Der Wind hat sich gedreht


 Es könnte der Startschuss für eine gewaltige – und vor allem nachhaltige – Rallye gewesen sein: die Wahl von Joe Biden zum nächsten Präsidenten der USA. Sollte das Ergebnis tatsächlich bestätigt werden, würde sich zweifellos sehr viel in Washington ändern. Einer der größten Unterschiede zwischen Biden und Trump wäre aber in jedem Fall die Klimapolitik. Auf der einen Seite der notorische Leugner des Klimawandels, auf der anderen Seite ein Realist, der erkannt hat, dass auch durch den Aufbau einer zukunftsfähigen Energiewirtschaft Jobs entstehen können.

Eine der ersten Amtshandlungen von Joe Biden könnte die Rückkehr der USA in das Pariser Klimaabkommen werden. Demnach müssten die Vereinigten Staaten bis 2050 klimaneutral sein. Um dies zu schaffen, muss das energiehungrige Land massiv in erneuerbare Energien investieren. Und hier dürften vor allem zahlreiche Unternehmen aus Europa profitieren.

Nordex vor dem entscheidenden Jahr Zu den deutschen Firmen, die am stärksten von einem US-Präsidenten namens Biden profitieren sollten, gehört ganz klar Nordex. Der Windanlagen-Produzent ist bereits solide in Nordamerika aufgestellt. Dies belegte kürzlich ein weiterer Großauftrag über 302 Megawatt, den der SDAX-Konzern dort an Land ziehen konnte. So liefert Nordex 63 Turbinen des Typs N149/4.-4.5 für einen Windpark in Texas. Einmal mehr wird damit ein Produkt der neuen Delta4000-Serie nachgefragt. Genau diese Serie ist es, mit der das Nordex-Management große Hoffnungen verknüpft. Denn bei all der Freude über die vollen Auftragsbücher blieb ein großer Makel stets bestehen: Nordex verdiente mit seinen Windkraftanlagen zuletzt kein Geld. Mit der Delta4000-Reihe soll sich dies endlich nachhaltig ändern.

Die Chancen dafür stehen gut. Blickt man auf den jüngsten Kursverlauf der Aktie, so scheinen auch die Marktteilnehmer immer zuversichtlicher zu werden. Durch den positiven Ausblick von Konzernchef José Luis Blanco dürften sich die Investoren bestätigt sehen. So peilt Nordex für 2022 Erlöse von fünf Milliarden Euro an. 2019 hatte das Unternehmen noch einen Umsatz von 3,3 Milliarden Euro erzielt. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) soll nach einem Rückgang im laufenden Jahr bis 2022 deutlich zulegen. Zudem rechnet der Vorstand damit, dass die EBITDA-Marge bis dahin auf acht Prozent klettern wird. Zum Vergleich: 2020 waren es nur rund zwei Prozent, 2019 hatte die Marge mit 3,8 Prozent fast doppelt so hoch gelegen. Auch die Analysten wurden zuletzt wieder deutlich optimistischer und erhöhten die Kursziele zum Teil deutlich. der aktionär ist ebenfalls zuversichtlich gestimmt, dass Nordex 2021 der Turnaround gelingt und die Aktie ihren zuletzt starken Lauf fortsetzen wird.

Bereits jetzt hochprofitabel arbeitet der Nordex-Rivale Vestas. Der weltgrößte Hersteller von Windkraftanlagen bekam zwar auch die Folgen der Lockdowns in vielen Ländern zu spüren. Dennoch entwickelte sich der Aktienkurs der Dänen in den letzten Monaten hervorragend (siehe Chart links). Hauptgrund hierfür ist natürlich die Erwartung der Marktteilnehmer, dass Vestas enorm von den ambitionierten Plänen vieler Regierungen rund um den Globus profitieren wird. Denn dank der starken Marktstellung in vielen attraktiven Märkten dürfte für Vestas ein großes Stück des riesigen Kuchens abfallen. Schon für das kommende Jahr rechnen die Analysten mit einem kräftigen Anstieg von Umsatz und Gewinn. So soll etwa der Gewinn pro Aktie von 2,90 auf 5,10 Euro klettern. Angesichts des steilen Kursanstiegs ist es natürlich durchaus möglich, dass es in den kommenden Wochen immer wieder zu zum Teil deutlichen Gewinnmitnahmen kommt. Dennoch bleiben die mittel- bis langfristigen Perspektiven für die Aktie gut. Die Bewertung ist zwar mit einem 2021er-KGV von 31 wahrlich nicht gerade günstig. Allerdings gilt bei Vestas wie für kaum ein anderes Unternehmen der Welt eben auch: Qualität hat ihren Preis.

