Es gibt jetzt weniger Skrupel


 WENN DIE MÄRKTE ETWAS NORMALER WÄREN, HÄTTE UNS DIE WIRECARD-SACHE VIELLEICHT DEN ENTSCHEIDENDEN RÜCKENWIND VERLIEHEN. 

Der Spiegel: Frau Quadir, beim letzten Interview im Juli haben Sie gesagt, dass Sie einen kleinen Teil Ihrer Wirecard-Leerverkaufsposition noch nicht geschlossen haben. Ist das immer noch der Fall? fahmi quadir: Ja, ich habe die Position seitdem nicht mehr angerührt.

Warum nicht? Mal sehen, ob Wirecard nach dem Insolvenzverfahren weiter gehandelt wird oder nicht. Das ist nur eine Art Andenken.

Verstehe. Nach dem Insolvenzantrag war klar, dass es keine Hoffnung mehr gibt. Warum haben Sie überhaupt Ihre Position geschlossen? Mit der Insolvenz sind die Leihgebühren für Wirecard-Aktien in die Höhe geschnellt. Als ich zuletzt geschaut habe, lagen sie bei 95 Prozent. Unter diesen Bedingungen gab es nicht mehr viel Aufwärtspotenzial für uns. Also haben wir unseren Gewinn eingestrichen.

Schon vor dem Zusammenbruch waren die Leihgebühren sehr hoch und haben sich täglich geändert. Wie sind Sie damit umgegangen? Wir hatten eine feste Gebühr. Als Short-Only-Fonds sind wir für unsere Broker eine Cashcow. Mit unseren Aktienleihen erzeugen wir ständig Umsatz. Deswegen sind unsere Broker sehr entgegenkommend. Selbst an den Tagen kurz nach dem Zusammenbruch von Wirecard haben wir für neue Aktien maximal um die 20 Prozent bezahlt. Das hatten andere Leute vorher schon gezahlt.

Wirecard hatte Phasen, in denen der Kurs stark gestiegen ist. Wie haben Sie darauf reagiert? Bei der Aufnahme in den DAX, 2018, wurde der Anstieg durch passive Geldströme ausgelöst. Ich habe diesen Effekt damals vielleicht unterschätzt, weil ich gerade erst den Fonds aufgelegt hatte und ziemlich neu im Geschäft war. Der Kurs hat sich verdoppelt. Damals war meine Position aber noch viel kleiner, also sind wir damit klargekommen. Während dieser Zeit haben wir unsere Recherchen fortgesetzt. Erst im August 2019 hatte unsere Position dann ihre volle Größe erreicht – 25 Prozent. Ab diesem Punkt war das Aufwärtspotenzial der Aktie begrenzt. Wirecard war schon im DAX, und es war unwahrscheinlich, dass es noch zu irgendwelchen Deals kommen würde. Noch wichtiger war aber unsere Überzeugung, die aus der Arbeit der vorherigen anderthalb Jahre resultierte.

Haben Sie bei einer Position, die 25 Prozent des Fonds ausmacht, einen festen Stopp im Kopf? Wir arbeiten nicht mit solchen Marken. Ich glaube, ein Stop-Loss könnte hinderlich für eine angemessene Entscheidungsfindung sein. Wir analysieren aber täglich alle Informationen, schauen auf den Kurs und vergleichen das mit unseren Zielen. Bei einer so großen Position müssen wir uns sehr sicher über den Ausgang der Sache sein. Aufgrund der Informationen, die wir über Wirecard hatten, konnten wir unser Timing relativ genau anpassen. Wir verändern also gelegentlich unsere Positionsgrößen, aber das ist vor allem abhängig von den Informationen, die uns vorliegen.

