Google wird missverstanden

Gene Munster ist einer der profiliertesten Beobachter der großen Technologie-Unternehmen in den USA. Zwei Jahrzehnte arbeitete er als Analyst für Piper Jaffray, bevor er 2017 den Wagniskapitalgeber Loup Ventures gründete. Im Interview verrät Munster, welche Big-Tech-Aktien er auch 2021 noch kaufen würde – und welche nicht.

Der Spiegel: Herr Munster, danke, dass Sie sich am Tag nach der US-Wahl etwas Zeit für dieses Telefongespräch nehmen. Handeln Sie so ein Ereignis eigentlich aktiv oder ist das für Sie ein Non-Event? gene munster: Ein Non-Event. Da stecken zwar viele Emotionen drin, aber letztendlich hatten Parteien, Steuern und Fiskalpolitik historisch betrachtet wenig Einfluss auf die Unternehmen, auf die wir uns konzentrieren. Die Trends der digitalen Transformation sind stärker als jede politische Partei. 

Das gilt in der Coronakrise mehr denn je. Waren Sie trotzdem überrascht, wie schnell sich die Märkte nach dem Einbruch im März wieder erholt haben? Die Erholung am Gesamtmarkt hat uns überrascht. Die Geschwindigkeit, mit der einige Tech-Unternehmen gestiegen sind, hat uns dagegen nicht überrascht. Wir wussten immer, dass wir zunehmend abhängig von den großen Tech-Firmen werden. Die Pandemie hat das nur noch deutlicher gemacht. 

Andererseits ruft es auch Skeptiker auf den Plan, wenn die Kurse anziehen. Große Tech-Konzerne haben seit dem März-Tief noch mal zig Milliarden an Börsenwert hinzugewonnen. Würden Sie in diese Unternehmen jetzt noch investieren? In einige ja. Nehmen wir Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google: Vergangenes Jahr hätten Sie am besten alle fünf besessen. Wir glauben nicht, dass das künftig auch so sein wird. 

Sondern? Ich glaube, Apple, Amazon und Alphabet werden sich am besten entwickeln. Facebook und Netflix werden sich vielleicht ganz ordentlich entwickeln, aber nicht mehr so gut wie bisher. 

Was ist mit Microsoft? Microsoft würde ich auch zu den Firmen zählen, die toll sind, aber nicht mehr dieselbe Performance liefern werden. 

Wie kommen Sie darauf? Ich glaube, das Wachstum wird die Erwartungen erfüllen. Diese Unternehmen verändern mit ihren Geschäften aber nicht die Art, wie die Welt lebt. Dieser Transformations-Aspekt ist wichtig, weil Anleger darauf achten. Sie wollen in Unternehmen mit schier endlosen Wachstumschancen investieren. Dafür sind sie bereit, höhere Bewertungen in Kauf zu nehmen. 

Können Sie diesen Transformations-Aspekt an einem Beispiel erklären? In Bezug auf Apple und 5G ist das der Bereich Wearables. Das verändert die Art, wie Menschen leben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Uhr, die merkt, wenn Sie mit Covid-19 infiziert sind. Die Apple Watch kann schon heute Ihren Puls und den Sauerstoffgehalt im Blut messen. Es ist also durchaus eine realistische Annahme, dass Ihnen Ihre Uhr in ein paar Jahren sagen kann, dass Sie krank sind. Stellen Sie sich die Möglichkeiten vor, wenn Sie künstliche Intelligenz mit 5G auf Ihr Smartphone bringen. Oder stellen Sie sich vor, dass Sie Ihre gesamte Soft- und Hardware künftig gegen eine monatliche Abogebühr beziehen – und sich sonst um nichts mehr kümmern müssen. Alle zwei Jahre erhalten Sie automatisch einen neuen Computer und ein neues Smartphone. Das kann nur Apple leisten. Wir glauben, sie werden das machen. 

