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Online shoppen, feiern, lieben, lernen, arbeiten – und eines Tages auch leben und sterben? So weit ist es noch nicht, doch die globale Digitalisierung hat 2020 einen enormen Schub erfahren. Was bringt 2021?

Es ist kaum 25 Jahre her, da verstand man unter Online-Handel den Kauf von Büchern und Musik über das Internet. Der Begriff des E-Commerce existierte noch nicht. Um die Jahrtausendwende betrug das weltweite Marktvolumen dennoch bereits 150 Milliarden Dollar. Ein beeindruckender Wert, wenn man berücksichtigt, dass die meisten Menschen noch mit ISDN im Internet surften – und doch kaum der Rede wert, verglichen mit den 4,2 Billionen Dollar, die es 20 Jahre später sind. In den Jahren dazwischen hat die Digitalisierung an Dynamik gewonnen und sowohl den Alltag der Menschen als auch praktisch sämtliche Wirtschaftsbereiche erfasst: Tourismus, Unterhaltung, Freizeit, Verkehr, Kommunikation, Finanzen, Gesundheit, Industrie.

Um einen Eindruck von den ungeheuren Umwälzungen zu gewinnen, den die Digitalisierung mit sich gebracht hat, reicht ein Blick auf den eigenen Alltag und die Börse. Dominierten in der Vergangenheit dort Finanz-, Öl-, Industrie- oder Einzelhandelsund Konsumgüterkonzerne die Liste der wertvollsten Unternehmen, rangieren jetzt laut Forbes sieben Tech-Konzerne an der Spitze, darunter die „Big Five“ Apple (2.087 Milliarden Dollar), Microsoft (1.627), Amazon (1.615), Alphabet (1.490) und Facebook (816). Mit dem Aufstieg Chinas zu einer neuen Wirtschaftssupermacht finden sich zunehmend auch chinesische Konzerne wie Alibaba und Tencent in den entsprechenden Rankings.

Wie sieht die Zukunft aus? Der Trend zur Digitalisierung hat durch die Corona-Pandemie einen Schub erhalten und die Wachstumsdynamik wird in den kommenden Jahren im Zuge des Aufbaus des 5G-Netzes hoch bleiben. der aktionär stellt auf den folgenden Seiten eine Auswahl an wichtigen Branchen vor, die von der Digitaliserungswelle profitieren werden.

Shoppen, unabhängig von Ort und Zeit, so lautete das große Versprechen der E-Commerce-Industrie und 2020 ist es längst eingelöst. Seit Jahren feilt die Branche deshalb an den Details ihres Geschäftsmodells, wie einer noch schnelleren Auslieferung der Waren und einem lebendigeren und damit verbunden emotionaleren Einkaufserlebnis. Zu den wichtigen Themen der näheren Zukunft zählen der lokale E-Commerce und das Community-Shopping, das in Asien seit einigen Jahren für hohe Zuwachsraten bei den führenden Plattformen sorgt und mit seinen Live-Videos und -Chats ein hohes Maß an Interaktivität zwischen Kunden und Anbietern ermöglicht. Gekoppelt mit einer künstlichen Intelligenz, die Kundenwünsche treffsicher vorhersieht und damit die Warenströme optimiert, und mit Virtual-Reality- Elementen ist der E-Commerce auf dem Weg, dem stationären Einzelhandel weiter das Wasser abzugraben. Die Pandemie hat diese Entwicklung zwar nicht initiiert, doch sie hat für eine Beschleunigung gesorgt. Einer Stud i e v o n eMarketer zufolge rechnen die Experten mit einer Umsatzausweitung binnen drei Jahren um mehr als die Hälfte (siehe Grafik).