Gewöhnliche Investoren verlassen sich im Zweifel auf die Wirtschaftsprüfer. Wie beurteilen Sie deren Rolle? EY sagt, man wolle jetzt eine „Kultur der professionellen Skepsis“ entwickeln … (lacht) Ich finde es sehr amüsant, dass EY in Deutschland geradezu eine Ehrenrunde dreht und sagt: „Wir haben den Betrug aufgedeckt.“ Dabei hat die Financial Times berichtet, dass EY selbst 2020 noch ein uneingeschränktes Testat erteilt hätte. Die Sache mit Wirecard war allerdings schon eine sehr, sehr einzigartige Situation. Wirecard hat sich in mächtigen, einflussreichen Kreisen bewegt, in denen andere Unternehmen womöglich nicht unterwegs sind. Es gab vielleicht politischen Druck. Rund um das Unternehmen gab es seit Langem Gerüchte über Bestechung und Einschüchterung. Ich hoffe, es wird noch viel genauer untersucht, was in diesem Fall bei EY passiert ist. Ich werde aber nicht wegen dem, was mit Wirecard passiert ist, grundsätzlich streng über Wirtschaftsprüfer urteilen. Doch selbst wenn Wirtschaftsprüfer womöglich die besten Absichten haben: Wenn man über ein Jahrzehnt hinweg eine Beziehung zu dem Unternehmen hat, das man prüft, kann es passieren, dass man einige Dinge weniger hinterfragt.

Häufigere Wechsel sind vielleicht Teil der Lösung. Was noch? Wirtschaftsprüfer sollten künftig Zugriff auf alle Berichte von internen Whistleblowern erhalten. Alle Arten von kritischen Hinweisen, die den Vorstand vonseiten der Investoren oder Leerverkäufer erreichen, sollten weitergereicht und in die Prüfung einbezogen werden. Es müsste also ein proaktiveres Verhalten geben, um Betrug in Unternehmen aufzudecken. Schon jetzt wird Betrug oft von Wirtschaftsprüfern aufgedeckt, aber sie suchen nicht gezielt danach.

Was ist aus Ihrer Tesla-Skepsis geworden? Gerade wurde gemeldet, dass Elon Musk der zweitreichste Mensch der Welt ist. Glauben Sie, Elon könnte letztendlich doch erfolgreich sein? Ich bin weiterhin skeptisch, was Tesla betrifft. Wir waren lange nicht mehr short. Unsere These für die Short-Seite hatte sich erledigt, nachdem es Tesla geschafft hat, die Finanzierung über 2018 hinaus zu sichern. Das heißt aber nicht, dass ich glaube, dass Elon irgendwie über seine Probleme hinausgewachsen ist.

Warum sind Sie trotzdem nicht mehr short? Wir sind beim Timing sehr sensibel. Für uns wäre es nicht in Ordnung gewesen, drei Jahre Tesla zu shorten und damit Geld zu verlieren. Außerdem wollen wir immer einen Blickwinkel, der sich von dem der anderen Marktteilnehmer – egal ob long oder short – abhebt und den wir als Hebel nutzen können. Im Fall von Tesla haben wir nichts gesehen, das sich von dem unterschieden hätte, was schon allgemein bekannt war.

Sie reden nur sehr selten über Unternehmen, deren Aktien Sie leerverkaufen. Warum? Ich glaube, der Markt nimmt Informationen effektiver auf, die von Journalisten oder Aufsichtsbehörden stammen. Das hat eine andere Wirkung, als wenn ein Leeverkäufer einen Blogeintrag veröffentlicht. Da wir unsere Recherchen nicht öffentlich machen, öffnet uns das auch Türen, die anderen Leerverkäufern vielleicht nicht offenstehen. Da macht sich nicht gleich jeder Sorgen, dass am nächsten Tag eine Titelgeschichte im Wall Street Journal erscheint.