Apple ist zweifellos eine starke Marke. Bei 5G, Smartphones, Wearables und Abomodellen könnten aber auch andere Firmen mitmischen, beispielsweise Google oder Xiaomi … Anders als die genannten Unternehmen deckt Apple aber alle Bereiche ab. Google könnte zwar auch eine Smartwatch anbieten, aber Apples Gesamtpaket ist aus meiner Sicht führend. Garmin hat eine tolle Smartwatch, aber keine Plattform. Was das Abomodell betrifft: Apples Hardware ist verlässlicher, und Apple hat ein System zur Wartung seiner Produkte. Das Netzwerk an Läden ist einzigartig. Und von 5G wird zwar nicht nur Apple profitieren, aber auch da findet eine Transformation statt, von der ich glaube, dass sie noch nicht richtig wahrgenommen wird. 

Apple hat auch eine eigene Kreditkarte eingeführt, sucht sich dafür aber bislang Partner wie Mastercard. Glauben Sie, dass Apple langfristig ein ernsthafter Konkurrent für Visa und Co werden könnte? Wir haben viel darüber nachgedacht und sind zu dem Schluss gekommen: Apple wird das Kreditkartengeschäft im Kern anderen überlassen. 

Warum? Apple wird sich wahrscheinlich nicht mit den Regulierungen herumschlagen wollen. Apple kann auch so ein tolles Geschäft machen – und den langweiligen Teil der Arbeit anderen Unternehmen überlassen. 

Wir haben gerade in China gesehen, was Regulierung im Extremfall bedeuten kann: Alibabas Fintech-Ableger, Ant Group, wurde zwei Tage vor dem Börsengang durch neue Regeln ausgestoppt … Ja, das ist ziemlich verrückt. Was halten Sie davon? 

Anscheinend hat sich Alibaba-Gründer Jack Ma etwas zu offensiv gegen die Regulierung von Fintechs ausgesprochen, woraufhin ein Exempel statuiert wurde … Ganz meine Meinung. Das sollte ein abschreckendes Beispiel sein. Bei Apple und anderen Big-Tech-Unternehmen wird zwar auch über Regulierung geredet, aber solche Probleme wie Jack Ma werden sie wohl nicht bekommen. 

Wo sehen Sie bei Amazon noch transformatives Potenzial? Da geht es um Logistik und die Neuaufstellung des stationären Einzelhandels. Wir nehmen an, dass Amazon in den kommenden fünf Jahren eine größere Rolle bei der Umgestaltung des klassischen Einkaufserlebnisses spielen wird. 

Sie reden über die Verbindung von On- und Offlineshopping, die Alibaba in China unter dem Begriff New Retail vorantreibt? Genau. Das ist eine riesige Gelegenheit. 

Zu Netflix haben Sie neulich gesagt, der Streaming- Riese sei mit seinem Geschäftsmodell in einer Sackgasse angelangt. Können Sie das etwas erläutern? In den vergangenen zehn Jahren hat das Unternehmen die Art verändert, wie wir Videoinhalte konsumieren – zu Hause auf Abruf, bezahlbar und mit eigenen Inhalten. Das war eine Transformation. Auf Sicht der kommenden zehn Jahre hat Netflix keinen Transformationsmoment zu bieten.Der Plan ist, das Gleiche zu machen wie bisher. Das wird Anlegern nicht reichen. Netflix wird es noch viele Jahrzehnte geben. Die Aktie wird sich aber meiner Meinung nach nicht mehr so toll entwickeln. 

Alphabet trauen Sie dagegen noch mehr zu, obwohl das Unternehmen letztendlich immer noch von seinem Suchmaschinen-Geschäft und den damit verbundenen Werbeumsätzen lebt? Ich glaube, Google wird missverstanden. Google hat ein verlässliches Kerngeschäft. Daher kommt das Kapital, um in Unternehmen zu investieren, die hohe Wachstumsraten entwickeln können – siehe Youtube. Googles Wetten auf die Zukunft, also Unternehmen wie Waymo, Verily, Deep Mind und Wing, sind transformativ. 

Einige Anleger werden ungeduldig, wenn sie Jahr für Jahr vergeblich auf den nächsten großen Durchbruch warten … Das war bei Microsoft auch mal so. Die Leute haben zehn Jahre gewartet. Letztendlich werden einige von Googles Wetten aufgehen. Den genauen Zeitpunkt vorherzusagen ist schwierig. 