Und auch ein weiterer Windkraftspezialist aus Dänemark ist nach wie vor einen genaueren Blick wert: Ørsted. Der Konzern ist der Weltmarktführer bei Offshore-Windparks – womöglich einer der spannendsten Wachstumsbereiche der kommenden Jahre.

Darüber hinaus arbeitet das Unternehmen, das kürzlich als „nachhaltigste Firma der Welt“ ausgezeichnet wurde, eifrig daran, auch beim Trendthema Wasserstoff zu den führenden Konzernen zu gehören. So ist Ørsted an Projekten beteiligt, bei denen auf hoher See gewonnener Windstrom direkt in Wasserstoff umgewandelt werden soll. Und zusammen mit dem Öl-Riesen BP, der seine Position im Wasserstoffmarkt ebenfalls kräftig verbessern will, arbeitet man daran, die Raffinerie in Lingen mit grünem Wasserstoff zu versorgen. Dort soll eine 50-Megawatt-Elektrolyseanlage entstehen. Für die Erzeugung soll Strom von Ørsted-Windparks in der Nordsee verwendet werden.

BP will den Wasserstoff für die Produktion von Kraftstoffen nutzen. Er soll 20 Prozent des bislang mit Erdgas erzeugten Wasserstoffs ersetzen. Die Anlage soll eine Tonne grünen Wasserstoff pro Stunde erzeugen. Die Inbetriebnahme ist für 2024 vorgesehen. In einer zweiten Phase könnte die Erweiterung der Elektrolyse auf 150 Megawatt erfolgen, heißt es in der Mitteilung weiter. Käme auch die Herstellung synthetischer Kraftstoffe etwa für die Luftfahrt hinzu, könnten nach Angaben der Unternehmen in einem weiteren Projektschritt Elektrolyse-Kapazitäten von 500 Megawatt entstehen.

Nicht nur die Windkraft boomt, auch die Solarbranche hat in den vergangenen Monaten ein fulminantes Comeback gefeiert. Der weltweite Wandel zu grünen Energien ist nicht mehr aufzuhalten, Unternehmen und Privatleute wollen immer häufiger die Kraft der Sonne für den eigenen Stromverbrauch nutzen. Nach der Wahl von Joe Biden hat die Branche noch einmal Fantasie hinzugewonnen, die Aktien schossen nach dem Sieg des Demokraten förmlich nach oben.

Dabei fristeten Aktien wie JinkoSolar an der Börse zuvor über Jahre ein regelrechtes Schattendasein. Von mangelndem Interesse bei den Anlegern kann inzwischen aber keine Rede mehr sein. Als der chinesische Solarmodulhersteller Ende September ankündigte, dass die Tochter Jiangxi Jinko an die Börse gehen soll, war das der Startschuss für eine beeindruckende Rallye. Bewertungsgrundlage für Jiangxi Jinko ist eine Marktkapitalisierung von 1,26 Milliarden Dollar, die Mutter JinkoSolar bringt insgesamt selbst nach der Rallye nur etwas mehr als das Doppelte auf die Börsenwaage. Mit einem 2021er-KGV von 16 ist die Bewertung auf dem aktuellen Niveau zudem noch immer günstig.

Angesichts der starken Marktposition, der anhaltend guten Zahlen und der vielversprechenden Wachstumsaussichten der Branche dürfte die jüngste Rallye deshalb auch 2021 weitergehen. Anleger können weiter zugreifen, sollten sich aber angesichts der hohen Shortseller-Quote auf eine anhaltend hohe Volatilität bei der Aktie einstellen.

Noch immer gilt RWE als Symbol für die Klimaverschmutzung. Doch der Kohleausstieg ist beschlossen – und hat den Versorger praktisch zu seinem Glück gezwungen. RWE treibt den Wandel inzwischen konsequent voran. Für gut 400 Millionen Euro wurde ein großes Projektportfolio mit vor allem Windparks in Europa von Nordex übernommen. Kurz darauf besorgte sich Konzernchef Rolf Martin Schmitz, der das Zepter im Juli 2021 an Finanzchef Markus Krebber übergibt, frisches Geld per Kapitalerhöhung. „Wir wollen das Tempo unserer Transformation noch erhöhen“, so der designierte Konzernchef Krebber zum aktionär. „Die zusätzliche finanzielle Flexibilität von zwei Milliarden Euro versetzt uns in die Lage, bei Windkraft und Solar mittel- und langfristig noch schneller zu wachsen.“ RWE will die installierte Leistung bis Ende 2022 auf mehr als 13 Gigawatt netto erhöhen und rund fünf Milliarden Euro in Erneuerbare investieren. „Langfristig kommt der grüne Wasserstoff als weiterer Wachstumsimpuls für erneuerbare Energien hinzu“, nennt Krebber zudem einen potenziellen Megatrend.

