Virus gefährde sie nicht. 

Eine SPIEGEL-Analyse von Mobilfunkdaten zeigt, dass die Sachsen auch nach Beginn des zweiten Shutdowns deutlich häufiger unterwegs waren als der Bundesdurchschnitt; ein Indiz dafür, dass sie wohl auch ihre Kontakte kaum reduzierten. Die Bewegungsdaten stammen aus einem Forschungsprojekt der Humboldt-Universität Berlin. In Sachsen waren besonders oft Menschen in den Regionen Bautzen und Görlitz unterwegs. Beide Landkreise sind besonders stark von Corona betroffen. In jenen Regionen, in denen die Rechtspopulisten der AfD den Ton angeben, sind die Infiziertenzahlen zudem am höchsten. Im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge etwa, wo die 7-Tage-Inzidenz Mitte der Woche bei 557 lag, wählte bei der Landtagswahl 2019 jeder Dritte die AfD. Im Erzgebirgskreis, einem weiteren Super- Hotspot, geben auch Kommunalpolitiker der Stimmungsmache der Rechtspopulisten nach. Marcel Schmidt, Oberbürgermeister von Stollberg, einem Städtchen mit 11500 Einwohnern, schrieb noch im November in einem Bürgerbrief: »Corona ist nicht die Pest des Mittelalters.« Statistisch betrachtet, schützten »die derzeitigen Maßnahmen nur einen sehr kleinen Teil unserer Bevölkerung vor einer Krankheit, die selbst bei Infektion für die Allermeisten nach derzeitigem Wissensstand nicht einmal Symptome hervorbringt«. Schmidt hatte sich geärgert, dass er den Weihnachtsmarkt der Stadt absagen musste, was im Land der Räuchermännchen und Nussknacker einem Verrat an der Volkskunst gleichkam. 

Wenige Tage später entschuldigte sich Schmidt für seine Sätze. Sie sind aber ein Indiz für die Haltung, mit der die Menschen dem Virus hier gegenübertreten. So ist das Erzgebirge Heimat der Lorenzianer Sekte. Sie ignoriert Corona, glaubt aber daran, dass ihre Mitglieder im Falle eines Weltuntergangs an den Nordpol ausgeflogen werden. Vergangene Woche stieg die 7-Tage-Inzidenz in Stollberg auf beängstigende 1204 Fälle. In den Kliniken des Erzgebirgskreises waren von 83 Intensivbetten nur noch 4 verfügbar, 27 Covid-19-Patienten mussten beatmet werden. Dennoch wollen viele Bürger offenbar immer noch nicht wahrhaben, wie massiv die Seuche grassiert. An Wochenenden muss die Polizei immer wieder Partys auflösen. Im 2000-Seelen-Ort Seiffen stellten die Beamten an einem Samstag Mitte Dezember innerhalb von vier Stunden 18 Verstöße gegen die Corona- Schutzverordnung fest. Die Erzgebirger sind gesellig und offenbar nicht gewillt, sich großartig einzuschränken. Häufig ist zu hören, es seien die Tschechen, die das Virus eingeschleppt hätten, Altenpflegerinnen, Trucker, Handwerker. 

Tatsächlich war die Grenze immer offen. Die Bundespolizei appellierte an die Eigenverantwortung der Reisenden, mit mäßiger Wirkung. Jugendliche fuhren zu Partys in den Osten. Und noch im November titelte ein regionales Onlineportal »Mega Andrang: Sachsen gehen noch mal in Tschechien shoppen«. Bevor die tschechische Regierung Deutschland zum Risikogebiet erklärte. Der Fluch der Sachsen ist, dass viele diese Pandemie nie wirklich ernst genommen haben. Bis in den Herbst hinein kannte kaum ein Sachse jemanden persönlich, der an Covid-19 erkrankt war. Und so verging der Sommer zwischen Erzgebirge und Leipziger Tiefland fast wie immer. An den Dresdner Elbhängen standen die Kunden Schlange in Freiluftlokalen nach Riesling und Flammkuchen, die meisten ohne Maske und dicht gedrängt. 

