Wie effizient ist Weihnachten?

Der Kult rund ums Schenken hat sich längst zu einem volkswirtschaftlich relevanten Faktor entwickelt. Ob ein Jahr als ökonomisch gelungen gilt, entscheidet sich regelmäßig kurz vor Weihnachten. Mehr als zwei Milliarden Euro täglich setzen die Geschäfte in normalen Jahren in der Adventszeit um, deutlich mehr als sonst. 

Das Schicksal kompletter Branchen hängt davon ab, wie die Kauflaune vor den Feiertagen ausfällt, seien es Buchverlage, Hersteller von Spielzeug oder Produzenten von Unterhaltungselektronik. Welch bedeutende Rolle die kurze Spanne vor dem Fest für den Einzelhandel spielt, offenbart sich gerade in diesen Tagen, in denen die Geschäfte wegen des verordneten Corona- Ladenschlusses überlebenswichtige Umsätze verlieren. Was Otto Normalverschenker den Seinen auf den Gabentisch legt, be - stimmt über Unternehmensge winne, Lohnentwicklung und Wirtschaftswachstum. 

Kein Wunder also, dass Ökonomen alle Jahre wieder mit gro - ßem Interesse auf das Weihnachts - geschäft blicken. Es gilt ihnen gleichermaßen als Ursache, Beleg und Folge von Wohlstand, was eine Menge aussagt über die Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten in der Ökonomie – aber auch über die Beliebig - keit dieser Wissenschaft. Doch die Ökonomenzunft wäre nicht sie selbst, wenn sie die Be - deutung des Gebens und Nehmens zu Weihnachten (oder zu anderen Gelegenheiten) nicht hinterfragen würde. So finden sich Vertreter in ihren Reihen, die bezweifeln, dass der Geschenketausch zu Weihnachten tatsächlich sinnvoll ist. 

Um es im Ökonomensprech zu sagen: Ist Weihnachten effizient? Natürlich nicht, befand Joel Waldfogel, ein Wirtschaftswissenschaftler an der amerikanischen Eliteuniversität Yale Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahr - hunderts. In einem Fachaufsatz beschrieb er Weihnachten als riesige Verschwendungsorgie mit daraus resultierender Wohlstandsvernichtung. Tatsächlich kennt jeder das Phänomen: Geschenkte Kleidungsstücke verschwinden ungetragen im Schrank, Bücher finden sich nach Jahren unberührt in der Folienverpackung wieder, wenn ihre Taschenbuchausgabe längst als anti - quarisch gilt. Beides wird irgendwann entsorgt, das eine bei der Altkleidersammlung, das andere auf dem Flohmarkt. 

Kein Zweifel, bei ihrem Kauf mehrten die Geschenke die Umsätze, wahrscheinlich sogar die Gewinne der Hersteller. Doch stellten sie den Beschenkten besser? Zog er irgend - welchen Nutzen aus ihnen, mehrten sie sein Wohlergehen, seinen Wohlstand? Wohl kaum. Stattdessen hingen und lagen sie nutzlos herum. Ein Beispiel macht die Verlustrechnung deutlich. Ehemann Erwin bekommt von Gattin Gabi eine Seidenkrawatte mit Pünktchenmuster im Wert von 100 Euro unter den Christbaum gelegt. Was Gabi nach 20 Ehejahren immer noch nicht weiß: Erwin mag nur gestreifte Krawatten. Das gute Stück wird sofort ausgemustert. 

Dabei hatte Erwin erst kürzlich einen Binder mit Streifen gesehen, der ihm viel besser gefallen hätte – und noch dazu nur halb so teuer gewesen wäre. Mit einem Geldgeschenk über 100 Euro zu Weihnachten wäre Erwin also besser bedient gewesen. Er hätte sich für 50 Euro seine neue Lieblingskrawatte leisten können und ein neues Hemd obendrein. Die Folge: Nicht nur er stünde besser da, auch die Wirtschaft als Ganzes. Krawattenhersteller würden so viel pro - duzieren wie zuvor, zudem würde ein zusätzliches Hemd genäht, gekauft und – vor allem – getragen, genauso wie die Krawat - te. Sollte also, wer Weihnachten ökonomisch optimieren will, vor al - lem Bargeld verschenken, allenfalls noch Gutscheine? Es sind Überlegungen dieser Art, die der Wirtschaftswissenschaft den Dauerverdacht der Kaltherzigkeit einbringen. 

Und tatsächlich denkt zu kurz, wer Weihnachten und Schenken als bloßen Austausch in etwa gleich hoher Materialwerte begreift. Beim Schenken geht es nicht allein um möglichst gleich - gewichtiges Geben und Nehmen, es dreht sich in erheblichem Maße um Gefühle. Wer schenkt, geht unter die Produzenten – um im Jargon der Ökonomen zu bleiben. Er schafft Zufriedenheit, Freude und Dankbarkeit. Und er investiert: in die Stabilität menschlicher Be ziehungen, das Wohlergehen der Familie, die Funktionstüchtigkeit der Gesellschaft. 

Das alles ist Voraussetzung und Grundlage für gedeihliches Wirtschaften. Auch diese Erkenntnisse, wen wundert’s, haben Ökonomen in Studien zutage gefördert. Und selbst diese Überlegungen erfassen den Geist der Weihnacht noch unvollständig. Ihm lässt sich kein Preisschild umhängen. Das Fest entzieht sich, wie alles wirklich Wertvolle im Leben, der ökonomischen Vermessung. 

Ein Preis sagt nichts aus über den tatsächlichen Wert. Nicht alles, was lieb und teuer ist, lässt sich auch beziffern. Jede Mutter, jeder Vater, ob ökonomisch vorgebildet oder nicht, ahnt das. Wer jemals ein selbst gemaltes Bild von der vierjährigen Tochter bekommen hat, das die Familie mitsamt Christkind vorm Tannenbaum zeigt, oder vom Sohn ein eigenhändig gestaltetes Knetgummiauto, den erfüllen Gefühle, die sich mit noch so viel Geld nicht kaufen lassen. Der Materialeinsatz dieser Gaben mag verschwindend gering sein und sich im Centbereich verlieren, dennoch hebt sie etwas ab von all den Krawatten, Hemden und Büchern: Sie sind einfach unbezahlbar.

 

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