Gabi, die Schrift muss knallen!

Hanf, sagt Claudia Roth, sei ihr zu »rough« für Weihnachten. Sowieso, Weihnachten. Was würde sie da bloß machen? Das war Ende Mai, sieben Monate ist das jetzt her. Schon Ostern war schlimm. Zur Schwester durfte sie nicht, der war das zu riskant, mitten im Shutdown. »Claudi«, hatte die zu ihr am Telefon gesagt, »du sollst dieses Jahr bitte nicht kommen.« Die Schwester ist Ärztin. 

Aber allein in ihrer Augsburger Wohnung, auf 50 Quadratmetern, bei Ausgangssperre? Dann lieber Berlin, ihr Mitarbeiter kam vorbei, gemeinsam liefen sie den Ku’damm rauf und runter. Also kein Hanf. Als Grundmaterial für das Papier ihrer diesjährigen Weihnachtskarte hat sich Claudia Benedikta Roth, 65 Jahre alt, Bundestagsvizepräsidentin und Abgeordnete der Grünen, Wahlkreis Augsburg-Stadt, für 50 Prozent bayerische Wiese entschieden. Was erst mal nach einer schönen Pointe klingt, für eine bayerische Abgeordnete. Aber die Wiese verschluckte den Stift, es ließ sich schlecht drauf schreiben. 

Die Lösung: vorn Wiese, daraufgedruckt ein Aphorismus von Heinrich Böll, hinten 100 Prozent Baumwolle, glatt, mit Roths Weihnachtsgrüßen, handgeschrieben. Und ja, Weihnachten, so sieht es aus, ist anders dieses Jahr. Einsamer. Lockdown, Kontaktbeschränkungen, Angst vor dem Virus. Eines allerdings ändert sich nicht: Claudia Roth schreibt und verschickt ihre Weihnachtskarten, mehr als 2000 Stück. 

Es ist ein Ritual, das im April oder Mai beginnt und das mittlerweile so sehr zu ihr gehört wie sie selbst zu ihrer Partei, den Grünen. Irgendwie war sie immer schon da. Seit 1998 sitzt sie im Bundestag, unterbrochen durch ihre erste Amtszeit als Parteivorsitzende, damals, als Amt und Mandat bei den Grünen noch unvereinbar waren. Seither gilt sie als bunt, schrill, manche sagen: authentisch. Es gab Zeiten, da machte sie sich diese Zuschreibungen zu eigen und warb damit. Trifft man Claudia Roth in diesem merkwürdigen Jahr regelmäßig, zum Beispiel, um das Ritual ihrer Weihnachtskarten zu begleiten, dann erscheint sie weder schrill noch über Gebühr bunt. 

Und was Authentizität bedeutet, bei einer Politikerin, die so lange schon Teil des öffentlichen Lebens ist, dass die meisten Deutschen sie erkennen würden, träfen sie sie irgendwo auf der Straße, ist sowieso die Frage. Wir nennen jemanden authentisch, wenn er sich so verhält, wie wir uns das vorstellen. Wenn er dem Bild entspricht, das wir uns machen. Auf die Bemerkung, als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags stehe sie protokollarisch über der Kanzlerin, entgegnete sie einmal: »Ich bin nicht oben, ich bin immer noch Claudia Roth.« In diesem Sinn ist Roth also ganz sie selbst, an einem Vormittag Ende Mai in ihrem Büro, als sie hinter dem Bildschirm ihrer Assistentin steht und ruft: »Gabi, die Schrift muss knallen!« Sie trägt einen dieser eher ausladenden Mäntel mit bunten Obst-Applikationen. »Ich bastle ja grade noch«, grummelt Gabi. Es geht um Roths Antwort auf ihre Geburtstagspost, sie habe »Beeeerrrrge davon« bekommen, zum 65., vor Kurzem. 

Vor allem aus der Unionsfraktion. »Denen schreib ich allen zurück.« »Bleibt born to be wild. Forever young, Ihre/Eure Claudia Roth« soll draufstehen. Zwei Seiten hat allein Joachim Herrmann, der bayerische Innenminister, geschickt, in denen er ihr Leben, ihre Verdienste um die Politik rühmt. Sogar ihre Ton-Steine-Scherben-Zeit würdigt er in seinem Geburtstagsbrief. Ihre Biografie: EU-Parlament, die Zeit als Menschenrechtsbeauftragte der rot-grünen Bundesregierung, nichts hat er ausgelassen. Eine Art Ode an Claudia, das hat sie gerührt, dabei habe man während der Jamaika- Sondierungen hart miteinander gerungen. »Na ja, jedenfalls war’s mit ihm netter als damals mit Schily«, sagt Roth, ihre Stimme moduliert vom Schwärmerischen ins Geschäftsmäßige in Nullkommanichts. 

Die SPD-Männer aus rot-grünen Regierungszeiten hält sie in schlechter Erinnerung. Schröder, Clement, Schily natürlich, allesamt Chauvis, sagt Roth. »Nur Strucki nicht und der Steinmeier auch nicht.« Auch Söder hat eine Karte geschickt, eigenhändig unterschrieben. Klar, sagt Roth, da sei auch Strategie dabei. Die CSU wisse, dass sie jetzt jünger, grüner, weiblicher werden müsse. Moderner. Sie nickt: Das sei Söders Losung. Dass er Bundeskanzler werden will, davon ist sie überzeugt. Auch in bayerischen Kommunen bereite man jetzt systematisch Schwarz-Grün vor. Roth selbst kommt aus einem liberalen Milieu, geboren im schwäbischen Ulm als Tochter eines Zahnarztes und einer Lehrerin. Bevor sie sich den Grünen anschließt, ist sie bei den FDP-nahen Jungdemokraten. 