Geht es um E-Commerce, überstrahlt ein Name alle anderen, auch an der Börse: Amazon. Die Aktie hat im Jahr 2020 (bis Anfang Dezember) rund 80 Prozent an Wert gewonnen und sich in der Spitze sogar verdoppelt. Kein Wunder, denn der Bezos-Konzern beherrscht nach wie vor den Markt in den USA und vielen Teilen Europas praktisch nach Belieben. In diesem Jahr soll Amazon seinen Umsatz um weitere 35 Prozent steigern, es wäre der stärkste Zuwachs seit 2011. Insgesamt werden wohl 380 Milliarden Dollar in die Kassen des Konzerns fließen und obwohl der Handel mit 88 Prozent Umsatzbeitrag die wichtigste Konzernsparte bleibt, stammen die größten Wachstumsimpulse aus der Cloud (AWS) und dem Mediengeschäft (Prime). Allein mit AWS soll Amazon 2020 einen Umsatz von 45 Milliarden Dollar erzielen und damit rund 30 Prozent mehr als der größte europäische Software-Konzern SAP insgesamt.

Die Diversifikation des Geschäftsmodells ist ein genereller Trend im elektronischen Handel. So betreibt auch der chinesische E-Commerce-Marktführer Alibaba (55 Prozent Marktanteil) mit der AliCloud eine eigene Cloud-Plattform. Im Bereich Logistik punktet dagegen Alibabas Dauerrivale JD.com, der eine eigene Lieferinfrastruktur aufgebaut hat und damit zunehmend unabhängig von externen Anbietern agiert. Eine ebenfalls umsatzträchtige Innovation im E-Commerce stellt die Verwendung von Drohnen bei der Zustellung der Waren dar. Hier gilt JD.com als echter Pionier. Im Rahmen von Testflügen in Indonesien wurden bereits die ersten Drohnen-Lieferungen mit offizieller Genehmigung der Behörden durchgeführt.

E-Commerce ist ohne digitale Zahlungsdienste nahezu undenkbar. Neu dabei ist, dass auch Kryptowährungen zum Einsatz kommen. So sorgte der Marktführer Paypal im November für Furore, als er den Bitcoin in sein Netzwerk integrierte. Die Meldung hat den Bitcoin seither in die Nähe der 20.000-Dollar-Marke katapultiert. An Bedeutung für den elektronischen Handel gewinnt auch das Micropayment, also die digitale Abwicklung von Zahlungen mit Kleinstbeträgen. Hier sollte der südamerikanische Marktführer MercadoLibre genannt werden: Das Unternehmen agiert sowohl als Online-Marktplatz als auch als eine Online-Auktionsplattform und betreibt mit MercadoPago einen eigenen Micropayment- Dienst.

Konkurrenz bekommen die großen, etablierten E-Commerce-Player wie Amazon zunehmend von Tech-Unternehmen aus anderen Branchen. So hat der Social-Media-Riese Facebook eine Funktion eingeführt, die es Händlern ermöglicht, eigene Online-Shops auf Facebook und Instagram einzurichten. WhatsApp wird um eine Shoppingund Überweisungsfunktion erweitert. Und der Suchmaschinen-Riese Alphabet (Google) will sich mit der Videoplattform Youtube ebenfalls ein Stück vom Kuchen sichern. Jegliche Produkte, die bei Youtube- Videos angezeigt werden, sollen künftig mit Analyse- und Einkaufstools von Google („Google Shopping“) verknüpft werden können. So soll Youtube zu einem riesigen Artikelkatalog und Marktplatz werden. Generell erlebt das Teleshopping eine Renaissance, nur eben im Internet. Denn beim Bewegtbild sehen die Zuschauer das Objekt der Begierde aus jedem Blickwinkel und bekommen zusätzlich die Produktvorzüge erklärt. Während Google mit Youtube bereits eine Videoplattform für Produktpräsentation besitzt, sind andere Unternehmen auf externe Dienstleister angewiesen. Abhilfe schafft hier das börsennotierte schwedische Unternehmen Bambuser, das die notwendige Livestreaming-Software zur Verfügung stellt.

