Zocker aus Wolfsburg

Anfang September gelang Herbert Diess am Flughafen Braunschweig ein Coup. Der VW-Chef empfing Tesla-Boss Elon Musk zu einer gemein - samen Testfahrt mit Volkswagens E-Auto ID.3. Der Weltmarktführer aus Wolfsburg, so die Botschaft, war auf Kurs, Diess auf Augenhöhe mit dem Elektropionier aus dem Silicon Valley. 

Drei Monate später, am Dienstagabend, war am selben Ort von Aufbruchstimmung nichts mehr zu spüren. Um 18 Uhr traf sich das VW-Aufsichtsratspräsidium zu einer kurzfristig einberufenen Sitzung. Diess war nur Gast, zwischendurch wurde er in einen Konferenzraum gebeten. VW, eben noch gefeierter Elektrovorreiter, ist in eine Führungskrise geschlittert. Seit etwa zwei Wochen versetzt der Boss den ganzen Konzern in Aufruhr. Er verlangt mehr Macht, um den Autohersteller nach seinen Bedingungen umbauen zu können. 

Diess will dazu den Vorstand nach seinem Gusto neu besetzen, den Konzern noch stärker auf Effizienz trimmen. Auch der Verkauf einzelner Marken scheint nicht mehr sakrosankt. Vor allem aber fordert Diess eine vorzeitige Verlängerung seines Vertrags, obwohl der aktuelle noch bis April 2023 läuft. Volkswagen stehen – mal wieder – turbulente Wochen bevor, in denen nichts unmöglich scheint: von Zugeständnissen an den angeschlagenen VW-Chef bis hin zu dessen vorzeitigem Abgang. Die Präsidiumssitzung am Dienstag endete nach rund drei Stunden ohne Ergebnis. Auch eine turnusmäßige Aufsichtsratssitzung am nächsten Donnerstag dürfte keine endgültige Lösung bringen. 

Die Finanzabteilung ist in Alarmbereitschaft. Sollte Diess hinschmeißen, wäre eine sofortige Ad-hoc-Mitteilung fällig. Dieses Szenario gilt im Konzern nicht als völlig ausgeschlossen. »Ich glaube, er will jetzt den Showdown«, sagt einer, der ihn kürzlich länger gesprochen hat. Offiziell haben sich alle Beteiligten Stillschweigen verordnet. Diess’ Vorstoß stellt die Kontrolleure vor ein echtes Dilemma. An einer vorzeitigen Ablösung des Vorstandschefs hat niemand Interesse, nicht einmal der mächtige Betriebsrat, der mit dem VWBoss im Dauerclinch liegt. Man unterstütze seine Elektro - strategie, heißt es, Diess sei für das Unternehmen derzeit der Richtige. 

Ein geeigneter Nachfolger sei auf die Schnelle nicht verfügbar. Kandidaten wie Audi-Chef Markus Duesmann oder Porsche-CEO Oliver Blume müssen ihre Eignung für die Konzernspitze erst noch beweisen. Sollte Diess vorzeitig abtreten, wäre Blume wohl im Vorteil. Er kennt den Konzern seit Jahren, die Eigentümerfamilien Porsche und Piëch vertrauen ihm. Denkbar wäre auch Finanzchef Frank Witter als Übergangslösung – dieses Szenario hatte der Aufsichtsrat im Frühsommer schon einmal angedacht. Diess’ neuen Forderungen einfach nachzugeben kommt für die Kontrolleure jedenfalls nicht infrage. Sie fühlen sich vom VW-Boss unter Druck gesetzt. Das Gremium wollte sich erst im Februar mit den Vorstandspersonalien befassen. 

Die Posten des Einkaufs- und des Finanzchefs müssen neu besetzt werden, womöglich wird sogar ein eigenes Ressort für IT und Software gebildet. Ist alles noch im Fluss. Die Zukunft von Diess sollte frühestens in anderthalb Jahren auf die Tagesordnung gelangen, ein Jahr vor Vertragsablauf. So sieht es das Aktiengesetz vor. Nun zwingt er den Aufsehern eine verfrühte Debatte auf. Entsprechend unterkühlt sei die Stimmung bei der Präsidiumssitzung gewesen, heißt es. Diess präsentierte, was bei VW aus seiner Sicht im Argen liegt. Der Konzern müsse im Vergleich zur Konkurrenz viel schneller und produktiver werden. Eine mögliche Vertragsverlängerung wurde hingegen gar nicht erst thematisiert – so abwegig erschien sie vielen Kontrolleuren. 

Auch über Kandidaten für den Vorstand sei nicht gesprochen worden, heißt es. Stattdessen drängen die Aufseher darauf, dass endlich Ruhe im Konzern einkehrt. Schon im Frühsommer hätte Diess nach einer Verbalattacke gegen das Aufsichtsratspräsidium beinahe seinen Job verloren. Der neu entflammte Konflikt ist selbst seinen stärksten Befürwortern, den Porsches und Piëchs, peinlich. Die Fami - lien fürchten, der Ruf des Unternehmens könnte durch die ewigen Grabenkämpfe nachhaltig Schaden nehmen. So ließen Clanvertreter unlängst sondieren, wie Diess am Kapitalmarkt wahrgenommen wird. Auch dort war er zuletzt mit gewagten Äußerungen aufgefallen. 

In einem Analystencall zweifelte der Volkswagen- Chef offen an, ob VW-Nobelmarken wie Lamborghini, Porsche, Bugatti oder Bentley »wirklich wertvoll in dieser neuen Welt« seien. Beteiligte verstanden das als Seitenhieb auf die Eignersippen, die ihr Multimarkenreich – besonders die Luxusfabrikate – schätzen und verteidigen. Die Aufsichtsräte hoffen nun, dass ihr teuerster Angestellter doch noch zur Vernunft kommt. Im Gremium bezweifeln viele, dass er im Fall einer Eskalation tatsächlich hinschmeißen würde. Schließlich wäre das gleichbedeutend mit dem Ende seiner Karriere. Einen vergleichbaren Job bekomme er nirgends mehr.

 

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