Zalando ist richtig clever

Der Konsumexperte Gerrit Heinemann warnt vor einer immensen Pleitewelle im Einzelhandel und in der Gastronomie. Für die Innenstädte sieht er aber eine Chance – wenn die Politik nicht schläft.

der aktionär: Herr Heinemann, wie schwarz sehen Sie in der Coronakrise für den stationären Handel? gerrit heinemann: Das muss man differenziert sehen, da es ja nicht dem ganzen Einzelhandel schlecht geht. Lebensmittelketten etwa geht es sehr gut, ebenso Baumärkten und Fahrradgeschäften sowie insbesondere dem Onlinehandel. Die haben in der Krise Rekordumsätze gemeldet, weil viele Leute die Zeit genutzt haben, um Heim und Garten zu verschönern beziehungsweise Radtouren zu machen. Schlecht geht es indes vielen lokalen Einzelhändlern, speziell denen, die in den Bereichen Kleidung, Schuhe und Lifestyle aktiv sind. Hier wird sich die Krise noch deutlich zuspitzen.

Wie weit? Wenn im kommenden Jahr kein Impfstoff massenhaft zur Verfügung steht, werden wir sehr viele Firmenpleiten im Handel sehen. Ich erwarte, dass es 2021 knapp die Hälfte der Unternehmen erwischt, also bis zu 200.000. Man muss aber dazu sagen, dass es sich dabei um noch nicht einmal zehn Prozent Umsatz der kompletten Branche handelt.

Trotzdem ist das eine Schockprognose. Unsere Innenstädte werden also grauenhaft aussehen. Kurzfristig vermutlich. Trotzdem ergibt sich aus der Krise auch eine Chance. Die Kommunen könnten nämlich hingehen und die Fläche, die frei wird, anderweitig nutzen, indem sie Grünanlagen bauen oder Wohnraum schaffen. Allerdings haben wir ein großes Problem, und zwar, dass heute praktisch jeder Bürgermeister werden kann, auch wenn er für dieses Amt völlig ungeeignet ist und von Stadtplanung keine Ahnung hat. Dann kommt erschwerend hinzu, dass das Amt des Stadtdirektors abgeschafft ist. Damit ergibt sich das Dilemma, dass viele Bürgermeister unbedingt wollen, dass ihre Stadt eine Einkaufsstadt ist und bleibt. Das wird künftig aber nur noch selten möglich sein.

Welche Läden wird es denn noch in den Innenstädten geben? Ich kann mir vorstellen, dass Supermärkte, die ja derzeit oft abgelegen zu finden sind, in die Innenstädte zurückkehren, ebenso wie Möbelhäuser. Außerdem wird es einige Ketten geben, die sehr gute Chancen haben, gestärkt aus der Krise hervorzugehen. Ich denke da zum Beispiel an H&M und Zara oder IKEA, die jetzt auch kleinflächige Innenstadtkonzepte testen. Wenn die Kunden in Zukunft Kleidung offline kaufen, dann verstärkt bei diesen Unternehmen, allerdings in deren Onlineshops vorbereitet.

Wie bewerten Sie die Situation der großen Traditionshäuser wie Kaufhof und Karstadt? Die Situation ist grauenhaft – und das nicht erst seit gestern. Karstadt war schon zweimal pleite, wenn man eine böse Zunge hat, könnte man hier von einem Geschäftsmodell Insolvenz sprechen. Ich habe wenig Hoffnung für diese Häuser, einfach aus dem Grund, dass viele Menschen wegen Corona eine Kontakttraumatisierung haben und gerade Innenräume, in denen etliche Personen zusammenkommen, meiden. Was Karstadt und Kaufhof brauchen, sind Investitionen – vor allem in den Onlinehandel. Aber sagen wir, die hätten eine Milliarde Euro zur Verfügung, dann könnten sie das gar nicht in E-Commerce stecken. Sie bräuchten das Geld sehr wahrscheinlich für weitere Standortschließungen.

Was müssen Einzelhandelsunternehmen generell tun, damit es sie noch in zehn oder 20 Jahren gibt? Sie müssen vertikale Strukturen schaffen. Sie müssen dafür sorgen, dass sie nicht nur einen Vertriebsweg haben. Inditex, Zara und H&M haben ihre Onlineaktivitäten nach oben gefahren, zwar spät, aber sehr ordentlich. Adidas und Nike haben eigene Webshops und erzielen hier beachtliche Umsätze. Andere Hersteller gehen ebenfalls diesen Schritt. Das ist wichtig, sonst bleibt man auf der Strecke. Auf der anderen Seite werden durch diese Initiativen die Probleme der Geschäfte vor Ort größer und immer größer, weswegen ich für viele Händler, unter anderem auch für den Sporthandel vor Ort, schwarzsehe.

Bekommt denn nicht auch Zalando irgendwann Schwierigkeiten, weil eben wichtige Hersteller wie Adidas und Nike ihre Geschäfte zunehmend in eigenen Shops machen? Ich denke nicht, dass man sich um Zalando Sorgen machen muss. Das Management ist nämlich richtig clever. Anfang 2020 hat Zalando eine große Kooperation mit Nike abgeschlossen: Die Berliner sind nun Plattform- und White-Label-Lösung für den US-Konzern und damit ein wichtiger Absatzkanal für Nike in Europa. Kooperationen dieser Art werden noch einige folgen – Zalando achtet da auch immer darauf, was Amazon macht. Gut so.

Herr Heinemann, nicht nur vielen Einzelhändlern geht es schlecht, auch etlichen Restaurants steht das Wasser bis zum Hals. Wie geht es hier weiter? Hier haben wir das gleiche Bild: Solange nicht 70 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, gibt es keine Planungssicherheit für die Unternehmer. Nun hat die Gastronomie aber den großen Vorteil, dass sie den Leuten das Essen nach Hause liefern kann. Restaurantbesitzern, die das aber immer noch nicht machen oder sich wenigstens einen anderen Service überlegen, ist vermutlich nicht mehr zu helfen.

 

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