Die Tech-Riesen investieren jedoch nicht nur in unterschiedliche Märkte und laufen damit Gefahr, sich kaputt zu diversifizieren – sie schaffen einen gemeinsamen Nenner: ein vernetztes Ökosystem, das die Branchengrenzen aufhebt. Entscheidend für diese Vernetzung ist Bandbreite – insbesondere mobile Bandbreite. Das macht die 5G-Technologie zum wichtigen Werkzeug der Zukunft. Es wundert daher nicht, dass der Ausbau der neuen Mobilfunktechnologie rapide vorangetrieben wird. Laut einer aktuellen Erhebung von Ericsson soll sich die Zahl der 5G-Anschlüsse in den kommenden fünf Jahren auf 2,8 Milliarden verfünfzehnfachen (siehe Grafik rechts). Aufgrund der schnellen Übertragungsraten (bis zu 100 Mal schneller als die Vorgänger- Technik LTE) spricht man vom „Echtzeit- Internet“. Dabei sind die Anwendungsfelder für 5G genauso vielfältig wie zukunftsweisend. So ist 5G die Voraussetzung für Bereiche wie das autonome Fahren und das Internet der Dinge. Ein weiteres wichtiges Einsatzgebiet wäre die Optimierung des Bereichs E-Health (Telemonitoring, videobasierte Arztsprechstunden, Fernoperationen). Natürlich darf auch der Freizeit- und Entertainmentbereich und speziell Streaming als Anwendungsdomäne nicht fehlen. Mit 5G lassen sich hochauflösende 4K-Spielfilme in wenigen Sekunden herunterladen.

Beim Thema 5G kommt man an den Schwergewichten der Telekommunikationsbranche nicht vorbei. Für diese bedeutet die Umstellung in Phase 1 Milliardeninvestitionen, schließlich müssen sie zunächst die teuren Frequenzpakete erwerben und später die für die Umrüstung notwendige Infrastruktur (u. a. Sendemasten) bereitstellen. Gut gerüstet erscheinen nach Einschätzung des aktionär hier die Deutsche Telekom und ihre US-Tochter T-Mobile. Im Rahmen eines Bieterstreits sicherte sich die Telekom für 2,2 Milliarden Euro die meisten Frequenzpakete in Deutschland. Das Unternehmen verfügt zudem über den notwendigen Cashflow, um den Ausbau der 5G-Infrastruktur zu stemmen. So wollen die Bonner schon 2021 über rund 36.000 Sendestandorte verfügen. T-Mobile glänzt nicht zuletzt aufgrund der Fusion mit dem Wettbewerber Sprint mit einer sehr guten Frequenzabdeckung in den USA. Die Telekom-Tochter betreibt nach eigenen Angaben schon heute das größte 5G-Netz in den USA und nimmt damit weltweit eine führende Position ein. Die Telekom- Aktie ist mit einem 2021er-KGV von 14 günstig. Bei T-Mobile ist die Bewertung (KGV 42) mittlerweile ambitioniert, das beeindruckende Wachstum unterstützt jedoch weiter steigende Kurse.

Zu den großen Gewinnern des anstehenden 5G-Booms gehört American Tower. Der US-Konzern entwickelt und betreibt Sende- und Funktürme sowie Antennensysteme und verfügt weltweit über mehr als 170.000 Sendeanlagen in 17 Ländern. Die größtenteils auf langfristiges Leasing ausgelegten Verträge ermöglichen dem Unternehmen stabile und weitgehend von Wirtschaftszyklen unabhängige Erträge. Die Verbraucher werden das schnelle 5G-Internet insbesondere auf ihren mobilen Endgeräten nutzen, entsprechend wettbewerbsintensiv ist dieser Markt. Für den Absatzerfolg ist neben der Marke auch die Qualität entscheidend. Gut positioniert bei den 5G-Smartphones ist neben Apple der Elektronikkonzern Xiaomi. Die Chinesen verkauften allein im dritten Quartal 2020 46 Millionen Smartphones und sicherten sich mit einem Marktanteil von 13,1 Prozent Rang 3 unter den Top-Herstellern hinter Samsung (22,7 Prozent) und Huawei (14,7), aber vor Apple (11,8). Als große Pluspunkte sehen Experten bei Xiaomi das günstige Preis-Leistungs-Verhältnis sowie die hohe Frequenzabdeckung. Zu den wichtigen Zulieferern für den 5G-Markt zählt Qualcomm, der unter anderem Xiaomi, Motorola und Sony mit entsprechenden Chips ausstattet. 2021 sollen die Erlöse bei Qualcomm förmlich in die Höhe schießen und um rund 30 Prozent steigen.