Ihr Büro sieht aus wie bei anderen das Wohnzimmer, an der Wand hängt großformatige Kunst, auf dem Boden liegen handgeknüpfte Teppiche. Auf dem Tisch Pfingstrosen und Porzellan, »Mamas Meisse ner«. Außerdem liegt da Musterpapier für die Weihnachtskarten, sechs elegant gebundene Broschüren, Gmund Bio Cycle, Gmund Colors Matt, Gmund Original. Alles aus einer Büttenpapierfabrik am Tegernsee, einem Familienunternehmen, das auch schon Umschläge für die Oscarverleihung gefertigt hat. »Hammer-Sachen machen die, abgefahrenes Zeug«, sagt Roth und fährt mit schlanken Fingern über Chlorophyll Bio Blattgrün 120 g/m². Auch die Einladungen für den Bundespresseball kamen aus Gmund, im vergangenen Jahr hat sie das Ehepaar Steinmeier an den Stand geschleppt: »Wenn ich von etwas begeistert bin, werd ich gnadenlos, da kenn ich nix.« Es war ihr Schwager, gestorben an Krebs vergangenes Jahr, der ihr Gmund Papier empfohlen hat, in der Vergangenheit hat sie ihre Karten und ihr Briefpapier in der Druckerei anfertigen lassen, in der er gearbeitet hat. Die erste rothsche Weihnachtskarte gab es Mitte der Achtziger, da war sie Pres - sesprecherin der Bundestagsfraktion. 

Ein Klarsichttütchen mit Glitzersternen, einem Zweig und einem Keks, daran er - innert sie sich. »Ich brauch das Haptische«, sagt sie. Weihnachtswünsche per E-Mail hält sie für eine Unsitte, darauf antworte sie erst gar nicht. »Wenn dann noch druntersteht: ›um Papier zu sparen‹ – furchtbar«, sie schüttelt sich. Die meisten dieser Mails kommen aus ihrer eigenen Fraktion. Den Großteil der Kosten für ihre Weihnachtspost trägt sie selbst, über ihr Bü - ro kann sie nur einen kleinen Teil ab - rechnen. Es ist Mitte Juni, sie war in Gmund, hat die Karten in Auftrag gegeben. 

Sie sinkt in einen Stuhl, vor sich das Meissener ihrer Mutter, hinter ihr sitzt auf einem Hocker ihr erster Teddybär, er trägt das Halsband von Zampi, einst der Familienhund. In München hat sie sich mit Adrian Runhof getroffen, Teil des »Top-Weltdesignerduos « Talbot Runhof, mit denen ist sie seit Jahren befreundet. Runhof hat ihr sein Leid geklagt: Alles, wofür reiche Damen schöne Kleider kaufen, falle aus. Roth schüttelt den Kopf: »Der Wahnsinn, was passiert, jetzt haben sie den Bundespresse - ball abgesagt. 

Ich meine, wir reden von November.« Ein Anlass für sie, Kleider von Talbot Runhof zu tragen, sie besitzt ein paar. Für eines habe sie von der »Bunten « mal eine 5+ bekommen, während Kristina Schröder, die frühere CDU-Familienministerin, eine 1 bekam, »für das absolute Spießerkleid«. »Das fand ich brutal.« Sie fragt sich, ob jetzt auch der Augsburger Presseball ausfällt. Sie mag Bälle, zwar tanzt sie nicht, geht aber gern hin. Am liebsten mit ihrem Fraktionskollegen Konstantin von Notz. Der Konsti, sagt Roth, sei einfach super. 

Der mache was her, sei ein toller Politiker. Zudem habe er Spaß an solchen Sachen, anders als etwa Robert Habeck oder Jürgen Trittin. »Ein Sahneschnittchen«, sagt Roth. Nicht so genussverneinend. Manchmal bleiben sie bis morgens um fünf. Sie unterbricht, will noch eine Rede üben zum 25. Jahrestag des Massakers von Srebrenica. Jede Rede, die sie hält, wird geübt, vor jedem Auftritt hat sie Lampenfieber, immer noch. Stimmt die Zeit, wo liegt die Betonung? Dieses neue Leben vor dem Bildschirm findet sie sehr anstrengend. Bei all den Videokonferenzen fehle jede persönliche Ebene. 

Anfang Mai haben die Grünen ihren sogenannten Kleinen Parteitag komplett ins Netz verlegt. Es klappte ganz gut, aber Roth macht sich Sorgen. »Wir sind die Grünen, es ist bestimmend für uns, dass wir gemeinsam streiten, aber so gibt’s vor allem Ansagen.« Die Chefs, von der Regie gut ausgeleuchtet, halten ihre Reden, die Basis hockt daheim vor dem Duschvorhang und fragt, ob man sie jetzt wirklich hören kann. Sie mag nicht, dass alle Redebeiträge vorher bestimmt werden, dass die spontane Gegenrede flachfällt, genau wie Zwischenapplaus oder Pfiffe. »Du redest immer in ein schwarzes Loch, schrecklich«, sagt sie. Es fehlten die Emotionen. Sie hadert mit den Umständen. 

Habe sie sich früher gefreut, nach Hause in ihre Wohnung zu kommen, weg vom Trubel, weg von den Leuten, sei das plötzlich anders. Statt Ruhe sei da auf einmal »irritierende Einsamkeit«. Auch die Treffen mit engen Freunden fallen weg. Ursprünglich war der Kalender dicht, voller Veranstaltungen. Er ist immer noch recht voll, aber das liegt an den Videokonferenzen.

 

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