Anfangs wollten Sie für die Netflix-Serie „Dirty Money“ angeblich nicht vor die Kamera. Sie sollen Bedenken gehabt haben, ob es gut ist, wenn Sie jeder kennt. Inzwischen kennt Sie tatsächlich jeder … Ja. (lacht)

Hat das vielleicht immerhin den Vorteil, dass jeder, der über ein Unternehmen auspacken will, jetzt auf Sie zukommt? Genau, es ist nicht so schlimm, wie ich befürchtet hatte. Wir haben uns durch die Art, wie wir die Dinge angehen, als vertrauenswürdig erwiesen. Dadurch bekommen wir eher Informationen von Whistleblowern. Journalisten sind viel eher bereit, nach unserer Meinung zu fragen. Das ist gut. Andererseits ist es schon passiert, dass wir auf einer Konferenz waren und uns dort mit Vertretern eines Unternehmens getroffen haben, das ich nicht mal leerverkauft hatte. Trotzdem ist der Aktienkurs dieses Unternehmens gefallen, weil die Leute gesehen haben, dass ich mich mit dessen Führungskräften treffe. Das ist ein unbeabsichtigter Nebeneffekt.

Nach dem letzten Interview hat uns übrigens eine Leserfrage erreicht: „Wie kann ich in Safkhet Capital investieren?“ Es ist wirklich nett, wie viele einfache Leute in Amerika und Deutschland daran glauben, was wir mit Safkhet erreichen wollen. Das ist herzerfrischend und sehr motivierend für uns. Aber ich nehme kein Geld von Einzelanlegern. Wir haben sehr langfristig orientierte Investoren, bei denen unser Fonds nur einen kleinen Teil des Portfolios ausmacht und die mit der Volatilität leben können und genau verstehen, worum es bei uns geht. Das ist keine Strategie für den normalen Anleger.

Wie groß ist Ihr Fonds inzwischen? Wir liegen unter 100 Millionen Dollar.

Ist es trotz Wirecard immer noch schwierig, neue institutionelle Anleger zu gewinnen? Ja. Wenn die Märkte etwas normaler wären, hätte uns die Wirecard-Sache vielleicht den entscheidenden Rückenwind verliehen.

Safkhet ist weiterhin eine Two-Women-Show? Wir sind zwei Frauen und machen die ganze Arbeit grundsätzlich selbst. Letztendlich kann man nichts so sehr vertrauen wie dem, was man mit seinen eigenen Händen geschaffen und seinen eigenen Augen gesehen hat.

Die Zeit für eine reine Leerverkaufsstrategie ist schwierig. Die Märkte steigen und steigen – und die Flut hebt bekanntlich alle Boote … … und die leersten Boote steigen wahrscheinlich am schnellsten und höchsten, um bei Ihrer Analogie zu bleiben. Wenn wir in einer Pandemie operieren, gibt es viele Unternehmen, die vermutlich am Rande des Zusammenbruchs stehen. Jetzt haben wir diese freizügige Geldpolitik und zugleich sind Anleger und Aufsichtsbehörden so überwältigt, dass es weniger Skrupel gibt. Anleger sind auch eher bereit, Dinge zu vergeben, über die sie sonst nicht hinweggesehen hätten. Im Schutz dieser Dunkelheit konnten sich viele Unternehmen viel aggressiver verhalten als zuvor. Aber es ist immer am dunkelsten, bevor die Sonne aufgeht.

Sie bewegen sich in einem Bereich, der mich an den Krieg gegen Drogen erinnert: Der ist auch nie wirklich vorbei – und mit Gerechtigkeit ist es so eine Sache. Der Chef der BaFin ist jedenfalls noch auf seinem Posten. Und Ex-Wirecard- Vorstand Jan Marsalek lässt es sich vermutlich gerade in Russland gutgehen … (lacht) Der Bogen des moralischen Universums ist weit, aber er neigt sich hoffentlich zur Gerechtigkeit. Ich glaube, gemeinhin tut er das. Alles, was wir tun können, um mehr Gerechtigkeit zu schaffen, ist positiv. Ich bin dankbar für jeden kleinen Teil, den ich zu dieser Mission beitragen kann. Es wird immer Betrug geben, weil es immer Menschen gibt, die andere ausnutzen wollen. Das Einzige, was wir dagegen tun können, ist uns besser zu schützen. Je mehr wir nach Gerechtigkeit streben, desto eher können wir sie auch durchsetzen.

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