Klar ist aber auch: RWE ist noch lange kein grüner Konzern. Noch machen Solarund Windenergie lediglich 20 Prozent der Kapazitäten aus. Braunkohle und Gas steuern mehr als die Hälfte zum Strommix bei. Das untermauert, welch große Herausforderung der Kohleausstieg für RWE darstellt. Bis spätestens 2038 will sich der Bund aus dem Energieträger verabschieden. Obwohl der Umbau auf Hochtouren voranschreitet, stimmt auch die operative Entwicklung. „Über alle Segmente hinweg läuft es gut“, so Krebber. „Wir werden auf Konzernebene sowohl beim bereinigten EBITDA als auch beim bereinigten EBIT am oberen Ende der angekündigten Bandbreiten abschließen. Und wir bekräftigen unser Dividendenziel für 2020.“ Entscheidend bleibt aber: RWE hat die Zeichen der Zeit rechtzeitig erkannt. Der Ausbau der Erneuerbaren läuft auf Hochtouren und gibt dem Konzern wieder eine Zukunft. Die Biden-Wahl sorgt dabei für Zusatzfantasie. „Die USA sind in Bezug auf unser derzeitiges Erneuerbaren-Portfolio unser größter Standort“, sagt Krebber. Noch ist das Potenzial im Kurs aber nicht ausreichend eingepreist. Am kürzlich erreichten Mehrjahreshoch dürfte die Aufwärtsbewegung der vergangenen Jahre deshalb noch nicht zu Ende sein.

Mit Siemens Energy ist im abgelaufenen Jahr ein weiterer Player der deutschen Energiebranche an die Börse gekommen. Per Spin-off wurden die Anteile von der Mutter Siemens an die Altaktionäre verschenkt. Der EnergietechnikkonKaeser hat den Industriekonzern stark auf Digitalisierung getrimmt – der Fokus liegt künftig auf digitalen Industrien, intelligenter Infrastruktur, dem Zuggeschäft sowie der Medizintechniktochter Siemens Healthineers. Bei Siemens Energy soll die Beteiligung, die derzeit noch 45 Prozent beträgt, deshalb mittelfristig weiter reduziert werden. Die Gamesa-Beteiligung wurde bereits in die neue Tochter ausgelagert. Die Antriebstochter Flender wird an den US-Investor Carlyle verkauft, zudem soll die Mobility-Einheit Intelligent Traffic Systems (ITS) bis Ende 2021 ausgegliedert werden. Kaeser hat seine Mission damit vollendet, für ihn ist es Zeit, das Ruder zu übergeben. Nach der Hauptversammlung im Februar wird der frühere Technologievorstand Roland Busch sein Amt übernehmen.

Durch die Coronakrise ist Siemens relativ robust gekommen. Umsatz und Gewinn gingen im Geschäftsjahr 2019/20 zwar zurück, doch in überschaubarem Maße. Im laufenden Geschäftsjahr will der Konzern bereits wieder moderates Wachstum verzeichnen. Doch bei Siemens geht der Blick weiter: Es gilt, die Trends der kommenden Jahre zu erkennen und zu beweisen, dass das zusammengestutzte Konglomerat in seiner neuen Form wachstumsstärker und margenträchtiger ist als das alte Schlachtschiff. Gerade die Industrie 4.0 sowie die Vernetzung der Städte versprechen viel Potenzial. Es ist nun an Busch, diese Möglichkeiten zu nutzen, Siemens auf profitables Wachstum zu trimmen und auch die Anleger zufriedenzustellen, die nach Jahren der Seitwärtsbewegung auf den großen Ausbruch warten.

Die Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien muss in den kommenden Jahren in einer noch nie gesehenen Geschwindigkeit erhöht werden. Davon dürften die vorgestellten Firmen in erheblichem Umfang profitieren. Langfristig orientierte Anleger können daher bei allen sieben Aktien zugreifen – am besten wäre eine breite Streuung über mehrere Sektoren. Dann dürfte einer „grünen Rendite“ in den nächsten Jahren nichts mehr im Weg stehen.

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