Bei Tesla haben Sie in den vergangenen Jahren für Geduld plädiert. 2020 hat sich der Aktienkurs vervielfacht. Was nun? Ist die Wette damit schon aufgegangen? Wir sind immer noch optimistisch. Die Sache ist: Bei Google, Amazon und Apple glauben wir, dass die Kurse kurz- und langfristig steigen werden. Bei Tesla ist es dagegen fast unmöglich vorherzusagen, wie sich die Aktie in den kommenden sechs bis zwölf Monaten entwickeln wird. Da stecken so viele Emotionen drin – und Leute haben viel Geld verdient. Es wäre normal, wenn einige verkaufen würden. Das langfristige Potenzial Teslas wird aber immer noch verkannt. Ich glaube, das könnte ein Billionen-Dollar-Unternehmen werden. Derzeit ist Tesla ungefähr 400 Milliarden Dollar wert. Mit Blick auf die kommenden sechs Monate würde ich Tesla also nicht empfehlen. Aber ist Tesla eine Aktie, die man die nächsten fünf Jahre halten kann? Aus meiner Sicht ja. 

Warum so optimistisch? Die traditionelle Autoindustrie steckt in einem Teufelskreis. Der Trend geht zum Elektroauto. Tesla ist Marktführer bei Elektroautos. Der Grund dafür ist, dass Tesla das beste Preis-Leistungs-Verhältnis anbietet. Die alten Hersteller könnten ihre Autos nun subventionieren, um sie günstiger zu verkaufen. In dem Fall verlieren sie Geld, bis Skalierungseffekte wirksam werden – was Jahre dauern kann. Oder man senkt den Preis nicht und hat weiter kaum Marktanteile. Unterdessen wird Teslas Produktion immer besser und die Margen steigen. Dadurch wird Tesla seine Autos wahrscheinlich künftig günstiger anbieten können. Ich glaube, es wird immer schwerer werden, im Preiskampf mit Tesla zu bestehen. Wie sehen Sie das?

 In China gibt es starke Konkurrenten, die dem Vernehmen nach beeindruckende Qualität abliefern: BYD, Nio … Ich würde insofern zustimmen, dass ich glaube, die härteste Konkurrenz für Tesla werden nicht die traditionellen Hersteller sein, sondern die Emporkömmlinge aus China und den USA – Unternehmen wie Rivian. 

Andererseits sind etablierte deutsche Marken wie Mercedes-Benz von Daimler noch immer sehr beliebt in China. Die Wagen verkaufen sich, auch wenn es keine E-Autos sind … In der Tat. 

Und dann gibt es noch Unternehmen wie Googles Waymo, die beim autonomen Fahren ein Wörtchen mitreden wollen und mit traditionellen Herstellern kooperieren könnten … Ich glaube, das ist wichtig. Der Ausweg aus ihrem großen Dilemma führt für traditionelle Hersteller über den Weg der Zusammenarbeit. 

Dann könnten die Unternehmen womöglich überleben, aber die Gewinne würden voraussichtlich geringer ausfallen … Meine Vorhersage dazu: Von den sechs großen Herstellern wird es in zehn Jahren einen nicht mehr geben. Und die anderen fünf werden viel kleiner sein als heute. 

Auch Apple werden seit Jahren Ambitionen im Elektroauto-Bereich nachgesagt … Ja. Wobei ich nicht glaube, dass der Bereich für Apple momentan Priorität hat. Augmented Reality, Wearables, Hardware-as-a-Service und 5G dürften wichtiger sein. 

Wir haben über die transformative Kraft einiger Big-Tech-Konzerne gesprochen. Schon jetzt gibt es Bedenken, dass die Marktführer zu mächtig geworden sind. Halten Sie eine Zerschlagung für möglich? Wenn irgendwas passiert, dann wahrscheinlich im Bereich der Regulierung und Preissetzungsmacht. Also zum Beispiel bei den Gebühren und Kommissionen in den App Stores. Vielleicht wird es auch ein paar Vorschriften dazu geben, welche Unternehmen übernommen werden dürfen. Erzwungene Abspaltungen halte ich dagegen für eher unwahrscheinlich. Unter anderem, weil es wirklich schwer zu beweisen ist, dass andere Geschäfte und Kunden einen Nachteil haben. Die Entkopplung von Internet Explorer und Windows war das höchste der Gefühle, was wir in der Hinsicht bislang erlebt haben.


 

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