5G schafft damit die technische Basis für die Vernetzung der Systeme und die Grundlage für eine neue digital-industrielle Revolution. Das Ziel: Erreichung einer weitgehend selbstorganisierten industriellen Produktion, die durch die direkte Kommunikation und Kollaboration zwischen Menschen, Maschinen, Anlagen, Logistik und Produkten charakterisiert wird. Oder einfach ausgedrückt: Industrie 4.0. Eine der umwälzenden Entwicklungen der kommenden Jahre ist das autonome Fahren. Bereits 2030 soll der Markt laut Research and Markets rund 60 Milliarden Dollar schwer sein (nur Level 4 und 5 des autonomen Fahrens). Beim autonomen Fahren im Wortsinn geht es um selbststeuernde Fahrzeuge und die smarte Vernetzung von Verkehrsteilnehmern untereinander. Mithilfe von 5G und einer im Fahrzeug verbauten künstlichen Intelligenz werden die Autos in naher Zukunft vollständig autark agieren, Verkehrssituationen selbstständig einschätzen und auf Veränderungen reagieren. Vorreiter auf diesem Gebiet ist Alphabet mit seiner Tochter Waymo, die auf die Entwicklung von Roboterfahrzeugen spezialisiert ist. Waymo arbeitet bereits seit fünf Jahren an selbstfahrenden Autos. Lange Zeit erfolgten die Testfahrten nur teilautonom, im Oktober 2020 startete Waymo jedoch den Dienst Waymo One ganz ohne Fahrer. Nutzer der entsprechenden App können Waymo in der US-Großstadt Phoenix vollständig fahrerlos nutzen.

Nach einer durchzechten Nacht noch „selbst“ nach Hause zu fahren, ist jedoch nur ein Vorteil, den die Vernetzung der Geräte für die Menschen mit sich bringt. Zu Hause angekommen, schaltet sich künftig rechtzeitig das Licht ein und im Wohnzimmer sind es kuschelige 23 Grad. Wenn dann noch die Smartwatch am Morgen erkennt, dass man dringend einen Kaffee benötigt und der Kaffeemaschine dazu den passenden Auftrag erteilt, heißt es: Willkommen im Smart Home. Bereits gut positioniert ist hier Amazon mit seinem digitalen Assistenten Alexa und der Smart-Speaker- Familie Echo. Der Konzern hat mittlerweile ein eigenes Ökosystem rund um seinen Sprachassistenten aufgebaut. Echo bietet Nutzern von der einfachen Internetrecherche über Online-Bestellungen bis hin zum Starten von elektronischen Haushaltsgeräten eine ganze Reihe nützlicher Zusatzfunktionen im Bereich Smart Home. Der Markt für virtuelle Assistenten befindet sich auf einem dynamischen Wachstumspfad und soll laut einer Studie von Market Study Report 2026 bereits rund 26 Milliarden Dollar schwer sein. Größter Profiteur dieser Entwicklung soll der Marktführer Amazon sein, der es bereits 2020 auf 54 Millionen verkaufte Geräte bringen wird.

Aus Unternehmenssicht findet die Vernetzung der Geräte unter dem Namen Smart Factory statt und bezieht sich insbesondere auf die intelligente Steuerung der Produktionsanlagen. Hier bietet beispielsweise der Walldorfer Software-Riese SAP eine ganze Reihe von Lösungen an. Im Kern steht dabei immer die Sammlung der Erkenntnisse in einer Cloud- Dat enba n k und ihre KI-gestützte Analyse. Die SAP-Aktie ist mit einem 2021er- KUV von 4,5 und einem 2021er-KGV von 21 moderat bewertet – und damit ein weiterer aktionär-Favorit.

 

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