Als am 27. September Drittligist Dynamo Dresden zu Hause gegen Waldhof Mannheim spielte, waren 10000 Fans live dabei. Auch zu den Weinfesten im September, elbabwärts hinter Dresden, kamen Tausende Besucher. Sie hatten den Segen von Landesvater Kretschmer. Für ihn ist der Wein »gelebte sächsische Kultur«. Mit steigendem Alkoholpegel waren Hygiene- und Abstandsregeln schnell vergessen. Auch nüchtern betrachtet werden Corona- Regeln in Sachsen offenbar häufig nicht als Schutz, sondern als Gängelung empfunden, eine Bevormundung aus Dresden oder, noch schlimmer, aus Berlin. »Ich glaube, dass bei den Sachsen im Innern noch immer ein Widerstand da ist gegen von oben aufoktroyierte Maßnahmen«, sagt der Chemnitzer Oberbürgermeister Sven Schulze (SPD). »Viele sind einsichtig, aber eine gewisse Anzahl von Leuten lehnt die Corona-Maßnahmen total ab.« Ende vergangener Woche hat Schulze sich auf Facebook Luft gemacht. Durch Grippevergleiche versuchten Corona-Kritiker, die Lage zu relativieren. »Wir sind in Chemnitz seit Tagen an der absoluten Belastungsgrenze und jeder Schub kann zum Undenkbaren führen: Nämlich dass Menschen nicht mehr geholfen wird«, schrieb Schulze. »Wer jetzt noch gegen Covid argumentiert, der soll sich die Realität ansehen. Das ist keine Verschwörung, keine Fiktion, das ist nur noch schlimm.« Wer Schulze dieser Tage im Rathaus besucht, erlebt einen Mann im Krisenmodus. Er hat die beliebten Imbissstände im gesamten Stadtgebiet verboten, weil die Leute ihre Bratwurst kauften und in Klein - gruppen vor den Buden stehen blieben. Alkohol darf in der Öffentlichkeit in ganz Sachsen nicht mehr getrunken werden. 

Um einigermaßen Herr der Lage zu bleiben, stockte er das Personal des Gesundheitsamts um 70 Mitarbeiter auf, die Bundeswehr hilft aus. »Ich bemerke eine Diskrepanz zwischen der Sorglosigkeit der Bürger einerseits und den Inzidenzzahlen andererseits«, so Schulze. Tobias Wenzel aus Marienberg im Erzgebirge ist nicht sorglos, sondern wütend. Der Bestatter fürchtet Ausfälle seiner Angestellten. »Seit Wochen schon sind alle in der Branche physisch und psychisch an der Belastungsgrenze.« Immerhin gelten Bestatter in Sachsen seit Mitte Dezember als systemrelevant. Wenzel, Obermeister der Landesinnung der Bestatter, hatte an Kretschmer geschrieben: »Mögliche Bilder von Leichentransporten durch die Bundeswehr oder Särge, die sich im Krematorium stapeln, haben dem Image von Sachsen gerade noch gefehlt.« Wegen Corona habe er etwa 30 Prozent mehr Todesfälle zu bearbeiten als sonst. Wer an oder mit Covid-19 sterbe, werde schon bei der Abholung in einen Leichensack aus Plastik gebettet und in einen desinfizierbaren Kunststoffsarg gelegt. 

Die Totenwache müsse ausfallen, worunter manche Angehörigen sehr litten. Wenzel bringt manchmal mehrmals täglich Särge ins Chemnitzer Krematorium und trifft dort viele Kollegen. Die Leiterin des städtischen Friedhofsbetriebs hat im Untergeschoss bereits einen weiteren größeren Raum freiräumen lassen, um mehr Platz zu schaffen. Sonst könnten die Särge die Durchgänge blockieren. Die zusätzlichen Särge hier, das komme alles vom Coronavirus, sagt ein Mitarbeiter des Krematoriums. »Hier kann man es wirklich sehen. So sieht’s aus.«

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